Szenarien für die Energieversorgung bis 2020 – für die BRD (Position der Bundesregierung)
Auf Vorschlag von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Bundeskanzleramt, das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWI) und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) im Anschluss an den zweiten Energiegipfel (2006) eine Steuerungsgruppe eingerichtet, die die Erarbeitung der Szenarienrechnungen begleitet und zusätzliche Experten beauftragt hat. Die Berechnungen der Szenarien wurden von den Instituten PROGNOS AG, sowie vom Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln (EWI) durchgeführt.
Die Institute sollten in drei unterschiedlichen Szenarien den Energieverbrauch und die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 abschätzen.
Die Szenarien lauten wie folgt:
- „Koalitionsvertrag“ (KV): Dieses geht von der Umsetzung der im Koalitionsvertrag festgelegten Ziele aus. Hierzu zählen insbesondere die Verdopplung der Energieproduktivität (1990-2020), sowie der Ausbau der Erneuerbaren Energien auf mindestens 10% des Primärenergieverbrauchs und auf mindestens 20% am Stromverbrauch (bis 2020)[1].
- „Stärkerer Ausbau der erneuerbaren Energien“ (EE): Die Ziele sind identisch zum oben stehenden Szenario. Allerdings erfolgt der Ausbau erneuerbarer Energien schneller als im Szenario KV.
- „Längere Laufzeiten von Kernkraftwerken“ (KKW): Die Ziele basieren ebenfalls auf dem Szenario KV. Es wird lediglich eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke um 20 Jahre unterstellt[2].
Alle berechneten Modelle gehen von identischen Annahmen „für die Entwicklung der sozioökonomischen Parameter und der Preise für Energierohstoffe aus“[3]. Die wichtigsten sind:
- Einwohnerzahl verringert sich bis 2020 auf 81,4 Mill. Einwohner
- Das reale Bruttoinlandsprodukt erhöht sich zwischen 2006 und 2020 jährlich um durchschnittlich 1,7%
- Preise für Energierohstoffe steigen langfristig an
- Preise für CO2-Zertifikate steigen auf 22€/t bis 2020
Die Szenarien im Einzelnen
Szenario Koalitionsvereinbarung (KV)
Es wird von einer deutlich sinkenden
Energieverbrauchsentwicklung in allen Bereichen ausgegangen. Am
deutlichsten verringert sich der Verbrauch der privaten Haushalte
(15%). Bei den Energieträgern nimmt insbesondere die Bedeutung von
erneuerbaren Energien zu. Diese Entwicklung geht vor allem zu Lasten
der Stein- und Braunkohle. Im Kraftwerkssektor gehen die Institute von
einer insgesamt sinkenden Bruttostromerzeugung aus (von 620 TWh 2005
auf 542 TWh 2020). Der Anteil der Kernenergie fällt von 26% auf 9%, der
Anteil von Steinkohle von 22% auf 17% und der Anteil von Braunkohle von
25% auf 22%. Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Erdgas (Anteil
steigt von 11% auf 23%) und erneuerbarer Energien (von 11% auf
24%).
Insgesamt resultiert aus den angenommenen Entwicklungen ein Rückgang
des Energieverbrauchs (Primärenergiestufe) um 17 %. Die Importquote
sinkt im Szenario KV von 75% auf 69% (berechnet nach Konvention der
Energiebilanz; d.h. Kernenergie als Importenergie, und unter der
Annahme, dass die erneuerbaren Energien zu 100 % aus heimischer
Produktion gewonnen werden) respektive steigt von 62% auf 65%
(berechnet nach der internationalen Konvention von IEA und Eurostat;
d.h. Kernenergie als quasi-heimische Energieproduktion). Die Emission
von Treibhausgasen fällt um 39,1% unter das Niveau von 1990[4].
Szenario „Verstärkter Ausbau der erneuerbaren Energien (EE)“
Der Energieverbrauch bewegt sich auf
dem Niveau des Basisszenarios KV. Deutliche Unterschiede zwischen den
Ansätzen gibt es im Kraftwerkssektor. Hier steigt der Anteil der
erneuerbaren Energien bis 2020 auf fast 30%. Dies geht hauptsächlich zu
Lasten von Ergas und Steinkohle.
Die Importquote fällt auf 66% (nach der Energiebilanzmethodik)
beziehungsweise auf 62% (Niveau 2005; Methode nach IEA und Eurostat).
Hierbei ist unterstellt, dass der gesamte Rohstoffbedarf erneuerbarer
Energien durch heimische Produktion gedeckt wird. Die
Treibhausgasemissionen sinken um 41,3 % unter das Niveau von 1990 und
damit stärker als im Szenario KV. Die Mehrkosten des Szenarios im
Verglich zu KV betragen 4,6 Mrd. € (bis 2020). Hiervon sind 500 Mio. €
durch die unterstellte CO2-Ersparnis (mit dem für 2020 angenommenen
Zertifikatspreis) abzuziehen, womit 4,1 Mrd. € als
Netto-Differenzkosten ausgewiesen werden.
Szenario „Längere Laufzeit von Kernkraftwerken (KKW)“
Der Energieverbrauch liegt innerhalb der Richtwerte des Szenarios KV. Es wird angenommen, dass die Stromerzeugung im Vergleich zu KV um 4% höher liegt. Dies sei durch eine höhere Stromnachfrage und einen höheren Exportüberschuss verursacht. Der Anteil der Kernenergie steigt bis 2020 auf 29%. Hiervon unberührt ist der Anteil der erneuerbaren Energien, der mit 24% auf dem gleichen Niveau wie bei den Annahmen des KV liegt. Die Anteile von Braunkohle, Steinkohle und Erdgas sinken.
Die Importquote sinkt auf 72% (nach Energiebilanzmethode) und auf 58% nach der Methodik von IEA und Eurostat. Die Treibhausgasemissionen fallen von allen drei Szenarien am stärksten um 45,3% unter das Niveau von 1990. Die Mehrkosten im Vergleich zum Basisszenario betragen bis 2020 150 Mio. €. Jedoch fällt die CO2-Einsparung mit 1,3 Mrd. € deutlich höher aus. Somit ergibt sich im Verhältnis zum Szenario KV eine Ersparnis von 1,2 Mrd. €[5].

