Semestereröffnungsgottesdienst WS 2006/2007
Predigt Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen
1. Glut in der Asche
Liebe Gemeinde, lassen Sie mich an diesem Sonntag zu Beginn des Semesters aus dem kirchlichen Alltag erzählen. Ein arbeitsreicher, aber auch erlebnisdichter Tag in der Uni liegt hinter mir. Ich fahre nach Hause, erschöpft, aber irgendwie auch satt. Ein Gläschen Rotwein in der Familie würde den Tag angemessen runden. Vor mir liegt allerdings noch eine vermutlich wieder viel zu lange Kirchenvorstandssitzung. Wir werden uns über die endlosen Berichte aus dem Bau- und aus dem Personalausschuss ärgern, einige von uns werden verzweifeln, wenn die Mehrheit mal wieder beschließen wird, in die Rücklage zu greifen (ohne recht zu wissen, was das ist). Ich selbst werde als Laie da sitzen und solidarisch stumm am fehlenden organisatorischen Talent meiner beiden Pastorenkollegen verzweifeln. Am Schluss werden wir uns übereinander geärgert haben und wieder einmal fast ausschließlich mit uns selbst beschäftigt gewesen sein. Muss ich mir das antun? Kirche heute – ein Ehrenamt zu viel.
Irgendwie kommt es dann an diesem Abend leicht anders. Während der Andacht zu Beginn, beim auch schon Routine gewordenen freien Assoziieren der Tischrunde über dem Lehrtext, fragt ziemlich unvermittelt eine der netteren Damen aus unserem überalterten Kreis, wie Gott gerecht sein könne, wenn er eine liebe Nachbarin so elend habe sterben lassen. Hierzu haben nun viele etwas zu sagen. Es hat allerdings – wie ich finde – gelegentlich weder mit dem Text, noch mit der Sache, noch mit dem zuvor Gesagten etwas zu tun. Teilweise schrammt es nach meinem Urteil auch bedenklich an den Grenzen von Bibel und Bekenntnis entlang. Ich fühle mich daher bemüßigt, klarstellend etwas theologisch Korrektes beizutragen – ohne große Resonanz. Dennoch irgendwie, ich traue mich fast nicht es zu sagen: Es war gut, dass wir darüber geredet hatten. Ich hatte den Eindruck, dass wir uns nach einer zwar im Ganzen erwartungsgemäß verlaufenen Sitzung etwas freundlicher verabschiedeten als sonst. Jedenfalls fuhr ich spät am Abend wacher nach Hause, als ich gekommen war.
13 Leidet jemand unter euch, bete er; geht es jemandem gut, lobsinge er.
14 Wird jemand unter euch krank, rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich. Sie sollen über ihn beten und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn.
15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufstehen lassen; und hat er Sünden begangen, werden sie ihm vergeben werden.
16 Bekennt also einander die Sünden und betet füreinander, dass ihr geheilt werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel zu bewirken
- so heißt gegen Ende des Jakobusbriefes im 5. Kapitel: dem Predigttext für den heutigen Sonntag. Da geht es nicht eigentlich um die Frage, ob denn Gebete heilen können. Das war damals kein Thema. Und das aber auch bei unserem Gespräch im Kirchenvorstand kaum eine Rolle gespielt. Sondern es geht darum, woran wir uns denn überhaupt orientieren, wenn es uns gut oder schlecht geht. Ob wir darüber überhaupt noch ins Gespräch kommen, untereinander, in der Gemeinde und mit Gott. Und ob solche Gespräche noch eine Rolle spielen in unserem Leben – vielleicht sogar so, dass sich unser gemeinsames Leben verändert.
In dieser Perspektive setzt man außen an. Man redet von den kleinen Dingen, an denen man ablesen kann, ob einer noch bei der Sache ist. Der Verfasser des Jakobusbriefes beobachtet sehr genau. Gut verhaltenstherapeutisch geht er davon aus, dass man jemanden viel leichter wieder in Gang bringt und ihm dann hilft, seinen Weg zu gehen, wenn man hier unten ansetzt: Im Alltag und bei den kleinen Dingen; bei dem, was zu tun ist, bei dem was jeder tun oder verändern kann. Von solchen einzelnen Werken gelangt man dann, wie er an anderer Stelle sagt: zum „vollkommenen Gesetz der Freiheit“ (1, 25). Von der Barmherzigkeit untereinander zum „barmherzigen Gott“, zu dem sich dieser Mahner bekennt (2, 12f.). Ihm ist allerdings vor allem der der negative Zusammenhang jedenfalls klar: „Wenn der Glaube ohne Werke bleibt, stirbt er von selbst.“ (2, 17.26)
Im Jakobusbrief wirbt einer für Gott. Ehe das Glaubensleben verlischt, bläst er behutsam in die verlöschende Glut eines bereits selbst alt und krank gewordenen Christentums. Er ist nahe bei uns – und er beugt sich dabei tief nach unten.
2. Flamme empor?
Vielleicht zu tief, liebe Gemeinde? Der unbekannte Verfasser, der sich vermutlich in die Tradition des Herrenbruders Jakobus gestellt hat, spricht den Einzelnen als Mitglied und die Gemeinde auf ihre Mitgliederorientierung hin an. Alle, die sein Brief erreicht, ermahnt er, gemeinsam geduldig auf die Wiederkunft des Herrn zu warten, unterdessen jedoch konsequent zu bleiben und Profil zu zeigen nach innen wie nach außen. Er zeigt auch, wie das gehen könnte in guten und in schlechten Tagen: indem man sich in der Kirche als Organisation um die Kranken und um die Gesunden kümmert, um Körper, Geist und Seele. – Das Verhältnis zu Christus wird hier abhängig gemacht vom Verhältnis zur Kirche. Genau das hat Schleiermacher als Eigentümlichkeit des Katholizismus bestimmt. Der Jakobusbrief ist in diesem Sinn ein katholischer Brief.
Und wir? Der Protestantismus umgekehrt „(macht) das Verhältnis des Einzelnen zur Kirche abhängig … von seinem Verhältnis zu Christo“, sagt Schleiermacher. Er lebt vom unmittelbaren Gottesbezug, wie Christus selbst ihn aufgezeigt hat. Der Himmel tut sich auf, das Licht bricht hervor, im Feuer der Liebe Gottes verbrennen alle menschlichen Versuche, sich Gott zu nähern. In Christus offenbart sich Gott selbst als „Ende des Gesetzes“.
So weit die Theorie, sind wir versucht zu sagen. Aber diese Orientierung an der senkrechten Achse, persönlich statt institutionell: sie vermag wahrhaftig frei zu machen. Immer wieder in der Geschichte und auch heute noch. Dass Gott uns so nimmt, wie wir sind, das vermag den zu verwandeln, der dieses Geschenk mit offenen Armen empfängt. So hat Paulus Gott verkündet, und das riss ihn aus der Routine jüdischer Religion heraus. Das sah auch Luther so, und das zerbrach auch zu seiner Zeit den Zusammenhang einer Routine gewordenen religiösen Praxis.
Luther war ein Feuerkopf wie Paulus, dem er sich so nahe fühlte und der auch immer von seiner eigenen Glaubenserfahrung her argumentierte. Eben nicht als Beobachter, sondern von innen heraus. Im unmittelbaren Gottesbezug, das wissen solche Menschen, lodert die Flamme des Geistes immer wieder auf. Und dieser Heilige Geist ist der Geist, von dem die Kirche lebt.
Aber ist es wirklich das, was jener Jakobus provozieren will? Oder bleibt er eher jener alternativen waagerechten Orientierung an der Institution verhaftet, bei deren Realität er einsetzt? Gott offenbart sich einem Paulus oder einem Luther ja gerade dadurch, dass er sie von dem Wahn befreite, wir könnten oder wir müssten durch unsere vorbildliche Moral oder durch religiösen Eifer Gott gnädig stimmen – oder auch gegen alle Zweifel durch einen heroischen Glauben an die Heilkraft des Gebet, zu dem der Predigttext uns jedenfalls heute aufzufordern scheint.
Aber im Feuer seiner Liebe verbrennt Gott auch unser altes religiöse Ich. Er tut dies, ehe die große Krankheit unserer Seele uns selbst von innen her verzehrt und unsere Seele sterben lässt, während wir draußen noch geschäftig tätig sind und immer mehr andere Dinge wichtig werden. Der Verfasser unseres Briefes beobachtet das sehr realistisch. Er sieht, wie die Christen zu Aufsteigern werden und sich im Wirtschaftsleben engagieren. Er kritisiert noch die Reichen draußen, aber auch schon die Geschäftsleute drinnen, Und er sieht, wie die Gemeinde Wohlhabende umwirbt, die interessiert vorbeischauen. Anknüpfungspunkte für den Sozialethiker in Hülle und Fülle.
Aber weil in diesem Brief eigentlich gar nicht direkt von diesem Glauben an Jesus Christus die Rede sei, der uns neu: über Gott auf unsere Nächsten hin orientiert: darum hat Luther den Jakobusbrief eine „Strohepistel“ genannt. Und weil er dachte, der Verfasser gebe sich für den älteren der beiden Jakobus-Apostel aus, sagte er im Zorn, er würde am liebsten handeln „wie der Pfaff von Kalenberg“. Der heizte nämlich mit den hölzernen Apostelstatuen den Ofen, als die Herzogin einmal überraschend vorbeikam und in seiner kalten Stube saß. „Nun bück dich, Jeckel, du musst auch hinein“, soll er am Schluss gesagt haben, als jener Jakobus sich als etwas sperrig erwies.
Allerdings: Wer so mit vollen Backen in die Glut bläst, wer Glaubensglut entfacht, der spielt mit dem Feuer. Das ist eine hohe Kunst, wie wir heute besser wissen als in religiös ruhigen Zeiten. Kaum geht mit dem Papst, der eigentlich die Wogen glätten wollte, der ehemalige Kollege, der Professor durch, ein Zitat zuviel (unsere große Versuchung): schon ist es, als ob jemand Öl ins Feuer gießt. Die Flammen schlagen empor – und Andere haben leicht leicht zündeln. Man muss doch mindestens hinzufügen müssen: Es gibt die Versuchung zu religiöser Gewaltbegründung in allen Religionen und Konfessionen: Jüdische, muslimische und christliche Theologen aller Konfessionen haben Kriege heilig gesprochen, leider.
Im betroffenen Schweigen danach hätte dann vielleicht von mehr Menschen jenes Zitat richtig gehört werden können, auf das es Benedikt XVI eigentlich ankam: „Gott hat kein Gefallen am Blut, und nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider … Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden mit dem Tod bedrohen kann."
3. Jakobus: der Schutzpatron der Mittelmäßigen
Liebe Gemeinde, es geht nicht um zu viel oder um zu wenig Feuer. Die Frage ist, was oder richtiger: wessen Herz da brennt. Hier ist Vater Luther eindeutig, weil Gott in Christus eindeutig ist: Wenn wir in das Herz Gottes schauen könnten, sagte er, dann sehen wir da „einen glühenden Backofen voller Liebe“. „Liebe zu Leuten“, fügt er hinzu: Menschenliebe.
Aber sind wir noch beim Text? – Wir haben uns in Wirklichkeit gar nicht von ihm entfernt. Dieser Gott, der sich so von innen erschließt, offenbart sich eben nicht irgendwie, nicht durch Feuer und Schwert, auch nicht einfach als der Allmächtige. An den glauben die Dämonen auch, heißt es in unserem Brief, „und sie zittern vor ihm“ (2, 19). „Er könnte es wohl selbst tun“, sagt Luther von diesem Gott, „er will es aber durch dich tun“. Er könnte eine Legion Engel schicken – sagt der Teufel zu Jesus. Er könnte sich wohl eine mächtige, reine Kirche bauen, er könnte wohl einfach selbst alle Krankheiten heilen, müssen wir hinzufügen: er will aber alles dies nicht an uns vorbei, sondern in, unter und durch uns tun oder lassen – so wie er in Jesus Christus als Mensch unter uns gewesen ist, unsere Freuden und unsere Leiden, unsere Hoffnungen und unsere Ängste mit uns geteilt und Gemeinschaft mit uns gesucht hat.
13 Leidet jemand unter euch, bete er; geht es jemandem gut, lobsinge er.
14 Wird jemand unter euch krank, rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich. Sie sollen über ihn beten und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn.
15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufstehen lassen; und hat er Sünden begangen, werden sie ihm vergeben werden.
Wir müssen nicht an Heilungen als Wunder glauben. Wir müssen aus unserem Text nicht die Anweisung herauslesen, Kranke zu salben oder daraus gar ein Sakrament zu machen, das man wiederum haben muss, damit man geheilt oder doch religiös gerettet wird, wenn Heilung ausbleibt. In der Freiheit von solchen Bedingungen und Forderungen, mit denen wir die Liebe Gottes immer wieder umstellen, offenbart sich dieser sicher zu allererst bei religiösen Genies: seinen Mozarts, auf denen er spielt wie auf einer Zauberflöte. Da stehen wir staunend vor der Unbefangenheit, mit der Luther die Verfasserfrage, die Traditionsverhältnisse und die theologische Qualität dieses Briefes erörtert. Seine Erkenntnisse und seine hermeneutischen Prinzipien sind wegweisend bis heute: „Was Christus nicht lehret, das ist nicht apostolisch, wenns gleich S. Petrus oder Paulus lehret; umgekehrt, was Christus predigt, das ist apostolisch, wenns gleich Judas, Hannas, Pilatus und Herodes täte.“
Senkrecht von oben. Das sitzt. Der Papst sah in solchem Denken die Orientierungslosigkeit der neuzeitlichen Vernunft begründet. Er meinte in seiner Rede gar nicht die Muslime, sondern uns: uns Protestanten, uns Wissenschaftler, die wir von dieser Freiheit allzu unbefangen Gebrauch machen. Aber jene Vernunft lässt sich eben von jener sachgebundenen Freiheit nicht trennen, die sich Luther nicht zuletzt am Jakobusbrief erarbeitet hatte. Es ist eben jene Freiheit, mit der wir heute Kritik üben: untereinander, am Papst – aber eben auch an Luther. Der hat sich nicht nur wahrscheinlich über die Verfasserzuschreibung getäuscht: Er hat – was schwerer wiegt – auch nicht gesehen, wie nahe dieser Jakobus in Wahrheit bei Paulus ist – und in welcher Weise dieser Brief nicht einfach die Leute moralisch bei der Stange hält, sondern wie er auf seine Art Christum treibet. Er besteht ganz paulinisch darauf, dass die Freiheit des Glaubens sich erst durch die Selbstbindung in der Liebe vollendet.
Wir sind beim Text. Denn in ihm geht es um eben jene Orientierung des Glaubens, die allein die tätige, die sich selbst inkarnierende Liebe zu gewähren vermag. Bis in Institutionalisierung, Professionalisierung, ja: bis in die recht verstandene Säkularisierung hinein. Eine Gemeinschaft, der der Gottesbezug verloren geht – aber auch ein Gottesbezug, der sich nicht gemeinschaftsbildend und -gestaltend äußert: beides wäre nicht christlich, wie gerade der ökumenisch denkende Schleiermacher wusste. Und genau um diesen Zusammenhang jener senkrechten mit dieser waagerechten Achse geht es im Brief wie in unserem Text. Nur so können wir uns christlich orientieren. „Achtet auf die Mittel. Die großen Ziele sorgen für sich selbst“, hat Gandhi einmal gesagt. So ist es auch hier.
Allerdings, da hatte Luther wiederum Recht, spricht hier nicht ein Mozart, sondern allenfalls ein Salieri zu uns. Jener Konkurrent des musikalischen Genies hat sich in Peter Shaffers Stück „Amadeus“ als „Schutzpatron der Mittelmäßigen“ bezeichnet. Als solchen, als jemanden der uns sehr nahe ist, wollen wir den Verfasser unseres Briefes ehren, der sich „Jakobus“ nennt. Er predigt in einer Weise evangelisch, wie ich das von meinem katholischen Privatheiligen, dem verstorbenen Moraltheologen Bernhard Häring gelernt habe. Der hat mir einmal gesagt: „Ihr Protestanten habt völlig recht: Man darf niemals Gesetz predigen. Immer nur Evangelium.“ Und dann nannte er als Quintessenz einer unglaublichen Verkündigungsgeschichte, die ich ein andermal erzähle: „Die frohe Botschaft für uns heute heißt: Ihr könnt euch wirklich ändern.“
Die Gemeinschaft stiftende Liebe Gottes entfaltet wunderbarer Weise immer wieder ihre heilende Wirkung – obwohl wir so sind, wie wir sind. Die frohe Botschaft lautet auch für uns Mittelmäßige hier und jetzt am Anfang dieses neuen Semesters, dass wir uns wirklich ändern können. Ein bisschen Kommunikation und Konzentration auf das wirklich Wesentliche. Es ist nicht schwer.
13 Leidet jemand unter euch, bete er; geht es jemandem gut, lobsinge er…
16 Bekennt einander die Sünden und betet füreinander, dass ihr geheilt werdet. Das Gebet des Gerechten vermag viel zu bewirken.
Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herze und Sinne in Jesus Christus.
Amen.

