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Lehre

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Sommersemester 2013:

Hauptseminar:

Paratexte, Epitexte, Kontexte. Zum "popkulturellen Quintett" und seinem Dialogband "Tristesse Royale"

Im April 1999 unterhielten sich fünf junge Autoren, die sich im Berliner Hotel Adlon eingemietet hatten, für zwei Tage mit eingeschalteten Aufnahmegeräten über Popmusik, Marken, Medien und Politik. Das auf der Grundlage dieser arrangierten Gespräche entstandene Buch "Tristesse Royale" sorgte für viel Empörung und wurde umgehend zum Spott der Literaturkritik. So schrieben etwa Henryk M. Broder und Reinhard Mohr im "Spiegel" über die "faselnden Fünf", übrig bleibe hier nur "die pure Oberfläche der Warenwelt. Die vermeintliche Distanz zu ihr soll gleichsam aristokratisch entstehen, so dass sie gar nicht mehr gesucht, sondern nur noch prätentiös inszeniert werden muss. Was dabei als snobistische Lebenshaltung, als zitierter Boheme-Stil oder elitäres Urteilsvermögen vorgeführt werden soll, ist nichts weiter als ein verschwitztes Neo-Junkertum in kurzen Hosen".

Nachdem das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends unseren Blick auf vieles, was das "popkulturelle Quintett" 1999 besprach, grundlegend geändert hat, ist es jedoch an der Zeit, den Text sowie sein literar- und medienhistorisches Umfeld neu einzuordnen. Für diese Rekontextualisierung wird mit "Tristesse Royale" nicht nur ein Buch (wieder-)gelesen, das mittlerweile als ein zentraler Text der "Popliteratur" der späten 1990er-Jahre kanonisiert ist: Hinzugezogen werden auch weitere korrespondierende Werke, Paratexte und Epitexte (Gerard Genette) der beteiligten Autoren.

Leitende Fragen des Seminars lauten: Handelt es sich bei "Tristesse Royale" um einen "kulturkritischen" bzw. "ironischen" Text? Welche Rolle spielen kulturelle Codes, ethnografisches Wissen, die Intertextualität, die Medienkritik und der Marken-, Pop- bzw. Konsum-Zitatismus im Werk? Inwiefern kommen Elemente wie die Selbstinszenierung und die seinerzeit bereits erschienenen anderen Werke der beteiligten Autoren für die Thematik und die Botschaften der Dialoge in "Tristesse Royale" zum Tragen?

Das Seminar versucht, im Kontext eines Siegener DFG-Projekts zu "Tristesse Royale" neben dem üblichen Programm zum Scheinerwerb konkrete Forschungsbeiträge in Form von Stellenkommentaren zu erarbeiten, die es den TeilnehmerInnen im Fall vorzeigbarer Ergebnisse ermöglichen, als Mitwirkende kommender Publikationen in Erscheinung zu treten.


Übung:

Formen literaturkritischen Schreibens

"Was will Weidermann", fragt sich der Autor David Schuh in einem sprachkritischen Artikel über den "F.A.S."-Feuilletonleiter Volker Weidermann, der 2012 in der Zeitschrift "Konkret" erschien. Der Kritiker des Kritikers stellt nach dieser rhetorischen Frage eine wenig schmeichelhafte These auf, die er sodann anhand einer ausführlichen Zitat-Sammlung genauer zu "belegen" sucht: "Volker Weidermanns rhetorisches Repertoire erschöpft sich in den Begriffen Welt, Wahrheit, Wirklichkeit, Leben."

Inwiefern Schuhs satirische Polemik überzeugt, muss der Leser entscheiden. Auf ihn kommt es letztlich an, und für ihn schreibt jeder Kulturjournalist – möge er nun David Schuh, Volker Weidermann oder sonstwie heißen. Nur derjenige, dessen stilistische Fähigkeiten sein Publikum überzeugen und der es vermag, Phrasen zu vermeiden, kann in der Konkurrenz bestehen, die nicht nur im Literaturbetrieb, sondern auch unter Rezensenten herrscht.

Wichtige Strategien, die sich angehende KulturjournalistInnen aneignen sollten, wenn sie erfolgreich als LiteraturkritikerInnen arbeiten wollen, werden in der Übung erprobt – in erster Linie durch die Diskussion selbst geschriebener Rezensionen, aber auch durch die systematisch vorangetriebene Zeitungslektüre. Dafür sollen unter anderem auch die Feuilletons wichtiger Tages- und Wochenzeitungen sowie maßgebliche literaturvermittelnde Websites von den TeilnehmerInnen vorgestellt werden.



Wintersemester 2012/2013:

Vorlesung:

Literarischer Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Romantik, Vormärz, Realismus

Jüdische Romanfiguren kommen in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts selten gut weg: „Junker Itzig war keine auffallend schöne Erscheinung; hager, bleich, mit röthlichem krausem Haar, in einer alten Jacke und defecten Beinkleidern sah er so aus, daß er einem Gendarmen ungleich interessanter sein mußte als andern Reisenden.“ Einführende Figurencharakterisierungen wie die hier zitierte des jüdischen ‚Bösewichts‘ Veitel Itzig aus Gustav Freytags Roman „Soll und Haben“ (1855) sind in dem Jahrhundert der Emanzipation und Assimilation der Juden in Deutschland keine Seltenheit.

Doch wie kann die Literaturwissenschaft überhaupt bestimmen, wann und ob ein Text ‚antisemitisch‘ ist? Was ist das überhaupt: „Literarischer Antisemitismus“? Wieso wurden gerade solche Romane wie „Soll und Haben“ kanonisiert, bis in die 1960er-Jahre massenhaft gelesen und noch in den 1980er-Jahren von der Germanistik gegen den Vorwurf verteidigt, antisemitischen Weltwahrnehmungen Vorschub zu leisten? Gab es in der Romantik, im Vormärz und im Realismus nicht auch ‚positive‘ Beispiele der Judendarstellung? Wie stellten jüdische Schriftsteller jene Minderheit, der sie in meist ausgrenzender und diskriminierender Weise zugerechnet wurden, selbst dar? Und wie steht es mit dem Literarischen Antisemitismus im europäischen Kontext?

Die Vorlesung beantwortet nicht nur diese Fragen, sondern untersucht die Verfahrensweisen literaturwissenschaftlicher Bewertungen von Bewertungen, welche literarische und literaturkritische Texte aus dieser Zeit im Blick auf jüdische Figuren und jüdische Kultur in Europa vornehmen: Es wird also nicht nur ein historischer Abriss der literarischen Darstellung jüdischen Lebens im 19. Jahrhundert geboten, sondern auch eine meta-wissenschaftliche Betrachtung der Wertungsgeschichte dieser literarischen Tradition in der Literaturwissenschaft versucht.

 

Übung:

Formen literaturkritischen Schreibens

Der Alfred-Kerr-Preisträger 2012, Helmut Böttiger, betonte in seiner Dankesrede, der ideale Kritiker sei „unabhängig“ und halte „Distanz“: „Es ist eher hinderlich, wenn er einen Autor persönlich kennt. Am besten, er sitzt unzugänglich zuhause an seinem Schreibtisch und nimmt nichts anderes wahr als den Text, den er sorgfältig liest und beurteilt.“

Wie aber geht das genau – dieses angeblich so autarke, abgeschiedene Arbeiten, aus dem dann dennoch Bewertungen von Literatur hervorgehen sollen, die für ein größeres Publikum bestimmt sind, mit dessen Erwartungshaltungen man sehr wohl vertraut sein muss? Wie versetzt man sich in seine kommenden Leser, um sie mit dem eigenen Text umso besser erreichen und überzeugen zu können? Wie recherchiert man als Journalist, der mit seiner Rezension nicht nur zeigen will, dass er den besprochenen Roman genau gelesen hat, sondern sich auch sonst als Kenner des Literaturbetriebs, der dortigen Rolle des behandelten Autors sowie der kulturellen und literarhistorischen Kontexte seiner Werke ausweisen möchte?

Wichtige Strategien, die sich angehende KulturjournalistInnen dazu für ihr Schreiben aneignen sollten, wenn sie erfolgreich als LiteraturkritikerInnen arbeiten wollen, werden in der Übung erprobt – in erster Linie durch die Diskussion selbst geschriebener Rezensionen, aber auch durch die systematisch vorangetriebene Zeitungslektüre. Dafür sollen unter anderem auch die Feuilletons wichtiger Tages- und Wochenzeitungen sowie maßgebliche literaturvermittelnde Websites von den TeilnehmerInnen vorgestellt werden.



Sommersemester 2012:
 

Hauptseminar (zusammen mit Dr. Urte Helduser):

Generationenfragen und NS-Erinnerung in der Literatur seit den 1970er-Jahren

Das Thema der „Generationen“ ist und bleibt in aller Munde. Dies zeigt nicht zuletzt der seit einigen Jahren anhaltende Boom der Familienromane. Besondere Bedeutung kommt im Rahmen der Generationenkonstrukte, die diese beliebten Bücher entwerfen, bereits seit den 1960er- und 1970er-Jahren dem Thema der NS-Verstrickung der ‚Kriegsgeneration‘ zu, mit der sich deren schreibende Kinder und Enkel produktiv auseinandersetzen. Auffallend ist vor allem die emotionale Ambivalenz der Familienbeziehungen, die in diesen Texten geschildert werden: Brüske Anklagen, kritische biografische Nachforschungen der Nachgeborenen sowie der Impetus, auf erzählerischem Wege eine wie auch immer geartete Versöhnung mit der schuldbeladenen älteren Generation nahezulegen, gehen hier oftmals Hand in Hand.

Ziel des Seminars ist es, die narrativen Modelle einer solchen vielfach diskutierten literarischen ‚Vergangenheitsbewältigung‘ genauer zu untersuchen. Zentrale Fragen des Seminars lauten: Inwiefern haben sich die Parameter des Erzählens vom Nationalsozialismus in den neueren ‚Generationengeschichten‘ gewandelt und welche Kontinuitäten bestehen fort? Wie ließen sich diese neuen Erzählformen literaturwissenschaftlich charakterisieren?

Behandelt werden dazu voraussichtlich Christa Wolfs „Kindheitsmuster“ (1976), Bernvard Vespers „Die Reise“ (1977), Bernhard Schlinks „Vorleser“ (1995), Günter Grass’ „Im Krebsgang. Novelle“ (2002), Tanja Dückers’ „Himmelskörper“ (2002), Uwe Timms „Am Beispiel meines Bruders“ (2003), Arno Geigers „Es geht uns gut“ (2005) und Dagmar Leupolds „Nach den Kriegen. Roman eines Lebens“ (2004).


Übung:

Formen literaturkritischen Schreibens

„Das Publikum muß stets Unrecht erhalten und sich doch immer durch den Kritiker vertreten fühlen“, schreibt Walter Benjamin in der dreizehnten seiner berühmten Thesen zur „Technik des Kritikers“. Ein Satz, der auf Anhieb nicht ganz leicht zu verstehen ist. Ähnlich unwägbar und ambivalent stellt sich der Beruf des Literaturkritikers aber tatsächlich dar: Wie bewertet man literarische Texte, ohne unbedingt auf den Geschmack des Massenpublikums Rücksicht zu nehmen, wenn man gleichzeitig als Feuilleton-Autor reüssieren und vielleicht sogar selbst viel gelesen bzw. ernstgenommen werden will?

Wichtige Strategien, die sich angehende KulturjournalistInnen dazu für ihr Schreiben aneignen sollten, wenn sie erfolgreich als LiteraturkritikerInnen arbeiten wollen, werden in der Übung erprobt – in erster Linie durch die Diskussion selbst geschriebener Rezensionen, aber auch durch die systematisch vorangetriebene Zeitungslektüre. Dafür sollen unter anderem auch die Feuilletons wichtiger Tages- und Wochenzeitungen sowie maßgebliche literaturvermittelnde Websites von den TeilnehmerInnen vorgestellt werden.


Wintersemester 2011/12:

Übung:

Formen literaturkritischen Schreibens


"Habt ihr auch so Mühe, beim Lesen wach zu bleiben? Bei mir wird das immer schlimmer. Fünf Seiten, und ich bin weg." Darf eine renommierte Literaturkritikerin wie Ursula März so etwas überhaupt zugeben? Und dann auch noch in der ehrwürdigen Wochenzeitung "Die Zeit" (3. Mai 2011)?
Professionelle RedakteurInnen lehnen derartige persönliche Bekenntnisse ihrer AutorInnen in deren Rezensionen in der Regel ab. Mit einer Ausnahme: Wenn die Journalistin weiß, wie sie solche selbstironischen Bemerkungen als gezielten rhetorischen Effekt zur Befeuerung ihrer Kritik nutzen kann. Wenn nämlich März am Ende des zitierten Textes wie nebenbei verrät, dass er anlässlich der Lektüre eines Lebensratgeber-Buchs der evangelischen Theologin Margot Käßmann entstanden ist, funktioniert ihre 'müde' Pointe plötzlich doch noch. März' 'private' Abschweifung in Form eines zerknirschten Geständnisses mangelhaften beruflichen Durchhaltevermögens, die in diesem Fall einen Großteil des Artikels ausmacht und die Spannung auf dessen Ausgang umso mehr steigert, erlaubt am Ende sogar ein wohlwollendes Lob des besprochenen Buchs - obwohl doch in der Rezension implizit längst umso deutlicher gemacht wurde, dass es ganz und gar unlesbar sei.
Diese und viele andere kluge Strategien, die sich angehende KulturjournalistInnen aneignen sollten, wenn sie erfolgreich als LiteraturkritikerInnen arbeiten wollen, werden in der Übung ausprobiert - in erster Linie durch die Diskussion selbst geschriebener Rezensionen, aber auch durch die systematisch vorangetriebene Zeitungslektüre. Dafür sollen unter anderem auch die Feuilletons wichtiger Tages- und Wochenzeitungen sowie maßgebliche literaturvermittelnde Websites von den TeilnehmerInnen vorgestellt werden.


Sommersemester 2011:

Hauptseminar (zusammen mit Dr. Urte Helduser):

Literarischer Antisemitismus: Argumentations- und Darstellungsmuster im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Zeitgleich mit der Herausbildung eines „deutschen Nationalbewusstseins" und der Suche nach den Ursprüngen der deutschen Sprache beginnt in der „Sattelzeit" (Reinhart Koselleck) um 1800 eine kulturkritische Perhorreszierung als „fremd" empfundener Geistes- und Literaturtraditionen. Dieser „selektive" Blick auf die deutschsprachige Kultur hatte verhängnisvolle Folgen, die bis heute nachwirken.
Antisemitische Bilder und Argumentationsmuster in literarischen Texten des 19. Jahrhunderts wurden jedoch lange ignoriert - und werden es teils bis heute. Motivgeschichtliche Sammlungen stereotyper Figurationen „des Juden" in der Literaturwissenschaft arbeiteten mitunter sogar einer Festigung antisemitischer Wahrnehmungsweisen zu. Im Seminar geht es dagegen um eine hermeneutische, narratologische und kulturwissenschaftliche Analyse solcher Argumentations- und Darstellungsmuster in der kanonischen Prosa des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Zur Lektüre sind vorläufig u.a. bereits vorgesehen: Achim von Arnim, Die Majoratsherren (1820); Wilhelm Hauff, Jud Süß (1827); Annette von Droste-Hülshoff, Die Judenbuche (1842); Richard Wagner, Das Judenthum in der Musik (1850); Gustav Freytag, Soll und Haben (1855); Wilhelm Raabe, Der Hungerpastor (1864) und Thomas Mann, Wälsungenblut (1921).

Hauptseminar (als Co-Moderator zusammen mit PD Dr. Jochen Strobel und Dr. Jörg Schuster):

Gegenwartsliteratur 2000-2010

Die Gegenwartsliteratur findet seit einigen Jahren immer mehr das Interesse der Literaturwissenschaft. Lange Zeit behauptete fast allein die Literaturkritik ihre Zuständigkeit für kürzlich erschienene Texte, überwogen die Zweifel an der Möglichkeit methodengeleiteten literaturwissenschaftlichen Sprechens darüber. Allerdings ist heute längst nicht entschieden, welche deutschsprachigen Bücher des vergangenen Jahrzehnts als repräsentativ angesehen werden können, welche Bücher aus dieser Zeit auf Dauer im Gedächtnis kommender Lesergenerationen ihren Platz finden werden. Die als Kolloquium konzipierte Lehrveranstaltung ermöglicht eine offene Diskussion über typische Themen, Trends, Schreibweisen, Diskurse in der Literatur der letzten zehn Jahre. Der Kenntnisstand der Literaturkritik soll dabei ebenso herangezogen werden wie derjenige der Germanistik. An der Textauswahl sollen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aktiv beteiligen:
Jeweils über 1-2 Sitzungen wird ein Roman, ein Theatertext, ein Lyrik-, Essay- oder Prosaband im Mittelpunkt der Diskussion stehen. Als Co-Moderatoren werden sich Dr. Jörg Schuster und Dr. Jan Süselbeck beteiligen.

Übung:

Formen literaturkritischen Schreibens

Die „Medienexperten", moniert Helmut Böttiger in einem Artikel, den er kürzlich in der „Süddeutschen Zeitung" publizierte, taxierten die Literatur nur noch im Blick auf ihre Massenkompatibilität, anstatt über die ästhetische Qualität von Texten nachzudenken. Was für diese Publizisten zähle, sei tatsächlich nur noch das, was sich auch verkaufe: „Nimmt man sie beim Wort, sind das Hansi Hinterseer und Rosamunde Pilcher."
Der Literaturkritiker sollte jedoch versuchen, sich von den Interessen des Marktes und dem Konformitätsdruck des Literaturbetriebs zu emanzipieren. Nur so kann er dem „Schema erstarrter Phrasen" entsagen, das schon Theodor W. Adorno als Krisensymptom der Literaturkritik nach 1945 benannte. Doch wie genau könnte man dem allgemeinen PR-Gerede, an dem das heutige Feuilleton laut Böttiger zunehmend krankt, überhaupt noch etwas entgegen setzen?
Diese und viele andere Fragen, mit denen sich der angehende Kulturjournalist konfrontiert sieht, werden in der Übung beantwortet - in erster Linie durch die Diskussion selbst geschriebener Rezensionen, aber auch durch die systematisch vorangetriebene Zeitungslektüre. Dafür sollen die Feuilletons wichtiger Tages- und Wochenzeitungen sowie maßgebliche literaturvermittelnde Websites vorgestellt werden.


Wintersemester 2010/2011:

Hauptseminar

Kriegsliteratur - Antikriegsliteratur? Narratologische und ideologiekritische Perspektiven auf Texte über den Ersten Weltkrieg (1917-1935)

1929 beklagte Arnold Zweig in der „Weltbühne“ eine „frisch-fröhliche Konjunktur“, die ihm abermals die „alte Freude am Krieg als unbürgerlicher Lebensform, als Gelegenheit zum großen Abenteuer“ heraufzubeschwören schien: Ende der 1920er-Jahre, also eine Dekade nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, gab es eine große Welle neuer Romanerscheinungen, die das Fronterlebnis der Jahre von 1914-1918 thematisierten. Dabei kam es zu bemerkenswerten öffentlichen Erregungen und kontroversen Debatten über das Für und Wider von „Antikriegsromanen“ und ihre fragwürdigen Gegenmodelle.

Ziel des Hauptseminars ist die vergleichende Lektüre ausgewählter Beispieltexte dieser kriegskritischen bzw. -verherrlichenden Gattung, deren Genese bereits während des Kriegs einsetzte. Mit Hilfe ideologiekritischer und narratologischer Detailanalysen wird die grundsätzliche Ambivalenz ihrer Darstellungsmuster herausgearbeitet: Hilft die im Blick auf diese Werke in der Literaturwissenschaft mittlerweile ‚modisch‘ gewordene Feststellung weiter, Kriege seien „undarstellbar“? Was beschreiben diese Frontromane überhaupt, wie schildern sie es – und welche politischen Zielsetzungen verfolgen sie damit?

Auf dem Programm stehen Texte von Walter Flex, Ernst Jünger, Erich Maria Remarque, Ludwig Renn, Siegfried Kracauer, Arnolt Bronnen, Edlef Köppen und Arnold Zweig. Im Fall von Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ wird die vielfach zensierte und umstrittene Verfilmung Lewis Milestones von 1930 in die Diskussion einbezogen.


Übung

Formen literaturkritischen Schreibens

Unter der Überschrift „wunderbar kranker lesestoff“ urteilt eine begeisterte „Kundenrezensentin“ auf der Website von Amazon.de über Helene Hegemanns umstrittenen Roman „Axolotl Roadkill“ (2010): „Auch wenn ein Großteil des Geschriebenen aus einem Internetblog geklaut wurde, kann ich einfach nur sagen: top und Daumen hoch!“

Nicht nur, dass die Einschränkung in dieser Wertung, ein „Großteil“ des Romans sei abgeschrieben, nicht zutrifft. Auch der zweite Teil des Satzes lässt den Leser eher ratlos zurück, da er nirgends weiter begründet wird.

So geht das also offensichtlich nicht – Literaturkritiken schreiben. Doch wie genau könnte man es besser machen? Diese und viele andere Fragen, mit denen sich der angehende Kulturjournalist konfrontiert sieht, werden in dieser Übung beantwortet – in erster Linie durch die Diskussion selbst geschriebener Rezensionen, aber auch durch die systematisch vorangetriebene Zeitungslektüre. Dafür sollen die Feuilletons wichtiger Tages- und Wochenzeitungen sowie maßgebliche literaturvermittelnde Websites vorgestellt werden.



Frühere Semester (Auswahl):

Sommersemester 2010:

Übungen:

1)

Polemik und Satire im Kulturjournalismus


„Tatsächlich erinnert mich Stifter immer an Heidegger, an diesen lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer. [...] Heidegger hat alles Große so verkleinert, dass es deutschmöglich geworden ist [...]. Heidegger ist der Pantoffel- und Schlafhaubenphilosoph der Deutschen, nichts weiter.“

Tiraden wie diese mögen nicht von jedem als lustig empfunden werden. Manche Leser sind sogar so empört über eine solche „Schmähkritik“, dass sie dagegen rechtliche Schritte einleiten. Wenn sie mit der kritisierten Person identisch sind, die im Text durch ein argumentum ad hominem auf „ehrverletzende Weise“ in ihrem Recht auf Persönlichkeitsschutz beeinträchtigt wird, hat so eine Klage auch Aussicht auf Erfolg.

Trotzdem wurden Kritik und Humor in der Literaturgeschichte immer wieder auf äußerst einfallsreiche Weise miteinander verbunden. Und so ist das Zitat aus Thomas Bernhards Roman „Alte Meister“ (1985) ein markantes Beispiel für eine Vermischung von Polemik und Satire, die auch in der Literaturkritik nach wie vor besonders gerne verwendet wird, um die Leser effektiv zu polarisieren.

Die wichtigsten Handwerksregeln, die man beim kreativen Umgang mit solchen Textformen beachten sollte, werden in gemeinsamer Schreib- und Redaktionsarbeit vermittelt. Die Feuilletons wichtiger Tages- und Wochenzeitungen sowie maßgebliche literaturvermittelnde Websites sollen von den Teilnehmern im Plenum vorgestellt und nach inspirierenden polemischen bzw. satirischen Textbeispielen durchsucht werden.


2)

Formen literaturkritischen Schreibens

Literaturkritiker haben einen schweren Stand. Viele meinen sogar, sie seien überflüssig. Und Literaturwissenschaftler nehmen sie sowieso nicht besonders ernst. Doch „Totgesagte leben länger“, wie Jörg Drews 1999 geradezu trotzig bemerkte.

Wie geht es im neuen Jahrtausend, da tatsächlich immer weniger Menschen gedruckte Zeitungen lesen, mit dem kulturjournalistischen Genre weiter? Wie kann man sich im World Wide Web nachhaltig als Literaturkritiker profilieren? Und wie lernt man das überhaupt – gute Buchbesprechungen zu schreiben?

Diese und viele andere Fragen, mit denen sich der angehende Rezensent konfrontiert sieht, werden in dieser Übung beantwortet – in erster Linie durch die Diskussion selbst geschriebener Kritiken, aber auch durch die systematisch vorangetriebene Zeitungslektüre. Dafür sollen die Feuilletons wichtiger Tages- und Wochenzeitungen sowie maßgebliche literaturvermittelnde Websites vorgestellt werden.



Wintersemester 2009/10:

Hauptseminare:

1)

Postcolonial Studies. Theoretische Grundlagentexte und ihre hermeneutische Anwendung

Erst seit einigen Jahren wird mit den Postcolonial Studies auch in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft ein Paradigmenwechsel wirksam, der vor allem von der amerikanischen Literatur- und Kulturtheorie ausging. Die US-Germanistin Susanne Zantop diagnostizierte 1997 eine postkoloniale Amnesie im deutschen kulturellen Gedächtnis und wies nach, dass es sogar schon im Zeitraum von 1770-1870, also noch vor der relativ kurzen deutschen Kolonialzeit von 1884-1919, eine rege phantasmatische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Kolonialismus in der deutschsprachigen Literatur gab. Aus dieser Perspektive wird nun auch die Zeit nach der deutschen Kolonialära in ein ganz neues Licht gerückt: Im Jahr 2008 stellte etwa Sabine Wilke fest, dass man „eigentlich die gesamte deutsche Literatur nach dem Ersten Weltkrieg als postkoloniale Literatur neu lesen müsste“.

Im Hauptseminar werden theoretische Grundlagentexte der ‚großen Drei‘ der Postcolonial Studies, Edward W. Said, Homi K. Bhabha und Gayatri Chakravorty Spivak, gelesen, um sie für die Interpretation ausgewählter literarische Texte aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert fruchtbar zu machen, die bereits Gegenstand ‚postkolonialer‘ Deutungen geworden sind.

Bis zu Semesterbeginn sind folgende theoretische Publikationen zu lesen: Edward W. Said, „Orientalismus“, Homi K. Bhabha, „Die Verortung der Kultur“, Gayatri Chakravorty Spivak, „Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation“ sowie Klaus Theweleit, „PlayStation Cordoba/Yugoslavia/Afghanistan etc. Ein Kriegsmodell“, in: Ders.: Der Knall. 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell. Frankfurt am Main 2002, S. 7-61.

Zur vorbereitenden Lektüre für die hermeneutische Praxis sind folgende Texte vorgesehen: Heinrich von Kleist, Die Verlobung in St. Domingo (1808); Joseph Conrad, Herz der Finsternis (1902); Gustav Frenssen, Peter Mohrs Fahrt nach Südwest (1906); Franz Kafka, In der Strafkolonie (1919); Arno Schmidt, Seelandschaft mit Pocahontas (1953); Nicolas Born, Die Fälschung (1979), Uwe Timm, Morenga (1985) sowie Christian Kracht, Ich werde hier sein, im Sonnenschein und im Schatten (2008).


2)

"Das kann man nicht erzählen." - Genozide als Thema der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Das Postulat, dass das referentielle Vermögen der Sprache angesichts der Shoah an seine Grenze stoße, dominiert die Diskussion einer Möglichkeit des Schreibens über Auschwitz nach wie vor. Dem gegenüber steht aber auch die vehemente Kritik einer solchen „Unsagbarkeits-Topik“, wie sie etwa Jorge Semprun oder Ruth Klüger geäußert haben.

Sie gehören zu den Protagonisten einer im 20. Jahrhundert entstandenen Literaturgattung, die sich aus Texten Überlebender zusammensetzt, deren Ziel es ist, ein Zeugnis von den Verbrechen des Holocausts abzulegen.

Im Seminar werden neben bereits bekannteren Werken wie Klügers Autobiografie „weiter leben. Eine Jugend“ (1992) auch die Prosa und Theaterstücke von jüngeren deutschsprachigen Autoren diskutiert, die sich als Nachgeborene aus ganz anderen Blickwinkeln an das Thema herangewagt haben und über deren Bücher im In- und Ausland teils erhitzte Debatten geführt werden.

Zu problematisieren ist zudem das Phänomen, dass mittlerweile auch Genozide wie der türkische Völkermord an den Armeniern (1915/16) oder der Hutu an den Tutsi in Ruanda (1994) in Werken wie denen von Edgar Hilsenrath, Lukas Bärfuss und Hans Christoph Buch zum Thema der Gegenwartsliteratur geworden sind und zunehmend in die literaturwissenschaftliche Debatte um die Darstellbarkeit von Auschwitz mit einbezogen werden.

Das Seminar fragt zum einen nach den Traumata, mit denen solche Texte umgehen, sowie nach den jeweiligen erzählerischen Mitteln, mit denen die Texte den Leser emotionalisieren – oder auch im Gegenteil die Empathie des Rezipienten bewusst abzuwehren versuchen. Zum anderen steht die kritische Frage nach der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen thematisierten Genozide im Mittelpunkt – und wie damit in den einzelnen Werken umgegangen wird.


Übungen:

1)

Textformen im Feuilleton

„Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen“, spottete einst der große Sprachkritiker Karl Kraus in seiner legendären Zeitschrift „Die Fackel“. In der Tat: Rezensionen, Glossen oder Kolumnen zu schreiben ist eine Kunst für sich. Man muss es üben, trainieren und vor allem: dafür viel Zeitung lesen. Die wichtigsten Handwerksregeln, die man beim kreativen Umgang mit solchen Textformen beachten muss, werden in gemeinsamer Schreib- und Redaktionsarbeit vermittelt. Die Feuilletons wichtiger Tages- und Wochenzeitungen sowie maßgebliche literaturvermittelnde Websites sollen von den Teilnehmern im Plenum vorgestellt werden.

2)

Kritiken schreiben

Wie bewertet man als Journalist ein Buch? Darf man in einer Rezension eines spannenden Romans überhaupt verraten, wie dessen Geschichte ausgeht? Was macht man, wenn die Handlung des vorzustellenden Textes so kompliziert ist, dass man viel zu wenig Platz hat, um sie genau wiederzugeben? Hat man als Kritiker nicht die Aufgabe, Einfluss auf das Kaufverhalten der Leser zu nehmen?

Diese und viele andere Fragen, mit denen sich der angehende Kulturjournalist konfrontiert sieht, werden in dieser Übung beantwortet – in erster Linie durch die Diskussion selbst geschriebener Kritiken, aber auch durch die systematisch vorangetriebene Zeitungslektüre. Dafür sollen die Feuilletons wichtiger Tages- und Wochenzeitungen sowie maßgebliche literaturvermittelnde Websites vorgestellt werden.


Sommersemester 2009:


Hauptseminar:

Literarische Repräsentationen des Krieges und ihre Effekte (II): Theater der
Gewalt (19.-21. Jahrhundert)


Sommersemester 2008:

Hauptseminar:

Literarische Repräsentationen des Krieges und ihre Effekte (19.- 21. Jahrhundert)

 

Davor:

Seit 2005 jedes Semester zwei Lehrveranstaltungen zum Kulturjournalismus (siehe die online stehenden früheren Vorlesungsverzeichnisse).

Hier einige Beispiele in chronologischer Reihenfolge:

  • Theater- und Filmkritik (Sommersemester 2006)
  • Kulturjournalistisches Schreiben: Glossen, Rezensionen, Kommentare (Wintersemester 2006/2007)
  • „Anbei den Messias zurück“. Kreatives Kritisieren im Feuilleton (Sommersemester 2007)
  • "Gut finden verboten". Die feine Kunst des Verrisses (Wintersemester 07/08)
  • Das Ohr liest mit. Wie man Hörbücher rezensiert. (Wintersemester 2008/09)


 

Zuletzt aktualisiert: 08.01.2013 · Barbara Leupold

 
 
 
Fb. 09 - Germanistik und Kunstwissenschaften

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