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Dr. Andrea Morgenstern

Universitätsgottesdienst  am 13. Januar 2008
in der Reihe „Machtverhältnisse. Geschichten um David“  

Predigt zu 2. Samuel 13, 1-22

 

 

 

Liebe Gemeinde!

Manchmal tut Schweigen gut.
Manchmal steht Schweigen, steht Verstummen aber auch am Ende
einer Geschichte, in der es Versuche zu reden durchaus gab, missglückte Versuche,
die sogar noch im Nachhinein alles Weiter-Sprechen zu einem Wagnis machen.

Die Bibel wagt Geschichten. Der Predigttext ist eine solche gewagte Geschichte.
Er steht im 2. Buch Samuel im 13. Kapitel:

Lesung 2. Samuel 13, 1-22 mit verteilten Rollen
„Amnons Schandtat an Absaloms Schwester“

 

1.

Eine finstere, fast erdrückende Geschichte.
An ihrem Ende ist fast nichts mehr übrig von der schönen Königstochter Tamar, für die eben dies zum Verhängnis wird. An ihrem Anfang steht Amnon, der erstgeborene Sohn des Königs, der seine Schwester „liebt“, sie begehrt, in ihrer Nähe sein will. Ohne Frage, sie ist eine begehrenswerte junge Frau, als Tochter des Königs. Dass die beiden Halbgeschwister waren (denselben Vater, aber unterschiedliche Mütter hatten), scheint nicht das größte Problem gewesen zu sein, jedenfalls ein damals rechtlich lösbares; das Problem war vielmehr: dass sie nahezu unerreichbar war, weil alle Kontakte geregelt waren und sie, als heiratsfähige Tochter, wie es die Konvention wollte, in ihrem Haus wohnte, so dass sie unendlich fern scheint.

So beginnen andernorts Liebesgeschichten: „Es waren zwei Königskinder ... “.
Aber in dieser Geschichte steht das Wort „lieben“ für alles mögliche:
es wird zum Vorwand, zum Täuschungsmanöver, zum fragwürdigen  Erklärungsmuster.
Eine finstere, fast unheimliche Geschichte,
wenn auch noch die Liebe fragwürdig wird.

Was als Liebeskummer im Gewand der Sehnsucht, der Krankheit, der Angewiesenheit daherkommt, was nach Mitleid und Fürsorge ruft und „Liebe“ genannt wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen hier als etwas ganz anderes: Die schöne Tochter des Königs ist vor allem die Tochter des  K ö n i g s .

Ihr nah zu sein, heißt: der Macht nah zu sein. Sie zu unterwerfen, heißt: dem Zentrum der Macht näher zu kommen. Sie zu besitzen, heißt: Macht zu besitzen. Sie zu verletzen, ihre Würde zu verletzen, heißt: die Würde des Königs zu verletzen. Die junge Frau ist Mittel zum Zweck. Das macht die Geschichte so bitter.

Die Liebe, die Lust des aufstrebenden, ehrgeizigen Königssohns ist vor allem: Lust an der Macht, Lust am Überschreiten einer Grenze, Lust, wenn es nicht anders geht, auch mit vorher eingeplanter Gewalt. 

Alle spielen mit.

Hat denn keiner etwas gesehen? Hat keiner derer, die aus dem Zimmer geschickt wurden,  etwas gehört, etwas geahnt? Die Worte waren ja durchaus zweideutig, mit denen Amnon seinen Vater bat, die Schwester zu schicken: der „Herzkuchen“, (wie das Gebäck auch übersetzt wird), das Gefüttert-werden-wollen wie ein Kind, der Wunsch zu „sehen“: all das sind im Hebräischen eindeutig: zweideutige Begriffe. Ahnte der ins Spiel hineingezogene David denn nichts?

Ich merke, ich werde leise, wenn ich dies frage; wage es kaum, diese Frage zu stellen. Weil mir der Gedanke, dass David gewusst haben könnte, was da  geplant war, schon als Möglichkeit kaum denkbar ist. Schlimm genug, aber erträglicher ist immer noch die Vorstellung: David  ließ sich benutzen, ohne zu wissen, was er tat.

Und doch weiß ich, es gibt auch diese anderen Sätze, diesmal als Satz einer Mutter:
Geh mal runter in den Keller, Vati helfen“.

Oder, in Psalm 55:
Wenn mein Feind mich schmähte, wollte ich es ertragen;
wenn einer, der mich hasst, groß tut wider mich,
wollte ich mich vor ihm verbergen.
Aber nun bist du es, mein Gefährte,
mein Freund und mein Vertrauter.“

Es ist in dieser Geschichte der Vater, der schickt,
der Bruder, der in die Falle lockt,
in das immer enger werdende Haus,
in die Zimmerfluchten, aus denen es keinen Ausweg gibt. 

Mein Herz ängstet sich in meinem Leibe“, heißt es im 55. Psalm,
„und Todesfurcht ist auf mich gefallen.
Furcht und Zittern ist über mich gekommen
Und Grauen hat mich überfallen.“ 

Die Vorschläge Tamars, mit denen sie Zeit gewinnen möchte, Auswege sucht,  Konsequenzen aufzeigt sind das einzig Eindeutige, Richtige und Ehrliche in dieser Geschichte. Sie argumentiert mit dem, was man „in Israel nicht tut“. Sie weiß das Recht auf ihrer Seite, alle Moral, sie deutet sie nur an, sie argumentiert  mit ihrem Leben und mit dem Leben des Täters, kämpft um eine Zukunft. 

Und behält mit ihren Aussagen recht.
Aber das nützt nichts.
Die Geschichte geht weiter. 
„Ich sprach“, so die Beterin, der Beter des 55. Psalms,
„O hätte ich Flügel wie Tauben,
dass ich wegflöge und Ruhe fände!
Siehe, so wollte ich in die Ferne fliehen
Und in der Wüste bleiben.“

In der Wüste. Wahrlich kein freundlicher Ort.
Tamar wird auf die Straße geschickt, trotz ihres Versuchs, wenigstens dies zu verhindern, wird sie abrupt hinausbefördert von einem Diener, wiederum ohne dass Amnon sich selbst hätte bewegen müssen.  (In Klammern: er hatte auch nach David rufen lassen. So viel zu den Machtverhältnissen). Statt „Liebe“ – was auch immer das war –: jetzt offener Hass. Amnon hat offensichtlich erreicht, was er wollte. 

Womit er vielleicht nicht gerechnet hat: Tamar macht die Schande, den Schmerz öffentlich. Sie zerreißt ihr – bis dahin, nun nicht mehr – standesgemäßes Kleid. Reden kann sie nicht mehr.  Sie schreit. Mitten auf der Straße. Was dann geschieht, folgt den Regeln der Familiengeheimnisse:
Es war doch nur dein Bruder“, beschwichtigt Absalom. Die Schwester wird zum Schweigen gebracht. Ohne Worte, „unbehaust“ lebt sie fortan im Haus Absaloms weiter. Das Wort „einsam
in der deutschen Übersetzung ist eigentlich zu schwach. „Sprachlos geworden“, „gebrochen“, „zerstört“ wie eine Landschaft aus Schreien, die, an ihrem lautlosen Schreien erstickt,
zur Öde geworden ist. 

Und wo war David, der König, der Vater?
Wo ist er in dieser Geschichte?

Erst am Ende taucht er wieder auf, "er wurde sehr zornig", heißt es da.
Weiter nichts. Es passiert nichts.
Die Tochter wird nicht ins Königshaus zurückgeholt.
Der Sohn wird nicht bestraft.
Alle mit dem Zorn eröffneten Handlungsspielräume werden nicht genutzt.

Die Lücke ist so groß, sie klafft so weit, dass die Septuaginta mit einem Einschub zu erklären versucht: „Er tat seinem Sohn Amnon nichts zuleide, denn er liebte ihn.“

Und die Tochter – möchte ich fragen, und die Liebe zu ihr? Sofern man dieses Wort in dieser Geschichte überhaupt noch hören mag.

Mir scheint: David ist ein Gefangener seiner eigenen Geschichte. Mir scheint:  Amnon wusste allzu gut, was er tat, als er David in seine Geschichte einspannte. Hatte David doch selbst eine Grenze überschritten, als er, wie kurz vorher berichtet, die ebenfalls schöne Bathseba in sein Haus holte  und deren Mann Uria erst überlisten wollte und dann umbringen ließ. David war in seine eigene Geschichte verstrickt, und deshalb unfähig, seinem Sohn mit Widerspruch gegenüberzutreten, und unfähig, seine Tochter zu schützen, wo dies not-wendig und seine ihm eigene Aufgabe gewesen wäre.

Was der 89. Psalm, der Eingangspsalm, als Möglichkeit für das Davidhaus andeutet:
Wenn aber seine Söhne mein Gesetz verlassen und in meinen Rechten nicht wandeln“ –
genau das ist passiert. David ist, am Wendepunkt seiner Macht angekommen, machtlos. Weil er sich mit seinem eigenen Handeln korrumpiert hat.

  

2.

Aber jenseits der Macht? Hätte es da nicht andere Handlungsmöglichkeiten gegeben?

Ich suchte nach Geschichten, nach Gegen-Geschichten,
und fand sie, nicht weit vom Evangelium des heutigen Sonntags, das ja auch erzählt, wie ein Vater einen Sohn annimmt, adoptiert und mit dem „Wohlgefallen“ wunderschöne Worte zu ihm sagt.

Es ist die Geschichte von Joseph. „Ehe er sie heimholte“, so erzählt Matthäus im 1. Kapitel seines Evangeliums, war die ihm anvertraute Maria schwanger, ohne dass er wissen konnte, von wem. Aber Joseph war ein frommer Mann, wollte sie nicht in Schande bringen, und ein Engel bringt ihn dazu, Maria zu sich zu nehmen und dem Kind ein Vater zu werden.

Ich kann sie doch nehmen“ so sagt leise und entschieden
(in einem Roman des Norwegers Edvard Hoem)
der Bauernsohn Knut, nachdem er der schwangeren, verzweifelten Kristine begegnet ist, die von einem deutschen Wehrmachtssoldaten ein Kind erwartet. Mit diesem einen Satz: „Aber ich kann sie doch nehmen“ beginnt ein Leben zu zweit, zu dritt, zu viert, zu fünft
zwischen Armut, Tradition, strengem Christentum und innerer Freiheit.

  

3.

Mit diesen Gegengeschichten ahne ich, dass die Geschichte von Tamar hätte anders ausgehen können: Der Vater hätte für seine Tochter da sein können.
Der Bruder hätte hinhören und Schmerz und Trauer zulassen können.
Der Vater hätte der angebrachten Wut Ausdruck geben können.
Die Geschichte hätte nicht mit tödlichem Schweigen enden müssen.

Und tatsächlich geht die Geschichte von Tamar anders aus
als in der erzählten Geschichte gefordert.

Dort steht am Ende das schrittweise Verstummen,
das von der Familie geforderte tödliche Schweigen.

Aber gegen dieses Verstummen innerhalb der Geschichte
steht das Erzählen der Geschichte Tamars im Rahmen der Davidgeschichten, wo sie sich - fast versteckt - als Geschichte des Machtkampfes zwischen Brüdern findet. Die vielleicht bitterste Erfahrung, das, was in der erzählten Geschichte nicht weitererzählt werden sollte,
was normalerweise nicht erzählt wird,
ist Teil der biblischen Überlieferung geworden.

Es ist bei dieser Geschichte wahrlich kein Trost, was eine Schriftstellerin betont:
Die Bibel enthält lauter alte Geschichten, die jeden Tag wieder neu passieren.“
Bei der Geschichte von Tamar wünschen wir, es wäre anders.
Und doch: dass diese Geschichte im weiten Raum der Bibel steht, verändert sie.

Jedes Erzählen heute,
jedes Hören dieser Geschichte,
ist nicht nur das einer alten Geschichte,
sondern in sich selbst eine Gegengeschichte.
Die der erzählten Geschichte widerspricht,
und das Erzählen gegen das wortlose Schweigen setzt.
Und damit der Geschichte eben nicht Recht gibt.

 
 

Saxophon:      Ryo Noda, Improvisation





Fürbitten

Lasst uns beten um die Gnade des Herrn und die Treue unseres Gottes
und einstimmen in den Ruf: „Herr, erbarme dich!“

Lasst uns beten für die, die Macht haben:
dass sie ihre Verantwortung sehen
und sensibel bleiben.
Und den Mut haben, ungewöhnlich zu handeln.
Lasst uns für sie bitten und zum Herrn rufen: Herr, erbarme dich!

Lasst uns beten für die, die Themen bestimmen,
die öffentlich reden und schreiben:
dass sie die Anliegen derer aufnehmen, die sich selbst nicht Gehör verschaffen können.
Lasst uns für sie bitten und zum Herrn rufen: Herr, erbarme dich! 

Lasst uns beten für die Mütter und Väter,
dass sie Gefahren sehen und leise Worte hören,
dass sie den Kontakt zu ihren Kindern behalten,
dass sie eingreifen und auffangen, wann immer es nötig ist.
Lasst uns für sie bitten und zum Herrn rufen: Herr, erbarme dich! 

Lasst uns beten für die Töchter und Söhne,
die allein gelassen wurden,
wo sie Hilfe gebraucht hätten.
Dass sie sich ihrer Geschichte stellen können,
dass sie nicht zerbrechen an dem, was sie erlebt haben,
sondern es nutzen können, um ihren eigenen Weg, ihr eigenes Leben zu finden.
Lasst uns für sie bitten und zum Herrn rufen: Herr, erbarme dich!

Lasst uns beten für uns,
dass wir nie verstummen.
Dass wir nie stumpf werden
und nie aufhören, nach Worten zu suchen
und nach Zeichen der Nähe.
Lasst uns für uns bitten und zum Herrn rufen: Herr, erbarme dich! 

All das, wofür wir wenig Worte haben,
all das, was uns wichtig ist,
legen wir in die Worte, die ein anderer,
die Jesus uns gelehrt hat zu sprechen: 

Vater unser im Himmel ...


Zuletzt aktualisiert: 01.02.2008 · Heike Mevius

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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