Diversifikation: Alternativen zur gegenwärtigen Energieversorgung
Der Diversifikation der Energiequellen kommt im Hinblick auf die Versorgungssicherheit eine Schlüsselrolle zu. Europa besitzt einen ausgewogenen Energiemix, dessen Bezugsquellen sich aber zunehmend in instabilen Regionen befinden[1]. Europa muss sich neue Energielieferanten suchen, da innereuropäische Energiequellen, wie in der Nordsee sich dem Ende neigen[2]. Neue Energielieferanten könnte sich Europa z.B. durch den Aufbau eines leistungsfähigen Marktes für LNG, was aber teure Infrastruktur-Investitionen benötigt, die dann zu einer echten Konkurrenz und mehr Wettbewerb auf dem Gasmarkt führen würden[3].
Wie bereits an anderer Stelle ausführlich dargelegt wurde, sind die Mitgliedsstaaten der EU aufgrund geringer beziehungsweise rückläufiger eigener Ressourcen in großem Maße vom Energieimport abhängig. Aus diesem Grund kommt der Sicherung und Diversifizierung der Energieversorgung eine besondere Bedeutung zu. Ein Konzept, das dies aufgreift, ist das Projekt zum Bau der Nabucco-Pipeline, das von EU-Energiekommissar Andris Piebalgs und den für Energie zuständige Ministern der Länder Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, und der Türkei vorangetrieben wird.
Die Erdgaspipeline „Nabucco“ beschreibt das Ziel, eine - von der russischen Gasversorgung unabhängige- Pipeline von der Türkei über Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis ins Zentrum Europas zu bauen und somit eine Verbindung zwischen dem europäischen Gasmarkt und der kaspischen Region herzustellen[4]. Schätzungen zufolge sind die Gasvorräte am Kaspischen Meer und in Zentralasien achtmal so groß, wie die in Nordafrika und nur um ein Drittel kleiner als die Vorkommen in Westsibirien; somit spielt die Region in genanntem Kontext eine nicht unwesentliche Rolle. Pläne für das Nabucco-Projekt bestehen bereits seit 2002. Im Jahr 2011 könnte das Projekt frühestens fertiggestellt werden[5]. Dennoch wurden bisher bereits einige Probleme im Zusammenhang mit einer etwaigen Realisierung des Projekts deutlich.
Anfang 2007 kam es zu Irritationen, als die ungarische Regierung erklärte, eventuell vom gemeinsamen Bau der Nabucco-Pipeline abzusehen und stattdessen in Kooperation mit Russland die bestehende Blue Stream Pipeline (Russland - Türkei) nach Ungarn zu verlängern. Dadurch würde eine von Russland unabhängige Energieversorgung in Frage gestellt 3.
Im Zuge der Entwicklungen im energiepolitischen Bereich verlagert die EU den Fokus vermehrt auf die oben genannten Regionen; so verabschiedete der Europäische Rat im Juni 2007 eine gemeinsame Zentralasienstrategie, in der zum ersten Mal poltische Leilinien bezüglich einer stärkeren Kooperation der EU mit den zentralasiatischen Staaten formuliert wurden.
Presseberichte zeichneten Anfang dieses Jahres jedoch ein eher negatives Bild bezüglich der aktuellen Entwicklungen des Nabucco-Projekts. Dabei wird eine ausreichende Rohstoffversorgung durch die Ressourcen der Region angezweifelt. So werden die bekannten Reserven in Aserbaidschan (Gasfeld Shah Deniz II) Schätzungen zufolge bereits 2018 erschöpft sein. Im Hinblick auf andere potentielle Lieferländer ergeben sich vielfältige Probleme: Sowohl Turkmenistan als auch der Iran verfügen über reiche Gasreserven. Um turkmenisches Gas nach Aserbaidschan und von dort direkt nach Europa zu transportieren, wäre der Bau einer zusätzlichen Pipeline unter dem Kaspischen Meer hindurch von Nöten; dies stellt einerseits eine technische Herausforderung dar; andererseits blockieren die Anrainerstaaten den Bau einer Pipeline. Eine mögliche Kooperation des Konsortiums mit dem Iran wird international, vor allem von Seiten der USA, stark kritisiert[6].
Eine endgültige Entscheidung bezüglich der Verwirklichung des Nabucco-Projekts soll in den nächsten Monaten definitiv getroffen werden.
[4] vgl. Umbach 2006a, 14;Notz 2006, 5.

