Geschichte der Klinik:
Die kinder- und jugendpsychiatrische Klinik der Philipps-Universität
Marburg wurde am 21. April 1958 nach dreijähriger Bauzeit vom damaligen
Hessischen Minister für Erziehung und Volksbildung Dr. A. Hennig ihrer
Bestimmung übergeben. Sie war aus einer bereits 1946 an der
Nervenklinik eingerichteten Kinderstation mit 30 Betten hervorgegangen.
Wenngleich die Marburger Klinik die erste war, die einem eigenen
Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie zugeordnet wurde, so hatte
sie doch von ihrer Funktion her verschiedene Vorläufer. Die älteste
kinderpsychiatrisch orientierte Krankenhausabteilung Deutschlands war
wohl die 1864 von Heinrich Hoffmann, dem Verfasser des "Struwwelpeter",
gegründete Kinderstation an der "Städtischen Anstalt für Irre und
Epileptische" in Frankfurt. Als erste Spezialabteilung an einer
Universitätsklinik kann die 1911 von Lazar an der Wiener Kinderklinik
eingerichtete heilpädagogische Abteilung gelten, die Modell war für die
Einrichtung einer ganzen Reihe ähnlicher Stationen an deutschen
Universitätskliniken für Psychiatrie und Pädiatrie. Die Einrichtung
dieser Universitätsabteilungen resultierte sowohl aus einer
historischen Besinnung auf das Kind als eigenständiges Wesen mit
eigenen Rechten, aber auch eigenen Problemen, als auch aus der
Tatsache, dass psychiatrische Erkrankungen und
Verhaltensauffälligkeiten von Kindern ärztliche Spezialisten
erforderten, die gleichermaßen mit den Besonderheiten der kindlichen
Entwicklung wie mit den neuropsychiatrischen Grundlagen kindlicher
Störungen und Erkrankungen vertraut waren.
Das Jahr 1958 war für die Klinik und die Versorgung behinderter Kinder,
aber auch in anderer Hinsicht bedeutsam: Am 23.11.58 wurde in der
Bibliothek unserer Klinik die "Lebenshilfe für das geistig behinderte
Kind", seit 1996 umbenannt in Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger
Behinderung e.V. gegründet, eine Eltern- und
Selbsthilfeorganisation, die die Lebens- und Förderungsbedingungen
geistig behinderter Menschen in den nächsten Jahrzehnten von Grund auf
neu gestalten sollte. Die Gründung der Lebenshilfe geht ganz
entscheidend auf die Initiative ihres früheren Bundesgeschäftsführers
und jetzigen Ehrenvorsitzenden Dr. Tom Mutters und des früheren
Klinikdirektors Prof. Stutte zurück, die in der Verbesserung der
Versorgung geistig behinderter Menschen ein wichtiges gemeinsames
Anliegen sahen. Zur Geschichte der Klinik gehört ferner auch die
Mitbegründung des Kerstin-Heimes, eines Heimes und Internates mit
Schule für geistig behinderte und autistische Kinder. Mit der
Etablierung dieser Einrichtung, die bis heute von der Klinik
fachlich betreut wird (in früheren Jahren durch Frau Professor Weber,
später durch Herrn Prof. Remschmidt und die Marburger
Institutsambulanz), war der erste Schritt zur außerklinischen Betreuung
jener Gruppe von Kindern getan, die damals am schlechtesten versorgt
war.

Die Nachkriegsgeschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie Marburg wäre
unvollständig, wollte man nicht auch die Gründung des Instituts für
ärztlich-pädagogische Jugendhilfe und der Erziehungsberatungsstelle
(1950) erwähnen, ersteres ein Universitätsinstitut, letzteres eine
Einrichtung in der Trägerschaft des Vereins für Erziehungshilfe e.V.
Marburg. Die ärztlich-pädagogische Jugendhilfe wurde 2006 in die Klinik
eingegliedert.
Die Gründungsgeschichte der Klinik und die ersten Jahre ihrer aktiven
Tätigkeit sind mit dem Wirken folgender Persönlichkeiten eng verbunden:
Prof. Dr. Doris Weber, Prof. Dr. Hubert Harbauer, Prof. Dr. Peter
Strunk, Prof. Dr. Dres. h.c. Hermann Stutte, Min. Dir. Willy Viehweg
und Prof. Dr. Dr. Curt Weinschenk.
Wichtige Etappen der Weiterentwicklung waren die Gründung des
Weiterbildungsseminars für Kinder-, Jugendlichen und Familientherapie
(1981), die Errichtung einer Tagesklinik für psychisch kranke und
behinderte Kinder und Jugendliche (1984) und der schrittweise Aufbau
einer Forschungseinheit mit entsprechenden personellen und apparativen
Möglichkeiten als unabdingbare Voraussetzung für eine moderne
Forschung. Die konsequente Fortsetzung dieses Weges machte 1995 die
Einrichtung unserer klinischen Forschergruppe möglich, die durch die
Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert wird und sich mit genetischen
Mechanismen der Gewichtsregulation beschäftigt. Nach der zweiten
Begutachtung im Jahr 1997 konnte die klinische Forschergruppe als
dauerhafte Einrichtung der Klinik etabliert werden.
Die Aufstockung der Adoleszentenstation (Station B) und die Erweiterung
um zwei Mutter-Kind-Einheiten hat die stationären
Versorgungsmöglichkeiten der Klinik bedeutend verbessert.
Auch das ambulante Behandlungsspektrum erfuhr eine wesentliche Erweiterung durch die Gründung einer Institutsambulanz in Marburg (1.4.2001) und einer zusätzlichen Institutsambulanz in Bad Nauheim (1.4.2004).
Mit der Gründung des Instituts für Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin an der Philipps-Universität Marburg e.V. (IVV) wurden die Ausbildungsangebote für psychologische und ärztliche Psychotherapeuten in unserer Klinik ausgeweitet. Am 8. Dezember 1999 wurde das Institut durch ein öffentliches Symposium mit renommierten Referenten eröffnet. Im Rahmen des IVV arbeitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters eng mit den anderen Kliniken des Zentrums für Nervenheilkunde, insbesondere mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Leiter: Prof. Dr. Krieg) zusammen.




