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Promotionsprogramm: Demokratie als umkämpftes Projekt (ab November 2015)

 

Principal Investigators / Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer:

  • Prof. Dr. Ursula Birsl, Institut für Politikwissenschaft
  • Prof. Dr. Claudia Derichs, Institut für Politikwissenschaft
  • Prof. Dr. Annette Henninger, Institut für Politikwissenschaft/Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung
  • Prof. Dr. John Kannankulam, Institut für Politikwissenschaft
  • Prof. Dr. Anika Oettler, Institut für Soziologie
  • Prof. Dr. Rachid Ouaissa, Centrum für Nah- und Mitteloststudien
  • Prof. Dr. Elisabeth Schulte, Marburg Centre for Institutional Economics
  • Prof. Dr. Bettina Westle, Institut für Politikwissenschaft
  • Prof. Dr. Hubert Zimmermann, Institut für Politikwissenschaft
 
Schaubild

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diagnosen von und Prognosen über Demokratisierungsprozesse und die Zukunft der Demokratie werden skeptischer. Die dritte Demokratisierungswelle kam Mitte der 1990er Jahre zum Erliegen oder brachte vom liberalen Modell abweichende Demokratievorstellungen hervor, z.B. in Lateinamerika. Autokratische und anokratische Herrschaftsverhältnisse sind stabiler als erwartet. Gesellschaftliche Umbrüche wie in der MENA-Region (*) bringen konkurrierende Entwürfe gesellschaftlicher Ordnung und politischer Herrschaft hervor. Bewaffnete Konflikte destabilisieren (national-)staatliche Ordnungen und Machtkonstellationen etwa im Nahen Osten oder in Asien. Dabei gewinnen ethnonationalistische oder religiöse Referenzrahmen an Bedeutung. Zeitdiagnosen sehen liberale Demokratien als erstarrt oder als Erosions- und Deformationsprozessen unterworfen, ohne dass demokratische Institutionen in Frage gestellt werden. Demokratie ist als unabgeschlossener und dauerhafter Prozess und als umkämpftes Projekt zu verstehen, und dies gleichfalls in autokratischen wie liberal-demokratischen Herrschaftssystemen. Die Leitfrage des Promotionsprogramms lautet: Wie wird die Idee von Demokratie vor dem Hintergrund veränderter Konfliktfelder und konkurrierender Gesellschaftsentwürfe gegenwärtig in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Konfliktfeldern und Aushandlungsprozessen verhandelt und neu justiert bzw. mit alternativen Konzepten konfrontiert? Dabei, so die Ausgangsthese, kommt es zunehmend zur Diffusion von liberaler Demokratie und konkurrierenden Gesellschaftsentwürfen. Das geplante Kolleg ist in mehrfacher Hinsicht innovativ: (1) Um die Einzelprojekte systematisch auf die Leitfrage zu beziehen, wird ein interdisziplinärer und regional vergleichender Zugang gewählt. (2) Demokratie wird als unabgeschlossenes Projekt und als Prozess analysiert, der zunehmend durch transnationale Verflechtungen beeinflusst wird und somit die Grenzen des Nationalstaats überschreitet. (3) Die Analyse von Demokratie als umkämpftes Projekt wird kontextualisiert, indem Konflikte und Aushandlungsprozesse um Demokratie in ihrer ideengeschichtlichen, kulturellen, sozialen und ökonomischen Einbettung untersucht werden. (4) Im Anschluss an die sog. radikale Demokratiekritik werden liberale westliche Demokratien nicht mehr als fixe Referenzpunkte mit der Implikation, die Idee der Demokratie bereits erfolgreich umgesetzt zu haben, herangezogen. Stattdessen werden sie bei der Analyse des Wandels von Demokratie systematisch einbezogen.

Im Zentrum des Interesses steht, wie sich die Bedingungen von Partizipation, Repräsentation und Kontrolle politischer Herrschaft verschieben, transformieren und wie sich auch in westlichen Demokratien etablierte Vorstellungen verändern, die vielfach durch den europäischen Kolonialismus in die Peripherie transferiert wurden. Mit dieser Fragestellung sind die liberalen westlichen Demokratien nicht mehr Referenzpunkt für Einzelfall- und Regionalstudien oder vergleichende Untersuchungen, so als hätten diese die Idee der Demokratie bereits erfolgreich umgesetzt. Vielmehr richtet sich der Blick einerseits darauf, wie und ob das normative Projekt der Demokratie durch vielfältige und regional spezifische Auseinandersetzungen vorangetrieben wird und welches Verständnis von Demokratie dabei zutage tritt. Andererseits interessiert, inwiefern das Projekt der Demokratie behindert bzw. unterminiert wird und in welcher Weise es dabei zur Diffusion und Überlappung von Demokratie und konkurrierenden Gesellschaftsentwürfen kommt oder inwieweit diese als gesellschaftlich akzeptierte Alternative zur Demokratie erscheinen (Pickel 2010; Kailitz/Köllner 2013). Der Analyse dieser Prozesse liegen die folgenden forschungsleitenden Thesen zugrunde:

1.  In den politischen, sozialen und kulturellen Konflikten der Gegenwart zeichnen sich neue Verhältnisbestimmungen demokratischer Grundprinzipien (Freiheit, Gleichheit, Herrschaftskontrolle) ab, durch die das liberale Demokratiemodell westlicher Provenienz als Ziel von Emanzipations- und Demokratisierungsbestrebungen in Frage gestellt wird.

2. Demokratie steht zunehmend im Spannungsverhältnis zu anderen, z.B. durch ökonomisches, identitätspolitisches oder revolutionäres Denken geprägten Gesellschaftsentwürfen, die die Idee der repräsentativen Demokratie als erstrebenswerte Zukunftsvision ablösen könnten.

3.   Die Bedingungen sozialer, rechtlicher und politischer Partizipation und Repräsentation haben sich verschoben, einerseits durch den Ausschluss gesellschaftlicher Gruppen von Teilhabechancen innerhalb von Nationalstaaten und andererseits durch den Bedeutungsgewinn von informellen Verhandlungsarenen in und jenseits von Nationalstaaten.

4.   Durch den Verlust von bzw. den beschränkten Zugang zu demokratischen Teilhabechancen, zu Gleichheits- und Freiheitsrechten verschlechtern sich die Möglichkeiten der vertikalen politischen Herrschaftskontrolle, wodurch die Praxis sowie die Idee der Demokratie an Legitimation und Legitimität verliert und alternative, konkurrierende - auch nicht-demokratische - Gesellschaftsentwürfe aufgewertet werden.

Dabei rückt die Frage in den Fokus, welche gesellschaftlichen Konflikte, Interessen sowie sich wandelnde Deutungsmuster und Kräfteverhältnisse hinter diesen Entwicklungen stehen. Das nachfolgende Schaubild benennt die im Rahmen des Promotionsprogramms analysierten Konfliktfelder und Aushandlungsprozesse, in denen alternative Gesellschaftsentwürfe entstehen und wirkmächtig werden können und/oder in denen die Idee der Demokratie umkämpft ist.

 

(*) Middle East & North Africa

Zuletzt aktualisiert: 22.03.2017 · Christina Scheurich

 
 
 
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