Experimente Physik-Workshop für Schülerinnen und Schüler 2011
1. Ramanspektroskopie – die Atome im Kristall tanzen sehen
AG Experimentelle Halbleiterphysik
Analysiert man genau das Laserlicht, das von einem
Kristall gestreut wird, dann kann man Schwingungen von Atomen im
Kristall beobachten, also die Atome tanzen sehen. Allerdings durchläuft
nur ein gestreutes Lichtquant in einer Million diesen Prozess. Wie kann
man diese wenigen finden? Was hat sich verändert, seit Sir
Chandrasekhara Vekata Raman 1930 für die Entdeckung des nach ihm
benannten Effekts den Physik Nobelpreis bekommen hat?
Diese Fragen werden wir während des Versuches beantworten und praktisch
vorführen. Wozu wird der Raman-Effekt technisch genutzt? Die
Anwendungsfelder reichen von Drogenfahndung, Kunstfälschung,
Qualitätskontrolle bis zur Temperaturmessung. Warum ist das so? Ein
Ramanspektrum ist wie ein Fingerabdruck des Materials.
2. Biomechanik – Steuerung von Körperbewegungen
AG Neurophysik
Sensorische und integrative Vorgänge im zentralen Nervensystem führen häufig zu einer Aktivierung des motorischen Systems und münden schließlich in Bewegung. Dies ist die einzige Möglichkeit des Nervensystems, Einfluss auf seine Umwelt zu nehmen (z. B. Laufen, Greifen, Sprache, Mimik). Dabei kommt es auf die exakte zeitliche Abstimmung der Aktivierung von Muskelgruppen an, um eine koordinierte Bewegung durchzuführen. In diesem Versuch wollen wir den zeitlichen Verlauf der Aktivierung von Muskeln am Bei-spiel einer Bewegung der Hand qualitativ darstellen und die Reaktionszeit für diese Bewegung messen. Außerdem wollen wir experimentell das Hebelgesetz überprüfen.
3. Wellenchaos
AG Quantenchaos
Wellen, die bei ihrer Ausbreitung auf Hindernisse stoßen, können Merkwürdiges erleben. Bei zu großer Unordnung kann durch gegenseitige Auslöschung der reflektierten Wellen jegliche Ausbreitung unterbunden werden, ein Phänomen, von dem jeder Handy-Benutzer ein Lied zu singen weiß. Breiten sich Wellen auf einer Fläche mit unregelmäßigem Rand aus, so kann es vorkommen, dass an manchen Stellen lokal begrenzt sehr hohe Amplituden auftreten. Dies könnte die Ursache dafür sein, dass bei verschiedenen Erdbeben in San Francisco und Mexico City die Schadensverteilungen völlig unregelmäßige Muster zeigt. Diese Schwingungsmuster zeigen dabei ein ganz ähnliches Verhalten wie die von schwingenden Platten, wie sie bereits vor mehr als 200 Jahren von Chladni in seinen Klangfiguren beobachtet wurden. Im Experiment besteht die Möglichkeit, die Schwingungsmuster von schwingenden Platten und Mikrowellen-Resonatoren zu untersuchen, sowie Simulationen am Computer durchzuführen.
4. Terahertz-Spektroskopie
AG Experimentelle Halbleiterphysik
Terahertz (THz) – dieses Wort steht für den Bereich des elektromagnetischen Spektrums der zwischen den Mikrowellen und der Infrarotstrahlung angesiedelt ist. Während beispielsweise Mobiltelefone und WLAN mit Frequenzen bis zu 5GHz arbeiten, verwenden THz-Systeme Frequenzen zwischen 100GHz (0,1THz) und 10THz. Materialien, wie Kleidung, Papier, Holz und vor allem Kunststoffe, sind für sichtbares Licht undurchsichtig, für THz-Wellen hingegen transparent. Die zerstörungsfreie und kontaktlose Materialuntersuchung im Bereich industrieller Fertigungsprozesse und der Sicherheitstechnik sind daher nur einige der zahlreichen Anwendungsfelder. Außerdem sind THz-Wellen im Gegensatz zu der häufig eingesetzten Röntgenstrahlung für den Menschen ungefährlich. In den letzten Jahrzehnten ist es gelungen, leistungsfähige und kostengünstige Emitter und Detektoren für Terahertz- Wellen zu entwickeln. Dadurch steht die THz-Technologie heute an der Schwelle zur Industrietauglichkeit. Mit diesem Versuch möchten wir es den Schülern ermöglichen, Kunststoffproben mit einem modernen THz-System zu untersuchen.
5. Elektronik zum Anfassen – Bau einer elektrischen Schaltung
AG Elektronik
Elektronik bestimmt unser Leben. Nahezu jedes
technische Gerät enthält elektronische Komponenten. Keine
Waschmaschine, kein Auto, sogar viele Kaffeemaschinen kommen ohne
Elektronik nicht aus. Der immer häufiger werdende Gebrauch von
offensichtlich elektronischen Geräten wie Computer, Mobiltelefonen oder
z.B. Navigationssystemen legt wohl nahe, dass wir uns in einem
„Elektronischen Zeitalter“ befinden.
Dass Elektronik im Wesentlichen aus Transistoren, Widerständen,
Kondensatoren und Spulen besteht gehört zum Allgemeinwissen. Wie man
aber diese Bauteile kombiniert, um zu einem funktionierenden Gerät zu
gelangen, erscheint vielen wie schwarze Magie. Die zu Grunde liegenden
Prinzipien sind jedoch einfach und die Funktionsweise eines Transistors
ist schnell erklärt. Am Beispiel einer einfachen Kippschaltung, die von
den Teilnehmern selbst aufgebaut werden kann, können dann viele
Eigenschaften von Transistoren demonstriert werden.
6. Faszination Astronomie
Astronomie
Die Sonne, die Himmelskörper unseres
Planetensystems und die Sterne gehören zu den Dingen, die die Menschen
seit Jahrtausenden beobachten und interpretieren! Und dennoch hat der
Weltraum nichts an Faszination verloren – ganz im Gegenteil, wir
erleben in der aktuellen Zeit eine Blüte der Astronomie durch viele
neue Erkenntnisse, die die mo-dernen Instrumente der Astronomen
liefern!
Wie können wir aus den Beobachtungen der Gestirne eigentlich etwas
lernen? Darum soll es in diesem Versuch an verschiedenen Stationen
gehen. Wir verfolgen z.B. den Lauf der Sonne, um eine präzise Sonnenuhr
zu konstruieren. Wir bauen ein einfaches Fernrohr aus verschiedenen
Bauteilen zusammen, um die Grundprinzipien der Fernrohre zu erforschen.
Dann richten wir ein vorhandenes Fernrohr in den Himmel, um die Venus
auf ihrer Bahn zu finden (am hellen Tage!); keine leichte Aufgabe. Wir
benötigen nicht nur die richtigen Koordinaten, sondern auch eine gute
Möglichkeit, diese einzustellen. Beim Einstieg in die Astrophysik
folgen wir den Astronomen und studieren im Detail Strukturen an der
Oberfläche der Sonne und zerlegen das Licht der Sonne in seine
Spektralfarben, um auf der entfernten Sonnenoberfläche verschiedene
chemische Elemente nachzuweisen.
7. Herstellung und Anwendung kleinster Partikel
AG Biophotonik
Der Begriff "Nanotechnologie" ist immer öfter in den Medien zu hören, doch was steckt wirklich dahinter? Wir stellen kleinste Partikel (= Nanopartikel) als ein Beispiel für Nanotechnologie vor. Diese Partikel sind nur einige wenige Nanometer groß und können aus verschiedensten Materialien bestehen, die dann die Eigenschaften der Partikel bestimmen. So absorbieren z.B. Gold-Nanopartikel Licht, was dazu benutzt wird, diese als Farbmarker für Biomoleküle zu benutzen, oder zur gezielten Erwärmung der Partikel mit Hilfe von Licht. Nanopartikel aus Halbleitermaterialien sind fluoreszierend, wobei die Farbe einfach durch die Größe der Partikel eingestellt werden kann. Magnetische Partikel können mit Magnetfeldern gelenkt oder durch elektromagnetische Wechselfelder zum Schwingen gebracht werden, wodurch sie ihre Umgebung erwärmen. Dieser Effekt könnte z.B. zur Krebstherapie eingesetzt werden.
Um sich die extrem kleine Größe von Nanopartikeln zu veranschaulichen, kann man sich eine Ameise vorstellen, die auf eine Strecke von einem Kilometer gesetzt wird. Das entspricht dem gleichen Verhältnis, als wenn man einen Nanopartikel auf einen Millimeter setzen würde: Je nach Größe bestehen die Nanopartikel aus nur ca. 100 bis einigen 1000 Atomen, die einen kristallinen Kern bilden. Auf der Oberfläche dieser Nanokristalle befinden sich stets spezielle Moleküle, sog. surfactants, die das Wachstum der Partikel bzw. Zusammenkleben verhindern. Die Nanopartikel liegen als Kolloide vor, d.h. die einzelnen Partikel sind in einer Flüssigkeit suspendiert. Ein alltägliches Beispiel für eine kolloidale Suspension ist Milch, in der sich fein verteilte Fett-Tröpfchen in wässriger Lösung befinden. Wie in der Milch stoßen sich die Partikel gegenseitig ab, so dass sie nicht zusammenklumpen und ausfallen können. Bei den Nanopartikeln ist dies die Aufgabe der surfactant-Moleküle. Durch die winzige Größe setzen sich die Partikel auch nicht durch Sedimentation ab, wie es z.B. bei Erdschlamm der Fall ist.
Synthese von 4 nm Gold-Nanopartikeln: Ausgangsmaterial ist Tetrachlorgoldsäure (HAuCl4), die in wässriger Lösung vorliegt. Zunächst werden die Goldionen (AuCl4 -) mit Hilfe eines speziellen surfactants (TOAB: Tetraoctyl-Ammoniumbromid) in die organische Phase (Toluol) transferiert und dort chemisch reduziert. Die nun ungeladenen Goldatome lagern sich zusammen und formen die Nanokristalle. Die surfactant-Moleküle verhindern dabei das Zusammenkleben der Partikel und sorgen durch ihre natürliche Mizellen-Geometrie dafür, dass fast ausschließlich Nanopartikel mit ca. 4 nm Durchmesser entstehen.
Synthese von 1 μm Kapseln: Partikulare Transportsysteme sind, als sogenannte "Drug Delivery Systems", von grundsatzlichem Interesse fur die medizinische Biotechnologie. D.h. man nutzt sie zum Transport und zur Abgabe von Wirkstoffen wie Medikamenten und Vakzinen. In den letzten Jahren sind Polyelektrolytkapseln als mögliche Wirkstoffträger, wegen ihrer potentiellen Multifunktionalität, als erfolgreiches Trägersystem für das drug delivery vorgeschlagen worden. Polymerkapseln ermöglichen eine Vielzahl von verschiedenen Funktionalisierungen. Mit Halbleiter-Nanokristallen markierte Kapseln lassen sich mittels Fluoreszenzmikroskopie beobachten und so während ihres Weges in das Zellinnere verfolgen. Zusätzlich erlauben magnetische Nanopartikel mit magnetischem Moment durch die Kraft, die im inhomogenen Magnetfeld auf sie wirkt, ein magnetisches Targeting. Das Anbinden von Rezeptormolekülen auf der Oberfläche von Kapseln macht molekulares Targeting möglich. Polymerkapseln bilden somit ein Trägersystem für die Kombination verschiedenster Materialien, die für die Anwendung jeweils eine spezielle Funktion übernehmen. Gerade diese Multifunktionalität und Variabilität, die sich sowohl für die Forschung im Bereich der Materialwissenschaften als auch für die medizinische Anwendung nutzen lässt, machen Polymermikrokapseln unter anderem zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für medizinische Behandlungsmethoden, die unselektiv Medikamente verabreichen sowie für schon bestehende Drug-Delivery-Anwendungen.


