Direkt zum Inhalt
 
 
Bannergrafik (FB05)
 
  Startseite  
 
Sie sind hier:» Universität » Theologie » Uni-Gottesdienste » Predigten Wintersemester 08/09 » Prof. Dr. B. Dressler
  • Print this page
  • create PDF file

Bernhard Dressler

 

Predigt am Buß- und Bettag 2008 in der Universitätskirche zu Marburg:

Der reiche Kornbauer (Lk 12, 16-21)

 

Eine große Menschenmenge gab dem reichen Kornbauern das letzte Geleit. Bei der Trauerfeier würdigte ihn der Bürgermeister als den bedeutendsten Arbeitgeber des Ortes, der Vorsitzende der Landwirtschaftskammer rühmte seine unternehmerische Weitsicht. Von kritischer, aber konstruktiver Kooperation berichtete der Betriebsratsvorsitzende. Der Pfarrer predigte über Vergänglichkeit. Zu einem Eklat kam es nicht. Niemand nannte den reichen Kornbauern einen Narren.

 

Liebe Gemeinde! Dem reichen Kornbauern gehört meine Sympathie. Dafür gibt es viele Gründe. Zunächst und vor allem: Ich finde nicht, dass Reichtum an sich moralisch disqualifiziert. Natürlich gibt es, nicht erst seit der Erfindung des Turbo-Kapitalismus, obszönen Reichtum. Aber nicht jeder Reiche ist dadurch diskreditiert. Ich finde es moralisch eher problematisch, dass am Beginn des Lukas-Evangeliums im Magnificat nicht nur erhofft wird, dass die Hungrigen satt werden, sondern auch, dass die Reichen leer ausgehen. Eine solche Hoffnung erscheint mir nicht ganz frei von Ressentiment. Kann man sich die Hungrigen, die das singen, am Ende, wenn sie satt sind, frei von Selbstgerechtigkeit vorstellen?

Nun mag es ja damals die Regel gewesen sein, dass der Reichtum der Wenigen nicht ohne den Hunger der Vielen anzuhäufen war. Wird das hier nur deshalb nicht ausdrücklich erzählt, weil es als selbstverständlich galt? Und wenn, was würde das heute bedeuten? Dass der allgemeine Wohlstand, den wir alle mehr oder weniger genießen, ohne unternehmerische Initiative undenkbar wäre, sagt nicht allein der Unternehmerverband. Das ist inzwischen die Kernbotschaft einer Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland. Und dass unternehmerische Initiative nicht ohne Rendite funktioniert, nicht ohne Prämie für Risiko und Anstrengung, gehört zu dieser Einsicht wie, nun ja, das Amen in der Kirche. Und wenn man, der Sachverhalt ist umstritten, nachweisen könnte, dass unser Wohlstand an anderen Orten der Welt Armut produziert, so wäre gleichwohl mit dem Appell, unseren Wohlstand zu teilen, wenig gewonnen. Bestenfalls gut gemeint, aber unterkomplex. Das mag zynisch klingen, aber so ist die Realität.

Dem reichen Kornbauern gehört also noch immer meine Sympathie. Ich finde sogar, er verhält sich vorbildlich. Er investiert. Er plant Erweiterungsbauten für seine üppigen Ernteerträge. Er schafft Arbeitsplätze. Er verhält sich vorausschauend und vernünftig. Er verhält sich nach jenen Regeln des Bedürfnisaufschubs, ohne den niemand von uns halbwegs lebenstüchtig wäre: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Natürlich, das ist jetzt etwas anachronistisch, eine Figur aus der antik-orientalischen Wirtschaftsordnung an unternehmerischen Regeln und an den charakterlichen Sozialisationsstandards des neuzeitlichen Bürgertums zu messen. Aber wir sollen ja aus der biblischen Geschichte etwas für heute lernen. Allerdings, und das macht mir den reichen Kornbauern sogar noch sympathischer, man kann ihn gerade als Reichen, gemessen an den aktuellen Regeln, für nicht ganz typisch halten. Was da vor unseren Augen in den vergangenen Monaten zusammengebrochen ist, ist ja kein System, das dem, der erfolgreich gearbeitet hat, die Möglichkeit lässt zu sagen: „Jetzt hab ich genug. Mehr will ich nicht.“ Was wäre das für ein Glück für die Welt, für die Gerechtigkeit, für die Ressourcen und die Zukunft, wenn es Reiche gäbe, die sagen: Jetzt reicht’s. Meine Scheunen sind voll. Jetzt esse ich und trinke ich und sage meiner Seele: Hab’ guten Mut. Tatsächlich ist aber die Habgier des Reichtums in unserer Zeit unstillbar. Und auch dagegen sind moralische Appelle hilflos und naiv. Die Welt des ungezähmten Finanzkapitals, des „Casinokapitalismus“, ist und bleibt eine Welt des Zwangs zur ruhelosen Jagd. Wer da genug hat, hat verloren. Habgier ist nicht der Motor, sondern nur eine unvermeidliche Begleiterscheinung. Sozusagen ein Epiphänomen der Systemfunktionen, die auf unentwegt sich steigernde Reichtumsakkumulation ausgerichtet sind. Einst unberechenbare Leidenschaften haben sich in Interessenskalküle verwandelt und sind als solche moralisch taub. Der Renditenjagd ist nichts heilig und alles gefügig. Allerdings: Wir alle sind nicht nur in das – wie Max Weber das nannte – „stählerne Gehäuse“ der Systemzwänge gepresst, wir alle leben auch von den Annehmlichkeiten der uns allen auferlegten gesetzmäßigen Gemeinheit.

Von Habgier kann ich nun aber beim reichen Kornbauern gar nichts sehen. Warum, frage ich mich, soll er ein Narr sein? Zwar: Jesus erzählt die Geschichte, nachdem er es abgelehnt hat, einen Erbstreit zu schlichten. Und nachdem er die Streithähne ermahnt hat, sich (Lk 12, 15) „vor aller Habgier zu hüten“; „denn – so Jesus – niemand lebt davon, dass er viele Güter hat“. Aber ist deshalb schon der Wunsch, die Früchte seines Erfolges in Ruhe zu verzehren, verwerflich? Von mehr als diesem Wunsch ist doch nicht die Rede. Nicht von Maßlosigkeit, nicht von Gier. Und selbst, wenn wir Maßlosigkeit aufgrund des Kontextes – Warnung vor Habgier – in die Geschichte hineininterpretieren könnten: Ich meine, wir würden es uns zu billig machen, die Geschichte einfach nur als ein moralisches Urteil über Habgier zu lesen. Sie beträfe uns dann ja auch gar nicht, denn – nicht wahr? – Habgier wird sich doch wohl niemand von uns nachsagen lassen wollen. Dass Habgier verwerflich ist und im Übrigen auch nicht glücklich macht, könnten wir uns aufgrund eigener Erfahrungen ganz gut selber sagen. Brauchen wir dazu eine biblische Geschichte? Um zu wissen, dass Geld die Welt regiert und doch nicht glücklich macht? Ein bisschen zu trivial. Ein Predigttext, dem ich lieber aus dem Wege gehen würde, weil er neben der Trivialitätsfalle eine Selbstgerechtigkeitsfalle aufstellt.

 

Ich stelle mir also den reichen Kornbauern noch einmal vor. Wie er am Abend des erfolgreichen Scheunenneubaus die Füße hochlegt. Wie er sich am Beginn seines Ruhestands ein Glas vom besten Wein genehmigt. Jesus, denke ich mir, hätte dagegen doch eigentlich nichts einzuwenden. Die asketischen Genussfeinde haben ihn doch selbst als Säufer und Prasser verachtet. Nun, liebe Seele, seufzt der reiche Kornbauer zufrieden, vielleicht auch ein wenig selbstgefällig, nun habe Ruh’ und guten Mut. Die Vorräte reichen auf viele Jahre, für ein gutes Glas auf unabsehbare Zeit.

Ist es nur der pointierten Kürze der Gleichniserzählung geschuldet, dass dem reichen Kornbauern keine Trinkgefährten Gesellschaft leisten? Dass er mit sich selbst spricht? Dass er sich die Seelenruhe selbst zuspricht, sie für planbar und machbar hält? Dass da niemand ist, mit dem er den wohlverdienten Genuss teilt? Niemand auch, dem er Dank schuldet? Jedenfalls niemand, an den er einen Dank richtet. Weder Gott noch Menschen. Der reiche Kornbauer, so scheint mir, ist in der Tat kein maßloser Prasser, kein Protz. Die Habgier schleicht sich bei ihm, wenn überhaupt, auf den leisen Sohlen der Selbstbezüglichkeit ein. Seine Seelenruhe hat er an seinen Erfolg verkauft. Eine Ruhe ohne Sehnsucht, ohne die kraftvolle Bewegung des mit anderen geführten Lebens. Der reiche Kornbauer hat die nötige Distanz zu seinem Reichtum verloren. Er wird sich selbst genug – er und sein Erfolg. Er hat vergessen, wem er sein Leben, seinen Reichtum verdankt. Und umso schärfer trifft ihn mitten in dieser Nacht der Tod. Als unverhofft die Seele von ihm gefordert wird, wird plötzlich deutlich: Er hatte nur sich. Seine Seelenruhe konnte er sich nicht selbst schaffen. Sein Reichtum hält ihn nicht am Leben. Er ist ja schon tot gewesen. Was für ein Narr!

„Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat“, sagt Jesus, bevor er das Gleichnis erzählt. Als moralische Regel oder als Lebensführungsratschlag in der Version, dass Geld nicht glücklich macht, ist und bleibt das banal. Aber es ist einzuräumen, dass Banalitäten ihr Gewicht haben können. In diesem Fall geht es um eine Einsicht von beträchtlichem Gewicht. Und zwar, weil sie uns nicht als moralische Regel trifft, sondern als ein memento mori. Das Eingedenken des Todes – des jederzeit möglichen Todes – ist es, das aus der vermeintlichen Reichtumskritik, dem vermeintlichen Askese-Ratschlag, einen Vorschlag macht, sich dankend seines Reichtums zu vergewissern und eben deshalb die Seelenruhe nicht an ihn hängen zu müssen. Keine Geschichte also, die zur Genussfeindschaft anstiftet. Kein asketischer Appell. Eine Geschichte vielmehr, die Lebensfreude und den Tod ins Verhältnis setzt. Nur endliche Wesen sind freie und geschwisterliche Wesen. Freiheit und Lebensfreude gibt es nur, wo man weiß, dass man sterblich ist; dass keine großen Scheunen, kein eingefahrenes Korn, keine Renditen, aber auch keine Begabungen, keine Klugheit, keine Schönheit, kein Fitnesstraining uns vor dem Tod retten. Unser Leben wird nicht gerettet, weil wir es retten. Ungetrübte Lebensfreude, Freude an unserem Reichtum und unseren Begabungen, weiß um ihre Endlichkeit. Sie lebt von dem Wissen, sich nicht ins Unendliche verlieren zu können, ohne sich selbst aufzuheben. Nicht das Motto „carpe diem“ – „pflücke den Tag – lebe und genieße jetzt“ – ist verwerflich, sondern es ist unzuträglich, darüber zu vergessen, dass die zu pflückenden Tage zu einem endlichen Strauß gebunden werden. Lebensfreude lebt vom Endlichkeitsbewusstsein. Gewiss: Der Tod ist der Feind des Lebens. An dieser Einsicht ist nichts zu ermäßigen. Aber der Tod dementiert unsere Lebensfreude nicht, so lange wir sie nicht uns selbst, sondern Gott verdankt wissen.  

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, bitten wir Gott im 90. Psalm. Es ist eine Bitte um die Freiheit, die der reiche Kornbauer aus dem Blick verloren hat. Ich bin ein freier Mensch. Ich bin frei, dieses Leben auszukosten, vorzusorgen, seine Früchte zu genießen und dabei auch das Schwere, die Enttäuschungen, Versagen, Schuld und Schmerz zu erfahren. Aber ich bin auch frei, mich von meinen Möglichkeiten nicht abhängig zu machen und meine Freiheit nicht ans eigene Vermögen zu binden. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“, sagt Martin Luther, aber eben auch zugleich: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Der reiche Kornbauer – ein Verlierer? Wer am Ende Verlierer oder Gewinner ist, lässt sich nicht an einer Lebensbilanz ablesen. Gott sei dank nicht. Denn sonst könnten wir darüber urteilen (was wir vielleicht schon viel zu oft tun), wer in den Augen Gottes Verlierer oder Gewinner ist. Es steht uns nicht an, den reichen Kornbauern mit unserem Urteil von Gottes Barmherzigkeit auszuschließen. Wir haben ihm keinen Vorwurf zu machen. Wir mögen ihn bedauern, dass er vor seinem Tod nichts von der Fröhlichkeit und Freiheit der Kinder Gottes erlebt zu haben scheint, dass er – was wir nicht wissen, aber vermuten können – keinen Blick für die Schönheit der Lilien auf dem Feld übrig hatte, dass er nichts von der Gelassenheit kannte, die sich bei diesem Blick einstellt. Unser Bedauern macht uns ihm ebenso wenig überlegen, wie uns ein moralisches Urteil über ihn ansteht. Aber seine Geschichte lehrt uns zu bedenken, dass wir sterben müssen. Wenn das memento mori unser Leben als ein Grundton begleitet, kann die Dankbarkeit, dass wir leben, unsere Lebensmelodie werden. Dann nämlich setzen wir uns auch zu unserem Reichtum, zu dem Reichtum, den jeder von uns auf seine Weise hat, in ein Verhältnis, in dem sich Reichtum und Lebensfreude nicht ausschließen. In dem der Reichtum, den – noch einmal – jeder von uns auf seine Weise hat, ohne Seelenschaden in Gebrauch genommen werden darf, ja soll: Zur eigenen Freude und zur Freude der mit uns verbundenen Menschen.

 

Eine große Menschenmenge gab dem reichen Kornbauern das letzte Geleit. Bei der Trauerfeier würdigte ihn der Bürgermeister als den bedeutendsten Arbeitgeber des Ortes, der Vorsitzende der Landwirtschaftskammer rühmte seine unternehmerische Weitsicht. Von kritischer, aber konstruktiver Kooperation berichtete der Betriebsratsvorsitzende. Der Pfarrer predigte über Vergänglichkeit. Und er empfahl den reichen Kornbauern der Barmherzigkeit Gottes.

Amen.

Zuletzt aktualisiert: 17.12.2008 · Heike Mevius

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

Fb. 05 - Evangelische Theologie, Alte Universität - Lahntor 3, D-35032 Marburg
Tel. 06421/28-22441, Fax 06421/28-28968, E-Mail: dekan05@staff.uni-marburg.de

URL dieser Seite: http://www.uni-marburg.de/fb05/gottesdienste/PredigtenWS0809/Predigt%20Dressler

Impressum