
a) Protestaktion für
Julia
Timoschenko, April 2012.

b) Rücktritt und Abgang von
Christian und Bettina
Wulff, Februar 2012.

c) Rücktritt und Abgang von
Karl-Theodor zu Gutten-
berg, März 2011.

d) Posing eines Showstars,
Webeintrag 2012.
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Zombie des Monats - 05/2012
Haltung, die: Es ist so leicht, sie zu
verlieren, die mit Rückgrat ist am schwersten, manchmal steht man für
sie gerade und in bestimmten Augenblicken kann sie alles sein, was
einem noch übrig bleibt – die Haltung. Als Moral oder Überzeugung
hatte und hat die Haltung nicht immer nur ihr Gutes. Jenseits aller
Gesinnungshuberei ist das „positive Denken“ sicher die harmloseste
Variante allen Selbst- und Weltverhältnisses ( d
).
Ob es nicht auch ganz ohne geht, ist immer wieder Gegenstand der
Philosophie, Politik und Religion geworden. Dass der Mensch nicht vom
Brot allein lebt, wie es die Bibel formuliert, ist nur eine der
markantesten und sprichwörtlichen Logiken, mit denen das Fehlen jeder
geistig-moralischen Grundhaltung als primitiv, gar als unmenschlich
gewertet wird.
Schwerer noch als die Sorge, dem Menschen würde sein Seelenheil
entgehen, wenn ihm jedes Gewissen abgeht, wiegt der soziale Aspekt der
Haltung. Ist es das untrügliche Kennzeichen des Asozialen, sich jeder
Leitkultur zu verweigern? Der anarchische Verzicht auf eine allzu
gefestigte Haltung kann demgegenüber auch friedenssichernd
sein.
Immer wieder wird vergessen, dass Verbrechen nicht nur im Namen
einer politischen Haltung begangen werden, sondern diese im Sinne der
Bevormundung auch selber eines sein kann. Und zwar umso mehr, je
stärker auf die Haltung als einem Wert an sich insistiert wird.
So haben totalitäre Regimes auch unter Berufung auf die
„Wissenschaftlichkeit“ ihrer Ideologie den Staatsbürgern „richtiges“
Bewusstsein abverlangt. Was als Prinzipienfestigkeit gerne eine Tugend
genannt wird, kann allzu leicht zur Linientreue werden und von dort ist
es bis zum Kadavergehorsam nicht mehr weit.
Umgekehrt haben politische Repräsentanten in der jüngsten Zeit mit
Haltung eigene Verfehlungen zu bestehen versucht. Wie sehr die Haltung
jenseits von gut und böse anzusiedeln ist und dennoch nicht als asozial
befremdet, haben die Rücktritte von Karl-Theodor zu Guttenberg und von
Christian Wulff bewiesen ( b + c ).
Dass in beiden Fällen Politiker über die eigene Person gestolpert
sind und trotzdem alle selbstverschuldeten Peinlichkeiten mit starker
persönlicher Haltung zu überstehen versuchten, ist und bleibt eine der
merkwürdigsten Paradoxien von Amt und Würde. Vielleicht gibt
Bundespräsident Joachim Gauck auch mit seiner Geste, im gegenwärtigen
Konflikt mit der Ukraine und der Inhaftierung von Julia Timoschenko
durch einen Boykott der Fußball-Europameisterschaft Haltung zu zeigen,
der Haltung wieder einen neuen Sinn ( a ).
Würde der Wert oder Unwert einer Haltung am besten daran zu erkennen
sein, dass sie in den entscheidenden Momenten nicht zum Götzen wird?
Scheinbar wider alle Vernunft? So gilt gerade der mit der Empörung
verbundene Verlust von Contenance und Selbstbeherrschung immer wieder
auch als Zeichen von Menschlichkeit. In ihren Schwächen und ihrer
Irritabilität zeigen ideelle Orientierungen oder Weltanschauungen dann
ihre Stärken. Nur so führen die Spielregeln der Sittlichkeit zu keinem
Eigentor.
Gut gehalten!
Jörg Probst
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