Sammelschwerpunkt Kanada:
Die Alan Coatsworth Canada Collection
Die Beziehungen der Philipps-Universität zu Kanada
gehen auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurück und sind eng mit
dem Entstehen der Kanada-Sammlung der Universitätsbibliothek
verknüpft.
Diese Sammlung verdankt ihre Existenz der
großzügigen Hilfe des kanadischen Geschäftsmannes Alan Coatsworth
aus Toronto. Er wurde von Marburger Studenten gebeten, ihnen einige
kanadische Bücher zu besorgen, die das durch den Krieg erschütterte
und lange vom überseeischen Buchmarkt abgeschnittene deutsche
Bibliothekswesen nicht vermitteln konnte. Mr. Coatsworth, der seine
begrenzten Mittel stets in den Dienst der Menschlichkeit und der
Völkerverständigung gestellt hatte, ließ es jedoch nicht bei der
Erfüllung dieser Bitte bewenden, sondern erbot sich, in der
Universitätsbibliothek Marburg den Grundstock für eine Sammlung zur
Geschichte, Kultur und Landeskunde Kanadas zu legen. Während einer
Europareise in den Jahren 1949/50 wurden diese Pläne weiterentwickelt
und erhielten in Gesprächen mit dem damaligen Rektor der Universität,
Professor Gerhard Albrecht, und dem Direktor der
Universitätsbibliothek, Professor Wolf Haenisch, feste Konturen.
Bereits im folgenden Jahr traf die erste Büchersendung in Marburg ein.
An der Universität Toronto fanden sich einige Gelehrte zusammen, die
im Auftrag von Mr. Coatsworth die Sendungen auswählten und in wenigen
Jahren der Bibliothek fast 1.500 Bände zum Geschenk machten. Hinzu
kamen mehrere Zeitschriftenabonnements, deren Kosten der Gründer bis
zu seinem Tode im Jahre 1967 übernahm. Darüber hinaus setzte er
Stipendien für deutsche Studenten in Kanada aus, nahm diese in Toronto
auf und regte Aufsatzwettbewerbe über Kanada in Marburger Schulen
an.
Schon früh konnten weitere Mäzene gewonnen
werden. Besonders großzügig gestaltet sich die Hilfe der Kanadischen
Botschaft, ohne deren umfangreiche Bücherspenden die Sammlung kaum
ihre heutige Gestalt angenommen hätte. Weitere Hilfe kommt u.a. von
der kanadischen Amtsdruckerei in Ottawa, die der
Universitätsbibliothek das Privileg einräumt, alle relevanten Titel
aus ihren wöchentlichen Verzeichnissen unentgeltlich auszuwählen.
Ferner gehören die Deutsch-Kanadische Gesellschaft, die Gesellschaft
für Kanada-Studien, der Conseil de la langue française (Québec),
kanadische Firmen, Universitäten und Bibliotheken zu den Förderern
der Sammlung.
Unter ihnen ist die Metropolitan Toronto Library besonders
hervorzuheben. 1984 schlossen die Wilfrid Laurier Universität in
Waterloo/Ontario und die Universität Marburg eine Partnerschaft. 1986
erhielt die Bibliothek ein Geschenk von 6.500 kanadischen Landkarten
von der National Map Collection in Ottawa.
Auch aus eigenen Mitteln bemüht sich
dieUniversitätsbibliothek intensiv um den weiteren Ausbau der Sammlung
und die Pflege der deutsch-kanadischen Beziehungen. 1956 und 1958
beteiligte sie sich an kanadischen Buchausstellungen in Hannover. In
den Jahren 1969, 1974, 1978, 1981, 1984, 1986, 1989, 1991 und 1995
folgten Ausstellungen in Marburg. Die Schwerpunkte der Sammlung liegen
im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich. Sie umfaßt fast
38.500 Bände und rund 10.000 Landkarten sowie eine Sammlung von
Mikroformen und Dias. Die Zahl der laufend gehaltenen Zeitschriften
beträgt 363.
Die Bestände der Alan Coatsworth Canada Collection
sind im "Canadiana Zentralkatalog" (1. Aufl. Göttingen 1986), der die
Titel von acht der wichtigsten Kanada-Sammlungen in der Bundesrepublik
erfaßt, verzeichnet. Bestände, die seit 1986 erworben wurden, sind im
Online-Gesamtkatalog der
Philipps-Universität Marburg (OPAC) nachgewiesen.
In den drei Jahrzehnten ihres Bestehens ist die Marburger Sammlung zu einer der bedeutendsten Kanada-Bibliotheken in der Bundesrepublik herangewachsen. Das Interesse, das ihr in der Öffentlichkeit entgegengebracht wird, bestätigt die Hoffnungen ihres Gründers: Sie ist zu einem lebendigen Bindeglied zwischen Kanada und der Bundesrepublik und zu einem Mittelpunkt der Kanada-Studien in Marburg geworden.

