a): Stahl-Werbung, in: FAZ, 14.Oktober 2010, S.13. b): Caravaggio, Die Inspiration des hl. Matthäus, 1602. c): Mode-Werbung, in: SZ, 10.September 2010, S.2. d): Energie-Werbung, in: KulturSpiegel, 07/2010, Rückseite. |
Zombie des Monats – 11/ 2010
Künstler, der: Ihn küssen Musen, er kriegt nie genug, er ist nicht mit Geld zu bezahlen und er kann so nicht arbeiten – der Künstler. Vor allem als extremer, sozial unverträglicher Individualist hat der Künstler Geschichte gemacht. Das von der Inspiration besessene und durch schöpferische Leidenschaft vereinsamte Genie gehört zu den wiederkehrenden Motiven großer Romane und Kino-Epen. Ideen machen den Künstler zum Außenseiter.
Umso erstaunlicher ist die aktuelle Serie von Werbeanzeigen eines österreichischen Stahlproduzenten. „Wenn Dich eine Idee berührt, wird plötzlich Unmögliches möglich“, steht als Motto über einem der Motive, dem Porträt eines Fließbandarbeiters ( a ). In einer fensterlosen, gepolsterten Zelle und unter ständiger Kontrolle einer digitalen Stoppuhr überwacht der uniformierte Mann die Maschine.
Bilder wie dieses erinnern zunächst an die erheiternden und zugleich ernüchternden Szenen industrieller Produktion in Charles Chaplins Filmklassiker „Modern Times/ Moderne Zeiten“ (1936). Doch im Gegensatz zu der von Chaplin angeprangerten mörderischen Akkordarbeit des Taylorismus gibt es in dieser Fabrik für den Kollegen während der Arbeitszeit auch besinnliche Augenblicke.
Sein himmelnder Blick zeigt an, dass es sich um einen Moment der Eingebung handelt. Sie ist auf dem Bild durch eine engelhafte Lichtgestalt verkörpert, die sich dem Arbeiter rücklings genähert hat und seine Schulter sanft berührt. Der Genius der Künstler- und Gelehrteninspiration ( b ) ist zu Besuch im Eisenwalzwerk.
Diese schöpferische Tätigkeit kann keine entfremdete Lohnarbeit sein. Wenn es sich mit der Annonce nicht um eine Verschleierung handelt, dann ist dem Hersteller das gelungen, worum jahrzehntelang in der DDR vergeblich gerungen wurde. Doch es ist nicht das Klassenbewusstsein, das den Stahlarbeiter hier anfasst. Inspiration steht in diesem Fall für Motivation, die diszipliniert.
Auch ein italienisches Luxuslabel erneuerte jüngst per Annonce mit einer historischen Fotografie seiner Produktionsstätte das Leitbild des Künstlers als diszipliniertem Arbeiter ( c ). Imagekampagnen und Personalpolitik dieser Art appellieren an die selbstlose Begeisterungsfähigkeit und das rückhaltlose Engagement des Künstlers - unter Ausschluss des damit verbundenen kreativen Eigensinns ( d ).
Der Künstler als Streikbrecher.
Jörg Probst |



