Direkt zum Inhalt
 
 
Bannergrafik (FB05)
 
  Startseite  
 
Sie sind hier:» Universität » Theologie » Uni-Gottesdienste » Predigten Wintersemester 08/09 » Predigt Prof. Dr. Avemarie
  • Print this page
  • create PDF file

Friedrich Avemarie

Universitätskirche Marburg, 7. Dez. 2008

Predigt über Lukas 1,39–55 („Magnificat“)

 

(39) Maria aber machte sich in jenen Tagen auf, sputete sich und zog ins Bergland in die Stadt Judas. (40) Und sie kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth; (41) und es geschah, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, da hüpfte das Kind in ihrem Leib. Und Elisabeth wurde von heiligem Geist erfüllt, (42) und sie rief, und ihre Stimme überschlug sich fast: Du bist gesegnet unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!

(46) Und Maria sprach:

Meine Seele preist den Herrn, (47) und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter, (48) denn er hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut.

Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter, (49) denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig, (50) und von Geschlecht zu Geschlecht erbarmt er sich derer, die ihn fürchten.

(51) Er übt Gewalt mit seinem Arm; er zerstreut, die hochmütig denken in ihren Herzen; (52) Mächtige stößt er vom Thron, und Geringe hebt er hinauf.
(53) Hungrige sättigt er mit Gütern, und Reiche lässt er leer ausgehen.

(54) Er hat sich Israels angenommen, seines Knechts, um in Erbarmen dessen zu gedenken, (55) was er zu unseren Vorfahren geredet hat, zu Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit!

 

Maria, die Gewinnerin!

Maria, nicht eigentlich eher die Verliererin? Das Mädchen aus der Provinz; das Alter vielleicht so um die 15, einfache Familienverhältnisse, keine Schulbildung, kaum Chancen auf ein Leben in Wohlstand und Behaglichkeit, dazu noch die ungewollte Schwangerschaft.

Aber im selben Augenblick tritt der Engel in ihr Leben: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade vor Gott gefunden. Sein heiliger Geist ist über dir, und seine Kraft beschirmt dich. Dein Kind ist zu Großem bestimmt, der Junge wird später einmal den Königsthron besteigen, ja man wird ihn sogar den Sohn des Höchsten nennen. Sei gegrüßt, du Hochbegnadete!

Und nun jauchzt Maria und preist Gott, dessen Blick auf sie gefallen ist: ganz unverhofft gerade auf sie in ihrer Niedrigkeit – nicht auf die Gebildeten und Gepflegten, nicht auf die Situierten aus gutem Hause, nicht auf die Wett­bewerbsfähigen mit den Schlüsselkompetenzen, den Aufstiegschancen, dem akademischen Abschluss, dem Portfolio und den Alleinstellungsmerkmalen, sondern auf sie, der es niemand zugetraut hätte.

Und im Vollgefühl ihres Jubels weiß Maria, dass hier Dinge von welthisto­rischem Ausmaß geschehen. Die Erzeltern, das Volk Israel, die Verheißungen, die große Zukunft, das alles strömt in diesem Augenblick in ihrer Person zusammen. Bei Maria, der Gewinnerin.

Für die Verlierer hat Maria einen sehr scharfen Blick. Es gerät ja alles aus den Fugen. Vor allem in der Vertikalen kommt es zu heftigen Bewegungen: Die Mächtigen purzeln vom Thron, die Hochmütigen ereilt der Fall, der Reichtum zerrinnt den Raffgierigen zwischen den Fingern. Großbanken stürzen wie Kartenhäuser zusammen, die Konzerne geben Verlustwarnungen aus, der Aktienindex schwenkt in den Sturzflug, bei den Steuerflüchtlingen klingelt der Staatsanwalt, Ministerpräsidenten werden zu Frührentnern, Abteilungsleiter schieben Kurzarbeit …

Aber Moment, was wird dann eigentlich aus uns? Liebe Gemeinde: Als ich dann überlegt habe, wie es wohl dem Lehrstuhlinhaber gehen wird, wie wohl unserem Akademikertum, wie wohl unserer westeuropäischen Wohlstandsgesellschaft, wenn die Situierten ihre Pfründen räumen und den wirklich Deklassierten Platz machen müssen, da wurde mir der Lobgesang der Maria mit einem Male unheimlich.

Schon gut: Partei ergreifen für die, die Armut leiden, die hungern, die am eigenen Leib tagtäglich die Erniedrigung spüren – das geht in Ordnung. Aber kann denn die Lösung in einem solchen Umsturz liegen? Ist es denn wirklich zum Nutzen derer, die ganz unten sitzen, wenn denen da oben an ihren Stühlen gesägt wird? Die Automobilkrise lässt doch ganze Belegschaften zittern, samt ihren Familien, Steuereinnahmen in Milliardenhöhe sind gefährdet und mit ihnen das System der sozialen Sicherung.

Können wir das also wirklich wollen, was Maria sich da vorstellt? Ist ihr Wunschbild nicht vielmehr – wie es schon am Buß- und Bettag hier auf der Kanzel hieß – ist ihr Magnificat nicht vielmehr voll von Ressentiment? Maria, die Seeräuber-Jenny, die nur einfach Hoppla sagt, wenn die Köpfe rollen?

Liebe Gemeinde, das Magnificat der Maria ist ein zwiespältiger Gesang. Aber glücklicherweise hat Lukas, der diesen Gesang in sein Evangelium aufgenom­men hat, ein mildes Herz. Er übt Nachsicht mit uns und zeigt uns, dass es auch für die situierte Bürgerlichkeit gangbare Wege in Richtung Zukunft Gottes gibt.

Lesen wir bei ihm weiter, so stoßen wir auf Cornelius, den römischen Hauptmann, der sich nicht nur durch große Frömmigkeit, sondern auch durch gemeinnützige Spenden hervortut; und auch ihm erscheint ein Engel, der ihm verkündet, seine Gebete und seine Wohltätigkeit hätten gnädige Aufnahme gefunden. Später treffen wir auf die Purpurhändlerin Lydia, die einen Übersee­handel mit Luxusware betreibt; sie stellt dem Missionsteam um Paulus ihr Haus und ihre Infrastruktur zur Verfügung und wird damit zu einem Musterbeispiel für christliches Sponsoring.

Auch um eine quantitative Empfehlung ist Lukas nicht verlegen: Der nicht ganz sauber zu seinem Wohlstand gekommene Zollpächter Zacchäus verschenkt die Hälfte seines Reichtums an die Armen, und was er unrechtmäßig erworben hat, erstattet er vierfach zurück. „Heute ist diesem Hause Rettung widerfahren, denn auch er ist ein Kind Abrahams“, so begrüßt ihn Jesus, als er bei ihm eintritt.

Und besonders vorbildlich verhält sich die Urgemeinde in Jerusalem, denn dort klebt niemand an seinem Besitz, alle setzen ihre Habe für die Gemeinschaft ein, so dass niemand Not zu leiden braucht. Wie kaum ein anderer in der Bibel hat der Evangelist Lukas ein Empfinden dafür, wie gut und nützlich es sein kann, wenn man auf der Sonnenseite des Lebens steht, solange man nur nicht vergisst, dass der eigene Wohlstand vor allem dazu da ist, um davon abzugeben.

 

Aber Lukas, dieser Evangelist der sozialen Marktwirtschaft, hat nun nichts dagegen, dass Maria ihren Gesang anstimmt, schon ganz am Anfang seiner Geschichte. Er scheint uns unsere situierte Bürgerlichkeit nicht nehmen zu wollen, aber er will, dass wir Maria zuhören. Er will uns spüren lassen, dass sich in diesem Augenblick unsere Werte zu einem Nichts verflüchtigen, weil da etwas anderes, Größeres hereinbricht. Zu Maria, der Niedrigen, hat sich der Himmel herabgebeugt – das ist es, was sie so groß macht und was alle irdisch-menschliche Herrlichkeit neben ihr in den Staub sinken lässt.

Die Schwägerin Elisabeth scheint sofort zu begreifen, was es mit Maria in diesem Augenblick auf sich hat: Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! – Da kann Maria nicht mehr an sich halten, und der Jubel bricht aus ihr heraus. Maria, die Gewinnerin! Lukas lässt uns an ihrem Jubel teilhaben. Freuen wir uns mit ihr!


Zuletzt aktualisiert: 18.12.2008 · Heike Mevius

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

Fb. 05 - Evangelische Theologie, Alte Universität - Lahntor 3, D-35032 Marburg
Tel. 06421/28-22441, Fax 06421/28-28968, E-Mail: dekan05@staff.uni-marburg.de

URL dieser Seite: http://www.uni-marburg.de/fb05/gottesdienste/PredigtenWS0809/Avemarie

Impressum