
a) Einkaufszettel,
gefunden
in Marburg, Februar 2012.

b) Selbsthilfezettel, gefunden
in Marburg, Januar 2012.

c) Zettelrolle, DDR-Produkt,
1960er Jahre.

d) Einkaufszettel (Fußball-
WM), gefunden in Hanno-
ver, Juni 2010.
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Zombie des Monats - 04/2012
Zettel, der: Die Gedanken hält er
zusammen, nur das Wichtigste vertraut man ihm an, sogar Wünsche kann er
offenbaren und immer ist er eine Beschränkung auf das Zählbare – der
Zettel.
Rein formal betrachtet sind die kleinen, handlichen, beschriebenen
Zettel von links nach rechts zu lesen und auch so beschriftet worden.
Meist wird sogar formatfüllend gearbeitet, sodass eine linksbündige
Liste entsteht. Dabei gleicht der Notizzettel einem höchst intimen und
privaten Tagebucheintrag, der über persönliche Wünsche, Laster und
Vorlieben des Verfassers Aufschluss geben kann. Längst hat die
Papierindustrie auf diese Sentimentalität der Zettel reagiert (
a ).
Seine älteste bekannte Form ist eine Einkaufsliste aus dem Jahr 80
n. Chr. und wurde in einem römischen Fort im nördlichen Groß Britannien
gefunden. Darauf steht: Schwein, Brot, Wein und Öl. Seit nunmehr zwei
Jahrtausenden steht immer wieder das Gleiche darauf und trotzdem
gleicht kein Zettel dem anderen. Sie bilden einen eigentümlichen
Bestand von Wiedergebrauchs-Texten einer Kommunikation mit sich selbst
oder mit anderen, die sich in ihrer Erscheinung immer wieder neu
ausformen. Nirgends stehen individuelle Bedürfnisse, Angebot und
Nachfrage, Habitus oder Lebensweise komprimierter beieinander (
b ).
Äußere soziale Bedingungen, wie Einkommen und das individuelle
Zeitbudget der eigenen Erwerbsbiografie, formen neben anderen
normativen Vorstellungen das Erinnern und Vergessen von bestimmten
Lebensmitteln, Orten und Zeiten, sowie der partnerschaftlichen und
familiären Arbeitsteilung innerhalb der Organisation von privatem und
öffentlichem Raum ( c ).
Mütter fordern oft ihre Kinder und Partner dazu auf, fehlende
Lebensmittel oder Wünsche auf dem Einkaufszettel der Familie zu
notieren ( d ). So schreibt auch Angela Merkel
freitags einen Einkaufszettel für ihren Mann, der dann fürs Wochenende
einkauft, wie die Bundeskanzlerin in einem Interview verriet.
„Plötzlich fühlen wir uns mit einer Person verbunden, die wir nicht
kennen und wohl nie kennenlernen werden, und das schafft ein Gefühl der
Gemeinschaft mit allen Menschen“, wie Davy Rothbart, Herausgeber des
amerikanischen FOUND-Magazine, seine Sammelleidenschaft von
weggeworfenen Zetteln begründet: „Ihre manchmal brutale Ehrlichkeit
berührt uns. Wir sehen, dass ein Mensch – der sich vielleicht sehr von
uns unterscheidet – dieselben Gedanken und Gefühle hat wie wir.“
Neben der beabsichtigten Auflistung von zählbaren Dingen, verraten
die Zettel auch etwas über das grundsätzliche Verhältnis des
Aufgelisteten zur unendlichen Welt.
Einheit in der Vielfalt.
Moritz Jacobsen
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