„Das Ziel ist die Förderung klinischen Denkens“
„Eine Borreliose, die sich am Herzen manifestiert“, lautet die präzise Diagnose von Anna-Lena Hasenau, die zusammen mit ihren Marburger Kommilitonen Tobias Huber, Yvonne Alt, Greta Euler, Hendrik Heers und Cornelia Pohl am prestigeträchtigen Benjamin Franklin Contest, einem Wettbewerb für den medizinischen Nachwuchs, teilnimmt. Lauter Jubel brandet durch die Reihen des Hörsaals der Berliner Charité, denn mit einer Lösung des Falles rechnet zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Instinktiv hat die angehende Ärztin eine Serologie, also eine Blutuntersuchung, in diesem Fall auf Borreliose-Antikörper, angeordnet. Und das, obwohl die Vorbefunde – kurze Ohnmacht des Patienten, ein unregelmäßiger Puls sowie eine Erregungsleitungsstörung im Herzen – nicht unmittelbar darauf hingedeutet hatten.
Bereits seit 1998 wird der Benjamin Franklin Contest (BFC) ausgetragen. In diesem rein studentischen Wettbewerb, benannt nach dem Universitätsklinikum, messen sich jährlich insgesamt sieben Hochschulen. 2010 entsandten neben Marburg auch die Universitäten Frankfurt, Jena, Leipzig, Maastricht und München ihre Jungmediziner in die Bundeshauptstadt. Als Ausrichter fungierte wie gewohnt die heimische Berliner Charité, deren Team am Ende des Tages mit deutlichem Vorsprung den Gesamtsieg errang. Alle Teilnehmer mussten sich noch vor dem praktischen Jahr befinden und stellten sich im Laufe des Wettbewerbs einem bunten Mix aus allgemeinen medizinischen Fragen, Blickdiagnosen, praktischen Fertigkeiten und möglichst ökonomischem Handeln. Bewertet wurden die Leistungen der Studierenden von einer kompetenten Jury, eigens von den Universitäten freigestellte Fakultätsmitglieder, die gleichzeitig auch Leiter ihrer Teams waren. Aus Marburg reiste Prof. Dr. Klose, Studiendekan des Fachbereichs Medizin, mit nach Berlin.
Jede der zu absolvierenden fünf Runden startete mit dem so genannten „Diagnose Check“. Es wurde eine Anamnese vorgegeben und es galt die Krankheit des Patienten herauszufinden. Hierfür konnten die Teams reihum Befunde wie zum Beispiel einen Tumormarker oder ein bildgebendes Verfahren wie Röntgen anfordern. Die besondere Herausforderung bestand dabei darin, dass diese den Abzug einer bestimmten Punktzahl zur Folge hatten. Die Wahl wollte also bedacht sein: „Auch wenn hier die Ethik nicht gegen die Ökonomie ausgespielt werden soll, lernen die Studenten doch, dass sie wie im realen Medizineralltag nur ein begrenztes Budget zur Verfügung haben und deshalb auswählen müssen, welche Untersuchungen sinnvoll sind. Diese Förderung klinischen Denkens macht den BFC so reizvoll“, erklärt Tina Stibane, Leiterin des Marburger Interdisziplinären Skills Lab (Maris), die die Studenten begleitet hatte.
„Blickdiagnosen“ lautete die zweite Aufgabe, bei der in Sekundenschnelle eine Krankheit auf einem Bild erkannt werden musste. Wieder führten Fehldiagnosen zu einem schmerzhaften Punktabzug. Was die Marburger Delegation leider nicht geübt hatte: Buzzern. Weil die anderen Teams bei den meisten Bildern einen Tick schneller auf den roten Knopf drückten, verloren die Medizinstudenten aus Mittelhessen ein wenig den Anschluss. Ausgeglichener gestaltete sich das Kräfteverhältnis in der dritten Disziplin, dem „Medizin-Quiz“, bei dem nacheinander Multiple Choice Fragen aus allen medizinischen Fachgebieten zu beantworten waren – je mehr Risiko die Mannschaften dabei eingingen, desto höher die Punkteausbeute oder der Punktverlust.
Zur Höchstform liefen die Marburger Mediziner dann bei den beiden praktischen Aufgaben auf: Im ersten Durchgang überzeugte zunächst Tobias Huber bei der Bauchspiegelung (Laparoskopie), die er Dank seiner Arbeit als Maris-Tutor bestens beherrscht. Mit der Kamera musste er dabei in präparierte Röhrchen schauen und die Zahlen auf dem Boden ablesen – souverän erreichte er den dritten Platz. Noch besser war die Teamleisung bei der zweiten praktischen Prüfung – einer Reanimation – bei der sich die Marburger Universität den ersten Platz sicherte. „Das hervorragende Abschneiden in dieser Disziplin ist auf die Bemühungen unseres Fachbereichs zurückzuführen. Die Studenten wurden von zahlreichen engagierten Dozenten sowohl praktisch als auch theoretisch optimal vorbereitet“, erklärt Tina Stibane. In der Tat hatten sich die sechs Mediziner im Vorfeld regelmäßig getroffen, um gemeinsam zu lernen oder an eigens für die Ansprüche des BFC orientierten Veranstaltungen teilzunehmen. Optimiert wurden die praktischen Fertigkeiten zudem im Maris.
Mit 1010 Punkten reichte es für die Marburger am Ende des Tages zwar nur zu Platz fünf, doch mit dieser Platzierung in einem dicht gedrängten Mittelfeld, in dem das Team aus München erst mit der letzen Frage an den Marburgern vorbeizog, waren letztlich alle zufrieden, wie auch Tobias Huber resümiert: „Wir haben in unserem Team, aber auch mit den anderen Teilnehmern sehr viel Spaß gehabt. Der Konkurrenzgedanke rückt dabei in den Hintergrund.“ Sinnbildlich für diesen ausgeprägten Teamgedanken steht die Tatsache, dass die Marburger mit dem größten „Fanclub“ nach Berlin gereist waren.
Von Philipp Gehring
Veranstalter:
Maris
Kontakt:
E. C. Stibane
Tel.: 06421 2825052
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