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Wahl wider den Augenschein –
Geschichten um David
David und Samuel

Semestereröffnungsgottesdienst mit Abendmahl
am 21. Oktober 2007

Prof. Dr.  Rainer Kessler

1Sam 16,1-13

 

Die Erzählung davon, wie der Seher Samuel den jungen David findet und im Kreis seiner Brüder zum künftigen König salbt, trägt alle Züge eines Märchens an sich. All die großen und starken älteren Brüder sind es nicht. Es ist der Jüngste, David. An den hatte man so wenig gedacht, dass man ihn erst noch vom Schafe Hüten holen musste. Das ist wie beim hässlichen Entlein, das sich schließlich als stolzer Schwan entpuppt. Es ist wie beim Aschenputtel, das am Schluss doch den Prinzen kriegt.

Das Märchenmotiv vom Kleinen, Unbeachteten, Hässlichen, das am Schluss doch alle Großen, Prominenten und Schönen hinter sich lässt und ganz oben ankommt, ist weit verbreitet und erfreut sich großer Beliebtheit. Warum ist es so beliebt? Warum freuen wir uns, wenn der kleine David später den starken und hochgerüsteten Goliat niedermacht? Warum sind bei einem WM-Spiel die Massen immer auf Seiten der Underdogs, der Kicker aus Nigeria oder Ghana, und freuen sich, wenn die den Favoriten aus Italien oder England ein Bein stellen?

Die Antwort ist leicht gegeben. Wir freuen uns über den Aufstieg des hässlichen Entleins und von Aschenputtel, weil wir uns selber als hässliches Entlein oder als Aschenputtel erleben. Wir freuen uns über den Kleinen, der einmal an den Großen vorbeizieht, weil wir das selber auch so gerne einmal täten. Wir freuen uns über Aschenputtel, weil wir zwar in der Regel selber keinen Prinzen abbekommen, aber uns doch gerne einmal hineinträumen, wie es wäre, wenn … In all diesen Geschichten vom Aufstieg und Sieg der Kleinen identifizieren wir uns immer mit den Kleinen, nie mit denen, an denen sie vorbeiziehen oder die sie besiegen.

Und nun gar unsere Erzählung! Sie ist ja kein Märchen, auch wenn sie ein Märchenmotiv enthält. Sie erzählt von einem geschichtlichen Ereignis. Sie handelt von mehreren geschichtlichen Gestalten, von Samuel und dem späteren König David sowie dessen Familie. Auch der aktuelle König Saul wird genannt, auch wenn er selbst nicht auftritt. Aber neben diesen geschichtlichen Gestalten kennt die Erzählung noch einen weiteren Akteur: Gott. Und diesem Akteur Gott legt sie die Worte in den Mund, die der Geschichte vom Aufstieg des Kleinen die Krone aufsetzen. Gott sagt zu Samuel, nachdem der den ältesten Bruder gesehen hat: „Schau nicht darauf, wie er aussieht, und nicht, ob er hoch gewachsen ist. … Es ist nicht, wie es der Mensch sieht. Denn der Mensch sieht nur auf das Augenfällige, Gott aber sieht auf das Herz“ (V.7). „Wahl wider den Augenschein“ – so haben wir den ersten Gottesdienst der David-Reihe dieses Semesters genannt. Im Jahr 2003 waren die Schlussworte des Verses die Jahreslosung. In der Lutherfassung hörte sich das so an: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“

Das adelt nun wirklich den Aufstieg des Kleinsten. Gott selbst hat den wahren Durch-Blick. Er sieht eben nicht nur das Äußerliche, sondern das Herz. Er blickt hindurch durch das Äußere hinein in das Herz. Ist das nicht tröstlich angesichts all der Ungerechtigkeiten in der Welt? Wenigstens Gott sieht das Herz. Und gelegentlich, wie im Fall Davids, wird dann auch etwas daraus, und der, dessen Herz Gott gesehen hat, kommt an die Spitze.

Doch langsam! Was sieht Gott eigentlich, wenn er David ins Herz schaut? Er sieht da gewiss den begnadeten Musiker. Durch sein Leierspiel vermag er die bösen Geister und tiefen Depressionen zu verjagen, die den König Saul plagen. Gott wird auch den ebenso schlauen wie tapferen und gottesfürchtigen Kämpfer sehen. Nur mit einem Stein aus seiner Hirtenschleuder bringt er die philistäische Kampfmaschine Goliat zu Fall. Gott wird den sehen, den später alle lieben: An erster Stelle Sauls eigene Kinder. Mit dem Sohn Jonatan geht David ein enges Freundschaftsbündnis ein. Die Tochter Michal ist die einzige Frau in der Bibel, von der es ausdrücklich heißt, dass sie einen Mann liebt: Sie liebt David. Und beide heiraten. Aber nicht nur Sauls Kinder, ganz Israel und Juda liebt David. So erzählt es die biblische Geschichte, und das mag Gott in diesem Augenblick alles schon gesehen haben.

Aber er hat sicher nicht nur das gesehen. Er wird doch auch gesehen haben, dass David nach der Flucht vor Saul, zu der ihm seine Frau Michal unter Einsatz ihres Lebens verholfen hat, diese kein einziges Mal aufsucht. Erst viel später, als er schon viele andere Frauen geheiratet hat und nun Michal aus politischen Gründen braucht, erinnert er sich ihrer wieder. Gott wird doch auch gesehen haben, dass David auch dann noch nicht genug hat. Er sieht die schöne Batseba beim Baden. Er schwängert sie, er lässt ihren Ehemann Urija, seinen treuen Offizier, beseitigen, und heiratet schließlich das Opfer seines Ehebruchs. Gott wird es doch auch nicht entgangen sein, dass nach Davids Übernahme der Macht kein männlicher Angehöriger des Hauses Sauls mehr am Leben ist, außer einem verkrüppelten Enkel, der ihm nicht gefährlich werden kann.

Wenn Gott ins Herz schaut, dann sieht er alles, nicht nur die positiven Seiten. Bei David gibt es da auf beiden Seiten viel zu entdecken.

In diesem Punkt unterscheidet sich die Erzählung von der Salbung Davids denn doch grundsätzlich von den Märchen, die vom Aufstieg der Kleinen und Unbeachteten erzählen. Diese enden dann, wenn der Aufstieg vollbracht ist. Aschenputtel bekommt ihren Prinzen. Die beiden heiraten. Was mich wirklich interessieren würde, ist, wie die Ehe der beiden dann ausgesehen hat. Das aber verschweigt das Märchen. Bei David ist es anders. Da ist mit dem Aufstieg nicht Schluss. Da hören wir, wie es weitergeht. Und man kann zusammenfassen: Es geht äußerst menschlich weiter. David ist nichts fremd, nicht Liebe, Tapferkeit und Gottesfurcht, aber auch nicht Ehebruch, Mord und Hinterlist.

Und doch sucht Gott ihn für das Königtum aus. Die Erzählung beharrt darauf, dass Gott weiß, was er tut. „Denn der Mensch sieht nur auf das Augenfällige, Gott aber sieht auf das Herz“. Offenbar hält Gott diesen David, auf dessen Herz er sieht, für den richtigen. Angesichts dessen, was Gott da im Herzen Davids sehen muss, kann das nur heißen: Diese Wahl ist keine Privilegierung Davids. Sie ist ein Auftrag. An diesem Auftrag muss David sich bewähren. Schon das steht nicht mehr in seiner eigenen Kraft. Deshalb endet die Geschichte mit den Worten: „Die Geistkraft Gottes durchdrang David von diesem Tag an“ (V.13).

Die Märchen sind schön, weil wir uns darüber freuen können, dass wenigstens hier einmal die Kleinen und Unscheinbaren nach oben gelangen. Deshalb müssen sie damit auch aufhören, weil es dann wahrscheinlich gar nicht mehr so schön weiter ginge. Die Erzählung von David ist gar nicht so schön. Sie ist realistisch. Denn sie geht weiter. Davids Geschichte fängt an als das Märchen vom Aufstieg des Kleinen. Aber sie geht nicht märchenhaft weiter, sondern sehr menschlich. Die Auswahl Davids ist nicht der Schlusspunkt eines triumphalen Aufstiegs. Sie ist ein Auftrag, an dem sich David erst noch bewähren muss.

Bewährt David sich eigentlich an seinem Auftrag? Ja, ihm gelingt vieles. Er errichtet ein stabiles Königtum. Er überlebt verschiedene Aufstände. Er breitet sein Herrschaftsgebiet aus. Aber er scheitert auch an vielem. Wir haben davon gehört. Das biblische Bild Davids endet deshalb nicht mit der Erzählung der Samuelbücher, die von Aufstieg und Herrschaft Davids berichten. Das biblische Bild Davids wird in den Psalmen fortgeschrieben. Da erleben wir einen David, der sich gerade auch mit seinem Scheitern und seiner Schuld auseinandersetzt. Die Überlieferung legt ihm den 51. Psalm in den Mund, der ein einziges Schuldbekenntnis ist: „Wasche meine ganze Schuld von mir ab. Reinige mich von meiner Sünde. Ja, meine Verbrechen, ich kenne sie genau. Meine Sünde ist mir immerzu gegenwärtig. Gegen dich, dich alleine habe ich gesündigt“ (V.4-6). Und dann die Bitte: „Wende dein Antlitz von meiner Sünde ab. Wisch weg meine ganze Schuld. Ein klares Herz schaffe mir, Gott“ (V.10f).

Die biblische Geschichte von David erzählt nicht einfach, wie Gott dank seines Durchblicks mit sicherem Blick den Richtigen herausfindet. So schlicht ist es nicht. Die biblische Geschichte erzählt vielmehr, wie der Mensch David trotz aller Schwächen seiner Aufgabe dadurch gerecht wird, dass er auf Gott schaut und der zu ihm hält.

Die Geschichte von Davids Salbung ist also, wie ich sagte, nicht die Geschichte einer Privilegierung, sondern die eines Auftrags. Man kann das auch theologischer formulieren. Es ist keine Geschichte von Erwählung und Verwerfung. Ich habe die Übersetzungen verglichen. Bei Luther und in der Zürcher Bibel heißt es an den entscheidenden Stellen immer, Gott habe die sich vorstellenden Brüder „nicht erwählt“. In meiner eigenen Übersetzung sage ich ganz bewusst, er habe sie „nicht ausgesucht“. Denn das Gegenstück zur Erwählung ist theologisch die Verwerfung. In der Tat heißt es bei Luther sowohl von Saul als auch vom ältesten Bruder, Gott habe sie „verworfen“. Ich selber übersetze bei Saul: „Ich habe ihn fallen gelassen“, und beim Bruder: „Ich habe ihn abgelehnt“.

Die Erzählung vom Aufstieg Davids ist für mich keine Erzählung von Erwählung und Verwerfung. Gehen wir doch einmal aus der Märchenerzählung heraus, bei der wir uns immer mit dem Aufsteiger identifizieren. Saul ist gescheitert, weil er anders als später David alles selber machen wollte. So wird es erzählt. Deshalb lässt Gott ihn fallen. Ist uns die Erfahrung fremd, dass wir an etwas scheitern und deshalb eine Stelle verlieren oder eine Seminararbeit wiederholen müssen? Sind wir deshalb verworfen?

Und wie ist das mit den Brüdern? Man könnte es ja einmal nüchtern so beschreiben. Da ist die Stelle des Königs freigeworden. Nun bewerben sich alle Söhne Isais darum. Aber nur einer kann sie kriegen. Der ist nach dem Urteil der Berufungskommission, die hier von Gott allein gebildet wird, eben David. Sind die Brüder deshalb „verworfen“? Wir freuen uns, dass wir in diesem Semester zwei neue Professoren an unserem Fachbereich begrüßen dürfen. Sind die über 60 anderen Männer und Frauen, die sich um diese beiden Stellen beworben haben, deshalb verworfen?

Wenn wir in unserer Erzählung von „erwählen“ und „verwerfen“ reden, wird nach meinem Verständnis alles in missverständlicher Weise theologisch aufgeladen. Gott erwählt die einen, die andern verwirft er. Es riecht nach Prädestination, gar nach doppelter Prädestination. Das ist systematisch-theologisch fragwürdig. Seelsorgerlich ist es unerträglich. Und von der biblischen Erzählung wird es nicht gestützt. Es geht in unserer Erzählung nicht um die Erwählung eines Menschen und die Verwerfung anderer. Es geht um die Auswahl eines Menschen für eine Aufgabe. Ein anderer hatte diese Aufgabe schon einmal, Saul nämlich. Auch den hatte übrigens Gott ausgewählt, es allerdings angesichts der Entwicklung des Kandidaten hinterher bereut. Deshalb lässt er ihn jetzt fallen. Die Brüder mögen andere Aufgaben haben, aber eben nicht die des Königs.

Hängen wir es also tiefer. Es geht nicht um Erwählung und Verwerfung. Es geht um die Auswahl zu einem Auftrag. Wir haben ein neues Semester vor uns. Wir müssen uns bewähren, als Studierende, als Lehrende, als Forschende, als die, die an vielen anderen Aufgaben mitwirken. David ist damals vor seine Aufgabe gestellt worden. Er schien Gott geeignet dafür. Er hat sich als geeignet erwiesen, weil er gerade auch in seinem Scheitern an Gott festgehalten hat – und der dann auch an ihm. Wir stehen heute vor unseren Aufgaben. König ist keiner von uns. Aber auch wir können uns bewähren und dann, wenn wir Misserfolge haben, dennoch an Gott festhalten. Ich bin sicher, dass Gott dann auch an uns festhält.


Zuletzt aktualisiert: 02.01.2008 · Heike Mevius

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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