Verboten und nicht verbrannt
Die Universitätsbibliothek Marburg und ihre Bücher von 1933 bis 1946
Ausstellung in der Universitätsbibliothek
20. November 2001 bis 7. April 2002
Im Zusammenhang mit den nationalsozialistischen
Bücherverboten sind vor allem die öffentlichen Bücherverbrennungen im
Mai 1933 im Bewusstsein geblieben, so dass der Eindruck entstehen
konnte, die von den Nationalsozialisten verbotene Literatur in den
Beständen der öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken sei
planmäßig vernichtet worden. Tatsächlich waren jedoch die
wissenschaftlichen Bibliotheken lediglich gehalten, ihre Bestände an
verbotenem und schädlichen Schrifttum zu ermitteln und unter Verschluss
zu halten.
Die Historikerin Dr. Margret Lemberg hat in Zusammenarbeit mit der
Universitätsbibliothek Marburg die nationalsozialistische Zensurpolitik
am Beispiel der Marburger UB im Rahmen einer umfangreichen Ausstellung
dokumentiert. Anhand der ab 1936 an alle wissenschaftlichen
Bibliotheken verschickten Verbotslisten wurde der damals in Marburg
vorhandene Bestand an verbotenen bzw. als geheim eingestuften Werken
ermittelt. Dabei stellte sich heraus, dass die Bibliothek schon vor
1933 über ausgesprochen reichhaltige Bestände in den Sachgebieten
verfügte, die besonders von den Verboten betroffen waren, wie z.B.
sozialistische und kommunistische Literatur, Psychoanalyse u.a. Auch
während der NS-Zeit wurde verbotene Literatur durch Kauf erworben,
spektakulärstes Beispiel ist das vom späteren Bundeskanzler Willy
Brandt im norwegischen Exil verfasste Buch "Kriget i Norge" (Krieg in
Norwegen; Stockholm, 1941).
Ab 1933 erhielt die Universitätsbibliothek außerdem
mehrfach Zuweisungen von Büchern, die von den Polizeibehörden in
Leihbüchereien, Arbeiterbibliotheken und privaten Büchersammlungen
beschlagnahmt worden waren. Darunter befanden sich sechs Werke, deren
Herkunft anhand von Besitzstempeln und handschriftlichen
Namenseintragungen bald geklärt werden konnte: Sie stammten teils aus
der Firmenbibliothek der Seifenfabrik "Victor Wolf" in Steinau, teils
aus der Privatbibliothek ihres Besitzers, des deutsch-jüdischen
Fabrikanten Max Wolf (1887-1948)(pdf
- 38 kB).
Die Universitätsbibliothek Marburg ist seit
längerem bemüht, von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Bücher in
ihren Beständen zu ermitteln und ihren rechtmäßigen Besitzern
zurückzuerstatten. Im Herbst 1999 wurde hierfür eine Projektstelle
eingerichtet. Trotz intensiver Recherche war es allerdings bis zum Fund
der genannten Werke in vielen Fällen nicht möglich, die aus
Beschlagnahmungen stammenden Bücher zu identifizieren, da sie in den
Zugangsbüchern nur summarisch, d.h. ohne Titelangaben erfasst sind.
Erst bei den Büchern aus der Wolf´schen Firmen- bzw. Privatbibliothek
konnte nicht nur die Herkunft der Werke geklärt, sondern auch ihr
rechtmäßiger Besitzer, der Sohn des 1934 mit seiner Familie nach
England emigrierten Max Wolf, ausfindig gemacht werden. Er war bei der
Eröffnung der Ausstellung anwesend, in deren Rahmen auch die Rückgabe
der Bücher erfolgte.
Zu der Ausstellung ist in der Schriftenreihe der Universitätsbibliothek eine zweibändige Begleitpublikation erschienen. Der erste Band behandelt die Geschichte der Marburger Universitätsbibliothek zwischen 1933 und 1946, wobei die Auswirkungen der nationalsozialistischen Politik und des Weltkrieges im Vordergrund stehen. Der zweite Band enthält einen nach Sachgruppen geordneten Katalog der zwischen 1933 und 1945 in der Universitätsbibliothek sekretierten Bücher mit kurzen Einführungen zu den einzelnen Sachgruppen.
Margret Lemberg: Verboten und nicht verbrannt
(Schriften der Universitätsbibliothek Marburg , 110)
ISBN 3-8185-0339-7 (20 Euro)
Bd. 1: Die Universitätsbibliothek Marburg und ihre Bücher von 1933 bis
1946 (XVI, 234 S.)
Bd. 2: Katalog der von 1933 bis 1945 in der Universitätsbibliothek
Marburg sekretierten Bücher (288 S.)
Spendenaktion zur Rettung der gefährdeten Bücher
aus dieser Ausstellung
Bilder von der Ausstellungseröffnung in Marburg
Bilder von der Ausstellungseröffnung im Hessischen
Landtag

