Universitätskirche Marburg
Gottesdienst mit Abendmahl
am 5. Sonntag nach Trinitatis
12.07.2009
Predigttext Lk 5,1-11
Predigt: WM Hanna Dallmeier
Die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesu Christi sei mit uns allen. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
ein Loch ist im Eimer... wer kennt’s? Ich singe es Ihnen mal vor:
„Ein Loch ist im Eimer, liebe Lise, liebe Lise, ein Loch ist im Eimer, liebe Lise, ein Loch!“
„Dann stopf es, lieber Heinrich...“
Sie wissen, wie es weiter geht: Es geht nämlich immer weiter. Das Stroh zum Stopfen ist zu lang, die Axt zum Schneiden zu stumpf, ja und für den Wetzstein bräuchte man dringend einen Eimer Wasser...
Leider haben wir Menschen auch oft so ein Loch im Gedächtnis. Oder im Herzen. Oder wo das Selbstbewusstsein nun sitzen mag.
Wenn wir auf unser Leben zurückblicken, sieht es sehr verschieden aus – je nachdem, in welcher Stimmung wir uns gerade befinden. Wenn alles in Ordnung ist, kann die Rückschau sehr leicht die schönen Begebenheiten in der Vergangenheit ans Licht befördern: Die persönlichen Erfolge, prickelnde Begegnungen; – wunderbare Feste im Café 204, das nun am Ende des Semesters in seiner bisherigen Form aufgelöst wird, gehören für mich z.B. dazu.
Sobald aber das Leben Überforderung bereithält, Schmerz, Verlust und Misserfolg – da scheint unser Eimer ein Loch zu haben: all zu leicht zerrinnen dann die aufbauenden Erinnerungen; zurück bleiben grabende Gedanken der Unzulänglichkeit.
Plötzlich lasse ich mich wieder verunsichern von längst überwunden geglaubten Situationen, in denen ich mich geschämt habe, klein und dumm gefühlt oder von aller Welt verlassen. Wenn ich Glück habe, erinnere ich mich dann daran, wie ich damals aus dem Tief herausgefunden habe. Wenn ich Glück habe. Oder daran, dass damals jemand für mich da war, der es doch auch jetzt wieder sein könnte...
Wenn ich aber im Unglück kein Glück habe, fällt mir das nicht ein. Oder ich habe keine Kraft, mich jemand anderem zuzuwenden, der mich mit meinem Unglück nicht allein lässt.
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„Wir sind immer zugleich auch gleichsam Ruinen unserer Vergangenheit“ schreibt der Marburger Theologe Henning Luther, der im Juli vor 18 Jahren an AIDS starb, „Fragmente zerbrochener Hoffnungen, verronnener Lebenswünsche, verworfener Möglichkeiten, vertaner und verspielter Chancen. Wir sind Ruinen aufgrund unseres Versagens und unserer Schuld ebenso wie aufgrund zugefügter Verletzungen und erlittener und widerfahrener Verluste und Niederlagen. Dies ist der Schmerz des Fragments.“
Henning Luther wusste, wovon er sprach. Erst als die Umstände seines Todes bekannt wurden, begriffen viele wie genau er es wusste. Dass menschliches Leben oft gerade nicht Heilsein bedeutet, dass können wir uns von den beiden Luthers sagen lassen, dem Henning wie dem Martin.
Während es aber dem großen Martin Luther in voraufklärerischer Zeit vergönnt war, ungebrochen den Finger auf die Bibel zu halten und gegen alle Teufel und Dämonen sein „Ich bin getauft!“ entgegen zu schmettern, da ist unsere Rede und unser Denken mit Henning Luther viel stärker den Ambivalenzen der Moderne ausgesetzt. Nichts scheint mehr selbstverständlich, auch nicht der Glaube an einen Gott, der durch seinen Schmerz die Schmerzen der Menschheit heilen kann.
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Scheitern leicht gemacht. Das könnte eine Überschrift über unsere Zeit sein – zumindest wenn man den Politik- und Wirtschaftsseiten unserer Zeitungen Glauben schenken möchte. Hinter all den Zahlen von Rezession und Neuverschuldung stehen ja Menschenleben.
In dem Haus, in das ich kürzlich eingezogen bin, wohnt auch eine ältere Dame. Sie ist aktiv, sprüht vor Lebensfreude. Das denke ich zumindest, bis sie mir im Hausflur erzählt, dass sie nächste Woche ihren einzigen Sohn besuchen fährt. Der ist Berufssoldat. Seine Freundin ist Sanitäterin. Heute bricht sie auf – für sechs Monate nach Afghanistan. Der Sohn ist in einem Jahr dran. – Ob sie denn dahin müssen, frage ich. Können sie nicht absagen? – Theoretisch schon, sagt sie. Aber in dieser Zeit, da haben sie wenigstens eine feste Arbeit – „sicherer Arbeitsplatz“ will man ja nicht sagen – und mit dem dreifachen Geld können sie ihre Schulden bezahlen.
Was kann ich dieser Mutter sagen? Dass ich gegen diesen Krieg bin? Dass ich hoffe, dass alles gut geht? Scheitern leicht gemacht.
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Einer der größten Scheiterer der Bibel ist Petrus. „Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben.“ So lässt Petrus seine besten Freund und Meister im Stich. Diese und viele kleine und große Geschichten erzählen davon, wie Petrus unsicher ist, scheitert, und doch zum Fels werde soll, auf den die Kirche gebaut ist. Und zum Menschenfischer. „Fürchte dich nicht“, sagt Jesus zu ihm nach dem wundersam-erschreckenden Fischfang. „Von nun an wirst du Menschen fangen.“
Das Wort von den Menschenfischern ist so bekannt, dass man leicht überhört, wie sehr auch diese Geschichte erst einmal eine Geschichte des Scheiterns ist:
Petrus und seine Freunde haben erfolglos gefischt. „Die ganze Nacht haben wir gearbeitet und nichts gefangen.“ Nun sitzen sie da am Strand, waschen und flicken ihre Netze. Diese Arbeit muss ja gemacht werden, auch wenn sich kein einziger Fisch im Netz verfangen hat. Haben Sie schon mal ein Netz geflickt oder Knoten auseinandergepult? Eine lästige Arbeit. Und wenn dann noch der Frust dazukommt, dass die ganze Anstrengung umsonst war. Dass man mit leeren Händen nach Hause kommen wird, wo die hungrige Familie schon wartet... Da können trübe Gedanken schon aufkommen.
Der Fokus der Geschichte liegt am Ende natürlich nicht auf dem Scheitern, sondern auf dem Wunder, das alle erschrecken lässt, und auf der Nachfolge. Das Scheitern scheint vergessen zu sein.
Aber so einfach ist es wohl nicht. Mehr als viele andere Geschichten im Neuen Testament lässt diese Geschichte vom wundersamen Fischfang durchblicken, wie sehr sie aus der nachösterlichen Perspektive geschrieben ist. Wir befinden uns hier nicht bei einer historischen Seefahrt mit einem historischen Fischfang, sondern diese Geschichte vom Scheitern wurde erzählt nach dem großen Scheitern am Kreuz. Nach der Katastrophe, die all die Jünger und Freundinnen Jesu in die Verzweiflung stürzen musste. – Aber auch nach dem großen „Fürchte dich nicht!“, das Gott ihnen am dritten Tage durch den Engel am Grab sagen ließ.
Die Geschichte vom Scheitern der Fischer und ihres wundersamen Fischfangs erzählt die Begegnung mit dem Auferstandenen – eine Begegnung, die in den Alltag der Menschen hineinerzählt ist. Mitten hinein damals in das harte Leben der Fischer. Mitten hinein heute in die Angst der Mutter um ihren erwachsenen Sohn.
Hinein in die Ruinen unserer Vergangenheit, in unsere vertanen und verspielten Chancen, in unser Fragmentsein.
Die Stärke an dieser Geschichte ist, dass sie beides erzählt: das Wunder und das Scheitern. Die Auferstehung und das Kreuz. Man könnte sich ja vorstellen, dass nach der Auferstehungserfahrung die Jüngerinnen und Jünger all die schrecklichen Erlebnisse versucht haben könnten auszublenden. Sie möglichst klein zu reden, vergessen zu machen. Nur noch vom strahlenden Auferstehungshelden erzählen.
Aber nein, die Geschichte von Jesu Kreuz und Auferstehung erinnert beides: Schmerz und Heilung des Schmerzes. Scheitern und Überwinden des Scheiterns.
Das Fragment, so Henning Luther, weist in seinem Fragmentsein über sich hinaus auf das Ganze hin. Im Fragmentarischen begreift der Mensch sein „Angewiesensein auf Vollendung“.
Das heißt aber doch: Gerade im Scheitern merke ich, dass ich nicht alles aus mir heraus schaffen kann. Dass ich bedürftig bin – dass ich Ansprache brauche: „Fahre noch einmal hinaus, dorthin wo es tief ist.“ Und: „Fürchte dich nicht!“
Das macht die Erfahrung des Scheiterns nicht zu einem Freudenfest. Aber im Nachhinein kann ich daraus gelernt haben, dass ich gerade da, wo ich schwach war, Stärkung und Zuspruch von außen erfahren habe.
Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Und plötzlich dreht sich die Bedeutung des Satzes um: Scheitern – leicht gemacht.
Das Schwere hat nicht das letzte Wort.
Noch einmal Hanns Dieter Hüschs Gedanken (die auch im Tagesgebet zu Wort kamen):
Wir alle haben unsre Zeit,
Gott hält die Sanduhr stets bereit.
Wir blühen und verwelken
vom Kopf bis zu den Füßen,
wir packen unsre Sachen,
wir beten und wir büßen.
Gott will uns leichter machen.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

