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Universitätsgottesdienst
am
Buß- und Bettag am 21. November 2007

 

 

 

David und das namenlose Kind:

Der Tod der Unschuldigen

(2. Sam 11 und 12)

 

 Prof. Dr. Dietrich Korsch

 


 

 

Adagio – Presto aus der Sonate für Flöte und B.c. g-moll  von Georg Friedrich Händel

 

EG 155,1

1. Herr Jesu Christ, dich zu uns wend, dein’ Heilgen Geist zu uns send; mit Hilf und Gnad er uns regier und uns den Weg zur Wahrheit führ.

 

Im Namen der Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen

Unsere Hilfe kommt von dem Herrn

der Himmel und Erde gemacht hat.

Wenn alles zu spät ist, liebe Gemeinde, was bleibt dann? Wenn die Taten nicht mehr zurückgenommen werden können, die Geschichte sich nicht mehr zurückdrehen läßt? Wenn das schlechte Gewissen nichts mehr hilft, sogar die bittere Reue nichts mehr fruchtet? Wenn Unschuld in Schuld ertrinkt und Schuld wie Unschuld aussieht? Vielleicht bleibt dann nur noch: Rufen. Zu Gott rufen. Rufen und zu ihm singen. Und sonst nichts tun.

 

Gemeinde: EG 230

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herze und gib mir einen neuen, gewissen Geist. Verwirf mich nicht, verwirf mich nicht von deinem Angesicht, von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.

 

 

 

Psalm 51

A: Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte,

und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.

B: Wasche mich rein von meiner Missetat,

und reinige mich von meiner Sünde;

 

 

Gemeinde: EG 230

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herze und gib mir einen neuen, gewissen Geist. Verwirf mich nicht, verwirf mich nicht von deinem Angesicht, von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.

C: Ich erkenne meine Missetat,

und meine Sünde ist immer vor mir.

D: An dir allein habe ich gesündigt

Und übel vor dir getan,

auf dass du recht behaltest in deinen Worten

und rein dastehst, wenn du richtest.

C: Siehe, ich bin als Sünder geboren,

und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.

D: Siehe, dir gefällt Wahrheit, die im Verborgenen liegt,

und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.

 

Gemeinde: EG 230

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herze und gib mir einen neuen, gewissen Geist. Verwirf mich nicht, verwirf mich nicht von deinem Angesicht, von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.

 

A: Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde;

B: Wasche mich, dass ich schneeweiß werde.

A: Lass mich hören Freude und Wonne,

dass die Gebeine fröhlich werden,

die du zerschlagen hast.

B: Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden,

und tilge alle meine Missetat.

 

Gemeinde: EG 230

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herze und gib mir einen neuen, gewissen Geist. Verwirf mich nicht, verwirf mich nicht von deinem Angesicht, von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.

 

Herr, erbarme dich

 

Gebet:

 

Gott, du Allmächtiger: Es geschieht uns, und wir wissen nicht wie: Widerfahrnisse des Bösen. Es ereignet sich um uns, und wir wissen nicht, warum: Unerklärliches bricht herein. Es passiert in der Welt fern von uns: Katastrophen, die man sich nicht vorstellen kann. Wir stehen betroffen da. Und oft können wir’s nicht aushalten. Dann machen wir die Augen zu und auch den Mund, unser Herz verstockt. Wir bitten dich: Rühre uns an durch die Verstockung hindurch, hilf uns die Augen offen halten und laß uns klagen und rufen. Zu dir, der du als Vater in der Einheit mit dem Sohn, unserem Bruder Jesus Christus, und in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Gem.: Amen

 

Lesung: Lk 13,1–5

1 Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. 2 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? 3 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen. 4 Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? 5 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

 

"Pie Jesu" aus dem Requiem von Gabriel Fauré

 

Predigttext 2. Sam. 12, 13–25

Erzähler: Da sprach David zu Nathan:

David: Ich habe gesündigt gegen den HERRN.

Erzähler: Nathan sprach zu David:

Nathan: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben.

Erzähler: Und Nathan ging heim. Und der HERR schlug das Kind, das Urias Frau David geboren hatte, sodass es todkrank wurde. Und David suchte Gott um des Knäbleins willen und fastete, und wenn er heimkam, lag er über Nacht auf der Erde. Da traten herzu die Ältesten seines Hauses und wollten ihn aufrichten von der Erde; er aber wollte nicht und aß auch nicht mit ihnen. Am siebenten Tage aber starb das Kind. Und die Männer Davids fürchteten sich, ihm zu sagen, dass das Kind tot sei; denn sie dachten: Siehe, als das Kind noch am Leben war, redeten wir mit ihm und er hörte nicht auf uns; wie könnten wir ihm nun sagen: Das Kind ist tot! Er könnte ein Unheil anrichten. Als aber David sah, dass seine Männer leise redeten, merkte er, dass das Kind tot sei, und sprach zu seinen Männern:

David: Ist das Kind tot?

Erzähler: Sie sprachen:

Männer Davids: Ja.

Erzähler:  Da stand David von der Erde auf und wusch sich und salbte sich und zog andere Kleider an und ging in das Haus des HERRN und betete an. Und als er wieder heimkam, ließ er sich Speise auftragen und aß. Da sprachen seine Männer zu ihm:

Männer Davids: Was soll das, was du tust? Als das Kind lebte, hast du gefastet und geweint; nun es aber gestorben ist, stehst du auf und isst?

Erzähler: Er sprach:

David: Als das Kind noch lebte, fastete ich und weinte; denn ich dachte: Wer weiß, ob mir der HERR nicht gnädig wird und das Kind am Leben bleibt. Nun es aber tot ist, was soll ich fasten? Kann ich es wieder zurückholen? Ich werde wohl zu ihm fahren; es kommt aber nicht wieder zu mir zurück.

Erzähler: Und als David seine Frau Batseba getröstet hatte, ging er zu ihr hinein und wohnte ihr bei. Und sie gebar einen Sohn, den nannte er Salomo. Und der HERR liebte ihn. Und er tat ihn unter die Hand des Propheten Nathan; der nannte ihn Jedidja um des HERRN willen.

 

 

EG 299, 1

Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen. Dein gnädig’ Ohren kehr zu mir und meiner Bitt sie öffne; denn so du willst das sehen an, was Sünd und Unrecht ist getan, wer kann, Herr, von dir bleiben?


Predigt

 

David, mein Vater, was hast du getan?

Ach, mein Sohn, du Namenloser! Du warst ja schon tot, bevor ich’s dir erzählen konnte! So rasch hast du uns verlassen müssen. Ich wußte es: Eines Tages werden wir uns hier begegnen, wo die Toten wohnen.

David, mein Vater, erzähl mir deine Geschichte, erzähl mir meine Geschichte!

Mein Sohn, es war wie ein Rausch, ein Rausch der Sinne. Ich wußte nicht, wie mir geschieht. Als ich zum ersten Mal deine Mutter sah, war es um mich geschehen. Ich mußte sie besitzen. Daß sie verheiratet war, konnte mich nicht aufhalten. Ich mußte mit ihr schlafen. Wir haben es nur einmal getan, fast verrückt bin ich dabei geworden, und schon gab es dich in ihrem Leibe. Weil ich sie so liebte, sollte sie nicht ehrlos dastehen, als Ehebrecherin. Darum habe ich Uria, ihren Mann, aus dem Feld zurückbeordert, damit er zu Hause mit ihr schlafen kann – dann hättest du als sein Sohn gegolten. Aber, stell dir vor, er hat sie nicht angerührt, fühlte sich – welch Irrsinn! – ganz mit seinen Kameraden im Feld solidarisch, die doch auch auf ihre Frauen verzichten mußten.

David, mein Vater, du hast mich verleugnen wollen!

Ja, mein namenloser Sohn, so hat unser Ehebruch Täuschung und Lüge nach sich gezogen. Sie hat aber nichts genützt! Darum ist alles noch viel schlimmer gekommen. Ich habe sie geliebt, deine Mutter, Uria hat sie aus falscher Konsequenz verschmäht – da mußte sie ganz mein werden und er, er mußte sterben. Nein, getötet habe ich ihn nicht. Eleganter und gemeiner habe ich es angestellt: Einen militärisch unsinnigen Befehl gegeben, ihn ans den falschen Ort gestellt – und schon war er tot. Der Rausch der Sinne, er ist zum Rausch des Todes geworden!

David, mein Vater, so bin ich nur durch meine Existenz für den Tod eines anderen die Ursache gewesen!

Ach, mein Sohn! Ich habe deine Mutter so geliebt. Ich habe doch nun auch dich haben und behalten wollen, das Kind unserer ersten Liebe! Natan, der Prophet, hat mir dann eine der schwersten Stunden meines Lebens bereitet. Kam zu mir und hat mir, der ich ja sonst bei Sinnen war, einen fiktiven Rechtsfall vorgelegt, in dem die Entscheidung klar war – und so habe ich sie auch getroffen, Und dabei nicht gemerkt, wie ich mich selbst verurteilt habe. Da hat er mir die Augen geöffnet, und ich, der König!, mußte meine Schuld bekennen. Natan hat mich herausgerissen aus dem Rausch der Sinne und des Todes, und darum sollte ich weiter leben dürfen. Aber du, mein Sohn …

David, mein Vater, so mußte ich um deinetwillen sterben?

Ach, du Kind ohne Namen! Ich habe auch dich geliebt. Ich habe auch dich behalten wollen, als du auf den Tod krank wurdest. Ich habe getan, was man überhaupt nur tun konnte. Die Ärzte hatten dich schon aufgegeben. Da habe ich zu Gott gerufen und mich vor Gott erniedrigt, gefastet und auf hartem Boden geschlafen – ob ich das Verhängnis nicht doch noch abwenden könnte. Es hat nicht geholfen: Du mußtest sterben. Um meinetwillen. Da wurde mir klar: Ich komme gegen das Verhängnis nicht an, auch nicht durch Umkehr, auch nicht durch Buße, auch nicht durch alle Praktiken der Religion. Deine Mutter war noch mehr verzweifelt. Sie war wie erstarrt, konnte gar nichts mehr tun, war gebannt von den Folgen, den mein, den ihr, den unser Ehebruch nach sich zog.

Vater, so eint uns alle drei das Verhängnis, das durch die böse Tat geschaffen wurde. Und nicht einmal Gott hat diese Macht der Folgen brechen können?

Ja, so haben wir es uns denken müssen. Darum hat, als du tot warst, das Leben weitergehen müssen. Deiner Mutter und mir, uns ist ein zweiter Sohn geschenkt worden, Salomo. Er hat leben dürfen und tun, was du nicht tun konntest. Das hat aber meine Trauer und auch ihre Trauer über dich nicht verschwinden lassen. Seit du sterben mußtest, gab es einen tragischen Schatten über unserem Leben. Erst jetzt aber, wo ich dir ins Angesicht schauen kann, schauen muß, empfinde ich die ganze Macht, die ganze Ausweglosigkeit in dem Geschehen.

Dem Teufel ich gefangen lag, im Tod war ich verloren …

 

EG 341, 2–3

2. Dem Teufel ich gefangen lag, im Tod war ich verloren, mein Sünd mich quälte Nacht und Tag, darin ich war geboren. Ich fiel auch immer tiefer drein, es war kein Guts am Leben mein, die Sünd hatt’ mich besessen.

3. Mein guten Werk, die galten nicht, es war mit ihn’ verdorben; der frei Will haßte Gotts Gericht, er war zum Gutn erstorben; die Angst mich zu verzweifeln trieb, daß nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Höllen mußt ich sinken.

 

 

Hanns, mein Vater, was hast du getan?

Der Filmemacher Malte Ludin und sein Neffe Fabian nehmen Dokumente aus einer Holztruhe, blättern sie auf, lesen, greifen wieder hinein in die Kummerkiste, wie sie sagen, blättern weiter. Urkunden über Ordensverleihungen: Blutorden der NSDAP, Bilder vom Mann in SA-Uniform, Handschlag mit Hitler, salu­tierend beim Abnehmen einer Parade, zivil und ein Kind auf dem Arm.

Hanns, mein Vater, was hast du getan?

Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß, heißt der Film von Malte Ludin, in dem er der Geschichte seines Vaters nachspürt, der sich früh schon Hitler anschloß, in der SA Karriere machte, schließlich Gesandter in Preßburg wurde, sozusagen Reichkom­missar über die von Nazideutschland abhängige Slowa­kei. Dort hat er die angeordneten Deportationen von Tausenden jüdischer Menschen in die Todeslager der Nazis exekutiert. 1947 ist er in der Tschechoslowakei zum Tode verurteilt und hingerichtet worden.

Was hast du getan, Vater? Uns getan?

Malte Ludin hat nicht nur Dokumente recherchiert. Über die Biographien der Täter wissen wir ja schon einiges, seit sie Gegenstand wirklich kritischer Forschung geworden sind, auch wenn immer noch neue Tatsachen ans Licht kommen. Was seinen Film auszeichnet, ist die Perspektive des Sohnes. Der eben nichts weiß – außer zwei oder drei Dingen. Malte Ludin hat seine Familie befragt, seine älteren Schwestern, deren Ehemänner, dazu deren Kinder, seine Nichten und Neffen.  An dieses Projekt gewagt hat er sich erst nach dem Tod seiner Mutter, von der nur einige wenige ältere Aufnahmen und Äußerungen zu sehen sind. Interviews, hauptsächlich, zeigt der Film. Menschen in gutbürgerlichen, ja großbürgerlichen Verhältnissen; alte Möbel, Bibliothek, Kunstwerke gehören zum Leben. Und dann ist da dieser Abgrund, der in allen Gesprächen durchscheint: Der Abgrund, Täter-Kind zu sein. Wer sich hineinfallen ließe, käme darin um. Also muß man Brücken bauen, aber die sind instabil, brüchig, windanfällig. Eine der Schwestern ist krank geworden, am Alkohol gestorben, die älteste. Die andern winden sich. Ziehen die wenigen persönlichen Erinnerungen an den Vater heraus, nehmen sie als Indizien: Böse kann dieser Mensch, der Vater, doch nicht gewesen sein. Und was besagen gegen dieses Gefühl schon Dokumente. Unvorstellbar, er hätte wirklich gewußt, was mit den deportierten Juden in den Lagern geschieht.

Ein ganzes Tableau von Vermutungen, Versicherungen, Unklar­hei­ten, breitet sich aus. Je länger der Film dauert, um so beklem­mender wird der Eindruck, daß man so nicht leben kann. Beklemmend auch dem Autor selbst, der nicht weiß, wie er sich, Sohn seines Vaters, gegenüber dem Sohn eines der Opfer verhalten soll, den er trifft, wie er überhaupt mit ihm sprechen kann. Und noch die nächste Generation, die der Enkel, zeigt Züge der Verun­sicherung, empfindet die Bedrohung des Abgrundes, kämpft um die Balance von Erinnern und Vergessen, und steckt doch im Zwiespalt von Erinnernmüssen und Verdrängenwollen.

Hanns, der Vater, antwortet nicht. Erstaunlich wenig erfährt man von dessen Person über die schlichten Fakten hinweg. Ein Alt-Nazi, na klar. Aber eigentlich: nichts Besonderes. Kein Monster. Kein Verbrecher herkömmlicher Art. Einmal hat er einen Tot­schläger gedeckt und das Urteil über ihn verhindert. Sonst hat er sich, vor seinem eigenen Gewissen und in der Erinnerung seiner Frau, nichts zuschulden kommen lassen. Das aber macht es nur noch schlimmer. Böse Tat in anerkanntem Gewand. Ging nicht anders. Es muß ein kollektiver Rausch gewesen sein, der der Sinne vernebelte: Rausch des Aufstiegs, Rausch der Herrschens, Rausch des Todes. Was da hervorgeholt wird, aus der Kummer­kiste, was da sichtbar wird in der Beschädigung der Nachkom­men, das öffnet den Abgrund, über dem wir schweben: Wir Täter­kinder, Täterenkel, Täterurenkel.

Ist das auch um unseretwillen geschehen? Sollten nicht wir die Erben dieses Reiches von Mord und Gewalt werden? Sind wir – insofern –, auch wenn es uns noch gar nicht gab, mit dafür ursächlich?

 

EG 341, 4–5

4. Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen; er dacht an sein Barmherzigkeit, er wollt mir helfen lassen; er wandt zu mir das Vaterherz, es war bei ihm fürwahr kein Scherz, er ließ’s sein Bestes kosten.

5. Er sprach zu seinem lieben Sohn: „Die Zeit ist hier zu erbarmen; fahr hin, meins Herzens werte Kron, und sei das Heil dem Armen und hilf ihm aus der Sünden Not, erwürg für ihn den bittern Tod und laß ihn mit dir leben.“

 

David, mein Vater: Das hast du getan!

Hinabgestiegen in des Reich des Todes, oder: niedergefahren zu Hölle. Unser Glaubensbekenntnis hebt sie noch auf, diese Erin­nerung, versteckt und umformuliert, aber unausweichlich nö­tig. Das hast du getan!

Das hast du getan, sagt Jesus zu David, aus dessen Geschlecht er stammt. Du, der große Held Israels. Du, der Sänger so wunderbarer Psalmen. Du, der Ahnherr des Erlösers. Du hast selbst, durch deine Tat, rauschhaft und doch verantwortlich, Unheil geboren. Du bist mit deinen Taten in den Strom des Verhängnisses eingetaucht, der die Menschengeschichte durch­zieht. Hast ihn weiter anwachsen lassen statt ihm Einhalt zu gebieten. Hast selbst Gott das Verhängnis nicht aus der Hand reißen können: Was geschieht in der Welt, hat Folgen. Sie können gemildert, aber nicht aufgehoben werden.

David, mein Vater: Du hast ja selbst, mit deinen Kräften und Taten, dazu beigetragen, daß ich jetzt hier bin, am Ort der Toten, in der Dunkelheit, die alles Böse so klar sehen lehrt. Die immer dunkler wird durch die die Erkenntnis von so viel Bösem. Ich rede jetzt mit dir, so wie mit allen, die sich hier befinden: Das hast du getan. Dazu habe ich hierher kommen müssen, selbst in das Reich des Todes, den Tod auf mich nehmend, um die letzte Klarheit ins Dunkel zu bringen, die Klarheit, die – endlich – das Dunkel des Bösen erhellt. Aufklärt. Auflöst. Jetzt, wo ich hier bin, zeigt sich: Nicht weniger hat es gebraucht als diese Höllenfahrt, um der Tiefe des Verhängnisses standzuhalten. Gott selbst ist in meiner Person an diesen Ort gekommen. Damit erst ist der Abgrund des Bösen ausgelotet. Und erschöpft. Nur Gott selbst, am eigenen Leibe, kann es mit dem unendlichen Verhängnis aufnehmen.

Ich selbst, David mein Vater, habe es lernen müssen, unter Schmerzen des Todes, was es heißt, im Namen Gottes diese Tiefe kennenzulernen. Ich habe mich jetzt erst kennen gelernt – als deinen Sohn. So wie das namenlose Kind erst hier seine ganze Geschichte erfuhr,

Daß ich aber jetzt mit dir rede, David, mein Vater, damit geht auch über dir das Licht des Lebens auf. Sieh hin, sieh auf mich, du und dein Sohn, ihr in eurem verhängnisvollen Lebenszusammen­hang, um zu erkennen, wie es mit euch beschaffen ist vor Gott. Daß nun auch die äußerste Ferne, euch wie mir so klar wie nichts jemals im Leben, euch nicht mehr von Gott trennt. Der Weg in den Tod – er wird euch zum Weg in das Leben.

Das, mein Vater David: das hast du getan! Und das ist durch mich daraus geworden.

 

EG 341, 6

6. Der Sohn dem Vater g’horsam ward, er kam zu mir auf Erden von einer Jungfrau rein und zart; er sollt mein Bruder werden. Gar heimlich führt er sein Gewalt, er ging in meiner armen G’stalt, den Teufel wollt er fangen.

 

Gott, mein Vater, was habe ich getan?

Das mir Überschaubare im Leben, das, woran ich mich erinnern kann – wie steht es vor mir da in dem Widerstreit von Erkenntnis und Verdrängung? Die Ahnung, daß da ein Abgrund sich auftut unter dem dünnen Boden, auf dem mein Leben sich bewegt, sie ist ja nicht zu verleugnen. Und erst das, was meinem erinnernden Zugang entzogen ist! Weil es dicht abgeschottet ist durch das Vergessen, das das Leben erträglich macht. Weil es mächtiger ist als alles, was ich dagegen aufbieten könnte. Was weder Kompen­sation noch Entschuldigung zurechtbringen können, Weil es sich aus einem Strom des Verhängnisses speist, der vor  mir anfing und nach mir weiter zu fließen scheint. Der Strom, in dem ich Sohn von Tätern bin und, wer weiß, durch eigenes Tun auch wieder Vater von Tätern werde.

Jesus, mein Bruder, was soll ich denn tun?

EG 341, 7–9

7. Er sprach zu mir: „Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen; ich geb mich selber ganz für dich, da will ich für dich ringen; denn ich bin dein und du bist mein, und wo ich bleib, da sollst du sein, uns soll der Feind nicht scheiden.

8. Vergießen wird er mir mein Blut, dazu mein Leben rauben; das leid ich alles dir zugut, das halt mit festem Glauben. Den Tod verschlingt das Leben mein, mein Unschuld trägt die Sünde dein, da bist du selig worden.

9. Gen Himmel zu dem Vater mein fahr ich von diesem Leben; da will ich sein der Meister dein, den Geist will ich dir geben, der dich in Trübnis trösten soll und lehren mich erkennen wohl und in der Wahrheit leiten.

 

Amen

 

EG 341,1

1. Nun freut euch, lieben Christen g’mein, und lasst uns fröhlich springen, daß wir getrost und all in ein mit Lust und Liebe singen, was Gott an uns gewendet hat und seine süße Wundertat; gar teu’r hat er’s erworben.

 

 

Sündenbekenntnis:

Allmächtiger Gott, barmherziger Vater! Ich armer, elender, sündiger Mensch bekenne dir alle meine Sünde und Missetat, die ich begangen mit Gedanken, Worten und Werken, womit ich dich erzürnet und deine Strafe zeitlich und ewiglich verdient habe. Sie sind mir aber alle herzlich leid und reuen mich sehr, und ich bitte dich um deiner grundlosen Barmherzigkeit und um des unschul­digen, bitteren Leidens und Sterbens deinen lieben Sohnes Jesu Christi willen, du wollest mir armem sündhaftem Menschen gnädig und barmherzig sein, mir alle meine Sünden vergeben und zu meiner Besserung deines Geistes Kraft verleihen.

Absolution:

So sprich Gott, der Herr: Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben / und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben, und will Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.

 

Glaubensbekenntnis

 

"Pavane pour unr infante défunte" von Maurice Ravel

 

Fürbitten:

Liturg: Laßt uns zu Gott rufen um sein Erbarmen.

 

Sprecher/in 1: Um sein Erbarmen mit den Namenlosen. Mit denen, die keiner anredete und bei ihrem Namen rief, so daß sie als eigene Menschen leben konnten. Deren Namen vergessen wurden und die verschwiegen werden sollen: Rufe du sie, Gott, unser Vater, daß sie von dir ihren Namen bekommen, damit ihre Würde anerkannt ist. Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.

 

Sprecher/in 2: Laßt uns zu Gott rufen um sein Erbarmen mit den früh Verstorbenen. Die die Hoffnung ihrer Eltern waren, Wahr­zeichen des Lebens, nun dem Tod hingegeben. Für die, die auf der Erde zurückbleiben und sich schuldig fühlen, nicht alles getan, nicht noch fester geglaubt zu haben. Herr Jesus Christus, unser Bruder, du Bezwinger des Todes: Nimm die Toten in Ehren auf und tröste die Trauernden. Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.

 

Sprecher/in 3: Laßt uns zu Gott rufen um sein Erbarmen für uns, die wir in den Bogen einer Geschichte geste­llt sind, die vor uns anfing und die nach uns w­eiter geht. Die wir in unserem Leben Glück suchen und Glück weitergeben möchten. Die wir unsere Grenzen spüren, die Welt und uns zu verändern. Gott, Heiliger Geist, du Geist des Lebens: Lehre uns Gott zu vertrauen im Scheitern und im Gelingen. Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.

 

Liturg: Nimm dich unser gnädig an, rette und erhalte uns, denn dir allein gebührt der Ruhm und die Ehre, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.

 

Vater unser

 

Schlußlied  EG 345, 1+5

1. Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Not; der kann mich allzeit retten aus Trübsal, Angst und Nöten, mein Unglück kann er wenden, steht alls in seinen Händen.

 

5. Amen zu aller Stund sprech ich aus Herzensgrund; du wolltest selbst uns leiten, Herr Christ, zu allen Zeiten, auf daß wir deinen Namen ewiglich preisen. Amen.

 

Segen

 

Allegro aus der Sontate für Flöte und B.c. F- dur von Georg Friedrich Händel

 

 

 

  

Mitwirkende:

stud. theol. Annika Wölfel

stud. theol. Jakob Kielgaß

stud. theol. Heike Schalasta

stud. theol. Sebastian Weigert, Orgel

WM Friederike Oertelt, Flöte

Pfr. Dietrich Hannes Eibach, Liturgie und Lesungen

Prof. Dr. Dietrich Korsch, Liturgie und Predigt

 

Malte Ludins Film „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß“ gibt es als DVD in der ARTE EDITION Best. Nr. 831.

Zuletzt aktualisiert: 02.01.2008 · Heike Mevius

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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