Direkt zum Inhalt
 
 
Bannergrafik (GSW-Graduiertenzentrum)
 
  Startseite  
 


 Philosophisches Seminar: Menschenbild und Wissenschaft



Unser gegenwärtiges Menschenbild ist in einem doppelten Sinn variabel. Einerseits erkennen wir im geschichtlichen und kulturanthropologischen Seitenblick, dass es - trotz einer relativ konstanten Natur des Menschen - eine Vielzahl von Selbstbildern des Menschen gab und gleichzeitig gibt. Es gehört wenig Phantasie dazu zu prognostizieren, dass dies auch in Zukunft nicht anders sein wird. Andererseits verfügen wir gegenwärtig über eine ganze Reihe technologischer Möglichkeiten, um die Natur des Menschen unserem jeweiligen Bild vom Menschen anzupassen. Das Wechselspiel im Doppelaspekt des Menschen, der sich zugleich als »creatum« und »creator« begreift, wird auf eine neue Stufe gehoben. Gerade diese Einsicht macht es erforderlich, Überlegungen zum Bild des Menschen in den Wissenschaften anzustellen.

Die Diskussion führt entlang der Linie einer tradierten Vielheit der Menschenbilder oder seiner aktuellen Vereinheitlichung in technologischer Absicht. In diesem Zusammenhang hat Michael Landmann die These vertreten, dass sich nicht in der Einheitlichkeit, sondern in der Vielfalt möglicher Bestimmungen des Menschen und in der Konkurrenz der Wissenschaften vom Menschen »der letzte Sinn der Anthropologie enthüllt«, insofern er dasjenige Wesen ist, »das sich selbst schaffen muss und das daher eines Bildes bedarf, auf das hin es sich schaffen soll.«

Aber diese Perspektivenvielfalt ist durchaus nicht gesichert. Insbesondere die Entwicklung in der Forschung zur Geschichte des Lebens und zu den Möglichkeiten technischer (Re-)Produzierbarkeit des Lebens führt dazu, Denkmöglichkeiten zugunsten technologischer Fortschritte in eine Lebenswirklichkeit zu schrumpfen. Die so genannten Lebenswissenschaften sind zu einem Sammelbecken aller Forschungen am Menschen geworden, in denen es um eine Optimierung des menschlichen Lebens an seinem Anfang, in seiner Mitte und an seinem Ende geht. Zielvorstellung ist hier ein Höchstmass an Kontrolle, also eine Ausschaltung der Risiken, die von der Naturseite des Menschen herrühren: der Zufall genetischer Herkunft soll durch eine gezielte Auswahl des Genmaterials ausgeschaltet, das Risiko von Erkrankung durch ebendiese Vorauswahl und gezielte Diagnose gemindert, der Prozess der Alterung gestoppt und die größte Kränkung für den Menschen, der unvorhersehbare Tod, soll beherrschbar werden. Werden diese Ziele erreicht, dann wird die zweite Natur zur ersten geworden sein. Überall, wo Natur war, wird dann Kultur sein.

Angesichts der vielfältigen technologischen Möglichkeiten des Eingreifens in die körperliche und geistige Wirklichkeit des Menschen, die unter dem Oberbegriff ›Human Enhancement‹ subsumiert werden, drehen sich heute eine Vielzahl der Argumente um die These von seiner posthumanistischen Zukunft. Tatsächlich sind die Chancen und Risiken für den Menschen, die mit der Entwicklung der ›Human Enhancement Technologies‹ (HET) einhergehen werden, bislang noch nicht angemessen reflektiert worden. Zu vermuten ist allerdings, dass der Übergang von der Neurotechnologie zur ›Bewusstseinstechnologie‹ (Metzinger) nur den letzten Rest an mythischem Rest im menschlichen Selbstbild verflüchtigen wird. Sollte es nämlich möglich werden, nicht nur körperliche Merkmale, sondern auch Bewusstseinsinhalte vorsätzlich und selektiv zu verändern oder zu erzeugen, dann wird mit letzter Konsequenz deutlich, dass das Bild, das wir Menschen uns von uns selbst machen, einen geschichtlichen und variablen Index hat.

Möglicherweise könnte der Preis dieser Entwicklung sein, dass uns Menschen in einer absehbaren Zukunft diese Problemstellung unverständlich wird, weil wir lernen werden, nur noch zwischen einer gelungenen und einer misslungenen Einpassung unseres Körpers und Bewusstseinsapparats in seine Umwelt zu unterscheiden. Wenn das so ist, dann werden traditionelle Sinnfragen - nach dem Sinn von Krankheit und Leiden, von Leben und Tod usw. - wohl nur noch dort artikuliert werden, wo sich eine existentielle Lücke als Folge fehlerhafter physischer und psychischer Programmierung auftut.

Von diesem Endpunkt aus betrachtet kann man die These formulieren, dass der Mensch die Fehlerstelle in einer technologisch optimierten Umwelt ist. Diese ist dann frei von Störungen, wenn der menschliche Organismus den Anforderungen seiner zweiten Natur, der künstlich erzeugten Kulturwelt vollständig eingepasst ist. Das aber kann erst gelingen, wenn sich der Mensch durch ›Human Enhancement‹ von seiner eigenen Entwicklungsgeschichte abgekoppelt und die Fehlerquellen seines naturhaften Lebens - Bedürfnisstruktur, Krankheit, Tod usw. - hinter sich gelassen hat. So phantastisch diese abstrakte Überlegung auch klingen mag, sie ist doch im wesentlichen seit den Anfängen der Kulturmenschheit in dem Gedanken, die Grundfragen der menschlichen Existenz durch die Erfüllung aller Bedürfnisse, durch Aufhebung des physischen Leidens und durch Erlangung der Unsterblichkeit zu lösen, für uns eine bekannte und doch immer gegenwärtige Wunschvorstellung.

Philosophische Anthropologie ist aktuell der Ort, an dem die Kontroverse um die Bilder, die wir Menschen uns von uns machen, artikuliert wird. Es geht darum, im Gespräch mit den Lebenswissenschaften und in der kritischen Reflexion auf ihre Leitbilder gegen eine reduktionistische Perspektivenverengung den Blick für zukünftige Entwicklungschancen offen zu halten. Im Sinne von Hans Blumenberg geht es um die Überlegung, dass wir den Sinn der Fragen »Was ist der Mensch?« und »An welchem Menschenbild orientieren wir uns?« offen halten. Und zwar dergestalt, dass wir uns immer wieder von neuem im Rückblick auf unsere Herkunftsgeschichte und im Ausgriff auf unsere menschliche Zukunft hinterfragen: Was war es, was wir wissen wollten und was kann es sein, was wir erfahren könnten?

Die Frage nach dem Menschen und den unser Handeln leitenden Menschenbildern soll an den Problemstellungen „Grenze von Natur und Kultur des Menschen“, Zur möglichen Konvergenz von Moral und Natur“, „Entwicklung des Menschen als Vorgang der Anpassung und Perfektionierung?“, „Sinn des Lebens im Leiden oder jenseits des Leidens?“ so wie „Wirklichkeit und Möglichkeit des Mensch-Seins“ orientiert sein.


Teilnehmer

Gabriela Antunes Kathrin Friedrich Jazmine Gabriel Jeremy Proulx Susanne Schmitt Katharina Schumann
Rainer Timme Ragnar van Es Xing Wan Siarhey Yushkevich


Vorbereitende Lektüre

Francis Fukuyama: Our Posthuman Future. New York 2002.

Gerald Hartung: Philosophische Anthropologie (Grundwissen Philosophie). Stuttgart 2008 (dort: weiterführenden bibliographische Hinweise)

Christian Illies: Philosophische Anthropologie im biologischen Zeitalter. Zur Konvergenz von Moral und Natur. Frankfurt/M. 2006

Edward O. Wilson: On Human Nature. New York 2004.


Zuletzt aktualisiert: 30.04.2008 · conradd2

 
 
 
Marburg University Research Academy

Graduiertenzentrum Geistes- und Sozialwissenschaften, Wilhelm-Röpke-Str. 6 E, D-35032 Marburg
Tel. 06421/28-26141, Fax 06421/28-26099, E-Mail: gsw-promotionskolleg@staff.uni-marburg.de

URL dieser Seite: http://www.uni-marburg.de/gsw-graduiertenzentrum/summerschool08/hartungsem

Impressum