Thomas Michael Mayer:
Georg-Büchner-Forschung in Marburg
Ein Bericht über die Arbeiten der Forschungsstelle
Aus: alma mater philippina, Sommersemester 1988.
Hrsg. vom Marburger Universitätsbund, S. 1–5.
Im Sommer 1834 gab es eine Auseinandersetzung unter den ihrerseits von
den kurhessischen Behörden verfolgten Marburger Republikanern über den
Flugschriftenentwurf, den Georg Büchner auf einer geheimen Versammlung
von Oppositionellen aus beiden Oberhessen vorgelegt hatte und der wenig
später – verändert – unter dem Titel Der Hessische Landbote gedruckt
wurde. Der Marburger praktische Arzt und Privatdozent der Medizin
Leopold Eichelberg nahm Anstoß daran, daß »in dem ersten Konzepte zum
Landboten von dem Kampfe der Armen gegen die Reichen die Rede« war, was
die »Proletärier«, die besitzlosen Kleinbauern, Handwerker und
Tagelöhner zu »einer künstlichen Revolution erregen« werde. Der
Weidenhäuser Hutmacher George Kolbe dagegen, der mit Eichelberg und
zwei weiteren Akademikern zur Versammlung auf die Badenburg bei Gießen
gefahren war, soll »aus Begeisterung und völliger Beistimmung der
Vorträge, die Student Büchner hielt«, »diesem mehrmals um den Hals«
gefallen sein, er »herzte ihn, er nahm ihn schwebend in die Höhe und
trug den Büchner herum mit der Äußerung: Anders könne es nicht gehn! er
habe das Rechte gesagt!« Hatten die gemäßigten Akademiker auf der
Hinfahrt den sozialer gestimmten Handwerker noch vor jedem Dörfchen auf
der Strecke aus Sicherheitsgründen aus ihrer derart »standeswidrig«
besetzten Kutsche aussteigen und den Ort zu Fuß umgehen lassen, so
scheinen sie sich anschließend mit eigenen politischen Gründen ganz von
ihm getrennt zu haben. Büchner selbst lieferte die Versammlung
»unerschöpflichen Stoff zur Satire«, und gegenüber seinem Vertrauten
August Becker sagte er, daß namentlich »die Marburger Leute seien,
welche sich durch die französische Revolution, wie Kinder durch ein
Ammenmärchen, hätten erschrecken lassen, daß sie in jedem Dorf ein
Paris mit einer Guillotine zu sehen fürchteten«.
Die Tatsache, daß große Teile der Verhörprotokolle und Akten, aus denen
hier zitiert wurde, im Hessischen Staatsarchiv Marburg aufbewahrt
werden, gehört mit zu den Gründen, warum es heute, rund 150 Jahre
später, an der Philipps-Universität Marburg eine »Forschungsstelle
Georg Büchner« gibt. Deren nähere Bestimmung: »Literatur und Geschichte
des Vormärz (insbesondere in Hessen)« macht deutlich, daß es ihr neben
der Erforschung von Büchners Leben, Werk und Wirkung sowie der
kritischen Herausgabe seiner sämtlichen Schriften auch um die.
Erhellung der historischen Umstände und der Einflüsse geht, unter denen
dieses Werk entstand.
Die Entdeckung der umfangreichen Akten im Marburger Staatsarchiv, die
auch bis dahin unbekannte Druckexemplare des Hessischen Landboten und
anderer Flugschriften der Republikanerzirkel in Hessen enthielten (sie
liegen dort, weil die Marburger Gruppe nach der Entdeckung der
Offenbacher Druckerei des Landboten u. a. eine zweite, erneut
veränderte Auflage der Flugschrift heimlich in der Noa G. Elwertschen
Universitätsbuchhandlung hatte drucken lassen und anschließend
verhaftet wurde), gab Anfang der 1970er Jahre Anlaß dazu, den insgesamt
als verschollen betrachteten »Hochverrats«-Prozeß gegen den weiteren
Büchner/Weidig-Kreis in Fotokopien der meist abschriftlich in rund zwei
Dutzend Archiven überlieferten Verhörprotokolle zu rekonstruieren. Die
Historische Kommission für Hessen in Marburg gab 1973/74 einen
großzügigen Kredit zur Anfertigung dieser alphabetisch-chronologisch
angelegten Dokumentation, deren 36 Foliobände unter dem Titel »Der
Prozeß gegen die oberhessische Demokratie (1833-1838). Eine Sammlung
von Akten und Verhörprotokollen gegen die Zirkel um Friedrich Ludwig
Weidig in Butzbach, Georg Büchner in Gießen und Leopold Eichelberg in
Marburg« heute ein Kernstück der Bestände der Marburger
Forschungsstelle bilden. Ihre Transkription einschließlich
EDV-gesteuerten Registern und eine Microfiche-Edition sind inzwischen
längerfristig ins Auge gefaßt.
Erste Auswertungen dieser neuen Aktenfunde wurden 1975 und 1979 in zwei
unabhängig, doch parallel entstandenen Dissertationen über Georg
Büchner und die Flugschriftenliteratur in seinem Umkreis vorgelegt, und
im letzteren Jahr schlossen sich die beiden Bearbeiter mit einer
zunächst kleinen Gruppe weiterer Wissenschaftler zur Bildung einer
»Georg Büchner Gesellschaft« zusammen, die seither als eingetragener
Verein mit jetzt etwa 500 Mitgliedern aus über 30 Ländern ihren Sitz in
Marburg hat. Sie zählt damit zu den größeren literarischen
Gesellschaften in der Bundesrepublik und zu den größten in Hessen –
auch wenn sie finanziell und personell über ihre Anfänge als
»Briefkastenfirma«, gegründet in einer Pizzeria, noch immer nicht
wesentlich hinausgelangt ist. Die schnelle Entwicklung der
Mitgliederzahlen und die bald einsetzende projektbezogene Förderung
durch das Land Hessen, die Stadt und den Landkreis Marburg, Sparkassen
und andere Einrichtungen für wissenschaftliche Kolloquien,
Ausstellungen und Publikationen zeigen jedoch, daß die 1979
formulierten »Voraussetzungen und Aufgaben der Gesellschaft« zutreffend
waren und auf breiten Konsens stießen:
Der ältere, richtungsbestimmende Teil der
interpretierenden, gehalts- und formanalytischen Büchner-Literatur hat
sich auf unkritisch edierte, zum Teil geradezu nichtauthentische Texte
bezogen;
eine abgeschlossene kritische und kommentierte
Gesamtausgabe liegt nicht vor;
es fehlt eine vollständige Dokumentation der Quellen
zu Leben, Werk und Rezeption;
es gibt keinen befriedigenden Überblick und nur
wenige brauchbare Orientierungshilfen zu den historischen,
literaturgeschichtlichen und biographischen Voraussetzungen und
Zusammenhängen;
es gibt keine Institution, die die
Forschungsdiskussion selbst und den Kontakt zwischen Öffentlichkeit und
Forschung (auch Schulen und Theater) anregen und fördern könnte;
die schwer überschaubare Forschungsentwicklung trägt
deutliche Spuren hiervon;
dieser Zustand ist wissenschaftlich dysfunktional,
insbesondere bei einem auf fächerübergreifende Kooperation angewiesenen
Gegenstand wie dem Werk des Revolutionärs, Dichters und
Naturwissenschaftlers Georg Büchner.
Sofern die längerfristigen Forschungs- und Editionsvorhaben mit
Sicherheit die Möglichkeiten eines aus jährlichen Mitgliedsbeiträgen
von DM 24,– (bzw. DM 12,– für Studenten) [Anm.: jetzt DM 30 bzw. 15]
finanzierten Vereins übersteigen würden, verstand sich die Gesellschaft
von Anfang an auch als Initiative zur Gründung einer öffentlichen
Forschungsinstitution. Entsprechend hat die Gesellschaft die schon 1980
vom Institut für Neuere deutsche Literatur der Philipps-Universität
ohne einen gesonderten Etat eingerichtete Forschungsstelle nach Kräften
unterstützt.
Forschungsstelle und Gesellschaft arbeiten in allen Bereichen von
Sammlung, Forschung, Edition und Veranstaltungen eng zusammen. So geben
beide Einrichtungen seit 1981 gemeinsam das Georg Büchner Jahrbuch
(jeweils etwa 400 Seiten) als ein aktuelles Forum der einschlägigen
Forschung in aller Welt heraus, das auch eine laufende Bibliographie
der Primär- und Sekundärliteratur sowie der Wirkung Büchners auf dem
Theater und in den Medien enthält; seit 1985 erscheint, ebenfalls
gemeinsam herausgegeben, die Schriftenreihe Büchner-Studien mit
größeren Forschungsbeiträgen und Quellenpublikationen (bislang drei
Bände, zwei weitere im Druck). Insgesamt sind seit 1980 15 Bände
erschienen, darunter auch mehrere Büchner-Ausgaben – wie zuletzt eine
Kassette mit kommentierten Faksimiles aller Erstdrucke – und eine
umfangreiche Sammlung von Untersuchungsberichten zur republikanischen
Bewegung 1831-1834 in der Hessen-Bibliothek des Insel-Verlags.
Die Archiv- und Buchbestände der Büchner-Gesellschaft sind als
Dauerleihgaben in der Forschungsstelle untergebracht und, soweit
bereits geordnet, mit deren Sammlungen nach einem einheitlichen
Katalogsystem erfaßt. Annähernde Vollständigkeit ist damit nicht nur
bei den Büchner-Ausgaben und -Übersetzungen sowie bei der
Sekundärliteratur auch älteren Datums, sondern vor allem bei den
zahlreichen Quellen erzielt, die Büchners literarischem und
wissenschaftlichem Werk zugrundelagen. Hier wurden in den vergangenen
Jahren mit Förderung des Landes Hessen rund 350 Bände in den von
Büchner benützten Originalauflagen überwiegend durch die Fernleihe der
Universitätsbibliothek besorgt, mit Sondergenehmigungen vollständig
kopiert und gebunden. Dieser Bestand, der noch durch die Rekonstruktion
wesentlicher Teile der aus einem Versteigerungskatalog bekannten
Bibliothek des Straßburger Pfarrers Jaeglé, des Vaters von Büchners
Verlobter Minna Jaeglé, ergänzt werden soll, die Büchner während seiner
Studien- und Emigrationszeit mehrere Jahre lang benützen konnte, macht
die Forschungsstelle für wissenschaftlich interessierte Marburger
Studenten wie auswärtige Besucher mehr und mehr interessant.
Für die Forschungsstelle selbst ist diese Abteilung ihrer Bibliothek
neben den in Photographien inzwischen vollständig vorhandenen
Büchner-Handschriften sowie zahlreichen bislang unbekannten Lebens- und
frühen Wirkungszeugnissen gerade bei Büchners stark quellenbezogener
Schreibweise eine wichtige Grundlage für die geplante
Historisch-kritische Gesamtausgabe in zehn Haupt- und vier
Ergänzungsbänden; denn diese Ausgabe soll neben den erstmals
transkribierten, etwa 600 Seiten umfassenden Schülerskripten des 12-
bis 17jährigen eine vollständige Quellendokumentation enthalten, die
den Leser gewissermaßen an den Schreibtisch des Autors versetzt, auf
dem etwa während der Arbeit an dem Revolutionsdrama Dantons Tod die
revolutionsgeschichtlichen Darstellungen in heute kaum mehr
zugänglichen Bänden zuhauf gelegen haben müssen.
Mit den seit 1987 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten
Arbeiten an der Historisch-kritischen Ausgabe, die – unterstützt auch
von den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen
deutschen Literatur (Goethe- und Schiller-Archiv) in Weimar, wo die
meisten Handschriften Büchners liegen – in einer gemeinsamen Edition
des Athenäum Verlags, Frankfurt/M., und des Akademie-Verlags,
Berlin/DDR, erscheinen wird, ist die Forschungsstelle den räumlichen
Verhältnissen des Instituts für Neuere deutsche Literatur entwachsen,
wo sie bislang nur zwei kleine Zimmer innerhalb der Bibliothek belegt
hatte. Der Umzug im Oktober 1987 mit allen neuen Mitarbeitern, den
Hilfskräften und den auf ABM-Stellen Beschäftigten in sechs eigene
Räume war mehr als dringend nötig; er dokumentiert eine erfolgreiche
Aufbauphase und gibt der Forschungsstelle mit nunmehr regulären
täglichen Öffnungszeiten von 9 – 12 Uhr für Besucher auch die
Gelegenheit, gewisse Defizite an Öffentlichkeitsarbeit wieder
auszugleichen, die ihr im Stadium der Ausgaben-Vorbereitung gegenüber
der Gesellschaft entstanden waren.
Daß eine solche, in der Arbeitsteilung zwischen Gesellschaft und
Forschungsstelle bereits angelegte Koppelung von hochspezialisierter
philologischer Wissenschaftlichkeit und allgemeinverständlicher,
didaktischer Literaturvermittlung von Beginn an beabsichtigt war und
für beide Bereiche gleichermaßen sinnvoll ist, zeigten neben zwei
erfolgreichen Internationalen Büchner-Symposien, die 1981 und 1987
veranstaltet wurden, ein Kolloquium zu »Dantons Tod in der Schule«
sowie die beiden großen Ausstellungen mit Katalogen zum 150. Jahrestag
des Hessischen Landboten (seit 1984 als Wanderausstellung in über 30
Städten) und zum 150. Todestag Georg Büchners. Die Darmstädter
Gedenkausstellung zum Todestag, an der die Georg Büchner Gesellschaft
zusammen mit dem Land Hessen und der Stadt Darmstadt u. a. als
Mitveranstalter und als einer der hauptsächlichen Leihgeber beteiligt
war, wurde im März und April 1988 im Rahmen des Kulturabkommens auch in
Weimar gezeigt.
Ausstellungen, Kolloquien, kooperative Jahrbuch-Herausgabe,
interdisziplinäre Lehrangebote und vielfältige Arbeitskontakte mit den
verschiedenen Bandbearbeitern der Historisch-kritischen Ausgabe lassen
auch eine weitere programmatische Absicht der beiden noch relativ
jungen Marburger Institutionen erkennen: Forschungsstelle und
Gesellschaft bemühen sich darum, durch enge praktische Zusammenarbeit
mit Wissenschaftlern nicht nur, aber vor allem in Hessen den als
»Demagogen« verfolgten, außer Landes geflüchteten Dichter, der lange
Zeit wie ein kurz aufblitzender »Meteor« der Literaturgeschichte
betrachtet oder gar auf die Dimension eines heimatschutzwürdigen
Pflänzchens seiner engeren Herkunftsregion reduziert wurde, als einen
»Fixstern« der deutschen und europäischen Literatur ebenso sichtbar zu
machen wie als einen Autor, der in der Nachfolge nicht zuletzt der
Brüder Grimm, jedoch mit einer unverwechselbaren Synthese von
naturwissenschaftlicher »Autopsie« und sozialer Beteiligung auf das
»Leben der Geringsten« im hessischen Vormärz gehört und es dramatisch
dargestellt hat. Daß die Bedingungen einer Universität mit besonders
großer Tradition der geisteswissenschaftlichen Fächer wie Geschichte,
Philosophie, Romanistik, Sprachwissenschaft, Medizingeschichte u. a.
für diese Neuentdeckung Büchners besonders günstig ist, bedarf kaum
näherer Erläuterung.
Ein besonders anschauliches Beispiel für die genannten Verflechtungen
und wechselseitigen Einflüsse von philologischen Recherchen und
öffentlicher Literaturvermittlung soll am Ende dieses Berichts stehen.
Die Georg Büchner Gesellschaft konnte im Vorfeld der beiden
Ausstellungen von 1984 und 1987, unterstützt durch Mittel der Stadt
Marburg und des Landes Hessen, eine größere Anzahl von z. T.
unbekannten Abbildungen sammeln und als Fotos oder auch als
zeitgenössische Originalgrafiken erwerben. Auch zahlreiche
dokumentarische Funde zu Werk und Biographie ge1angen erst in diesem
Zusammenhang. Das noch weitgehend ungeordnete bzw. unverzeichnete
Bildarchiv von inzwischen rund 2000 Einheiten enthält Freunde und
Verwandte Büchners, Orte und Gebäude aus seiner Biographie, lokal- und
allgemeinhistorische Ereignisse der Zeit sowie Darstellungen der
Lebensverhältnisse und der sozialen Kämpfe im hessischen Vormärz wie im
Frankreich der Julimonarchie. Die große öffentliche Resonanz auf die
Ausstellungen und ihre Kataloge hat zur Konsolidierung der
Forschungsstelle nicht unwesentlich beigetragen. Zur Einweihung ihrer
neuen Räume kamen wiederum zahlreiche Gäste, die wir während der
Ausstellungsvorbereitungen oder die uns als deren Besucher
kennengelernt hatten. Unter den vielen wertvollen Gastgeschenken war
etwa neben einem Exemplar der Nachgelassenen Schriften Büchners von
1850 auch das Foto eines bislang unbekannten Porträts der Mutter
Büchners, das sich doch noch versteckt im Nachlaß des 1985 verstorbenen
Enkels von Büchners Bruder Wilhelm, Anton Büchner, gefunden hat. Das
nur 35 mm hohe, oval zugeschnittene und bräunliche Foto eines
verschollenen, möglicherweise wie andere Familiendokumente im Zweiten
Weltkrieg verbrannten Originals, vermutlich einer mit Wasserfarben auf
Pergament gemalten Miniatur, ist seinerseits hinter einem ovalen,
messinggefaßten Glas in einem geschnitzten Ebenholzmedaillon aufbewahrt
und trägt auf der Rückseite einen älteren Bleistiftvermerk in bemüht
deutlicher Sütterlinschrift: »Georg's / Mutter / Caroline / Büchner /
geb. / Reuß«. Der Malgrund des Originals scheint, wie die Ausfaltungen
zeigen, jedenfalls zum Zeitpunkt der photographischen Aufnahme von
seinem achteckigen Rahmen/Rähmchen abgenommen worden zu sein und war
ursprünglich sicher mit einer ovalen Abdeckung versehen.
Wir wissen wenig und fast nichts Gesichertes über Georg Büchners
Mutter. Es gab nur ein einziges späteres Porträt-Foto von ihr. Umso
mehr dürfte die hier erstmals vorgestellte Abbildung, die Caroline
Büchner wahrscheinlich noch zu Lebzeiten ihres ältesten Sohnes Georg
zeigt, in künftigen Biographien und Ausstellungskatalogen ganz vorne zu
finden sein. Das Porträt, das, wie selbstverständlich im Biedermeier,
eine besonders typische Haltung und Kleidung der Abgebildeten zeigt
(wie auch im Fall von Büchners Verlobter Minna Jaeglé ist die spätere
Daguerreotypie offensichtlich nach diesem Muster dann geradezu
»inszeniert« worden, um einen möglichst nahen Vergleich zu erlauben),
dieses Porträt zeigt uns eine sicher über 35jährige Frau – Caroline
Büchner hat zwischen 1813 und 1827 insgesamt acht Kinder geboren –, die
eine Halsrüsche und die von Bändern gehaltene Haube als Zeichen ihres
gesetzteren Standes trägt. Im Vergleich mit dem Foto der 63jährigen
scheint die wohl um oder nach 1830, also etwa 40jährig abgebildete
Mutter Büchners früh gealtert. Ist das nur unsere Sicht aus heutigen
Vergleichsmaßstäben, oder ist Caroline Büchner auf dem neuen Porträt
anläßlich und zum Zeitpunkt jener »schweren Krankheit« abgebildet, von
der wir erst durch einen im 2. Band der Büchner-Studien
veröffentlichten Brief Georgs vom 31. August 1833 wissen, oder ist das
Porträt an Hand äußerer Kriterien doch einfach nur später zu datieren?
Auch diese Forschungen, die allerdings durch den Verlust des Originals
erheblich erschwert werden, sind noch im Gang.

