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Marburger Mittelbautagung

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Am 19. und 20. März 2011 hat die erste Marburger Mittelbautagung des Philosophischen Institutes stattgefunden. Konzipiert war diese Veranstaltung als eine Lektüretagung, bei der zentrale Passagen eines philosophischen Werkes gemeinsam gelesen und diskutiert werden sollten. Gegenstand der diesjährigen Tagung war ein Werk des französischen Philosophen Gilles Deleuze: „Logik des Sinns“. Neben der philosophischen Auseinandersetzung mit einem Text ist ein wesentlicher Grundgedanke der neu initiierten Veranstaltungsreihe die Förderung des gemeinsamen fachlichen Austausches des weiteren Mittelbaus (MitarbeiterInnen, Lehrbeauftragte und DoktorandInnen) des Instituts. An der diesjährigen Veranstaltung, die von Anke Bitter und Katrin Wille organisiert wurde, nahmen 19 Mitglieder des Marburger Instituts für Philosophie teil. 



Tagungsprotokoll 

Bei schönstem Frühlingswetter haben wir im Schloss Rauischholzhausen – einer Tagungsstätte der Gießener Universität – getagt. Die Texte von Gilles Deleuze sind auch für den geübten philosophischen Leser in ihrer Komplexität und sprachlichen Dichte oft schwer zu erschließen. Aus diesem Grund haben wir den Einstieg in die Lektüre über einen Filmausschnitt aus einem Interview mit Deleuze (das unter dem Namen Abécédaire veröffentlich ist) genommen. In diesem Ausschnitt äußert sich Deleuze zu seinem Verständnis von Philosophiegeschichte. Sein zentraler Gedanke ist dabei die Auffassung der Philosophie als einer Geschichte der Erfindung von Begriffen. Diese Auffassung bildete den Gegenstand unserer ersten Diskussionseinheit. Die daran anschließenden Einheiten haben sich dann an einzelnen, zentralen Kapiteln des Buches „Logik des Sinns“ orientiert – und zwar an folgenden inhaltlichen Aspekten und Fragen: 1. Was ist ein Ereignis, oder wie lässt sich das bestimmen, was als so genanntes „reines Werden“ bezeichnet werden kann? 2. Weil das gesamte Buch von Deleuze als eine philosophische Interpretation des Werkes von Lewis Carroll zu verstehen ist, galt die nächste Diskussionseinheit gerade diesem Verhältnis der Texte von Carroll und Deleuze. Deleuze begreift Lewis Carrolls literarisches Werk (Alice im Wunderland, Alice hinter den Spiegeln, aber auch seine (Unsinns-) Gedichte und sein Roman Sylvie und Bruno) als einen philosophischen Beitrag zu einer Theorie des Sinns – d.h. als eine differenzierte Untersuchung zu den Weisen, wie Sinn aber auch Unsinn produziert werden. Dabei lässt sich die Logik des Sinns gleichzeitig als eine Reflexion aber auch Auslegung dieser Verfahren und Sinnstiftungsprozesse verstehen. 3. Weil diese Produktionsweisen in einem engen Verhältnis zur Sprache zu sehen sind, galt unsere nächste Lektüreeinheit dem Kapitel „Vom Satz“ und damit dem sprachphilosophischen Verständnis von Deleuze. Von vier verschiedenen Dimensionen der Sprache spricht Deleuze und differenziert zwischen einer bezeichnenden Funktion (Referenz auf Außersprachliches), einer manifestierenden (Ausdruck innerer Zustände des Sprechenden), einer bedeutenden (innersprachlicher Verweisungszusammenhang) und aber auch einer sinnproduzierenden (die als solche von den drei zuvor genannten zu unterscheiden ist). 4. Im Anschluss daran  - d.h. nach dem Abendessen – bemühten wir uns Deleuzes Kritik an der Transzendentalphilosophie nachzuvollziehen und seine Bestimmung eines so genannten transzendentalen Empirismus zu verstehen. Ein Bemühen, das in ein geselliges Beisammensein im Weinkeller des Schlosses überging. Am zweiten Tag sind wir eingestiegen mit Deleuzes Überlegungen zur disjunktiven Synthese und zur Differenz. Deleuze macht in kritischer Absetzung von Hegels Zentralstellung der Negation den Versuch, Differenz negationsfrei zu entwerfen. In einem letzten Themenblock zu den Kapiteln „Vom Sinn“ und „Vom Unsinn“ haben wir versucht, diese Idee einer bejahenden Differenz an der Unterscheidung zwischen Sinn und Unsinn zu konkretisieren. Als wesentlich erwies sich nun, dass die Produktion von Unsinn laut Deleuze nicht als eine Negation von Sinn bestimmt werden kann, sondern als eine eigene Weise einer Bedeutungsbestimmung und Sinnstiftung gesehen werden muss: Eine Besonderheit, die verkürzt gesagt, darin zu sehen ist, dass sich der Sinn eines unsinnigen Wortes nicht durch ein anderes Wort bezeichnen lässt, sondern nur durch sich selbst. Diese Produktionsweisen sind offensichtlich Gegenstand der Unsinnsgedichte von Lewis Carroll, in denen neue Wörter geschaffen werden, deren Schöpfungsmechanismen selbst immer wieder explizit Gegenstand der Texte von Carroll sind. 

Unsere Lektüre von Logik des Sinns lässt sich damit vielleicht vorläufig mit der Einsicht abschließen, dass eben gerade diesen zahlreichen Mechanismen der Produktion von Sinn und Unsinn – also eine differenzierte Untersuchung von Verstehensprozessen – das explizite Interesse von Deleuze gilt. Vom Vorgehen und den Thesen von Deleuze waren wir wohl nicht alle in gleichem Maße überzeugt, dennoch sind diese zwei Tage gemeinsamer Lektüre laut allseitigem Bekunden als anregend und produktiv wahrgenommen worden. 


Zur Konzeption der Tagungsreihe „Mittelbautagung des Institutes für Philosophie“

Nicht nur inhaltlich lässt sich ein positives Fazit dieser ersten Marburger Mittelbautagung ziehen: In einem abschließenden Gespräch konnten wir uns schnell darüber verständigen, dass wir eine Fortsetzung der Mittelbautagung wünschen. Das Anliegen, dass es für ein produktives und gutes Arbeitsklima an einem Institut wichtig ist, gemeinsam auch einen Raum für philosophische Diskussionen zu finden, der von einem offenen Diskussionsstil geprägt ist, wurde von allen geteilt. 

Um das Ziel zu erreichen, als Gruppe gemeinsam inhaltlich zu arbeiten und sich nicht nur gegenseitig von den eigenen Forschungen zu berichten, wurde folgendes Konzept ausprobiert. Es sollte vor Ort gemeinsame Lektüre und Diskussion eines philosophischen Textes stattfinden. Es wurden bewusst ein Autor und ein Text gewählt, für den es in der Gruppe keine ausgewiesenen Expertinnen und Experten gab. Für eine gemeinsame Auseinandersetzung mit etwas Neuem für alle wurde mit der „Logik des Sinns“ von Gilles Deleuze ein Text vorgeschlagen, der nicht zu den viel gelesenen Texten der Marburger Forschungs- und Lehreinheiten gehört. Ausgewählte Kapitel wurden im Vorfeld zur gemeinsamen Lektüre vorgeschlagen und von einzelnen TeilnehmerInnen durch einen vorbereiteten Kommentar erschlossen. 

Der Ort der Tagung und auch der Zeitpunkt haben sich als geeignet erwiesen. Um den Anreiseaufwand gering zu halten und doch einen gemeinsamen Ortswechsel mit einer Übernachtung vorzunehmen, zeigte sich das Schloss Rauischholzhausen (Tagungshaus der Universität Gießen) 15 km entfernt von Marburg als idealer Ort. Offen gelassen wurde allerdings, ob es nicht sinnvoll wäre, den nächsten Termin nicht auf das Wochenende, sondern in die Woche zu legen. Gewünscht wurde zudem für die Fortführung eine Einbeziehung aller Lehrbeauftragten des Institutes. Wer die nächste Lektüretagung des Mittelbaus organisiert und damit auch das Thema vorschlägt, wurde noch nicht festgelegt. Hierzu erschien es uns sinnvoll, eine Diskussion auch mit denjenigen KollegInnen zu führen, die dieses Mal leider nicht teilnehmen konnten, so dass wir nun planen bis Mai oder Juni ein neues Thema und ein neues Organisationsteam zu finden. Die bisher genannten (und gerne auch noch zu erweiternden) Vorschläge sind die folgenden: 

  • McTaggart: The Nature of Existence (Vorschlag Maja Schepelmann und Matthias Warkus) 
  • Dilthey-Lektüre (Vorschlag Uli Vogel und René Thun) 
  • Textlektüren zu sozialphilosophischen Themen, z.B. Armut oder soziale Gerechtigkeit (Vorschlag Maja Soboleva und Daniel Kersting) 
  • Stanley Cavell: Der Anspruch der Vernunft (Vorschlag Walter Zitterbarth) 

Finanzierung: Die Kosten für Übernachtung, Verpflegung und anteilige Raummiete beliefen sich für MitarbeiterInnen auf 90,90 € und für Studierende auf 82,90 €. Das Institut für Philosophie unterstützt die Initiative dankenswerterweise mit 900 €. Damit konnte 15 Personen ein Zuschuss von 60 € gewährt werden. 



Anlagen: 

Programm und Liste der Teilnehmenden  

Lektüretagung 2011 in Rauischholzhausen


Samstag, 19.3.2011 

9.30-9.45: Begrüßung, Einführung Anke und Katrin 

9.45-11.15: Auftakt: Deleuze’s Verständnis von Philosophie (Was ist Philosophie?) (Kommentare: Anke Bitter, Moderation: Katrin Wille)  

11.15-11.45: Pause 

11.45-12.30: gemeinsame Lektüre von Passagen zum Ereignisbegriff (Serie 1: Vom reinen Werden, S. 15; Serie 2: Von den Oberflächenwirkungen, S. 19-21) 

12.30-14.30: Mittagspause 

14.30-16.00: 1. Lektüreeinheit: Logik des Sinns, Serie 7: Von den esoterischen Wörtern (Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Philosophie) 

(Kommentare: Michael Siegel, Moderation: Anke Bitter)  

16.00-16.30: Kaffeepause

16.30-18.00: 2. Lektüreeinheit: Logik des Sinns, Serie 3: Vom Satz 

(Kommentare Maja Soboleva, Moderation: Walter Zitterbarth) 

18.30-19.30: Abendessen 

19.30-21.00: 3. Lektüreeinheit: Logik des Sinns, Serie 15: Von den Singularitäten (Bedeutung von „Transzendental“) 

(Kommentare: evtl. Daniel Kersting, Moderation: Maja Soboleva)


Sonntag, 20.3.2011

9.00-10.30: 4. Lektüreeinheit: Logik des Sinns, Serie 24: Von der Kommunikation der Ereignisse 

(Kommentare: Katrin Wille, Moderation: Anke Bitter) 

10.30-11.00: Kaffeepause 

11.00-12.30: 5. Lektüreeinheit: Logik des Sinns, Serie 5: Vom Sinn und Auszüge aus 11: Vom Unsinn 

(Kommentare: Anke Bitter, Moderation: Walter Zitterbarth) 

12.30-14.00: Mittagspause 

14.00-15.30: offene Fragen, Rückblick, Zusammenfassung, inhaltlicher Abschluss, 

evtl. Ausblick auf Fortführung der Mittelbau-Lektüretagungen 

(Moderation: Katrin Wille) 

 

Namen der Teilnehmerinnen 

1) Acil, Tufan 

2) Bamberger, David 

3) Bandelin, Sebastian 

4) Bitter, Anke 

5) Kersting, Daniel

6) Raue, Raphael 

7) Salatowsky, Sascha 

8) Schäfer, Christoph 

9) Schepelmann, Maja 

10) Schröder, Dirk 

11) Siegel, Michael 

12) Soboleva, Maja 

13) Thun, René 

14) Vogel, Uli 

15) Warkus, Matthias 

16) Weilandt, Tobias 

17) Wille, Katrin 

18) Winckler, David 

19) Zitterbarth, Walter 

 

Gruppenfoto oben von Michael Siegel 

Zuletzt aktualisiert: 10.04.2011 · Rauera

 
 
 
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