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11.01.2010

Nepos macht Schule!

Tagung Marburger Latinisten nimmt das Werk des römischen Biographen aus verschiedenen Perspektiven in den Blick

Rerum memoriae non indiligens – unter diesem Verdikt des Gellius über Nepos stand die Tagung und Lehrerfortbildung Cornelius Nepos in Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Schule, die am 05. September 2009 in Marburg stattfand und von der Marburger Latinistik unter der Ägide von Dr. Boris Dunsch ausgerichtet wurde. Ziel und Anliegen der Tagung war es, eine überblicksartige, aber pointierte Bestandsaufnahme zum Werk des Cornelius Nepos vorzunehmen, wie sie sich aus fachwissenschaftlicher, fachdidaktischer und schulpraktischer Perspektive ergibt. Zu der am Seminar für Klassische Philologie der Philipps-Universität Marburg stattfindenden Veranstaltung konnten über 70 interessierte Gäste begrüßt werden – mit Wissenschaftlern, Lehrern, Studenten und Freunden der lateinischen Literatur ein erfreulich großes und breites Publikum.

Nach der Eröffnung der Tagung durch Dr. Boris Dunsch wurden alle Gäste zunächst von Prof. Dr. Rainer Stillers, dem Prodekan des Fachbereichs Fremdsprachliche Philologien der Philipps-Universität, sowie von Prof. Dr. Arbogast Schmitt, dem Geschäftsführenden Direktor des Seminars für Klassische Philologie, herzlich begrüßt. Beide betonten in ihren Grußworten die Notwendigkeit und unbedingte Relevanz eines stetigen gegenseitiges Austausches zwischen Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Schule, da nur das gemeinsame und entschlossene Wirken aller Vertreter des Faches – derer an den Universitäten, in den Studienseminaren, an den Schulen und überall in der Gesellschaft – das Erbe der Antike so geschlossen und nachdrücklich wie möglich lebendig zu halten sowie für künftige Generationen als kulturellen Erfahrungsschatz zu sichern und als Bildungsgegenstand zu erschließen vermag.

Die vormittägliche Sektion der Tagung war der theoria und somit den aktuellen fachwissenschaftlichen Überlegungen zu Cornelius Nepos gewidmet. Der Althistoriker Prof. Dr. Dieter Flach wies in seinem Vortrag zunächst auf die Schnitt- und Berührungspunkte zwischen philologischer und kulturhistorischer Betrachtung hin, die gerade bei der Analyse und Interpretation antiker Historiographen stets eine besondere Herausforderung darstellen, da Lektüren wie insbesondere die des Hannibal oder des Atticus zunächst zur Übernahme der römischen Sicht der Dinge auffordern, dann aber einer historisch-kritischen Würdigung bedürfen. Er fragte „Warum nicht Nepos?“ und gelangte nach einer tour de force durch die römischen Historiographen zu dem Schluss, dass Nepos in jedem Fall und etwa im Rahmen eines lateinischen Lesebuches zur Schullektüre gehöre.
Der Marburger Latinist Dr. Boris Dunsch widmete sich sodann der „Historia magistra vitae – Zur Geschichtskonzeption des Cornelius Nepos“ und ging dabei der Frage nach, inwiefern sich für die Auffassungen von der Geschichte und ihres praktisch-didaktischen Nutzens für Gegenwart und Zukunft kon- oder divergierende Auffassungen bei Nepos und seinem Zeitgenossen Cicero nachweisen lassen. Er gelangte dabei zu dem Ergebnis, dass der  intensive Briefwechsel zwischen beiden mit höchster Wahrscheinlichkeit von einiger Vehemenz und Polarisierung in dieser Frage gekennzeichnet gewesen sei und sich durch unterschiedliche Bezugspunkte – historische exempla im Rahmen des mos maiorum bei Nepos und die Orientierung an der griechischen Philosophie bei Cicero – erklären lasse.
Felix M. Prokoph, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Klassische Philologie, referierte zu dem Thema „Nepos, Atticus und das biographische Interesse am Ausgang der Republik“ und erläuterte zunähst das Geflecht von gesellschaftlichen und literarischen Rahmenbedingungen, die zum Entstehen und Aufblühen biographischer Literatur im 1. Jhd. v. Chr. beitrugen. Schließlich beleuchtete er vor diesem Hintergrund die Atticus-Vita des Nepos näher, aus der plausibel zu schließen sei, dass der allseitig beflissene Freund Ciceros mit seinen Imagines maiorum einen gewichtigen Impuls für das aufblühende biographische Genre geliefert und gewissermaßen als der Archeget literarisch geformter biographischer Erinnerung in Rom zu gelten habe.

Der Nachmittag verstand sich komplementär zur ersten Sektion cum praxi und stellte fachdidaktische und unterrichtspraktische Erwägungen in den Vordergrund. Hierzu konnten drei insbesondere auch zu Cornelius Nepos ausgewiesene Fachdidaktiker der Alten Sprachen gewonnen werden.
Dr. Joachim Klowski untersuchte „Intentionen, die Nepos in seinen Viten verfolgt“, und ging von der Überlegung aus, ob Nepos allein römischen Wertvorstellungen verpflichtet sei oder ob und inwiefern sich in seinen Viten auch griechisches Gedankengut manifestiere. Er nahm dabei vor dem Hintergrund der Miltiades-Vita und den Bezügen, die in anderen Viten wie der des Timoleon immer wieder zu ihr geschlagen werden, zwei sich augenscheinlich ausschließende Zugänge bzw. Interpretationsansätze in Blick, die den Biographen entweder als einseitig systemtreu oder aber sogar als politischen Revolutionär zu verabsolutieren suchen. Klowski trat hier insofern für eine vermittelnde Position ein, als er Nepos die Kontrastierung dieser Freiheitsbegriffe attestierte, wobei kritische Zwischentöne gegenüber den brutalen Verhältnissen der Zeit nicht zu überhören seien.
Dr. Rainer Nickel plädierte für „Die Epaminondas-Vita des Nepos“ und gestaltete seinen Beitrag als gelungene Mischung zwischen Referat und Workshop, wobei er die Auswahl des Epaminondas damit begründete, dass dieser Text dem in der Lektürephase unerlässlichen Postulat der Wirkung, die ein Text auf die Schüler entfalten müsse, in besonderem Maße gerecht werde, da er als Quasi-Enkomium schließlich auch schon von einer eindringlichen Pragmatik gekennzeichnet sei. Außerdem stellte er heraus, dass zu jeder textlichen Erschließung stets eine solide sprachlich-hermeneutische Basis gehöre, die sich jedoch mit dem Erwerb und der Verfügbarkeit fremdkultureller Schemata wechselseitig bedinge und gerade letztere anhand der Erarbeitung der auf die geistigen und körperlichen Vorzügen des Epaminondas bezüglichen Textabschnitte anschaulich zu vermitteln seien.
Prof. Dr. Hans-Joachim Glücklich beschloss die Tagung und widmete sich der Thematik „Nepos, Hannibal – Textarbeit, Bilder, Filme, Projekte“. Er skizzierte dabei, wie diese singuläre Porträtierung des Karthagers durch den Römer im Unterricht eingesetzt werden kann. Hierbei gelte es vor allem, das offensichtliche Anliegen des Nepos, den Römern über den Weg der Fremdsicht und das Verständnis für andere zu achtende Wertevorstellungen ihre eigenen kulturellen Spezifika bewusst zu machen. Besonderes Augenmerk legte er neben der semantisch-textlichen Texterschließung sowie sprachlich-stilistischen Betrachtungen auf den Vergleich mit Bild- sowie Filmdokumenten, die weites und interessantes Material zur über den Text selbst hinausreichenden Beschäftigung mit dem Verhältnis Rom – Karthago sowie den Punischen Kriegen liefern können.

In der die Tagung beschließenden Diskussion wurde zunächst betont, dass von Seiten der Fachwissenschaft und Fachdidaktik eine größere Bedeutung der Viten des Nepos im Unterricht begrüßt würde. Insbesondere einige der Feldherrnviten würden sinnvolle Alternativen bzw. Supplemente zur Erstlektüre des caesarischen Werkes bieten. Allerdings wurde auch herausgestellt, dass Cornelius Nepos einerseits sowohl sprachlich, vor allem aber auch inhaltlich nicht zu unterschätzen sei und hier insbesondere bei den Viten der griechischen Feldherrn ein hohes Maß an kulturellem Wissen schon vorhanden sein bzw. von den Schülern erarbeitet werden müsse, damit eine didaktisch-methodisch sinnvolle und für die Schüler interessante Lektüre gelinge. Vor dem Hintergrund einer sich im Rahmen des G8 immer weiter nach vorne verlagernden Lektürephase scheint hierin die besondere Herausforderung zu liegen.

Wenn das Kolloquium schließlich einen Beitrag dazu leisten konnte, dem Dialog zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik unter Fokussierung eines in beiden Disziplinen in jüngerer Zeit eher vernachlässigten Autor einen neuen Impuls zu verleihen, indem nicht zuletzt aktuelle Forschungsergebnisse auch für die Schule nutzbar gemacht wurden, und somit stimulierend darauf hinzuwirken, dass Nepos (vermehrt) Schule macht, so wäre es den Intentionen seiner Organisatoren gerecht geworden.
Die Ergebnisse der Tagung sollen schließlich auch einem breiten Kreis Interessierter zugänglich gemacht und zur Diskussion gestellt werden. Daher werden
die Tagungsbeiträge in der Reihe Philippika. Marburger altertumskundliche Abhandlungen publiziert werden.[1] Dieser Band soll dann als aktuelles fachwissenschaftliches und fachdidaktisches Kompendium zu Nepos dienen und wird in diesem Sinne durch einen aktuellen Forschungsbericht abgerundet werden.

Zum Schluss darf die Gelegenheit genutzt werden, allen herzlich zu danken, die dazu beigetragen haben, die Veranstaltung zu organisieren und zu einem Erfolg zu machen: dies sind in erster Linie die engagierten Referenten, sodann die interessierten Teilnehmer und Gäste. Finanzielle Unterstützung erfuhren wir vom Deutschen Altphilologenverband – Landesverband Hessen, dem Ursula-Kuhlmann-Fonds sowie dem Seminar für Klassische Philologie unter seinem Geschäftsführenden Direktor, Prof. Dr. Arbogast Schmitt. Allen, die in umsichtiger Art und Weise für einen reibungslosen Ablauf der Tagung gesorgt haben, gilt schließlich unser besonderer Dank, hier zuvorderst cand. phil. Catharina Frehoff sowie stud. phil. Mike Scior.



[1] An dieser Stelle wird auch der Beitrag des Marburger Altphilologen und Fachdidaktikers Prof. Dr. Achim Heinrichs zu dem Thema „Kriterien der Textauswahl bei der Historikerlektüre“ nachgelesen werden können, der auf der Tagung aufgrund kurzfristiger Erkrankung nicht vorgestellt werden konnte.
Der Band erscheint im Harrassowitz-Verlag (Wiesbaden), voraussichtlich Ende 2010 / Anfang 2011.


N.B.: Dieser Tagungsbericht ist zuerst erschienen in: Forum Schule. Latein und Griechisch in Hessen (MDAV Hessen) 56,1-3 (2009), 16-19.

Zuletzt aktualisiert: 18.01.2010 · prokoph

 
 
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