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Hannes Eibach

Universitätskirche Marburg, 25. Januar 2009

 

„In die Wüste geschickt“

Predigt zu Genesis 21, 1-21 in der Predigtreihe „Gewinner und Verlierer“

„Gnade sei mit Euch und Frieden von dem, der da ist und der da war und der da kommt“



Eine jüdische Geschichte erzählt von einem jungen Mann, der sich in eine Prinzessin aus der nächsten Stadt verliebt. Er wollte sie heiraten, doch sie stellte ihm eine Bedingung: Zuerst müsse er seiner Mutter das Herz herausschneiden und es ihr bringen. Er ging nach Hause, und als seine Mutter schlief, schnitt er ihr das Herz heraus. Freudig, aber nur insgeheim freudig eilte er zurück zur Prinzessin. Doch da stolperte er und fiel hin. Das Herz glitt ihm aus der Hand, und es begann zu sprechen: „Hast du dir weh getan, liebster Sohn?“

Zwei Folgerungen ziehe ich aus dieser Geschichte, liebe Gemeinde!

1. Mütter sind auch nur Menschen.

Und 2. können die Söhne nicht früh genug damit anfangen, sich von ihren Müttern zu lösen.

Um den Anstoß einer frühen Lösung geht es in dem Entwöhnungsfest in der biblischen Geschichte, die wir gerade von den Studierenden gehört haben. 

Etwa nach dem dritten Lebensjahr muss es gefeiert worden sein - ein Übergangsfest in eine neue Lebensphase, das der Vater Abraham für seinen Sohn Isaak mit einem großen Tischgelage ausrichtet.

Übergänge sind von Krisen begleitet. Und so bricht auf diesem Entwöhnungsfest ein tiefer Konflikt in der Familie hervor. Er macht sich fest an dem älteren Sohn, an dem Ziehsohn, wir würden heute sagen an Sarahs Adoptivsohn Ismael.

Friedrich Nietzsche hat einmal geschrieben, dass die unaufgelösten Dissonanzen im Verhältnis von Charakter und Gesinnung der Eltern im Wesen eines Kindes nachklingen und seine innere Leidensgeschichte ausmachen. Plastischer als in der Geschichte Abrahams mit seinen beiden ältesten Söhnen bekommen wir dies selten vor Augen geführt.

Der Konflikt der ganzen Familie wird manifest an dem Ältesten - an Ismael.

Und Ismael erweist sich schon früh als der Symptomträger. So bezeichnet ihn die Überlieferung bereits vor seiner Geburt als einen wilder Esel, der sich mit jedem anlegt, der ihm über den Weg läuft.

Im Gegensatz zu seinem Schimpfnamen weist sein wirklicher Name „Ismael“ auf eine ganz andere Wirklichkeit hin. Ismael lässt sich übersetzen mit der Aufforderung: „Gott möge hören“.

In seinem Namen klingt die Bitte an, dass Gott die Geschichte eines solchen Kindes wahrnimmt, das eigentlich von Anfang an nur als Platzhalter für einen anderen herhalten soll.

Jahrelang hatte Abraham auf Nachkommen gewartet. Seine Ehefrau Sarah verzweifelte daran, dass sie kein Kind bekam. 

In ihrer Not stimmte sie einer Leihmutterschaft zu, aus der Ismael hervorging. Dann aber bekam sie in ihrem 90. Lebensjahr doch noch im Hain von Mamre einen Sohn versprochen. Über diese überraschende Ankündigung brach sie in ein Lachen aus. Vielleicht aus großer Freude, vielleicht aber auch aus einer abgründigen Beschämung heraus, lacht sie so laut, dass Abraham Sarahs Lachen in den Namen seines Sohnes aufnimmt und ihn Jizchak nennt. Sarah aber sagt am Tag seiner Beschneidung dazu: „Ein Lachen hat mir Gott bereitet. Wer davon hört, wird über mich lachen.“ So deutlich drückt sie ihre Ambivalenz zu dem ganzen Geschehen aus - mit einem Lachen voller Erleichterung und Bitterkeit zugleich.

Auf dem Entwöhnungsfest von Isaak sieht Sarah nun, wie der ältere Ismael mit dem kleinen Bruder spielt, mit ihm  herumtändelt und scherzt. Der gleiche Wortstamm wie bei dem Wort Lachen Zachak im Piel steht hier für das, was die beiden Jungen miteinander treiben. Es ist die Schilderung einer besonders intensiven und lustbetonten Begegnung, wie sie vielleicht auch als eine Rauferei zwischen einem älteren und einen jüngeren Bruder beobachtet werden kann.  Martin Luther übersetzt nun an dieser Stelle: Sarah sah, wie Ismael mit Isaak Mut willen trieb. Luther bringt hier durch seine Übersetzung eine negative Bewertung mit ins Spiel.   Übernehmen wir nun Luthers Abwertung von Ismaels Verhalten oder hören wir auf den fein gewobenen Zusammenhang des hebräischen Textes? Lassen wir uns auf das Wortspiel mit dem Wort Zachak ein, das das Gelächter der beiden Söhne, die so inniglich vertraut miteinander umgehen, mit Sarahs Lachen und ihrem ambivalenten Verhältnis zu ihrer Mutterschaft in eine Beziehung zueinander bringen will?

Denn was in dieser Erzählung  geschieht, geschieht sehr oft in Familienbeziehungen und dient der Entlastung des Systems. Da Sarah sich ihrem inneren Konflikt nicht wirklich stellt, überträgt sie ihre Spannung auf den äußeren Auslöser. Nicht ihre eigene Dissonanz erkennt sie als ein Problem, sondern Ismael sieht sie als das Problemkind an. Der Scherzende wird in ihren konfliktgebundenen Augen zum Störenfried, aus dem emotional lebendigen Kind der hyperaktive Fremdkörper, der ihre Feststimmung verdirbt. Und wir können uns seinen Weg ausmalen: wie der zum Außenseiter erklärte Junge angefangen hat, sich gegen diese Ablehnung zu wehren und sich in den Augen seiner Umgebung wirklich wie ein wilde Esel gebärdet, der ständig mit andern Streit anfängt.

In dem Moment, als Sarah Ismael mit Isaak spielen sieht, beschließt sie, dass Ismael nicht Erbe werden soll mit ihrem Sohn.

Weil Sarah ihre eigenen Dissonanzen nicht in Einklang bringen kann, muss sie spalten: Der eine soll alles und der andere nichts bekommen. Für sie gibt es nur das Spiel, in dem es einen klaren Gewinner und einen klaren Verlierer gibt.

Der Konflikt aber wird von Generation zu Generation weiter gegeben. Zwischen Jakob und Esau finden wir ihn wieder und zwischen Josef und seinen Brüdern wird er sich in besonderer Weise entfalten. Immer wieder ist der Ältere von der Erbschaft ausgeschlossen, um dem Jüngeren das Ganze zu übertragen. Die Logik lautet: Nur einer kann den Segen haben und nur einer kann das Land besitzen. Bis heute finden wir Spuren davon dort wieder, wo Menschen, ja ganze Völker alles nur dafür tun, um Gewinner zu sein und ja nicht in die Rolle des Verlierers zu geraten.

Doch zurück zu unserer Geschichte: Ismael ist der Auslöser, nicht der Grund für den Konflikt seiner Eltern. Nun ist Ismael ist nicht nur der Adoptivsohn von Sarah. Er ist das Kind von Hagar. Und Hagar stellt das schwächste Glied im Machtgefüge des Familiensystems dar. Sie ist eine Sklavin und steht damit für das ganze Ausmaß an Ausbeutung und Fremdherrschaft, das sich in einem solchen Beziehungsgeflecht entfalten kann. Hagar wurde dafür ausersehen, das Problem der fehlenden Nachkommen von Abraham und Sarah zu lösen. Schon bevor sie ihre Schwangerschaft in ihrer Rolle als Leihmutter austrägt, fällt sie bei Sarah in Ungnade.

Und als Sarah einen eigenen Sohn geschenkt bekommt, schickt Abraham Hagar mit ihren Sohn Ismael endgültig in die Wüste. Das Brot und der Schlauch mit Wasser, den er ihnen mitgegeben hat, sind schnell aufgebraucht. Als Ismael zu verdursten droht, legt Hagar in ihrer Verzweiflung  ihren Sohn unter einen Strauch, vielleicht um ihn ein wenig vor der stechenden Sonne zu schützen und sagt: „Ich kann den Tod des Jungen nicht mit ansehen“. So weit geht die körperliche und seelische Not dieser Frau, dass sie ihr Kind ablegt und sich allein ihrer Klage hingibt. Doch auch Ismael schreit. Er hört nicht auf und er schreit so laut, dass Gott sein Weinen hört. Und diese Klage rührt Gott an. Gott lässt das Leid dieses Kindes nicht kalt. Gott wird aufmerksam und stellt sich auf die Seite derer, die schon abgeschrieben sind. So wird die Bitte im Namen von Ismael „Gott möge hören“ für Hagar zu einer Erfahrung, als ein Gottesbote zu ihr kommt und sie anspricht: „Fürchte dich nicht, denn Gott hat die Stimme des Jungen gehört. Steh auf und nimm den Jungen fest in deine Arme. Ich will ihn zu einem großen Volk machen.“

Durch diese Begegnung entdeckt Hagar, die bis jetzt tatsächlich nur noch den Tod vor Augen gesehen hat, einen Ausweg: eine Quelle, aus der Wasser fließt – eine Quelle neuer Lebensmöglichkeiten an der Stelle, wo sie nichts mehr erwartet hat.

Im Islam wird der Ort dieser Quelle besonders verehrt. Es ist die Stelle, wo heute der zam-zam Brunnen steht, aus der die muslimischen Pilger am Ende ihrer Wallfahrt trinken,  nachdem sie die Kaaba in Mekka sieben Mal betend umschritten haben.

Für Hagar und ihren Sohn ist die Quelle der Anfang eines neuen Lebens. Hagar und Ismael  nehmen ihre Situation nun an wie sie ist. Sie sind nicht im Paradies.  Sie sind in der Wüste – dem Ort der Prüfung und einer neuen Ausrichtung auf die Zukunft. Sie sind nicht mehr im Schutz ihrer bisherigen Herrschaft, aber auch nicht mehr unter ihrer Macht. Sie sind frei und können nun gehen, wohin sie wollen. Ismael lernt hier zu überleben, indem er zu einem Bogenschützen wird: also jemand, der zielgerichtet zu treffen versteht. Hagar kehrt zu ihren Leuten zurück und findet dort später für ihren Sohn eine Braut.

Ismael ist nicht mehr der Verlierer und wird am Ende auch nicht zu einem strahlenden Gewinner. Er ist nur Jemand, der durch Gottes Hilfe gerade noch einmal davon kommt. Gott hat ihn nicht verlassen, als er von seinem leiblichen Vater in die Wüste geschickt und von seinen Müttern aufgegeben wurde. Gott hat sein Schreien gehört.   

 

Und Isaak? Er bekommt die ganze Erbschaft seines Vaters übertragen. Wird er dadurch zum Gewinner, dass sein Bruder nicht mehr da ist und keine Ansprüche mehr stellen kann? Wohl kaum, denn wer die Geschichte weiter liest, der erfährt, dass die beiden von einander getrennten Brüder einen ähnlichen Leidensweg durchschreiten. Abraham geht in seiner Gottesfurcht so weit, dass er zuerst seinen ersten Sohn in die Wüste schickt und dann seinen zweiten Sohn auf dem Berg Moriah zu opfern bereit ist.

Nur durch das Eingreifen eines Engels wird bei beiden Söhnen verhindert, dass sie durch seine Hand sterben. Ismael schrie und Isaak schwieg zu dem, was Abraham an seinen beiden Söhnen tat, um sich von ihnen zu lösen. Schreien und Schweigen – zwei Reaktionen auf Gewalt bis heute.

Im Blick auf Ismael und Isaak dürfen wir hoffen auf eine Rettung im letzten Augenblick: dass sich eine todbringende Verstrickung endlich löst und dass das Eis in den erstarrten Beziehungen aufbricht. Nicht dass alle Verletzungen plötzlich geheilt wären. Sie bleiben und wirken weiter. Doch es bleibt auch die Zusage: „Und Gott war mit diesem Kind“.

Was auch kommen mag, Gott gibt dem, der dem Tod in die Augen schaut, einen neuen Blick auf das Leben und seine Möglichkeiten. Wir dürfen darauf hoffen, dass unsere Klagen und unser Schweigen nicht unerhört bleiben. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir nicht fallen gelassen werden und dass aus noch so schlechten Voraussetzungen doch etwas Gutes erwachsen kann.  Amen

Zuletzt aktualisiert: 26.01.2009 · Heike Mevius

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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