a): Thilo Sarrazin (Aufkleber), Künstler unbekannt, ca. 12/2010. b): Männerbildnis, Erich Heckel, 1919. c): Barack Obama, Frank Shepard Fairey, 2008. d): Thorsten Schäfer-Gümpel, Künstler unbekannt, 2008. |
Zombie des Monats - 01/ 2011
Holzschnitt, der: Meist wirkt er naiv, einst gab es nichts anderes, er war vor allem für die ganz einfachen Leute und er kennt keine feinen Unterschiede - der Holzschnitt. Manche Künstler schätzen seine Grobheiten ( b ), der Reiz der Schlichtheit lebt auch auf dem Land noch fort. Im Kartoffeldruck wird er von Kindern spielerisch gepflegt und nachgeahmt. Holzschnitthaft nennt man auch Autoren, die es sich zu einfach machen.
Was von allzu vereinfachenden Polemiken zu halten ist, kann schon den Anschlägen entnommen werden, die dafür werben sollen. Je zugespitzter und angriffslustiger eine politische Idee geäußert wird, umso plakativer fallen auch die Bilder aus, mit denen solche Polemiken popularisiert werden.
So kann die Wiederkehr des Holzschnitts in der politischen Ikonologie der Gegenwart leicht die eingehende Lektüre solcher Sachbücher überflüssig machen, die einer komplexer werdenden Welt mit der Kunst der Vereinfachung zu antworten versuchen. Einwänden, man möge doch diese Publikationen erst einmal lesen, bevor man sie kritisiere, kann daher auch mit dem Hinweis begegnet werden, man hätte sich doch schon die Bilder angesehen.
In diesem Sinne ist der Button eines unbekannten Künstlers für das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin eine denkbar schlechte Reklame ( a ). Die Darstellung zeigt den Autoren in einem flackernden Licht- und Schattenspiel, das in seiner vergröbernden Flächigkeit die Wirkungen des Holzschnitts aufleben lässt. Die Schlagschatten im Gesicht des Porträtierten und im Hintergrund sind bildliche Entsprechungen jener Polarisierungen, die den Dargestellten gerade im rechtsextremen Milieu zum Erfolgsautoren werden ließen.
Holzschnitthaft wirkt auch der ausgestreckte Zeigefinger, mit dem hier ein Autor als Lehrer und Führer apostrophiert wird. Der plakativen Einfachheit, Klarheit und Härte dieses Bildes ist eine Ästhetik des Einverständnisses, der Parteinahme und Gefolgschaft eingeschrieben. Sie zeigt an, dass "klare Worte" keine Thesen sind oder zumindest nicht als solche angesehen werden.
Dem Holzschnitt in seinem scharfen und kantigen Hell-Dunkel ist eine Ikonologie der Entscheidung eigen, die auch in Wahlkampfplakaten von Barack Obama wirksam wurde ( c ). Durch Slogans wie „Change“ oder „Yes, we can!“ wurde das Holzschnitthafte dieses Icons zum Programm, seine Form zum Inhalt.
Dieser Zusammenhang macht sowohl den Anschlag für Sarrazin, dessen Porträt zusätzlich mit dem Wort „Wende“ unterschrieben worden ist, als auch die Obama-Adaption des SPD-Politikers Thorsten Schäfer-Gümpel ( d ) über die Verwandtschaft der Motive hinaus zu einem Icon der Führung.
Ideenpolitik als Frage der Form.
Jörg Probst
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