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Liebe in Zeiten des Krieges –
Geschichten um David
David und Jonathan, David und Absalom

Universitätsgottesdienst in Marburg
am 2. Advent, den 9. Dezember 2007

Prof. Dr.  Thomas Erne

 

Liebe Gemeinde,

Machtverhältnisse - Geschichten um David, so heißt die Reihe der Universitätsgottesdienste in diesem Semester. Zwei Geschichten um Liebe in Zeiten des Krieges werden uns heute beschäftigen. Wie steht es um Macht und Liebe, wenn die Söhne gegen die Väter Krieg führen - David und Absalom? Und wie steht es um Macht und Liebe, wenn Väter die Söhne bekämpfen - Saul gegen David und Jonathan?

 

Lesung: 2. Sam 18, 9-11

 

Absalom der Königssohn

ist am Baum gehangen

hätt´ er Vater und Mutter g´folgt

wär´s ihm nicht so ergangen.

 

Da hängt in meiner Kindheitserinnerung ein Königssohn, Absalom, der schönste Mann Israels, Liebling der Frauen, hilflos in der Luft. Das Bild in meiner Kinderbibel zeigt ihn mit langem, prachtvollem Haar, das in den Zweigen einer Eiche verfangen ist. Sein Maultier ist unter ihm davon geschossen. So er zappelt in der Luft mit Schwert und Mantel. Man ahnt schon, dass Joab und die Soldaten bald da sein werden, um ihre Speere in sein Herz zu stoßen.

So also enden Söhne, die sich gegen ihre Väter erheben. Sie hängen buchstäblich in der Luft. Jedenfalls wenn Söhne die These Freuds vom Vatermord so wörtlich nehmen wie Absalom und Krieg führen gegen David, den eigenen Vater, ihn aus seinem Palast und seinem Königreich jagen, öffentlich mit seinen Nebenfrauen schlafen, damit jedermann weiß, wer hier und jetzt das Sagen hat.

 

1. Liebe in Zeiten des Krieges – Geschichten um David

Krieg der Söhne gegen die Väter

Wie steht es um Macht und Liebe, wenn Söhne gegen die Väter Krieg führen und David der König und ihn dann dort hängen sieht, seinen Sohn mit seinen prachtvollen Haaren und den drei Stäben im Herzen, die Joab ihm hineinstieß, unter der Eiche „im Walde Ephraim“ (18,6)?

 

Als Kind war mir die Botschaft des Bildes klar: Wer Vater und Mutter nicht ehrt, der lebt verkehrt. Es gibt eine Ordnung, die muß ein Kind einhalten. Wenn es gegen diese Ordnung verstößt, wird die Ordnung gegen das Kind gekehrt. Dann wird es bestraft. Das ist hauptsächlich Aufgabe der Väter. Sie sind die Garanten der Ordnung, nicht Quelle der Liebe.

 

So ein Vater steht im Film von Sönke Wortmann „Das Wunder von Bern“ im Ruhrgebiet vor der Kneipe mit seinem Sohn. Im Hintergrund rauchen die Hochhöfen. Es ist 1953 und die Fußballweltmeisterschaft in Bern läuft gerade. Der Vater fragt seinen Sohn, wozu er in der Kirche war und eine Kerze angezündet hat. Und der Sohn erklärt ihm strahlend: „Für Rahn. Sepp Herberger stellt ihn doch nicht auf. Da dachte ich, ich muß was tun.“ Und dann kracht die Hand des Vaters mitten in das strahlende Gesicht des Jungen. „Für so einen Blödsinn missbrauchst du die Kirche? Du gehst jetzt heim und denkst darüber nach, wozu Kirche da ist. Und heul nicht. Deutsche Jungen weinen nicht.“

 

Ein Vater, der sich nicht mehr auskennt in seinem Leben. Gebrochen und traumatisiert kehrt er aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Versehentlich umarmt er die herangewachsene Tochter auf dem Bahnsteig, weil er Ehefrau nicht mehr erkennt. Mit der Ehefrau, die jahrelang die Familie zusammenhielt, kann er nichts anfangen, auch nicht im Ehebett. Eigentlich hat er überhaupt keine Gefühle mehr. Aber eines weiß dieser Vater genau: Er ist dazu da den Kindern wieder Disziplin beizubringen, damit sie später etwas werden. Und um in der Familie die Ordnung wiederherzustellen. Die Kneipe der Frau wird verkauft. Der Mann wird doch wohl seine Familie ernähren können. Und Kinder reden nur, wenn sie gefragt werden. Und deutsche Jungen weinen nicht. Väter, Garanten der Ordnung – nicht Quelle der Liebe.

 

2. Liebe in Zeiten des Krieges – Geschichten um David

Krieg der Väter gegen die Söhne

 

Und wie steht es mit Macht und Liebe, wenn Väter gegen die Söhne Krieg führen und David der Sohn ist? Wenn er auf der anderen Seite steht, der junge David, der Hirtenknabe. Ziehsohn des großen Königs Saul und Wahlbruder des Thronerben Jonathan?

 

Lesung: 1. Sam. 19, 4-10

 

Es braucht offenbar nur wenig, dass Macht pathologisch wird. Das muß Davids erste Erfahrung gewesen sein. Der Vater, Hüter der Ordnung, kann zu einem blindwütigen Tyrannen werden. Und wenn dies geschieht, und König Saul der böse Geist überfällt – irritierend: Gott selbst schickt diesen bösen Geist (1.Sam 18, 10; 19, 9) -, kann er sich selber nicht mehr helfen. „Reptiliengehirn“, nennt das die Konfliktforschung. Es ist eine Starre der Gefühle und des Denkens. Die höheren Funktionen des Geistes sind heruntergefahren. Nur die niedrigsten Reflexe funktionieren: Zuschlagen oder Fliehen, Machterhalt oder Machtverlust, killing David oder loosing power.

 

Im Film steht der Vater in der Küche und schlägt auf den nackten Hintern seines jüngsten Sohnes, nachdem dieser davongelaufen war, weil er es mit diesem Disziplinautisten nicht mehr ausgehalten hatte. Wie in Trance schlägt er ihn bis die Mutter die Schläge hört und die Schreie des Buben und in die Küche stürzt und dem Vater in den Arm fällt. Nur Mutter fühlt hier noch menschlich, der Vater hat sich von seinem Mitfühlen verabschiedet. Väter mit Reptiliengehirn sind Tyrannen der Ordnung – und überhaupt nicht Quelle der Liebe.

 

Es muß nicht immer die Mutter sein, die Anwältin der Liebe ist. Die Rollen können getauscht werden, aber das Muster bleibt. Macht wird tyrannisch ohne Liebe. Für David ist es Jonathan, der die Starre Sauls durchbricht und für Liebe in Zeiten des Krieges wirbt. Und ab und zu geschieht das Wunder, dass „Saul auf die Stimme Jonathans hört“ Dann schwört er: „So wahr der HERR lebt, David  soll nicht sterben.“ (1. Sam 19, 6)  Schwört bis der böse Geist wieder über ihn kommt und das Reptiliengehirn alles auf die Machtfrage zuspitzt: „Wäre David tot, meine Dynastie wäre gerettet.“

 

Wie wird man selber Vater mit solchen Erfahrungen? Fühlt David Befriedigung, wenn er seinen renitenten Sohn Absalom im Baum hängen sieht - so wie Saul zufrieden gewesen wäre, wenn er David an die Wand genagelt hätte mit seinem Speer?

 

In meiner Kindheitserinnerung hängt nur der Königssohn, der schöne Absalom an seinen Haaren im Baum. Ich musste wohl erst selber Vater werden, um auf den Vater in dieser Geschichte aufmerksam zu werden: auf Davids Tränen.

Denn als der Bote zu David kommt und ihm den Sieg über die Armee seines Sohnes verkündet „Der HERR hat dir heute Recht verschafft gegen alle, die sich gegen dich auflehnten“, da fragt David nur „Geht es meinem Sohn Absalom auch gut?“ (2. Sam. 18, 31-32). Und als er dann vom Boten erfährt dass sein aufrührerischer Sohn, der ihm ja nach dem Leben trachtete, tot ist, „Da erbebte der König und ging hinauf in das Obergemach und weinte und im Gehen rief er: Mein Sohn Absalom! Mein Sohn, mein Sohn Absalom! Wollte Gott, ich wäre für dich gestorben! O Absalom, mein Sohn, mein Sohn!“ (19, 1).

 

Das ist ein wilder Schrei. Das Volk verstummt und die siegreichen Soldaten verkriechen sich. Kein Triumphgeheul, sondern fassungsloses Jammern. Der Vater David leidet wie ein Hund unter den Befehlen, die er als König geben mußte. Der Vater David wollte die Quelle der Liebe für seinen Sohn sein, aber der König David muß die Ordnung gegen ihn wenden. So zerreißt der König David dem Vater David schier gar das Herz. Aber dass es ihm schier gar das Herz zerreißt und Liebe und Macht in ihm in einem solchem Widerstreit sind und er das auch noch öffentlich zeigt -  das hebt David hoch hinaus über Saul. Und über die meisten Nachfolger in den Ämtern der Macht - bis heute.

 

Auch der Film „das Wunder von Bern“ endete mit den Tränen des Vaters. Sein Sohn sitzt ihm gegenüber. „Was mußt du von deinem Vater denken. Sitzt da und weint wie ein kleines Kind.“ Da setzt sich der Junge neben seinem Vater und legt den Arm um ihn, um ihn zu trösten „Weißt du“, antwortete der Sohn seinem Vater „ich finde deutschen Jungen dürfen ruhig auch einmal weinen.“

Ich habe meinen Vater nie weinen gesehen. Es wäre ihm zu peinlich gewesen. Ich hatte auch selten die Gelegenheit den Arm um ihn zu legen, um ihn zu trösten.

 

Nicht immer lässt sich im Leben eines Vaters die Spannung  zwischen Macht und Liebe, Ordnung und Gefühl auflösen und schlichten. Väter müssen auch Garanten der Ordnung sein. Sie können nicht  nur Quelle der Liebe sein wollen. Nur bei Gott, dem Vater im Himmel, ist die Quelle der Liebe zugleich der Ursprung wahrer Gerechtigkeit. Aber es wäre ein guter Anfang für uns Väter auf Erden, wenn wir anderen zeigen wie dieser Widerstreit von Macht und Liebe uns zu schaffen macht. Dann hätten nicht nur unseren Söhne ab und zu die Gelegenheit den Arm um uns zu legen und uns zu trösten.

 

Darum: Sanftmut den Männer und Tränen den Vätern, weil wir sie brauchen.

 

Amen

Zuletzt aktualisiert: 02.01.2008 · Heike Mevius

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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