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Flucht aus Marburg

Wilhelm Liebknecht – Marburgs berühmtester Studienabbrecher und Gründer der SPD – starb vor hundert Jahren

Wilhelm Liebknecht, am 29. März 1826 in Gießen geboren, war bereits mit sechs Jahren Vollwaise geworden. Ein Freund des Vaters wurde zu seinem und seiner drei Geschwister Vormund bestellt. 1842 schloss Liebknecht "als hervorragender, musterhafter Schüler" seine Schulzeit ab.

In "politischer Hinsicht unverdächtig"

Liebknecht1
Wilhelm Liebknecht gründete zusammen mit August Bebel 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die spätere SPD, und wurde ihr erster Abgeordneter im Reichstag.
Foto: dpa
Im Abiturzeugnis findet sich auch die Formel, er sei in "politischer Hinsicht unverdächtig". Dass damals überhaupt solche Beurteilungen in ein Abschlusszeugnis aufgenommen wurden, sagt viel über die Zeit des Biedermeiers. Von 1843 bis 1846 studierte er Philologie und evangelische Theologie in Gießen und Berlin. In "Das unruhige Leben eines Sozialdemokraten" erinnert er sich: "Schon ehe ich nach Berlin ging, stand es für mich fest, daß ich dem herrschenden politischen System nur als Feind gegenübertreten konnte." Schnell war ihm klar, dass aus seinen Wunsch, Privatdozent zu werden, wegen seiner politischen Gesinnung nichts werden konnte.
In Gießen hatte sich ein Verein gebildet, dessen Mitglieder 1847 nach Amerika auswandern wollten. Liebknecht schloss sich ihnen an und ging zur Vorbereitung bei einem Zimmermann in die Lehre. Sie wollten in Wisconsin "eine Art Ackerbaugenossenschaft" gründen, "die ohne das Privateigentum prinzipiell aufzuheben, alle Vorteile der Gemeinwirtschaft uns sichern sollte." Weil er zusammen mit Studenten den Abzug von Soldaten von der Burg Staufenberg verlangt hatte, schien es im Spätherbst 1846 geraten, nach Marburg überzusiedeln.

Barbara Händler-Lachmann und Markus Bauer haben seinen Aufenthalt in Marburg dargestellt: Am 6. November 1846 schrieb sich Liebknecht an der Universität für das Studium der Philosophie ein. "In Marburg ließ ich mich immatrikulieren und studierte anfangs tüchtig. Jedoch der Gedanke, daß mir in Deutschland kein Wirkungskreis offenstehe, verhinderte mich an methodischem Arbeiten, und ich studierte bald nicht mehr für einen bestimmten äußeren Zweck, sondern nur noch für mich selbst." Zur Vorbereitung auf die amerikanische Wildnis ging er außerdem bei einem Büchsenmacher in die Lehre.

Korpsstudent

Als Korpsstudent der Hasso-Nassovia beteiligte er sich am studentischen Leben. "Von der Erregtheit und Gärung in der Jugend von damals macht man sich heute nicht leicht eine Vorstellung. [...] Das Bürgertum war noch nicht dem Kapitalismus verfallen, es haßte und verachtete den deutschen Bund und die einzelstaatlichen Regierungen, namentlich die preußische und die österreichische. Und die Universitätsjugend, die in ihrer Mehrheit aus diesen bürgerlichen Kreisen hervorging, war naturgemäß ‚staats- und regierungsfeindlich‘." Mit seinen Freunden diskutierte er politische und soziale Fragen, sowie die philosophischen Schriften, die er in Berlin kennen gelernt hatte.

Liebknecht2
In einem Studenten-Stammbuch findet sich die Abbildung Wilhelm Liebknechts als Korpsstudent der Hasso-Nassovia. Im Juli 1847 gründete er zusammen mit Studenten aus Fulda das Corps Rhenania, das schon im folgenden Wintersemester wieder aufgelöst werden sollte.
Auch die Marburger Zeit steuerte auf einen Konflikt mit der Obrigkeit zu. Der "freventliche Gedanke, sämtliche über die Straße gespannten Laternen auszulöschen," führte zu einem "kombinierten Angriff der Nachtwächter und Pedelle ganz Marburgs". Liebknecht konnte als einziger flüchten, indem er einen eisigen Lahnarm durchschwamm. Trotzdem geriet er in den Verdacht der Mittäterschaft und wurde von dem Theologen und Literaturhistoriker August Vilmar angeprangert. Dieser "hielt in der Kirche eine donnernde Philippika gegen die Gottesleugner und Volksverführer und bezeichnete mich dabei, obgleich er meinen Namen nicht nannte, so deutlich, daß über meine Person kein Zweifel sein konnte."

Eine "recht harmlose Kundgebung"

Zur Flucht führte schließlich eine Solidaritätsaktion mit Sylvester Jordan, der seit Jahren im Marburger Schloss eingekerkert war. Der Marburger Juraprofessor hatte sich in den 1830-er Jahren im Kasseler Landtag für eine Verfassung engagiert. "Das bleiche Bild Sylvester Jordans stieg vor mir auf, neben ihm die blutige Gestalt Weidigs und die Engelsgestalt seines sechzehnjährigen Töchterchens, das daheim gestorben war, während er sich im Kerker härmte –, und es blitzte mir durch den Kopf: Du mußt etwas tun! Deinem Gefühl Luft machen. Wir müssen dem Opfer der Kabinetts- und Bundestags-Justiz ein Vivat bringen und seinen Henkern ein Pereat." Vor Mitternacht schlich er mit einigen Freunden zum Schloss und beim ersten Schlag von der Elisabeth-Kirche brachte er die Hoch- und Nieder-mit-Rufe aus.

Liebknecht hielt die Kundgebung für "recht harmlos", doch ein Freund warnte ihn: "Sie müssen noch heute Nacht von Marburg weg. Ich weiß aus sicherster Quelle, daß sie morgen früh in Untersuchungshaft genommen werden sollen!" Liebknecht beschloss, seine Auswanderungspläne früher als geplant umzusetzen – den Reisekontrakt hatte er bereits in der Tasche. Von Mainz sollte ihn ein Schiff nach Rotterdam bringen, doch auf der Fahrt dorthin stimmte ihn ein Mitreisender um, er solle doch besser in die Schweiz fahren, wo er eine Lehrerstelle fand. In Zürich besuchte er den deutschen Arbeiterverein und hatte damit zum ersten Mal Kontakt zu einer Arbeiterorganisation. Der Rest ist Geschichte. Am 7. August 1900 starb der Gründer der SPD in Berlin und wurde fünf Tage später von einer unübersehbaren Menschenmenge zu Grabe getragen.

utz

Zuletzt aktualisiert: 17.12.2007 · trautmas

 
 
 
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