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Peter Dabrock

Universitätskirche Marburg, 11. Januar 2009

Predigt über Jes 42, 1-9

"Den glimmenden Docht wird er nicht verlöschen"

 

 

Gnade sei mit Euch von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. AMEN.

 

IST RELIGION GEFÄHRLICH?!

Ist Religion gefährlich? So was fragt man nicht als Theologe, oder? Schon gar nicht in einer religiösen Veranstaltung wie in einem Gottesdienst, könnte man meinen. Rolf Schieder, ein Kollege aus Berlin, hat diese Frage kürzlich aber ganz offiziell gestellt. Sein neues Buch heißt nämlich so: „Ist Religion gefährlich?“  Hat er nur einen reißerischer Titel gesucht,   oder ist was dran an der Frage? Was glauben Sie: Ist Religion gefährlich? Ist es gefährlich, dass wir uns hier trotz klirrender Kälte versammelt haben. Ich meine nicht die Gefahr, auf dem Weg hierher auszurutschen. Nein: ich meine: Ist Religion an sich gefährlich? Unser Gottesdienst heute morgen hier? Birgt Religion Gefahren für Sie, für mich, oder für die, die es mit uns zu tun haben? Ist sie gefährlich für die Gesellschaft? Oder gar die ganze Welt?

 

WÄRE UNSERE BOTSCHAFT DOCH EIN BISSCHEN GEFÄHRLICHER!

Gefährlich? Unser braves Landeskirchentum? Da mag mancher hier schmunzeln. Eher wirft man uns wohl vor, dass wir so notorisch ungefährlich seien, so konturlos, dass es uns an Entschiedenheit mangele. Unsere Religion, so könnte man antworten, ist wohl eher selbst gefährdet, als dass von ihr eine Gefahr ausginge…

Manchmal, da wünschen wir uns geradezu, dass unsere Religion ein bisschen gefährlicher würde in der Gesellschaft. Dass unsere Botschaft ernster genommen würde und schärfer erklänge. Wir würden unsere Religion gern einmal wieder wahrnehmen  wie sie Johann Baptist Metz beschrieben hat: als) „gefährliche Erinnerung“, die herausreist aus Gewohntem, die die weltlichen Maßstäbe von Gewinnen und Verlieren, von Ich-weiß-schon, was richtig ist und falsch, durchbricht. Und mal ehrlich: Würden wir nicht auch gern einmal den anderen auf dem religiösen Markt gefährlich? Nicht immer als Verlierer in den Mitgliederstatistiken dastehen?! Mal wieder gewinnen mit unserer Botschaft gegen diejenigen, die uns als Glaubenshobbyköche erscheinen: eine protestantische Kantate hier, ein wenig katholischer Weihrauch dort und ein Engel obendrauf.
Ist Religion gefährlich? Hoffentlich ein bisschen einmal, könnten wir so antworten.

 

GEWALTTÄTIGE GEFÄHRLICHKEIT DER RELIGION

Meistens hören wir die Frage nach der Gefährlichkeit von Religion aber ganz anders. Bestimmt von Pressemeldungen und Berichterstattung scheint uns das Problem weit entfernt vom einigermaßen friedlichen Marburg zu sein:

Gefährliche Religion – ja klar, auf der weltpolitischen Bühne mal wieder, wie so häufig in den letzten Jahren und Monaten. Anschläge und nun Krieg: wieder dort, wo für die Kinder Abrahams alles begann. Dort ist Religion gefährlich, lebensgefährlich.

Wer denkt nicht an die schrecklichen Bilder von verzweifelten, schreienden Müttern, die ihre blutüberströmten, sterbenden Kinder auf dem Arm in eine völlig überfüllte Notaufnahme tragen, aber auch die Todesangstgesichter auf der anderen Seite, die sich vor dem nächsten Raketeneinschlag in Notbunker geflüchtet haben?

Religion spielt gefährlich in den Konflikt hinein:

ein Auslöser, sicher nicht der einzige, aber einer,

ein Verstärkungseffekt, sicher nicht der einzige, aber einer,

ein Ziel der Kämpfe, sicher nicht das einzige, aber eines.

 

Auf allen Seiten scheint hier Religion gefährlich zu fanatisieren. Die eigene Religion möge gewinnen, zur Not eben mit Gewalt. Und die andere soll verlieren. Wie so häufig schon in der Geschichte gibt es das nicht nur bei den Anderen – das kennen wir auch aus unserer eigenen Geschichte, der christlichen und nicht zuletzt der deutschen.

 

PROBLEM: WIR UND UNSER GOTT – IHR UND EURE GÖTTER

Jan Assmann, der bekannte Ägyptologe, kritisiert die abrahamitischen Religionen und somit auch uns, weil sie, weil wir einen Alleinvertretungsanspruch auf die Wahrheit behaupten. Er nennt die Radikalität unserer Glaubenstraditionen „die mosaische Unterscheidung“, - die scharfe Trennung zwischen dem eigenen Gott der Wahrheit und den anderen Falschgöttern: wer nicht für uns ist, der ist gegen uns – bestenfalls werden die anderen Abrahamskinder noch geduldet. Für die Ungläubigen, für die Ägypter z.B. sieht es dagegen schlecht aus: sie, die anderen und ihre Götter, sie müssen vernichtet werden – mosaische Unterscheidung. Wir und unser wahrer Gott – ihr und Eure falschen Götter. Wir die Gewinner, ihr die Verlierer.

 

FRIEDEN STATT WAHRHEIT?

Auf diese Weise ist Religion gefährlich. Gewalttätig wird versucht, der eigenen Religion das Recht zu verleihen. Was aber tun dagegen? Der Vielgötterei Lob singen? Der Münchener Soziologe Ulrich Beck, der uns neuerdings das schöne Wort der Weltrisikogesellschaft nahe gebracht hat, meint, die Religionen sollten sich von den Wahrheitsansprüchen wegbewegen und ihr Friedenspotential aktivieren.

 

Aber geht das? Frieden statt Wahrheit. Hört Religion erst dann, wenn sie sich nicht mehr um die Wahrheit ihrer Botschaft sorgt, endlich auf, gefährlich für andere zu sein? Oder wird sie dann auch ungefährlich, belanglos und vor allem trostlos für einen selbst?

Würden Sie zustimmen, wenn man Ihnen sagt: es ist doch ganz egal, was genau Du da glaubst, Hauptsache, wir ahnen irgendwie, dass das, was ist, nicht alles ist, wir haben alle doch irgend so ein Sehnen? Stellt euch doch nicht so an? Hauptsache Frieden unter den Menschen guten Willens?

Wäre diese Haltung ein Trost im Leben und im Sterben? Und ich denke in diesen Tagen auch an den Trost angesichts des Sterbens, weil ein Bekannter in jungem Alter von Frau und Kindern gerissen wurde – einfach tot. Dann will ich einfach wissen, dass Gottes Geschichte, dass er uns nahegekommen ist und den Tod überwunden hat, wahr ist  Gott in der Krippe, Gott am Kreuz, das ist mir in solchen Situationen nicht egal.

Gibt es also, wie Beck den Eindruck erweckt, bei der Religion nur die Alternative, dass sie entweder Frieden bringen oder aber Wahrheit beanspruchen kann?

 

GOTTESKNECHTSLIED: WAHRHEITSANSPRUCH

Eine vermeintlich wohlbekannte Passage aus dem zweiten Teil des Jesaja-Buchs klingt neu, wenn wir sie hören als ernst-poetische Antwort auf die Frage: „ist Religion gefährlich?“

Ich lese aus dem Buch Jesaja aus dem Kap. 42 die Verse 1 bis 9:

 

1   Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.

2   Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.

3   Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.

4   Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

5   So spricht Gott, der HERR, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Odem gibt und den Geist denen, die auf ihr gehen:

6   Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden,

7 dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.

8   Ich, der HERR, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen.

9 Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es aufgeht, lasse ich's euch hören.

 

Das Lied vom Gottesknecht. In der Zeit, aus der diese Worte überliefert werden, da rumorte es. Israel war seit zwei, drei Generationen im Exil in Babylon. Verloren waren Heimat, Tempel, Königtum. Doch dann blitzt Hoffnung auf. Das Schicksal scheint sich zu wenden. Ein neuer Herrscher, der Perser Kyros, und seine gewaltigen Heere tauchen auf und werden den eigenen Bedrückern, den Babyloniern, zur Gefahr – nur eine Frage der Zeit, wann sie besiegt sind, das wissen alle. Und darum singt dieser Jesaja ein Freudenlied nach dem anderen – alle gehen in etwa so: Es ist Israels Gott, der das alles tut und damit sein Wirken in der ganzen Welt bekannt machen und sich durchsetzen will.

Was für ein ungeheuerlicher Anspruch! Diese kleine, an den Rand gedrängte Gemeinde ist überzeugt: alles, was gerade auf der großen Weltbühne passiert und vordergründig mit uns aber auch gar nichts zu tun hat, das findet nur statt, damit unseres Gottes Ehre und Herrlichkeit sich durchsetzt. Und die anderen Götter? Die der Babylonier und der vielen anderen Völker? Mumpitz, Blendwerk, Schall und Rauch – wahrheitslos. Unser Gott ist der Gewinner, ihr und Eure Götter seid die Verlierer.

Weniger ist nicht drin. Wahrheitsanspruch pur.

 

GOTTESKNECHTSLIED: FRIEDLICHE REALISIERUNG…

Unser Text besingt die Berufung desjenigen, der diese Wahrheit unter die Völker bringen darf. Von Gott berufen ist ihm Gelingen bis ans Ende – zeitlich und räumlich – zugesagt. Wer diese Beauftragung liest, der muss einem Assmann und einem Beck sagen: ja, der Gott, wie er hier beschrieben ist - er unterscheidet scharf. Er duldet keine andere Wahrheit neben sich. Er will, dass diese Wahrheit verkündigt und bezeugt wird.  

Ein gewaltiges Wort, ein gefährliches Wort. Ja, Religion ist nach diesem Jesaja-Lied gefährlich: dem Inhalt nac.h. Aber eben nicht der Art nach, in dem, wie der Gottesknecht, wie Gottes Bote auftreten und wie er das Wort durchsetzen soll.

Der Bote schreit nicht, er krakelt nicht. Sein Lied ist kein religiöser Gassenhauer: Es bringt keine billigen Parolen, mit denen er Eindruck schinden will. Und – er steht auch nicht für handgreifliche Gewalt: Das genickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wir er nicht auslöschen!“

Das ist die wichtige Verheißung über dem Leben aller Berufenen: so darf Dein religiöses Zeugnis sein – wo das Leben zerbrochen wirkt, wo es zu verlöschen droht, da, gerade da, musst Du nicht noch einmal zuschlagen, umknicken, ausblasen, nicht nötig. Du darfst Dich enthalten. Geduld und Treue sind Namen Gottes, nicht schneller, gewaltiger Erfolg. Gott selbst setzt im Glauben nicht auf die Mittel des vordergründigen Sieges. Er will die Menschen gewinnen, nicht besiegen.

Doch halt, jetzt kommt mir aber der sanfte Hirte mit wallendem Haar und sentimentalem Blick, Nazarener-Stil des 19. Jahrhunderts, in den Sinn. Ist der gemeint?

 

… EINER GEFÄHRLICHEN BOTSCHAFT

Weit gefehlt: man muss nur einen Satz weiterlesen. Den druckt die Lutherbibel im Unterschied zum berühmten Wort vom geknickten Rohr leider nicht mehr fett. Und dabei erklärt dieser Folgesatz wie es gemeint ist, dass das genickte Rohr nicht gebrochen und der glimmende Docht nicht verlöscht wird: in Treue träg er das Recht hinaus.“   Das ist keine Romanik mehr, sondern Verkündigung, die etwas bewirkt.

Beide Sätze erklären sich wechselseitig: es geht nicht nur – auch, aber eben nicht nur! – darum, einem anderen gebrochenen Menschen einen Liebesdienst zu erweisen. Sondern es geht auch darum, echte verlässliche, dauerhafte Veränderung herbeizuführen – es geht ums Recht. Das Recht soll den Einzelnen, und vor allem die Schwachen, die Geknickten, denen, die Energie und Luft zum Atmen verlieren, unterstützen. Das Recht soll nicht bedrücken, sondern Menschen zum Blühen bringen – bis an der Welten Ende, nicht nur für das eigene Volk, die eigene religiöse Gruppe. Und das in Treue, Wahrheit und Wahrhaftigkeit – so die drei Bedeutungen des hebräischen Wortes „Ämäth“, von dem hier die Rede ist.

 

Wahre Religion richtet also nicht irgendeinen beliebigen Rechtszustand auf – irgendein Recht gibt es auch in Diktaturen. Nein, verlässliches Recht, Recht, das die Schwachen, die Genickten im Blick behält. Das ist nicht einfach ein soziales Parteiprogramm. Das ist Religion. Ja, diese Botschaft ist gefährlich. Für diejenigen, die unterdrücken. Für alle, die sich zu Gewinnern erklären. Für die, die das Recht allein auf ihren Nutzen hin schreiben wollen. Die Botschaft vom verlässlichen Recht für die Schwachen ist gefährlich. Und doch, oder gerade darum ist sie so einladend, so gewinnend: denn sie übt keine Gewalt, sie ist geduldig und ihr geht es um das Heil und die Heilung der Menschen, nicht irgendwann, sondern jetzt und dauerhaft – ohne dass sie selbst die anderen in die Schablone der eigenen Wahrheit zwängt. Schweigen kann der Bote davon nicht, aber er wird sie auch nicht billig herumkrakelen.

 

FRIEDEN UND WAHRHEIT

Das scheint die überraschende Botschaft dieses Jesajas, der ahnt, dass gewaltige Veränderungen bevorstehen, die er religiös bewältigen will. Der Prophet will im Glauben ja eben nicht einfach Wahrheit gegen Frieden ausgespielt sehen, so wie man es nach Ulrich Beck tun müsste. Frieden und Wahrheit der Religion können zusammenkommen. Denn – ich greife einen Satz aus dem letzten Absatz des jüngsten Buch meiner Lieblingsphilosophin, Martha Nussbaum, auf, der mir die Sache des Gottesknechtlieds zu treffen scheint: Frieden und Wahrheit haben eine gemeinsame Schwester: Geduld. Diese Schwester „Geduld“, sie ist laut Nussbaum wachsam, zupackend, ausgleichend, zuhörend, wirklich zuhörend, was andere zu sagen haben – und ich ergänze mit dem letzten Satz unseres Predigttextes: hörend, lauschend auf diese Botschaft, die andere nicht überwältigen will, sondern ihnen Achtung entgegen bringt, wie Gott Leidenschaft für den Anderen gefunden hat. Eben in solcher Leidenschaft für den anderen, nicht in gewalttätiger Leidenschaft gegen den anderen, schenkt die Geduld Freude. Solche aktive Geduld verkündet der Bote Gottes, von dem uns das Jesajabuch erzählt. Solche Geduld mit anderen zu haben – den glimmenden Docht der Schwächeren nicht einfach zu verlöschen, den Ärmeren, Bedürftigeren, denen auf der Verliererseite nicht das Gefühl zu geben, dass sie geknickt sein müssen – solche Geduld zu haben, das ist nicht immer gern gesehen. Das kann gefährlich werden, auch und gerade für den Boten selbst. Das wissen wir aus den folgenden Liedern vom Gottesknecht und das wissen wir aus der Geschichte Jesu. Auch wenn von Gott der endgültige Erfolg seiner Botschaft verheißt, werden diejenigen, die sie verkünden, weil sie sie verkünden, Leid erfahren. Damit ist zu rechnen.

Als Christinnen und Christinnen glauben wir daran, dass Jesus Christus in die Welt gekommen ist, um diese Botenaufgabe für uns zu übernehmen. Er hat Geduld geübt mit jedem und jeder, mit dem glimmenden Docht und dem geknickten Rohr. Er hat das Recht, das verlässliche Recht vor Gott und den Menschen in die Welt hinausgetragen.

 

Unser Text endet mit dem Vers: „Ehe denn es aufgeht, lasse ich es euch hören.“ Wie unser Jesaja warten auch wir noch in den großen, verunsichernden, Umwälzungen bringenden Zeiten auf den Gewinn der aktiven, rechten, Recht schaffenden Geduld.   Auch wir hoffen noch auf die Vollendung dessen, was Gott in Jesus Christus hat anbrechen lassen. Das Gelingen, die Durchsetzung dieser Botschaft ist uns verheißen – eine Durchsetzung, die gerade nicht gefährlich gewalttätig, sondern liebevoll geduldig mit den anderen umgeht. Und weil bis zu dieser Vollendung noch vieles zu wachsen und aufzugehen hat, darum wird Gott uns noch einiges hören lassen von Geduld und Recht. Das ist die gefährliche Botschaft der Religion gemäß der zweiten Jesaja-Rolle. Hören wir gut hin.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Zuletzt aktualisiert: 12.02.2009 · Heike Mevius

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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