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31.08.2016

Heilpflanzen des Pamirs

Prof. Dr. Michael Keusgen, Fachbereich Pharmazie, Universität Marburg

Beim Namen „Pamir“ denken die meisten Deutschen wohl zunächst an die legendäre Viermastbark, die 1957 im Atlantik bei einem Hurrikan sank und die bis zu diesem Zeitpunkt größte Rettungsmission auf dem Meer auslöste. Aber um das Segelschiff soll es hier nicht gehen, sondern um die faszinierende Pflanzenwelt des Gebirges Pamir, dem nordwestlichen Ausläufer des Himalayas.

Geographisch erstreckt sich der Pamir hauptsächlich über die Länder Afghanistan und Tadschikistan. Charakteristisch sind die in der Eiszeit entstandenen, relativ breiten und flachen Hochgebirgstäler, bei denen die Talsohle oftmals über 4.000 m hinausgeht. Durchzogen wird diese Hochgebirgslandschaft von Bergketten, die bis auf über 7.000 m hinaufragen. Das ganze Gebiet ist sehr dünn besiedelt, wobei Kirgisen und die so genannten „Wakhi“ die Hauptethnien bilden. In den Hochtälern sind zumeist Nomaden mit Yak-, Ziegen- und Schafherden unterwegs.

Aber wächst in diesen Höhen überhaupt noch etwas? Jeder, der die Hochlagen der Alpen schon einmal bereist hat, weiß, dass ab 3.500 m Höhe kaum noch Gefäßpflanzen zu finden sind. In der Pamir-Region kann man aber durchaus noch bis auf 5.000 m Höhe Interessantes finden, was auch arzneilich genutzt wird.

Im Juli 2016 konnte Prof. Michael Keusgen, Universität Marburg, innerhalb des vom DAAD geförderten Projektes „Wilde Arznei- und Nutzpflanzen Afghanistans“ die Pamir-Region über mehrere Wochen erforschen. Kernpunkt der wissenschaftlichen Arbeiten waren Interviews mit Einheimischen über deren Gebrauch von wilden Arzneipflanzen (Abb. 1); dieses gelang natürlich nur mit der Hilfe von einheimischen Übersetzern, denen an dieser Stelle ausdrücklich gedankt sei. Die Arbeit wurde dadurch sehr erleichtert, dass alle Beteiligten bereitwillig die gesammelten Arznei- und Gewürzpflanzen präsentierten und auch Auskunft über die Sammelstellen gaben. So konnten viele der demonstrierten und beschriebenen, zumeist getrockneten Arzneipflanzen in Natura wiedergefunden werden, wodurch deren taxonomische Zuordnung abgesichert werden konnte.

Doch nochmals zurück zu der Frage, was denn überhaupt in den Höhenlagen des Pamir wächst. Die Antwort ist: Erstaunlich viel, insbesondere wenn der Frühsommer feucht ist oder noch viel Schnee aus dem Winter liegen geblieben ist (Abb. 2). Beides ist in diesem Jahr der Fall, was in einem ausgesprochen bunten Landschaftsbild resultierte. Gelb steuerten Ranunculus, Potentilla und diverse Asteraceen sowie Brassicaceen bei, weiß Astragalus und wiederum Unmengen an kleinen Brassicaceen, Rottöne vornehmlich Astragalus und kräftiges Blau kam zumeist von Lamiaceen. Dazwischen befanden sich viele eher unscheinbarere Pflanzen. Besonders beeindruckend: große Bestände vom Edelweiß in der Pamir-Variante (Leontopodium ocholeucum, Abb. 3); die Pflanze wird erstaunlicherweise im Pamir volkstümlich wohl nicht verwendet.

Bei den Befragungen zeigte sich sehr schnell, dass in der überwiegenden Mehrheit jene Pflanzen verwendet werden, die in der jeweiligen Region auch vorherrschend sind und in einem Umkreis von einer Stunde Gehzeit auch gefunden werden können. Kann die gewünschte Pflanze jedoch nicht gefunden werden, so wird sie zumeist durch eine andere ersetzt, die ganz ähnlich aussieht. Hierzu einige Beispiele: Plantago lanceola, Spitzwegerich, ist im Pamir sehr wohl bekannt, kommt natürlich in den Hochlagen nicht vor und wird somit durch andere Plantago-Arten ersetzt. Neben der wundheilenden Wirkung (Auflegen der Blätter auf die Wunden) wird übereinstimmend von einer positiven Wirkung bei Magenverstimmung berichtet. Dabei war es nur einer interviewten Person bewusst, dass es durchaus unterschiedliche Plantago-Arten gibt, die auch unterschiedlich wirken können.

Eine weitere sehr wichtige Arzneipflanze ist „Ramaschka“, wobei der Name aus dem Russischen kommt und eigentlich Kamille bedeutet. Die Kamille kommt im Pamir aber nicht wild vor; also sammelt man Asteraceen, die so ähnlich aussehen wie Kamille. Dieses ist zumeist Tanacetum pyrethroides; in tieferen Tallagen kann es aber auch durchaus mal die Margerite Leucanthemum vulgare sein. Die Anwendung ist wie bei „unserer“ Kamille; das Kraut wird aber auch gegen Durchfall eingesetzt. Charakteristisch für die Hochflächen sind auch Artemisia-Arten, die zumeist einen sehr aromatischen Geruch haben. Diese werden aber erstaunlicherweise wenig verwendet, wohl am ehesten noch als Repellents gegen Insekten.

Ebenso geschätzt wird die Lamiacee „Yambilak“, wobei es sich um Zizoiphora clinopodioides, eventuell auch Z. pamiroalaica, handelt (Abb. 4). Die Pflanze ist sehr aromatisch und wird frisch oder getrocknet als Teeaufguss verwendet; dieser wird bei Magenproblemen sowie bei Beschwerden der Lebern und der Niere getrunken und zur „Blutreinigung“ (Ausschwemmen von Giftstoffen) verwendet. Der Selbstversuch mit dem Teeaufguss der frischen Pflanze ergab, dass diese deutlich diuretisch sowie schweißtreibend wirkt (vier Tassen a 125 ml, langsam getrunken). Nach anderen Berichten ist die Pflanze auch blutdurcksenkend.

Das Thema „Blutdrucksenker“ führt zu einer interessanten Beobachtung: geht man die Interviews durch, so wird nahezu von jeder stark aromatischen Pflanze berichtet, dass sie blutdrucksenkende Wirkung habe. Besonders prominent sind hier Dracocephalum paulsenii (“Marmoreh”) und die weiße Varietät von Dracocephalum heterophyllum („Lemonik“ mit deutlich zitronenartigem Geruch, Abb. 4). Aber auch hier sind die traditionellen Namen nicht eindeutig: In einem Interview wurde über ein „kleines Marmoreh“ und ein „großes Marmoreh“ berichtet; die kleinere Pflanze ist das bereits oben erwähnte Dracocephalum paulsenii, das größere Marmoreh ist wohl Nepetha pamirense, beides blau blühende Lamiaceen.

Bemerkenswert sind auch die Berichte über Rhodiola (Rosenwurz). „Die Rosenwurz“ (Rhodiola rosea) kommt im Pamir nicht vor, dafür werden aber ethnienübergreifend die Wurzelstöcke von mindestens drei weiteren Rhodiola-Arten genutzt, wobei Rhodiola pamiroalaica die stärkste Wirkung als Adaptogen haben soll (Abb. 5). Der Wurzelstock wird zumeist in Wodka eingelegt, alternativ auch als Teeaufguss angewandt. Fernerhin beachtenswert: In mittleren Höhen Tribulus terrestris, dessen oberirdische Teile als „Pflanzliches Viagra“ verwendet werden (Abb. 6). Oder auch der höchst dekorative Rittersporn Delphinium brunonianum, „Gul e ambar“, welcher äußerlich als Haarwuchsmittel (!) angewandt wird.

In jeder Region gibt es auch ein Allheilmittel. Im Pamir ist dieses „Mumijo“, was aber nicht pflanzlichen Ursprungs ist, sondern eher als tierisches Produkt zu bewerten ist [siehe PZ 160, 26 (2015), S. 59-61].  Bei Mumijo handelt es sich um eine schwarze, teerartige Masse, die in trockenen Hochgebirgshöhlen zu finden ist. In dieser Umgebung verwandelt sich tierischer Kot, vornehmlich der von Nagetieren, in eine schwarze, wasserlösliche Masse, die dann in Felsspalten einsickert und idealerweise wieder an der Decke einer Höhle austritt, wobei das Wasser verdampft; es bilden sich also „Schwarze Tropfsteine“. Die Liste der Anwendungsgebiete für dieses Naturprodukt ist vielfältig: Insbesondere bei Knochenbrüchen, gegen unspezifische Verdauungsprobleme, bei Magengeschwüren, Leberbeschwerden, Angina, Hauterkrankungen, bei unangenehmen Fuß- und Achselgeruch sowie zur allgemeinen Gesundheitsprophylaxe. Da wundert es nicht, dass dieses rare Naturprodukt oftmals gestreckt oder ganz verfälscht wird. Die chemische Analyse von authentischen Proben steht noch aus.

Danksagung

Frau Munira Karamkhudoeva und Herrn Shodi Afzunov sei für die unermüdliche Unterstützung, insbesondere die Übersetzungen, herzlich gedankt. Herrn  Prof. Breckle und Herr Dr. Fritsch danke ich für Ihre Hilfe bei der Bestimmung des gefundenen Pflanzenmaterials. Dem DAAD Bonn sei für die großzügige finanzielle Unterstützung gedankt.

 

Kontakt

Prof. Dr. Michael Keusgen
Behring-Villa
Wilhelm-Roser-Straße 2
35032 Marburg

Tel.: 06421 28-25891
E-Mail

Zuletzt aktualisiert: 31.08.2016 · Prof. Dr. Michael Keusgen

 
 
 
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