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Theologisches Seminar: Menschenbild, Gottesbild und die Rolle der Imagination (Garrett Green)

 

Schon Xenophanes hatte bemerkt, die Götter der Äthiopier seien stumpfnasig und schwarz, diejenigen der Thraker blauäugig und blond und damit erstmals auf die inhaltlichen Parallelen und Entsprechungen von Menschenbildern und Gottesbildern hingewiesen. Auch die Reformatoren Calvin und Luther waren sich der Beteiligung der menschlichen Imagination an der Bildung religiöser Vorstellungen sehr bewusst und bezeichneten die menschliche Natur bzw. das menschliche Herz als „Bilderfabrik“. Spätestens seit Kant ist die grundlegende Funktion der „Einbildungskraft“ auch für alle Erkenntnis und Epistemologie klar herausgearbeitet und die Bildung kreativer Modelle und Metaphern nimmt auch in der Wissenschaftstheorie der Gegenwart eine zentrale Rolle ein. Besonders in der Romantik und im Deutschen Idealismus wurde die Bedeutung der Vorstellungskraft für religiöse Überzeugungen breit diskutiert. Allerdings sagt die Art und Weise, wie Überzeugungen und Vorstellungen historisch oder psychologisch entstehen noch nichts darüber aus, ob sie denn nun wahr oder falsch sind; die Frage der Genese muss von der Frage der Geltung kategorial unterschieden werden. So hat es etwa Hegel unternommen, die Gehalte der Religion in eine philosophische Terminologie zu übersetzen und zu rechtfertigen, ihre äußerliche Form als konkrete (bildliche) Vorstellungen aber abzulegen („Aufhebung“ der Religion). Allein die Philosophie (des Absoluten) kann zeigen, ob die Gehalte der religiösen Vorstellungen und Bilder wahr sind oder nicht. Nach dem Zusammenbruch der Hegelschen Philosophie hielten die Linkshegelianer wie etwa Ludwig Feuerbach zwar an der Beobachtung fest, dass die menschliche Phantasie an der Generierung religiöser Vorstellungen beteiligt sei, doch war für ihn (im Gegensatz zu Hegel) damit schon zugleich gezeigt, dass es sich daher um Illusionen handeln müsse. Er formulierte deshalb die religionskritische These, dass nicht Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen habe, sondern umgekehrt der Mensch Gott.

Wenn die Frage nach der tatsächlichen Wahrheit religiöser Gehalte nicht mehr durch eine philosophische Theorie eindeutig bewiesen oder widerlegt werden kann, stellt sich das Problem einer unreduzierbaren Perspektivenvielfalt: unter den Bedingungen der (Post-) Moderne kann auch von Gott bzw.  vom Absoluten immer nur aus verschiedenen hermeneutischen Perspektiven gesprochen werden, die ihre eigenen Voraussetzungen und Prämissen darlegen und verantworten müssen. Aus einer religionsphilosophischen Außenperspektive erscheinen Religion und Gottesbilder als Produkte menschlicher Deutungen: der Mensch schafft Gott zu seinem Bilde. Diese Position wird beispielsweise von Autoren wie Nietzsche, Marx und Freud eingenommen und von Paul Ricœur als „Hermeneutik des Verdachts“ bezeichnet, der eine „Hermeneutik des Vertrauens“ gegenüber steht. Denn umgekehrt verstehen die Glaubenden sich selbst als wiederum von Gott geschaffen und diese Perspektive nimmt auch die theologische Innenperspektive ein.

Für den theologischen Diskurs stellt sich damit eine doppelte Herausforderung. Einerseits soll Religion als ein menschliches Phänomen verstanden werden und die historischen und psychologischen Voraussetzungen, wie etwa die Beteiligung der menschlichen Phantasie an der Generierung von Gottesbildern, dürfen nicht geleugnet werden. Andererseits aber muss gezeigt werden, ob und wie man dennoch davon ausgehen kann, dass es sich eben nicht nur um menschliche Phantasie und Deutungen handelt, sondern diese auch in irgendeiner Weise wahr und zutreffend sind, sich es also theologisch gesprochen um Offenbarung Gottes handelt. Vor allem Karl Barth hat gezeigt, dass es sich in einem solchen Fall keinesfalls um Erkenntnisleistungen des Menschen allein handeln kann, denn das würde der Souveränität Gottes widersprechen und ihn zu einem bloßen Objekt und Gegenstand der Erkenntnis machen. Vielmehr muss auch diese Bewegung von Gott selbst als handelndes Subjekt ausgehen, der die religiösen Vorstellungen des Menschen benutzt, um sich selbst mit ihrer Hilfe zu offenbaren.

Im Seminar sollen daher unter anderem folgende Problemstellungen behandelt werden:


  • In welchem Verhältnis stehen Bilderverbot, Bildersturm, konkrete Gottesbilder und Darstellungen Gottes in der Kunstgeschichte?
  • Worin unterscheiden sich visuelle Bilder (z.B. Ikonen) von sprachlichen Bildern (z.B. metaphorische Gottesaussagen)? Warum werden sie in Bibel und Theologie oft so unterschiedlich gewertet?
  • Wie kann Religion einerseits als Produkt menschlicher Vorstellungskraft und andererseits aber auch als Offenbarung Gottes verstanden werden?
  • Was sagen religiöse Bilder über den Menschen aus? Was trägt eine „Hermeneutik des Verdachts“ (Feuerbach, Nietzsche, Freud) zum Verständnis von Religion bei und wo liegen ihre Grenzen?

Teilnehmer


Gry Ardal Christensen Farshid Baghai Josef Cernohous Amber Griffioen Mara Ioriatti Ulrik Houlind Rasmussen
Sergey Kondrakov Scott Krzych Erin Lambert Paula Schwebel Jens Trusheim


Bibliographie zur Vorbereitung:

  • Garrett Green 1998: Imagining God. Theology and the Religious Imagination, Grand Rapids: Eerdmans
  • Kapitel VI. „Metaphor, Symbol, and Analogy“ in: Dan Stiver 1996: The Philosophy of Religious Language. Sign, Symbol, and Story, Oxford: Blackwell, Seite 112-133
  • Artikel „Bild“, „Bilderkult“, „Idolatrie“ usw. in einschlägigen Lexika (RGG4, TRE)
  • Paul Avis 1999: God and the Creative Imagination. Metaphor, Symbol, and Myth in Religion and Theology, London: Routledge
  • David J. Bryant 1989: Faith and the Play of Imagination. On the Role of Imagination in Religion, Macon: Mercer UP (Studies in American Biblical Hermeneutics 5)
  • Garrett Green 2000: Theology, Hermeneutics, and Imagination. The Crisis of Interpretation at the End of Modernity, Cambridge: University Press
  • Karl Barth 2007: On Religion. The Revelation of God as the Sublimation of Religion, hrsg., übersetzt und eingeleitet von Garrett Green, Edingbourgh: T&T Clark
  • Rolf Rendtorff 1999: Was verbietet das alttestamentliche Bilderverbot? In: Bernhardt, Reinhold/ Link- Wieczorek, Ulrike (Hgg.): Metapher und Wirklichkeit. Die Logik der Bildhaftigkeit im Reden von Gott, Mensch und Natur. Göttingen. S. 54-65

Zuletzt aktualisiert: 08.05.2008 · conradd2

 
 
 
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