Karl Pinggéra
Universitätsgottesdienst am Sonntag Kantate, 10. Mai 2009
„Kantate - Vom Gotteslob der Mühseligen und Beladenen“
Epistel (Kolosser 3,12-17)
So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.
Evangelium (Matthäus 11,25-30)
Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Predigt
I.
Der Abschnitt aus dem Brief an die Kolosser, den wir als erste Lesung gehört haben, beschreibt so etwas wie ein Idealbild der christlichen Gemeinde: So soll es zugehen, wenn die von Gott Erlösten zusammenkommen. Da ist vom gegenseitigen Vergeben die Rede, vom Erbarmen, das wir einander schulden. Die froh machende Botschaft von Christus wird weitergesagt. Und es wird gesungen, und das nicht zu knapp. Psalmen, Lobgesänge und geistliche Lieder werden angestimmt: Nicht bloß äußerlich mit den Lippen, sondern von innen her, aus dem Herzen heraus erklingt das Lob Gottes.
Das Singen ist keine Nebensache. Ohne ihren Gesang ist eine christliche Gemeinde gar nicht vorstellbar. Der Sonntag Kantate macht uns das so recht bewusst. Als „Sonntag der Kirchenmusik“ wird er in manchen Landeskirchen als Termin gewählt, an dem frisch ernannte Kirchenmusikdirektorinnen und -direktoren ihre Ernennungsurkunden überreicht bekommen. Bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten erinnert sich die evangelische Kirche gerne und zu Recht an ihr stolzes musikalisches Erbe. Vermutlich werden Festreden und Predigten an diesem Sonntag nur ungern darauf verzichten, einen Griff in den reichen Zitatenschatz Martin Luthers zu tun, der manch hinreißende Wendung zu Frau Musica, der „herrlichen und schönen Gabe Gottes“, bereit hält. Musicam semper amavi (Die Musik habe ich stets geliebt), hat der Reformator einmal bekannt.
Für die Theologenzunft sind wohl vor allem die grundsätzlichen Äußerungen Luthers von Interesse, die sich in einem Brief an Ludwig Senfl finden, dem Hofkapellmeister der bayerischen Herzöge. Mit Senfl, einem der gefragtesten Komponisten seiner Zeit, verband Luther eine herzliche Freundschaft. „Ich urteile frei heraus und scheue mich nicht zu behaupten, dass nach der Theologie keine Kunst sei, die der Musik gleichzustellen wäre, weil sie allein nach der Theologie das schenkt, was sonst allein die Theologie schenkt, ein ruhiges und fröhliches Herz.“ Die Propheten hätten ihre Theologie deswegen auch oftmals in Musik gefasst, „wenn sie die Wahrheit in Psalmen und Lieder verkündigten“. Gott selber hat für Luther die Musik erschaffen und schenkt sie uns zum Gebrauch. An anderer Stelle hat Luther das so auf den Punkt gebracht: Sic Deus praedicavit euangelium etiam per musicam (So hat Gott sein Evangelium auch durch die Musik gepredigt).
Wer möchte bezweifeln, dass die Musik eine Gottesgabe sei, wenn wir beispielsweise einem Klavierkonzert Mozarts lauschen dürfen? Und wem leuchtete es nicht ein, dass da gerade Gott selber gepredigt hat, wenn am Ende einer Aufführung der Bach’schen Johannespassion der Schlusschoral verklungen ist.
II.
Freilich: Wir müssen Luthers Brief an den Münchener Hofkapellmeister noch weiter lesen, um uns sozusagen wieder auf den Boden der Tatsachen holen zu lassen: Die himmlische und löbliche Kunst der Musica haben wir doch nur in irdenen Gefäßen. Denn Luther macht kein Hehl aus seinem Verdruss darüber, dass sein Landesherr, der sächsische Kurfürst, viel zu wenig Geld für die Musikpflege ausgibt. Obwohl die stur katholischen Herzöge Bayerns seine ärgsten Feinde seien, will ihnen Luther das doch hoch anrechnen: dass sie die Musik in Ehren halten – und dass sie sich das anders als ihre protestantischen Kollegen auch etwas kosten ließen. – Dieser Teil des Briefes wird in kirchenmusikalischen Feierstunden wahrscheinlich eher selten zitiert.
Die evangelische Kirchenmusik in unseren Breiten ist zweifelsohne noch immer zu beeindruckenden Leistungen fähig. Am reichen Programm der Marburger Gemeinden, gerade auch unserer Universitätskirche, kann man sich das vor Augen und Ohren führen. Und dass die Kirchenmusik wirklich am Verkündigungsauftrag der Kirche teilhat und ein Kirchenmusiker dem Theologen dabei in nichts nachstehen kann, das wird bestätigen, wer mit dem Kantor dieser Kirche einmal die Gestaltung eines Gottesdienstes besprochen hat, so wie ich in der letzten Woche.
„Aber“ – so schürze ich in meiner Predigt den Knoten: Jetzt folgt das „aber“: Es gibt nicht bloß kulturell renommierte Kirchen, sondern auch die (darf ich das so sagen?) „durchschnittlichen“ Gemeindegottesdienste, die (vorsichtig ausgedrückt) eher keine konzertanten Leckerbissen im Sortiment führen. Ich beobachte auch, dass die Zahl der Gemeinden ohne eigenen Kirchenchor wächst. Und ich weiß von manchen Kirchenvorständen, die unter dem Diktat des allgemeinen Sparzwanges den État der Kirchenmusik empfindlich kürzen. Von einem engagierten Kantor habe ich auch dies gehört: Er würde es schon seit Längerem nicht mehr wagen, eine der bekannten Passionen Bachs oder gar ein großes Oratorium von Mendelsohn-Bartholdy aufzuführen. Das sich elitär gebende Feuilleton der lokalen Presse neige zu Verrissen. Die musikkundigen Besucherinnen und Besucher hätten diverse Einspielungen auf CD im Ohr und würden die Darbietungen des Chores – unfreiwillig – daran messen. Wer aber möchte sich stets an Gardiner und Harnoncourt messen lassen?
Die Mittel unserer Kirche sind beschränkt. Hier ist der Ort, an dem ich das Evangelium des heutigen Sonntags ins Spiel bringen möchte. Was hat der Abschnitt aus Matthäus 11 eigentlich an einem Sonntag verloren, der mit dem freudigen „Kantate“ überschrieben ist? Mir ist dazu folgende Begebenheit eingefallen, die uns zur Kernaussage des heutigen Evangeliums hinführen mag:
Während meiner Zeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn habe ich einmal mit einer Gruppe interessierter Studierender den Gottesdienst in einer griechisch-orthodoxen Kirche besucht. Wir waren Gast in einer Liturgie, die am Abend eines Wochentages gefeiert wurde. Das Gotteshaus, in dem wir uns versammelten, war ein Neubau. Die Inneneinrichtung war noch nicht ganz fertig. Aber nicht nur die Baugerüste trugen den Charakter des Improvisierten. Auch der kleine Chor, der sich da zusammengefunden hatte, trug alle Zeichen einer Aufbauphase an sich. Die stärkeren Kräfte waren offenbar nicht erschienen. Offen gesagt: Es waren gesangliche Laien, die sich mehr schlecht als recht durch die anspruchsvollen Weisen der byzantinischen Liturgie hindurchkämpften. Hin und wieder huschte der Ausdruck einer gewissen Erleichterung über die singenden Gesichter, wenn ein Stück zur rechten Zeit am rechten liturgischen Ort einigermaßen erkennbar über die Runden gebracht war.
Im anschließenden Gespräch ging der Priester ganz unumwunden auf die Leistungen seines Chores ein. Mit festem Blick besonders auf den Herrn Dozenten von der Universität, der irgendwie als Kenner der Ostkirchen galt, räumte er gleich zu Beginn ein, dass der Chor noch verbesserungswürdig sei. Aber – auf dieses „aber“ kommt es an – so wörtlich: „Die Kirche ist kein Opernhaus, sondern – ein Krankenhaus.“ Es gibt Sätze, die man nicht mehr vergisst. Dieser Satz gehört dazu: „Die Kirche ist kein Opernhaus, sondern ein Krankenhaus.“ Ich wage zu behaupten, dass ich in dieser Stunde über das Wesen der Kirche mehr gelernt habe, als aus manchen theologischen Traktaten.
Die christliche Gemeinde setzt sich nicht nur aus Startenören und glamourösen Diven des Belcanto zusammen. Die Einladung Jesu gilt allen. „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.“ Ihnen gilt die Verheißung: „Ich will euch erquicken.“ Man muss zugeben, dass sich in diesem Vers Größe und Grenze des Lutherdeutsch für uns Heutige zeigen. Um die Vokabel „erquicken“ recht zu verstehen, ist vielleicht doch ein Blick in das Griechische und dann auch in andere Übersetzungen hilfreich. Wörtlich heißt es an dieser Stelle: Ich will euch Ruhe verschaffen. Oder auch: Ich will euch ausruhen lassen. Dann versteht man besser, was Luther – sicher ganz treffsicher – gemeint hat: Dass Jesus uns bei sich Ruhe gönnt, uns ausschnaufen und aufatmen lässt in der Mühsal unseres Lebens. Dass er uns neu beleben, neuen Lebensmut geben will: dass er uns „erquickt“.
Darum geht es, wenn wir als seine Gemeinde zusammenkommen: Wir treten nicht vor ihn, um perfekte Inszenierungen religiöser Selbstdarstellung darzubieten. Bühnenreif sind wir nicht. In der Regel singt ja auch gar kein Chor in unseren Gottesdiensten. Wir singen selber, musikalisch mehr oder weniger begabt oder ganz unbegabt. Was liegt schon daran? Dass wir selber singen, das macht die unvergleichliche Würde und den eigentümlichen Glanz unseres Gottesdienstes aus. Wo gibt es in unserer Gesellschaft eigentlich noch regelmäßige Zusammenkünfte, in denen alle mitsingen können? Im Großen und Ganzen sind unsere Gesangbuchlieder so gestrickt, dass wir nicht einmal in der Lage sein müssen, Noten zu lesen. Bei uns dürfen und sollen auch die musikalisch Unmusikalischen mitsingen.
III.
Im gottesdienstlichen Lied dürfen wir, was uns die hohe Kunst sonst verwehrt: Mitsingen, ohne unsere Schwächen und unsere Unfähigkeiten verbergen zu müssen. Anders treten wir ohnehin nicht vor Gott, der uns besser kennt, als wir selbst. In dem Gebet, das ich vorhin aus der Agende vorgetragen habe, heißt es: „Mach unser Leben zu einem Lobgesang auf deine wunderbare Macht und Güte.“ Unser Leben als Gesang – in dieses Bild kann man den letzten Sinn unseres Daseins bringen: Wir sind zum Lob Gottes geschaffen. Im gottesdienstlichen Singen wird dargestellt, worauf die ganze Schöpfung abgestellt ist: ein Lobgesang auf die unendliche Güte des Schöpfers zu werden.
Ob nicht auch in dieser Hinsicht gilt, dass unser Gesang hinter der Perfektion eines Opernhauses zurückbleibt? Der Gesang meines Lebens ist jedenfalls von manchen Dissonanzen begleitet. Beim hohen C der Nächstenliebe singe ich oft schauderhaft falsch. Meine Beziehungen zu anderen, auch lieben Menschen gleichen oft komplizierten Fugen mit Stimmen, die sich in einem Knäuel von Vorurteilen und Unterstellungen verwirrt haben, und die ich nicht mehr aufzulösen vermag. Aus der Monotonie meiner Gleichgültigkeit müsste mich einmal ein Paukenwirbel aufscheuchen. Wie vieles ist in der Partitur meines Lebens noch nicht auskomponiert. Und doch scheint es mir manchmal, in einer ewigen Coda des Weiter-So gefangen zu sein. Ob mein Leben eine Melodie hat? Seinen eigenen unverwechselbaren Klang? Vielleicht gleicht es eher einem Sammelsurium von Melodiefetzen, von flüchtig hingeworfenen Skizzen zu großen Arien und kleinen Couplets. Und manchmal liege ich als Tonsetzer auch arg daneben: Dann unterlaufen mir wieder die unseligen Quintenparallelen von fatalem Hochmut oder selbstmitleidiger Mutlosigkeit. Gott weiß auch darum. Und trotzdem, nein: deswegen, lädt er mich und uns zu sich ein: uns Mühselige und Beladene, die wir uns selbst so oft im Wege stehen.
Von einem Domkapellmeister in Süddeutschland erzählte man sich folgende Geschichte: Unberührt von allen Moden zeitgenössischer Musik pflegte der alte Herr noch bis weit in die 1960er Jahre hinein einen ausgesprochen wohltönenden Kompositionsstil, der sich den Idealen der allerletzten Spätromantik verpflichtet wusste. Zur Überraschung seines Schülerkreises hatte er einmal doch einige gewagte Dissonanzen in ein Gloria hineingesetzt. Das Ganze mutete fast atonal an. Die kecke Nachfrage eines seiner Zöglinge, ob er sich nun etwa der Moderne geöffnet habe, beschied der Meister trocken mit der Bemerkung: „Das ist das Gloria der Sünder.“
Wir treten vor Gott mit der unfertigen Melodie unseres Lebens – und er lässt sich das Gekrächze unseres Lobgesangs gefallen. In Christus lädt er uns ein und will uns Ruhe verschaffen, uns „erquicken“. Diese recht verstandene Ruhe ist das große Heilsgut seit Beginn der Schöpfung, als Gott am siebten Tag ruhte und diese wohltuende Ruhe in den Lauf der Zeiten eingestiftet hat. Vor Gott dürfen wir ausruhen von allen Leistungsansprüchen und Erwartungen, die immer weiter hinaufgeschraubt werden. In solcher befreienden Ruhe singen wir unser Gotteslob.
Bei Chorproben habe ich immer wieder gestaunt, dass man mit ein paar gezielten Übungen beim Einsingen so manche Verkrampfung zu lösen vermag, und dann wirklich schöner singt. Wenn wir mit der Mühsal unseres Lebens vor Gott kommen, dann dürfen wir hoffen, dass sich unsere Spannungen und Blockaden lockern und lösen. Und dass wir dann der anderen Einladung Christi im heutigen Evangelium gerne folgen: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ Darf ich das so verstehen: Dass Gott mit uns immer wieder kleine Einsingübungen vornehmen will, mit denen er unser Inneres entkrampft und wir wieder frei werden für uns selbst und füreinander? Weil wahre Freiheit aber nicht Bindungslosigkeit bedeutet, hieße das dann: Dass wir frei werden, uns selbst und den anderen mit mehr Verständnis und Rücksicht zu begegnen. Ist das nicht der Sinn der altertümelnden Worte vom Joch, von der Sanftmut und der Demut? Und hat es nicht wirklich seinen guten und tiefen Sinn, die Kirche als Krankenhaus, als „Sanatorium“, als Ort des Heiles und der Heilung zu bezeichnen?
Die Symphonien Beethovens sind für ihre Schlusspartien berüchtigt. Wenn man meint, jetzt sei das Werk zu seinem Schluss gekommen, hebt das Orchester noch einmal an, und wiederum und noch einmal – und man sehnt das Ende förmlich herbei. Liebe Gemeinde, vielleicht befinden Sie sich momentan in einer ganz ähnlichen Situation. Denn – trotz Überlänge – will ich an dieser Stelle immer noch nicht das erlösende „Amen“ sprechen, sondern noch einen Gedanken anfügen. Was ich gerade zur Ruhe, die Gott uns schenken will, gesagt habe, das war sozusagen die große Generalpause vor dem Finale. Ein Finale, in das sich (dies sei vorweg gesagt) noch einige ernste Molltöne mischen werden. Aber ich verspreche, dass nach dem nächsten Gedankengang dann wirklich Schluss ist!
IV.
Um in der Bildwelt der Musik zu bleiben: Ich kann nicht von den Mühseligen und Beladenen und ihrem Gotteslob sprechen, ohne dass die schrecklichen Kakophonien an mein Ohr kommen, die sich ganz unverschuldet in so manche Lebensmelodie hineindrängen. Da sind persönliche Schicksalsschläge und da ist schreiendes Unrecht. Wenn die Welt als große Symphonie des Schöpfers gedacht war, dann scheint die Aufführung völlig aus den Fugen geraten zu sein. Wir müssen zugeben, dass wir die Partitur nicht kennen und uns beim besten Willen nicht ausmalen können, wie ihre furchtbaren Dissonanzen einmal in einer lichten und vollendeten Harmonie aufgehoben sein werden. – Das müssen wir wohl einem Anderen überlassen.
Eines bleibt uns im großen Rätsel dieser Welt: zu singen. Es hat schon seinen Sinn, dass der Sonntag Kantate in der Osterzeit liegt. Wenn es in der Nacht des Karsamstags so scheint, als sei alles aus und vorbei, dann klingt in das Dunkel hinein die Stimme des Exsultet: „Frohlocket, ihr Chöre der Engel, frohlocket, ihr himmlischen Scharen! Lobsinge, du Erde, überstrahlt vom Glanz aus der Höhe! Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel.“ Mitten in der Nacht ist das keine Beschreibung von Tatsachen, die einfach vor Augen lägen. Hier klingt die zarte Stimme des Glaubens hinaus in die Welt, die noch im Dunkel des Todes verharrt. Vom Glauben an die Auferstehung Christi, der den Tod schon besiegt hat, von diesem Glauben kann man vielleicht nur singen. Die Melodie eines jeden Lebens wird sich ja nie wirklich zu einem sinnvollen Ende runden. Vielmehr wird sie abgebrochen von der Sinnlosigkeit des Todes. Aber (wieder ein „aber“ – diesmal das wichtigste) im Lobgesang von Ostern tragen wir das fragile Tongewebe unseres Lebens und der ganzen Welt schon jetzt über den Tod hinaus zu seinem letzten und seligen Schlussakkord.
Ein Bekannter von mir, ein orthodoxer Christ, singt gerne im Chor seiner Gemeinde und hat sich die überaus komplizierten Regularien des byzantinischen Kirchengesanges geradezu leidenschaftlich zu Eigen gemacht. Ich weiß nicht (oder unter uns gesagt: ich bezweifle es fast ein bisschen), ob er eine schöne, tragende Stimme besitzt, die zu seinem theoretischen Wissen noch hinzukommen müsste, um jene Gesangsweisen zum ästhetischen Erlebnis werden zu lassen. Wie auch immer: In der Osternachtfeier seiner Gemeinde sind ihm Jahr um Jahr die kraftvollsten und populärsten Hymnen von Christi Auferstehung vorbehalten. Darüber gibt es im örtlichen Chor keinen Disput. Das liegt daran, dass dieser Mann von allen das schwerste Schicksal trägt. Einzelheiten will ich verschweigen, nur so viel: In seinem Leben hat er schon früh und unerträglich oft das Sterben und den Tod lieber Menschen erfahren müssen. Und deswegen soll gerade er der heiligen Liturgie seine Stimme leihen, wenn in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag der unversiegbare Osterjubel der Ostkirche aufs Neue ausbricht.
„Christ ist erstanden von den Toten, im Tode zertrat er den Tod, und hat allen in den Gräbern das Leben gebracht.“ Mein Freund hat mir einmal gesagt – und ohne ihn gefragt zu haben, glaube ich, dass er einverstanden ist, wenn ich Ihnen das weitererzähle: „Weißt Du, wenn ich das in der Osternacht singe, dann sehe ich den Tod vor mir und die vielen Toten, die meinen Lebensweg gesäumt haben. Und ich singe dem Tod ins Gesicht: ‚Christ ist erstanden von den Toten, im Tode zertrat er den Tod, und hat allen in den Gräbern das Leben gebracht.’ Dann sage ich zum Tod: In Wirklichkeit gibt es Dich ja gar nicht mehr.“ ‑ Vielleicht gilt von der Wirklichkeit des Osterglaubens: Wovon man letztlich nicht mehr sprechen kann, davon muss man singen.
Gott lässt uns zur Ruhe kommen: In diesem Leben immer wieder einmal; und einst in seinem großen Frieden, wenn er uns auf ewig „erquicken“ wird: „O Tod, wo ist dein Stachel nun? Wo ist dein Sieg, o Hölle?“ Amen.
Predigtlied (EG 113,1+5-8)
O Tod, wo ist dein Stachel nun? / Wo ist dein Sieg, o Hölle? / Was kann uns jetzt der Teufel tun, / wie grausam er sich stelle? / Gott sei gedankt, der uns den Sieg / so herrlich hat nach diesem Krieg / durch Jesus Christ gegeben!
Es war getötet Jesus Christ, / und sieh, er lebet wieder. / Weil nun das Haupt erstanden ist, / stehn wir auch auf, die Glieder. / So jemand Christi Worten glaubt, / im Tod und Grabe der nicht bleibt; / er lebt, ob er gleich stirbet.
Wer täglich hier durch wahre Reu / mit Christus auferstehet, / ist dort vom andern Tode frei, / derselb ihn nicht angehet. / Genommen ist dem Tod die Macht, / Unschuld und Leben / wiederbracht und unvergänglich Wesen.
Das ist die reiche Osterbeut, / der wir teilhaftig werden: / Fried, Freude, Heil, Gerechtigkeit / im Himmel und auf Erden. / Hier sind wir still und warten fort, / bis unser Leib wird ähnlich dort / Christi verklärtem Leibe.
O Tod, wo ist dein Stachel nun? / Wo ist dein Sieg, o Hölle? / Was kann uns jetzt der Teufel tun, / wie grausam er sich stelle? / Gott sei gedankt, der uns den Sieg / so herrlich hat nach diesem Krieg / durch Jesus Christ gegeben!

