Direkt zum Inhalt
 
 
emotio_portal ideen.jpg
 
  Startseite  
 

Zombie des Monats 12/2010 a
a): Online-Werbung (Google-
     Street View), in: SZ,
     23.November 2010, S.7.

Zombie des Monats 12/2010 b
b): Energie-Werbung (Erdgas)
     in: Der Spiegel, 45/
     8. November 2010, S.179.
     
Zombie des Monats 12/ 2010 c
c): TV-Werbung (ARTE), in:
     Der Spiegel, Nr. 41,
     11. Oktober 2010, S.14.

Zombie des Monats 12/2010 d
d): Sportartikel-Werbung
     (Engelhorn), in: SZ-
     Magazin, 26.November
     2010, S.25.

 

Zombie des  Monats - 12/ 2010


Linie, die: Sie verbindet, sie trennt, manche müssen auf sie achten und man soll sie halten  – die Linie. Als Rubikon ist sie der Anfang vom Ende für den, der sie überschreitet. Es gibt keine freundlichen, wohl aber feindliche Linien und wird man auf Linie gebracht, dann hört der Spaß bald auf. Übrigens kann durchaus auch einmal ein Tag vergehen, ohne dass eine gezogen wird.

 

Höhenlinien,  Küstenlinien und Grenzlinien machen den Planeten als Bild sichtbar. In der langen Geschichte der Kartographie kam und kommt man bei der Vermessung der Welt ohne Linien nicht aus. Als physische oder politische "Überblicksdarstellungen" zeigen Atlanten und Globen die Gestalt der Erde in Umrissen und mittels Meridianen als Hilfslinien an.

 

Satellitenbilder haben den Erdball erscheinen lassen, ohne dass Linien dazu nötig waren. Dass es in der Natur keine Linie gibt, ist den Malern seit langem vertraut, doch erst die Techniken des 21. Jahrhunderts haben diesen Topos der jüngeren Kunsttheorie auch für das Weltbild erfahrbar gemacht.

 

Aus dieser Sicht stellt der viel diskutierte Service von „Google Street View“ einen Rückschritt dar. Die Intimität, mit der diese digitale Erfassung des städtischen Lebensraums Straßen und Plätze auf der ganzen Welt am Bildschirm buchstäblich auf Augenhöhe erleben lässt, ersetzt die Exklusivität der Blicke aus dem All. „Google Street View“ ist keine bloße Ergänzung von „Google Earth“, des Satellitenbildes für alle, sondern markiert einen Blickwechsel der globalisierten Welt.

 

Die Tyrannei der Intimität, die mit „Google Street View“ in eine neue Etappe tritt, erzeugt auch eine weitere Variante der Linie. Die Bilder werden nicht mit dem Satelliten bereitgestellt und erlauben kein schweifendes Sehen mehr, sondern werden mit dem Auto eingesammelt. Sie lenken so den Blick und geben der Wahrnehmung eine Richtung. Aus dem Landstrich wird eine Straßenflucht. Fast scheint es so, als würde sich auf dem letzten Stand der digitalen Technik die Idee des Spaziergängers oder Flaneurs und mit ihr der bürgerliche Individualismus des 19. Jahrhunderts wiederholen.

 

So würde sich auch erklären, warum ein ganzseitiges Inserat für „Google Street View“ mit antiquierten Medien wie der analogen Fotografie und vor allem der Handzeichnung spielt, um für die Attraktivität dieser technologischen Innovation zu werben ( a ). Im Stil eines Fotoalbums sind die mit Hilfe von „Google Street View“ ermittelten Impressionen auf dieser Collage mit eigenhändigen Randzeichnungen und manuellen Beschriftungen versehen worden.

 

Die Anzeigen für „Google Street View“ in der Ästhetik von Handschriften und Kritzeleien sind das Extrembeispiel für die Rückkehr der Zeichnung in der aktuellen Bildwelt der Produktwerbung ( b , c , d ). Als eine Modeerscheinung der jüngsten Zeit stellen Gezeichnetes und Handgeschriebenes im Reklamebild auch eine Reaktion auf die noch in den 1990er Jahren weit verbreitete Ästhetik der Unschärfe dar. Anstelle dieser Reize des Mehrdeutigen zielt der Strich auf Konkretion und das Menschlich-Individuelle.

 

Die Rückkehr der eigenen Linie.

 

Jörg Probst

 


Zuletzt aktualisiert: 28.11.2011 · probstj

 
 
 
Fb. 03 - Gesellschaftswissenschaften und Philosophie

Politikwissenschaft, Wilhelm-Röpke-Straße 6g, D-35032 Marburg
Tel. 06421-28-243 -82 / -89 (Sekretariat), Fax 06421/28-28991, E-Mail: noetzel@staff.uni-marburg.de

URL dieser Seite: http://www.uni-marburg.de/fb03/politikwissenschaft/pi-nip/rezensionen/zombieneu/zombiedesmonatslinie

Impressum