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Ulrike Wagner-Rau

Universitätsgottesdienst am 28.06.2009

Predigt über Lk 15,11-32

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

ein Mann hatte zwei Söhne. Drei Menschen – miteinander verbunden und zugleich in Schwierigkeiten. Sie sind aufeinander bezogen und ebenso beschäftigt mit sich selbst. Sie haben Sehnsucht nach den anderen, haben Teil an einer gemeinsamen Geschichte, und zugleich streiten sie miteinander, stehen in der Gefahr, sich endgültig zu verlieren. Wir erleben Szenen eines bewegten, ja: eines dramatischen Weges. Und wo seine Dynamik hinführt, wo er enden wird, das bleibt offen.

Der jüngere Sohn lässt sich sein Erbteil auszahlen und geht aus dem Haus. Die Geschichte sagt nichts über seine Motive für diesen Schritt. Offenbar war er auch damals nicht ganz ungewöhnlich, aber doch schwieriger besetzt als heute. Heute erscheint das Verlassen des Elternhauses sogar fast geboten. Sorgen macht man sich um die Kinder, die nicht aufbrechen, um selbständig ihren Weg zu gehen. Trotzdem ist der Aufbruch – damals wie heute – ein großer Schritt. Die Studierenden haben etwas von der Emotionalität der Szene ins Bild gesetzt: Da strebt einer fort ins Freie, hat sein Bündel gepackt samt allem, was der Vater ihm gegeben hat. Er will nur weg in sein eigenes Leben, wie auch immer es aussehen mag. Er schaut sich nicht um. Der Blick zurück, durch den ihn ja auch ein Schmerz über den Verlust der Heimat überfallen könnte, würde zu sehr binden. Das kann er jetzt nicht gebrauchen.

Die beiden anderen bleiben zurück. Die Geschichte sagt nichts darüber, wie sie ohne den Jüngsten zurechtkommen. Das szenische Bild legt nahe: Sie rücken näher zusammen. Dass der Ältere zu Hause bleibt, ist jetzt fast zwingend: Den Vater ganz allein zu lassen, kommt wohl kaum in Frage. Der Sohn steht wie schon bereit im Rücken des Alten: Wenn dieser geht, wird er seine Rolle einnehmen. Eine gute und sichere Position, aber es könnte ihr irgendwann etwas fehlen vom Geruch der Freiheit, vom bittersüßen Geschmack der Fremde.

Der Aufbruch des Jungen aber misslingt. In wenigen Sätzen macht die Geschichte das klar. Er scheitert an sich selbst, aber auch an den Umständen der Zeit. Eine Wirtschaftskrise besiegelt die zunächst selbst verschuldete Notlage. Der junge Mann findet keine Chance, neu anzufangen. Nicht jeder, der aufbricht, ist der Freiheit gewachsen, und für viele sind die Verhältnisse unfreundlich. Am Tiefpunkt muss er sich eingestehen, dass er allein nicht weiterkommt. - Solch ein Eingeständnis ist hart. Es braucht eine eigene Stärke, um der Niederlage, den Fehlern, der Ohnmacht ins Auge zu sehen. Aber die Furcht davor, in der Fremde unterzugehen, ist stärker als der Stolz. Und das Vertrauen, dass der Vater ihn nicht umkommen lassen wird, ist größer als die Angst vor der Zurückweisung. Der Sohn macht sich auf den Weg.

Der Ältere hat es zu Hause gut gehabt und keine Not gelitten, aber irgendetwas hat vielleicht gefehlt: das Abenteuer, die Niederlagen und die Triumphe, die der Kampf um den eigenen Weg mit sich bringt. Vielleicht ist ihm das nie wirklich bewusst gewesen bis zu dem Moment, als er vom Feld heimkehrt, Musik und Tanz hört und die Antwort des Knechtes: „Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat.“ Diese Auskunft macht den Älteren einfach nur wütend. Was soll der Festzauber für diesen nichtsnutzigen Kerl, der in seinem Leben alles verkehrt gemacht hat? Es verletzt ihn, sein eigener Weg scheint plötzlich so entwertet. Die Arbeit, mit der er dem Vater geholfen hat, den Besitz zusammenzuhalten, gilt augenscheinlich wenig. Er hat das Normale dafür erhalten, aber keinen besonderen Lohn, kein Fest. Der Bruder hingegen …  Nein! Er will nicht feiern, sondern streiten – mit dem Vater zuerst, aber auch mit dem Bruder, der plötzlich wieder mit am Tisch sitzt, mit leeren Taschen, der aber dennoch – wie es scheint –  alte Rechte beansprucht und sie auch bekommt. 

Der Vater steht in der Mitte, dazwischen. Er hat starke Verbindungen zu beiden Söhnen. Beide gehören zu ihm; er ist für sie beide und gegen keinen von ihnen. Die Freude, dass sein Jüngster nicht umgekommen ist, sondern lebt, ist groß. Letztlich zählt nicht, was dieser verkehrt gemacht hat, sondern dass er wieder da ist, etwas braucht und will. Aber auch der Ältere gehört selbstverständlich dazu. Darum wirbt der Vater auch um diesen zornigen Sohn. Komm! Komm doch herein!

Der Ältere hat in diesem Moment eine große Macht. An ihm hängt  es, ob das Fest stattfinden kann. Wenn er sich verweigert, zerstört er die Freude aller. Wie könnten sie feiern, wenn er vor der Tür bliebe oder gar das Weite suchte? – Andererseits: Was wird aus   ihm selbst, wenn er wirklich geht? Wird er irgendwann zurückkehren können, um sich zu versöhnen? Oder bleibt er verbittert und rachsüchtig fern?

Das ganze Gleichnis, vor allem aber das offene Ende lädt dazu ein, sich zu fragen, wie man wohl selbst in dieses Dreieck hineinpasst.   Wenn plötzlich jemand auftaucht im eigenen Lebenskreis, der so viel an scheinbar unverdienter Anerkennung und Zuneigung einheimst, der nachweislich viel weniger leistet, aber dennoch genauso, oder sogar mehr geliebt wird, ist dann die Kränkung nicht sehr nachvollziehbar, sind Zorn und Ablehnung völlig verständlich? 

Wer könnte in einem Konflikt, der so verletzlich macht und zugleich so wütend, mit denen feiern, von denen die Verletzung ausgeht? Ist es doch schwer genug, mit ihnen überhaupt in Verbindung zu bleiben. Wie oft geschieht es, dass Gespräche dann unmöglich werden und Beziehungen endgültig zerbrechen.

Zugleich berührt uns auch das Schicksal des Jüngeren und weckt Sehnsucht. Wie gut wäre es, wenn es letztlich den Ort gäbe, an dem alle ihren Platz finden, an dem sie fröhlich sein können, obwohl vieles anders geworden ist, oft schmerzlich oder erschreckend anders, als sie es sich vorgestellt haben, damals, als sie ins Leben hinein aufgebrochen sind.

Aber diese Sehnsucht reibt sich an der herausfordernden Unterschiedlichkeit der Lebenswege. Sie steht quer zu der Furcht, verdrängt zu werden. Sie verträgt sich schlecht mit dem Bedürfnis, das je eigene – die Überzeugung, den Besitz, den sozialen Ort – zu schützen und zu verteidigen.

Lukas hat die drei Gleichnisse im 15. Kapitel seines Evangeliums mit einer gemeinsamen Einleitung versehen. Zöllner und Sünder, so heißt es dort,  wollen seine Worte hören und seine Nähe haben. Die Pharisäer und Schriftgelehrten murren. Sie sind nicht einverstanden damit, dass Jesus mit den Unreinen isst. Durch diese Einleitung geraten die Gleichnisse in einen Sinnzusammenhang mit dem Streit um die Mahlpraxis Jesu.

Dieses Zeichen der Tischgemeinschaft – so könnte man es verstehen -, der Vorgriff Jesu auf das Gottesreich, verliert an Kraft, wenn zwar alle eingeladen sind, aber entscheidende gesellschaftliche Gruppen sich ostentativ verweigern. Aber kann sich seine Kraft nicht erneuern, wenn die Konflikte ausgetragen und gelöst werden? Im offenen Schluss des Gleichnisses hört man Jesu Werben um seine Gegner, sein Drängen, sich dem Tisch und dem Fest nicht zu verweigern. Sollten sie etwa fernbleiben wollen, wenn einer, der wie tot war, wieder lebendig geworden ist? Ist das etwa kein Grund zur Freude? Wer wollte sich der Einladung eines so barmherzigen Vaters, die ja auch ihnen selbst gilt, widersetzen?

Aus dem Fortgang der Geschichte Jesu wissen wir, dass dieses Drängen und Werben nur von begrenztem Erfolg war. Denn zunächst ist die visionäre Praxis Jesu gescheitert. Was er gewollt hat, nämlich alle um den Tisch und die Botschaft des kommenden Gottesreichs zu versammeln, ist ihm nicht gelungen. Im Gegenteil: Die Aggressionen sind gewachsen. Die Konflikte haben sich verschärft. Am Ende standen Gewalt und Tod, nicht Versöhnung und Leben.

Dennoch aber hat die Einladung zum Mahl Kraft behalten. Das Zeichen hat sich erneuert. Zwar gelingt es nach wie vor noch nicht einmal, alle Christenmenschen zu einer gemeinsamen Feier zu versammeln. Aber dass alle miteinander essen und trinken im Reich der Himmel, dass sie teilen, was vorhanden ist und fröhlich sind miteinander, bleibt als Vorstellung dennoch eine anhaltende Provokation und Verheißung. Sie ist mit dem Tod Jesu nicht verloren gegangen, sondern dieser Tod hat sie gewissermaßen beglaubigt, hat ihr Haltbarkeit gegeben: Das Scheitern gehört dazu, man muss damit rechnen. Aber es ist nicht das letzte Wort. Der Erzähler des Gleichnisses war tot – und ist wieder lebendig geworden. Trotz aller Konflikte und Unversöhnlichkeit ist der Schluss der Geschichte nach wie vor offen, und die Einladung bleibt bestehen.

Denn in der Figur in der Mitte, im Vater, ist eine unstillbare Sehnsucht nach allen seinen Kindern lebendig. Und das sind natürlich nicht  nur die männlichen Mitglieder der Familia Dei, sondern Menschen jeglichen Geschlechtes, die Armen und Verlorenen zuerst und schließlich wir alle. Hier ist der unendliche Raum, in dem alle Platz finden und von dem wir glauben,  dass er auch mörderischen Konflikten standhält.

Als Lk sein Evangelium schreibt, weiß er längst, wie oft die Versöhnung fehlgeschlagen ist, das Mahl nicht stattgefunden hat. Trotzdem hält er an diesem Gleichnis fest und nach ihm erzählen es viele. Wieder und wieder wird die Einladung laut: Kommt! Teilt, was da ist. Es ist Platz am Tisch für alle. Und auch, wenn ihr immer wieder enttäuscht seid von anderen und von euch selbst: Seid zuversichtlich, dass es am Ende ein Fest geben wird, an dem alle teilnehmen. Manchmal, wenn aus dieser Zuversicht eine Praxis wird, hier und jetzt, dann hören wir die Musik und den Tanz, dann sehen wir das Licht und fangen an, fröhlich zu sein.

Amen.


Zuletzt aktualisiert: 29.06.2009 · Heike Mevius

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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