In unserer Forschungsarbeit interessieren wir uns vor allem für die Entwicklung, Plastizität und Evolution des olfaktorischen Systems von Insekten.
Dabei konzentrieren wir uns
insbesondere auf die Antennalloben (AL). Die paarigen AL stellen im
olfaktorischen System der Insekten die erste zentrale Verschaltstation
für Duftreize im Nervensystem dar und gleichen in ihrem Aufbau
prinzipiell den ersten olfaktorischen Verarbeitungszentren aller
riechenden Tiere (Strausfeld und Hildebrand 1999, Eisthen 2002). Das
universelle Prinzip stellen dabei die olfaktorischen Glomeruli dar,
kugelige Strukturen, in denen die synaptische Verschaltung zwischen den
Fortsätzen der olfaktorischen Rezeptorneurone (ORNs) und den
Nervenzellen des zentralen Gehirns stattfindet.
Je nach Tierspezies variiert die Anzahl der Glomeruli, ebenso wie die
Anzahl der ORNs und der zentralen Neurone, die in den Glomeruli
miteinander interagieren (Eisthen 2002, Schachtner et al. 2005).
Funktionelle Untersuchungen vor allem in Wirbeltieren und Insekten
zeigen, dass die Glomeruli essentiell an der Duftverarbeitung beteiligt
sind, in dem sie die funktionellen Untereinheiten darstellen, in denen
die verschiedenen komplexen Düfte wie auf einer Art „Duftkarte“
räumlich und zeitlich abgebildet werden (Axel 1995, Hildebrand und
Shepherd 1997, Buck 2000, Voshall et al. 2000, Galizia and Menzel 2001,
Korsching 2002, Leon und Johnson 2003).
Als Versuchstiere dienen uns in erster Linie der Tabakschwärmer Manduca sexta, der rote Reismehlkäfer Tribolium castaneum, die Honigbiene Apis mellifera, die Gelbfiebermücke Aedes aegypti und die Fruchtfliege Drosophila melanogaster. Für vergleichende Untersuchungen kommen zudem Hummeln (Bombus terrestris), ein weiterer Nachtfalter (Heliothis virescens), ein Tagfalter (Caligo eurilochus) aber auch phylogenetisch basalere Insektenarten wie Collembolen, Silberfischchen (Lepisma saccharina) oder Eintagsfliegen (Ephemera danica) zum Einsatz.
Die Antennalloben (AL)
Der AL von M. sexta gelten neben den AL von Drosophila melanogaster sowie dem Bulbus olfactorius der Ratte und des Zebrafisches als eines der Modellsysteme, um die Ontogenie des olfaktorischen Systems zu untersuchen (Hildebrand und Shepherd 1997, Korsching 2002, Leon und Johnson 2003, Tolbert et al. 2004). Unser Interesse zielt dabei in erster Linie auf verschiedene Signalmoleküle wie Stickstoffmonoxid, biogene Amine und Neuropeptide, aber auch auf die Rolle von elektrischer Aktivität und die hormonelle Koordination der verschiedenen Entwicklungsvorgänge. Zudem interessiert uns welchen Einfluss die tatsächliche geruchliche Umwelt (Pheromonkomponenten, „normale“ Düfte) auf das glomeruläre Netzwerk haben. Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass Mechanismen, die während der Ontogenie eine Rolle spielen, auch für plastische Vorgänge in der späten Individualentwicklung und im Adulttier von Bedeutung sind.
Entwicklung der AL
Bei holometabolen Insekten wie M.
sexta werden die AL während eines definierten postembryonalen
Entwicklungsfensters, der Metamorphose gebildet. Bisherige
Untersuchungen zeigen, dass die AL Entwicklung in drei Phasen während
der Metamorphose verläuft (Oland und Tolbert 1996, Dubuque, Schachtner
et al. 2001). In der Vorbereitungsphase (Phase I) werden die neuronalen
Komponenten bereitgestellt und über einen bisher unbekannten
Mechanismus die Orte festgelegt, an denen dann während Phase II die
Glomeruli entstehen.
Phase II, die etwa vier bis fünf Tage dauert, zeichnet sich durch eine
hohe Synaptogeneserate aus. Ich gehe davon aus, dass in diesem
Zeitfenster die grundlegenden Verschaltungen festgelegt werden, die
Ein- und Ausgangsneurone aufeinander abstimmen. Während Phase III
differenzieren sich die Glomeruli, indem sie an Größe zunehmen und zum
Teil Unterkompartimente bilden (Dubuque, Schachtner et al. 2001). Zudem
scheinen die ersten Tage nach dem Adultschlupf, wenn die Tiere zum
ersten Mal der realen geruchlichen Umwelt ausgesetzt sind, eine
wichtige Rolle bei der Ausdifferenzierung des neuronalen Netzes in den
Glomeruli zu spielen (Huetteroth und Schachtner 2005).
Die Vorgänge während der eigentlichen
Glomerulibildung (Phase II) werden offensichtlich, wie wir bereits
zeigen konnten, vor allem über zwei Mechanismen reguliert: Einerseits
durch eine hormonelle (Schachtner et al. 1999, 2004b, Utz und
Schachtner 2005) und andererseits durch eine aktivitätsabhängige
Komponente (Schachtner et al. 1999). Die hormonelle Komponente stellt
das Entwicklungshormon 20-Hydroxyecdyson dar, das den Beginn der
Glomerulibildung (Phase II) festlegt (Schachtner et al. 2004b).
Manipulationen des Blutspiegels des Hormons zeigen, dass neben der
eigentlichen Glomerulibildung auch die Expression verschiedener
Moleküle (z.B. lösliche Guanylatcyclasen, verschiedene Neuropeptide) in
AL-Neuronen durch das Hormon beeinflusst werden (Schachtner et al.
1999, Schachtner et al. 2004b, Schachtner 2005, Utz und Schachtner
2005, Utz et al. 2008). Die Aktivitätskomponente bezieht sich auf
(spontane) elektrische Aktivität der beteiligten Nervenzellen.
Spontanaktivität wurde bisher für die olfaktorischen Rezeptorneurone
gezeigt (Oland et al. 1997), wir gehen aber davon aus, dass auch
Nervenzellen des AL selbst spontane elektrische Aktivität zeigen.
Verschiedene Signalmoleküle
Ein wichtige Rolle bei der
Synapsenbildung scheint dem gasförmigen Signalmolekül Stickstoffmonoxid
und dessen Rezeptoren, den löslichen Guanylatcyclasen zuzukommen, da
eine pharmakologische Inhibition des Stickstoffmonoxid
synthetisierenden Enzyms (NO-Synthase) und der löslichen
Guanylatcyclasen zu einer deutlichen Verringerung der Synaptogeneserate
führt (Schachtner 2005, und in Vorbereitung). Nach unseren Ergebnissen
wird dabei Stickstoffmonoxid aktivitätsabhängig von NO-Synthase in den
olfaktorischen Rezeptorneuronen gebildet und kann dann lösliche
Guanylatcyclasen in bestimmten Neuronen des Antennallobus aktivieren
(Nighorn et al. 1998, Schachtner et al. 1999).
Diese Stickstoffmonoxid sensitiven Neurone erhöhen daraufhin ihre
Konzentrationen an cyclischem 3’5’ Guanosinmonophosphat (cGMP,
Schachtner et al. 1998, 1999). Die Wichtigkeit des
Stickstoffmonoxid/cGMP Signalwegs wird auch durch transiente Erhöhung
von Superoxid Dismutase, das die Halbwertszeit von Stickstoffmonoxid
erhöht, in den Stickstoffmonoxid sensitiven Neuronen unterstrichen
(Schachtner et al. 2004a). Die Frage, welche Zielmoleküle von cGMP
beeinflusst werden, gehört zu unseren zukünftigen Projekten.
Zielmolekül-Kandidaten sind neben cGMP abhängigen Proteinkinasen und
Phosphodiesterasen vor allem cGMP abhängige Ionenkanäle.
Die Expression vieler verschiedener Neuropeptide ist ein gemeinsames
Merkmal des AL der Insekten und des Bulbus olfactorius der
Wirbeltiere. Um zu untersuchen, inwieweit diese Neuropeptide an der
Entwicklung des AL beteiligt sein könnten, haben wir eine genaue
Entwicklungskartierung von Neuropeptiden, die drei verschiedenen
Peptidfamilien angehören, durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen deutlich,
dass die Peptide sowohl von ihrer Lokalisation (vor allem in
intrinsischen Neuronen des Antennallobus) als auch von ihrem zeitliche
Auftreten (kurz vor und zu Beginn der Glomerulusentwicklung) eine Rolle
bei der Entwicklung der Glomeruli spielen könnten (Schachtner et al.
2004b, Utz und Schachtner 2005, Utz et al. 2008).
Da die benutzten Antiseren ganze Neuropeptidfamilien im Gewebe markieren, haben wir begonnen, die einzelnen, tatsächlich vorkommenden Neuropeptide mittels Massenspektrometrie (MALDI-TOF) zu verschiedenen Entwicklungszeitpunkten zu bestimmen (Utz al. 2007). Diese Arbeiten führen wir in Zusammenarbeit mit PD Dr. Reinhard Predel (Universität Jena) und Dr. Christian Wegener (Universität Marburg) durch.
3D Rekonstruktion
Ein Hauptproblem, um Effekte verschiedener Manipulationen auf definierte Neuropilareale wie z.B. den AL untersuchen zu können, ist die Schwierigkeit Änderungen vernünftig zu quantifizieren. Aus diesem Grund haben wir den AL von M. sexta für verschiedene Entwicklungs- und Adultstadien dreidimensional rekonstruiert und für zehn der etwa 60 Glomeruli Standards bezüglich Größe, Form und Lokalisation erstellt (Huetteroth und Schachtner 2005). Auf dieser Basis kann nun der Effekt verschiedener Manipulationen an definierten Glomeruli zu definierten Zeiten untersucht werden. Darüber hinaus sollen die Glomeruli-Standards auf Verzweigungsmuster identifizierter Neurone in den Glomeruli ausgeweitet werden. Dies würde uns dann erlauben, zu untersuchen, welchen Anteil verschiedene Neurontypen an den Neuropilveränderungen haben und uns dadurch weitere Ideen liefern, welche Mechanismen bei Glomerulusentwicklung und Glomerulusplastizität tatsächlich eine Rolle spielen.
MRI (Magnet Resonanz Imaging)
In Zusammenarbeit mit Dr. Thomas
Michaelis und Prof. Dr. Jens Frahm von der Biomedizinischen NMR
Forschungs GmbH am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie
Forschungsinstitut für NMR in Göttingen (Leiter Prof. Dr. Jens Frahm)
haben wir begonnen mittels Magnet Resonanz Imaging Gehirnentwicklung
nicht invasiv zu studieren. Eine erste Arbeit, die zeigt, dass es
prinzipiell möglich ist diese Technik bei unseren verhältnismäßig
kleinen Insekten anzuwenden, ist gerade bei Neuroimage erschienen
(Michaelis et al. 2005). Aktuelle Arbeiten beschäftigen sich mit der
Darstellung von neuronaler Aktivität in vivo während der Entwicklung
(Watanabe et al. 2006).
Phylogenie des AL
Bisher wurden die Ergebnisse zur Entwicklung und Plastizität des AL vor allem an Manduca sexta gewonnen. Ein Schwerpunkt unserer zukünftigen Arbeit wird vor allem im Vergleich mit anderen Insekten liegen. Hier haben wir begonnen vergleichende morphologischen und immuncytochemischen Untersuchungen an Arten basaler Insektenordnungen (Zygentoma, Ephemeroptera) durchzuführen (Schachtner et al. 2005, Kollmann et al. 2008).
Methoden
In den Projekten wird eine Vielzahl von Techniken eingesetzt:
Pharmakologische Manipulation, Immuncytochemie auf licht- und
elektronenmikroskopischer Ebene, konfokale Laserscanmikroskopie,
Westernblot Technik, ELISA, Elektrophysiologie, MALDI-TOF,
Ca2+ - Imaging, rechnergestützte 3D-Rekonstruktion.
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