09.04.2010
Prof. Dr. Anke Abraham: Körperpraxen von Mädchen und Frauen - emanzipatorische Ambivalenzen körperbezogenen Handelns in Zeiten der (technologischen) Machbarkeit des Körpers
Im Rahmen der Ringvorlesung Gender Studies und feministische Wissenschaft 2010
Zeit:
27.05.2010
18:00 h
Ort:
Hörsaalgebäude, Biegenstr.14, Raum HG 207
Referent/Beteiligte:
Prof. Dr. Anke Abraham - Sportwissenschaft
Weitere Informationen:
Im Rahmen der Frauenbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts haben der Körper und Phänomene der Körperlichkeit eine zentrale Rolle gespielt: Sie waren Motor und Austragungsort heftiger politischer, sozialer und emotionaler Kämpfe, in denen es um das fundamentale Recht auf Zugang zu und Partizipation am öffentlichen Leben ging, um Gleichstellung und Chancengleichheit in Arbeit, Politik und Bildung sowie um Selbstbestimmung und Selbstgestaltung der Lebensplanung und Lebensführung. Mädchen und Frauen haben ihre Unterdrückung ‚am eigenen Leibe’ und ‚hautnah’ erlebt und sie haben sich von den Fesseln der Gängelung, Einschnürung und Demütigung mitunter vehement befreit. In einer ersten Welle stehen das Verbrennen der Schnürleiber, die barfuß tanzende Isadora Duncan, die erstmals unter eigener Regie ihren Gefühlen auf öffentlicher Bühne Ausdruck verleiht, das Zeigen der Beine beim Baden und Sport, Bubikopf und Hosenanzug, mutige Pilotinnen und Kanalschwimmerinnen real und symbolisch für die Überwindung einer strengen Etikette und der über Jahrhunderte ebenso gefürchteten wie geschürten „Verweichlichung des Weibes“. In einer zweiten Welle haben Frauen das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper gefordert, sie haben sexuelle und sexualisierte Gewalt öffentlich gemacht, sie haben sich gegen die Medikalisierung des vermeintlich schwachen weiblichen Geschlechts und für eine frauengerechtere Medizin und Gesundheitsversorgung stark gemacht und sie haben begonnen, ihren eigenen Körper in intensiver und lustvoller Weise für sich selbst zu entdecken. Mädchen und Frauen – so die These des Vortrags – stehen nun jedoch und stärker als in den vergangenen Dekaden in einer Situation, die hochgradig von Ambivalenzen durchzogen ist. Im Angesicht der durch Wissen erzeugten und technologisch unterstützten Machbarkeit des Körpers ergeben sich für Mädchen und Frauen neue Chancen der Herrichtung des Körpers gemäß der eigenen Bedürfnisse, zugleich aber auch neue Zwänge und vor allem auch eine neue Verantwortung sich und dem eigenen Körper gegenüber. Gerade weil alles erreicht scheint und Mädchen und Frauen im Prinzip (faktisch noch längst nicht) alle Wege in der ‚einen’ Welt offen stehen, erweisen sich auch für sie alle in unserer Kultur nicht bearbeiteten Probleme und nur oberflächlich gelösten Fragen als ein Bumerang. Zu diesen nicht gelösten Fragen gehört, wie weit sich die Verfügung über und die Manipulation des eigenen Körpers treiben lässt, ohne sich gegen die eigene Person, das soziale Miteinander und das Leben zu wenden. Am Beispiel sportiven Handelns kann und soll gezeigt werden, auf welche Körperpraxen sich Mädchen und Frauen einlassen, wie sie sich im Sport (als einem ‚männlich’ konnotierten und von Männern beherrschten Territorium) bewegen und erleben und welche zweischneidigen bzw. ambivalenten Effekte sich hier einstellen. Es kann sichtbar werden, welche Chancen der persönlichen Entfaltung – etwa im Sinne einer Grenzüberschreitung und Erweiterung des Handlungs- und Erlebensspektrums – im sportiven Engagement stecken können, es wird aber auch deutlich, welche subjektiv belastenden und quälenden Widersprüche sich hier im Körpererleben und im Selbsterleben auftun. Im Sinne einer Neuformulierung des emanzipatorischen Gedankens sollen diese erlebten Widersprüche zum Anlass genommen werden, gemeinsam über die Frage nachzudenken, wie und unter welchen Bedingungen eine Emanzipation nicht vom oder gegen den eigenen Körper, sondern mit und in ihm gelingen kann und wie dies auch im Sinne einer alternativen Praxis eine politische Kraft entwickeln könnte. Eine Kraft, die das Feld des Körpers und damit der Gestaltung von Leben nicht sang- und klanglos einem technologisch und ökonomisch induzierten Entgrenzungs-, Perfektionierungs- und Machbarkeitswahn überlässt.
Die Ringvorlesung "Gender Studies und feministische Wissenschaft" ist interdisziplinär und wird von Lehrenden verschiedener Fachbereich der Philipps-Universität Marburg sowie von Gastdozentinnen und -dozenten anderer Universitäten gestaltet. Die ReferentInnen und die Themen der weiteren Vorträge im Rahmen der Ringvorlesung finden Sie hier. Die Veranstaltung findet jeweils Donnerstag von 18:00 bis 20:00 Uhr im Hörsaalgebäude, Biegenstr. 14, Raum HG 207 statt.
Einen Flyer mit den Terminen der Ringvorlesung sowie weiteren Informationen zum Studienprogramm "Gender Studies und feministische Wissenschaft" finden Sie hier als Download.
Veranstalter:
Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung
Kontakt:
Dr. Anja Lieb, Therese Gerstenlauer
Tel.: 06421-2824823 06421-2824901
E-Mail

