Universitätsgottesdienst 14.01.2007
Predigt zu Mk 2,18-20
Prof. Dr. Angela Standhartinger
Komm mein Freund, der Braut entgegen,
wir wollen den Schabbat empfangen. (...)
Der Ruhe entgegen, auf, laßt uns gehn!
Denn sie ist uns des Segens Quell.
Vom Anfang, von Vorzeit dazu ersehen,
Schöpfungsende, vom Anfang umfangen.
wir wollen den Schabbat empfangen. (...)
Ermuntre dich, ermuntre dich,
auf, Leucht! Denn es kommt dein Licht.
Erwach, erwach! Lieder sprich
Gottes Glanz ist dir aufgegangen!
Komm, mein Freund, der Braut entgegen,
wir wollen den Schabbat empfangen. (:..)
Es sinken deine Würger in Staub,
es freut sich über dich dein Gott
wie der Bräutigam an der Braut voll Verlangen
wir wollen den Schabbat empfangen. (...)1
Liebe Gemeinde,
in vielen jüdischen Gemeinden wird am Freitag Abend die Braut, Schabbat, mit diesem Lied, Lecha Dodi, empfangen. Man steht auf, dreht sich zur Tür und im Singen zieht der Feiertag als Braut in die Gemeinde. Die Braut Schabbat steht für Gottes Liebe zu seinem Volk, denn „es freut sich über dich dein Gott, wie der Bräutigam an der Braut voller Verlangen.“ Am Feiertag ist „genug des Weilens im Tränental, denn Gottes Glanz ist aufgegangen.“
Auch wir, die christlichen Gemeinden, befinden uns in der Freudenzeit, der Epiphaniaszeit. Epiphaínein (evpifai,ein) heißt erscheinen, sich zeigen, sichtbar werden. Epiphanias am 6. Januar ist das altkirchliche Weihnachtsfest. Bis heute wird es als Hauptfest in den östlichen Kirchen gefeiert. Die Epiphaniaszeit gehört zur weihnachtlichen Festzeit, in der wir Christi Erscheinen in der Welt feiern.
Der heutige 2. Sonntag nach Epiphanias steht ganz im Zeichen der beginnenden Wirksamkeit Jesu in der Welt. Christus gibt sich unter uns zu erkennen. Die Frage, der das Epiphaniasfest nachgehen möchte, lautet: Wer ist dieser Christus und wie kann man ihn erkennen?
In der Lesung haben wir vom Weinwunder bei der Hochzeit in Kana gehört, Jesu erstem Wunder im Johannesevangelium. Und auch im heutigen Predigttext geht es um das Thema Hochzeit: Ich lese Markus 2,18–20:
(2,18) Und die Jüngerinnen und Jünger des Johannes und die der Pharisäer fasteten. Und einige Leute kommen und sagen zu ihm: „Warum fasten die Jüngerinnen und Jünger des Johannes, und die der Pharisäer, aber die, die sich zu deinen Jüngerinnen und Jüngern zählen, fasten nicht?“ (19) Und Jesus sagte ihnen: „Können etwa die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. (20) Es werden aber Tage kommen, an denen der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, und dann werden sie fasten, an jenem Tag.“
Der Text bringt eine kleine Szene, die in einer Antwort Jesu gipfelt. Es geht um den Vergleich religiöser Praktiken. Während die Leute des Täufers Johannes und der Pharisäer fasten, fasten die Jüngerinnen und Jünger Jesu nicht. Die Frage derjenigen, die da zu Jesus kommen, zielt darauf, Jesus auf dem Markt der religiösen Angebote zu positionieren.
Jesus antwortet mit einem Bild, das die Erfahrung anspricht. Hochzeitsgäste fasten nicht – jedenfalls nicht solange die Hochzeit im Gange ist. Wenn die Hochzeit vorüber ist, werden sie wieder fasten.
Welche Antwort gibt dieses Bild auf die Frage? Ist es überhaupt eine Antwort?
Natürlich kann das Bild erklären – dann jedenfalls, wenn man Jesus unmittelbar mit dem Bräutigam identifiziert. Solange der Bräutigam Jesus unter den Jüngerinnen und Jüngern weilt, fasten sie nicht. Wenn er weggenommen ist, an Karfreitag, an jenem Tag, werden sie fasten. Der Text handelt dann von der Begründung christlicher Fastenpraxis – an Karfreitag und nach Ostern.
Jedoch muss man Fasten begründen? Wie alle religiösen Menschen in der Antike, fasteten die ersten Gemeinden aus den verschiedensten Anlässen. Aus Trauer und Klage, aus Buße, aber ebenso zur Bekräftigung des Gebets, um eine Offenbarung zu empfangen, um sich auf eine Gottesbegegnung vorzubereiten (vgl. z.B. Apg 14,23; Mt 6,16–18; 1 Kor 7,5; Ex 34,38). Fasten war nichts Ungewöhnliches und bedurfte keiner speziellen Erklärung.
Und vor allem – wenn die Gemeinde des Markusevangelium, die uns diesen Text überlieferte, sagen wollte, ihr müsst nach Ostern oder an Karfreitag wieder fasten, hätte sie dann Jesus verhüllt von einem Bräutigam reden lassen? Jesus hätte doch viel deutlicher sagen können „solange ich bei ihnen bin...“. Warum das Bild von einer Hochzeitsfeier, das Assoziationen von gutem Essen in Hülle und Fülle, Wein und süßen Saft, Kuchen und Gesang, Umzug und Tanzen, fröhliche Menschen und überall in der Luft liegender erotischer Spannung aufsteigen lässt? Will uns das Markusevangelium den Spaß verderben? Wohl kaum.
Die Antwort Jesu führt ein Bild aus, beschreibt ein Gleichnis. Ein Gleichnis von einer Hochzeitsgesellschaft, die mit den Brautleuten feiert. Gleichnisse haben niemals nur eine Bedeutungsmöglichkeit. Gleichnisse sind offen dafür, sich in das Bild hinein zu begeben und es auf sich wirken zu lassen. Das Bild von der Hochzeitsgesellschaft mit und ohne Bräutigam, birgt eine ganze Reihe von Antworten auf die Frage, wer Christus ist und wie man ihn erkennen kann. Ich möchte Sie einladen, mit mir über dieses Gleichnis nachzudenken.
Im Markusevangelium folgt das Wort von der Hochzeitsgesellschaft auf das Gastmahl mit Levi und den Zöllnerinnen und Sündern (Mk 2,14–17). Die Jesusbewegung feierte gern und viel. Nicht um sonst wird Jesus Fresser und Weinsäufer genannt. Wer 700 Liter Wein für eine Dorfhochzeit spendet, ist kein Kostverächter (vgl. Joh 2,1–11).
Das Bild der Hochzeit passt also gut in Jesu Wirken. Jesus feiert mit denjenigen, die sonst am Rande der Gesellschaft stehen. Die niemand einlädt, deren Einladung niemand folgt und mit denjenigen, die zu arm sind um sich Fest, Wein und Musik überhaupt zu leisten. Bei ihnen kehren Jesus und die Seinen ein, mit ihnen feiern sie rauschende Feste.
Aber bringt unser Text hier nicht doch den warnenden Zeigefänger. „Es werden Tage kommen...“ Freut euch nicht zu früh. Alles hat seinen Preis. Die Völlerei wird Folgen haben.
So kann man den Text verstehen, wenn man ihn aus der Perspektive derjenigen liest, die es sich aussuchen können, ob sie feiern oder fasten. Aber das griechische Wort nēsteúein (nhsteu,ein)wird nicht nur für religiöses Fasten und freiwilligen Nahrungsverzicht gebraucht. Vielmehr heißt nēsteúein (nhsteu,ein) überhaupt nüchtern sein, nicht gegessen und einen leeren Magen haben und ohne Nahrung sein. Für alle diejenigen, die aus Mangel hungern, sagt dieser Text das Gegenteil an. Eine Feier ist da – der Hunger ist vorbei. Ihr seid eingeladen und alle werdet ihr satt werden.
„Für alles gibt es eine Zeit, und für jedes Vorhaben unter dem Himmel eine Stunde ... eine Zeit zu weinen und eine Zeit zu lachen, Zeit zu trauern und Zeit zu tanzen.“ (Koh 3) Kein Hunger, keine Trauer währt ewig, denn der Bräutigam ist schon da. Niemand – so die Verheißung des Textes – bleibt draußen. Alle Hochzeitsgäste freuen sich mit den Brautleuten über das Wunder ihrer Gemeinschaft.
Geht es also um die Unterscheidung der Zeiten? Darum, nicht einfach so vor sich hinzuleben? Fordert Jesus in dem Gleichnis auf, sich einzulassen auf die Freude des Festes? Geht es also darum richtig zu feiern, damit die Zeit der Trauer überstanden werden kann? Ist das Gleichnis eine Absage an den Versuch, sich der Freude zu enthalten, damit der Schmerz über ihre Abwesenheit nicht übermächtig wird?
Auch diese Deutung ist sicher angemessen. Im Markusevangelium folgt das Wort vom neuen Wein in neue Schläuche (Mk 2,21f). Niemand mit praktischem Verstand füllt neuen, gärenden Wein in alte Schläuche. Die Schläuche würden zerreißen. Altes kann nur bewahrt werden, wenn man es nicht mit Neuem vermengt. Neues kann sich in Neuem entfalten. Vermischung bringt beides, Altes und Neues zugleich in Gefahr. Feiern und Trauern gleichzeitig ist unmöglich. Fest ist Fest und Fasten ist Fasten. Beides ist wichtig – beides richtig und notwendig. Keines von beiden darf zu kurz kommen. Nur so kann Altes bewahrt werden und zugleich Neues Raum gewinnen.
Der Hinweis auf die Tage, in denen der Bräutigam aus der Hochzeitsgesellschaft weggenommen sein wird, sagt also auch: Auch wenn es Tage gibt, an denen ihr fastet und trauert, an denen ihr weinen und klagen werdet, hat die Festzeit ihr Recht. Sie hat ihr Recht – gerade weil die Welt so ist wie sie ist, weil Menschen Schmerzen leiden und trauern über den Verlust ihrer Liebe, ihrer Freude, ihrer Gesundheit, ihrer Kraft. Gerade deshalb und im Angesicht dessen, ist jetzt eine Zeit der Freude, weil die Brautleute zusammengefunden haben und die Gäste da sind.
Für das Markusevangelium ist das Gleichnis vor allem eine Ansage der Zeit. In diesem Evangelium beginnt Jesus seine öffentliche Wirksamkeit mit dem Satz: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen.“(Mk 1,14). Teufel und Dämonen, alle Mächte, die die Gottesherrschaft in dieser Welt verhindern, sind auf dem Rückzug (Mk 3,23–27). Eine neue Gemeinschaft ist im Entstehen. Was Gott entgegensteht, hat jetzt seine Macht verloren, weil Gottes Herrschaft und Gerechtigkeit Wirklichkeit werden.
Das Gleichnis ist offen für viele Deutungen, aber zugleich bleibt es auch rätselhaft. Irgendwie ist doch das Bild im Gleichnis unvollständig. Wo ist eigentlich die Braut? Ein Bräutigam genügt für eine Hochzeitsfeier nicht. Ist sie schon im Brautgemach? Wer ist sie eigentlich? Israel, Gottes Volk, Zion, Jerusalem, die Kirche, die Seele der Glaubenden? Ein seltsames Bild, in dem es einen Bräutigam und eine Hochzeitsgesellschaft gibt – aber keine Braut.
Und was ist das für eine Hochzeitsgesellschaft, die ganz wörtlich „Kinder“ oder „Söhne des Brautgemachs“ heißt? Habe ich richtig übersetzt, wenn ich mit der Auslegung die Formulierung als Übertragung eines hebräischen Ausdrucks für Hochzeitsgesellschaft gedeutet habe? Sind die Kinder des Brautgemachs nicht eher die Nachkommen, die aus jener Nacht von Braut und Bräutigam hervorgehen werden?
Das Gleichnis lässt sich nicht festlegen, es fordert zum Nachdenken heraus. Und es verweist zurück in die alttestamentliche Tradition. Das Bild der Hochzeit hat im Ersten Testament eine Geschichte. Mit Hochzeitsliedern besingt das Jesajabuch das Erscheinen von Gottes Gerechtigkeit in Israel:
„Laut freue ich mich über Gott,
meine Kehle jubelt über meine Gottheit,
denn sie hat mir Kleider der Rettung angezogen,
mich in den Mantel der Gerechtigkeit gehüllt,
wie ein Bräutigam den feierlichen Schmuck anlegt
und eine Braut sich schmückt mit ihren Schmuckstücken. ....
Denn wie ein junger Mann ein Mädchen heiratet,
so wird dich heiraten, wer dich erbaut.
Wie sich ein Bräutigam freut an der Braut,
so freut sich deine Gottheit an dir.“ (Jes 61,10.62,5)2
Die Hochzeitsfeier steht für die Heilszeit. Eine Zeit in der sich die Braut an ihrem Bräutigam und der Bräutigam an seiner Braut freut. Gott ist der Bräutigam der sich mit den Menschen vereinigt, so dass Gerechtigkeit in der Welt Wohnung nimmt. Die Freude dieser Brauleute verwandelt, sie lässt Verzweiflung und Not, Streit und Versagen vergessen. Liebe und Fröhlichkeit gewinnt. Freude und Gerechtigkeit begleiten und vereinen sich mit Gott und den Menschen zum großen Fest.
Sind wir also die Braut, mit denen Bräutigam und Hochzeitsgäste feiern? Oder sind wir die Hochzeitsgesellschaft, die sich über Gottes Hochzeit mit seiner Welt freut? Oder sind wir Zaungäste, die amüsiert oder vielleicht auch ein wenig betreten dem fröhlichen Treiben zusehen?
Das Gleichnis bleibt offen. Es verpflichtet nicht. Es zwingt niemand hinein in eine Fröhlichkeit, die jetzt nicht gelebt werden kann. Aber das Gleichnis lädt ein. Es lädt ein sich umzudrehen aus dem Alltag und den Einzug der Brautleute mit all ihren Hochzeitsgästen zu erwarten. Wie kann man Christus in der Welt erkennen? – frage Epiphanias. „Erscheinen ist unsere Rettung und die göttliche Freundlichkeit und Liebe“ (Tit 3,4) antwortet die Epistel des 1. Weihnachtstags. In der Freude über Gottes Herrschaft und Gerechtigkeit in der Welt, spricht das heutige Sonntagsevangelium, im Hochzeitsfest, das Gott und Menschen vereint.3
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen
[1] Übersetzung Else Schuber-Christaller, der Gottesdienst der Synagogen, Gießen 1927 zitiert in Robert Raphael Geis, Vom unbekannten Judentum, Freiburg 1961, 30f. Quelle Internet.
[2] Übersetzung Matthias Millard und Beate Schmidtgen, BigS.
[3] Vgl. Offb 22,17.

