Kunstgeschichtliches Seminar: Menschenbilder in der Kunstgeschichte
(PD Dr. Joseph Imorde)
Es wäre am Anfang die These zu vertreten, dass jedes Bild und damit auch jedes Menschenbild in einer spezifischen Weise „welthaltig“ ist und damit auf religiöse und politische, auf soziale und persönliche Kontexte verweist. Das Bild des Menschen legt in der Geschichte der Kunst immer auch Ansichten über die gesellschaftliche Verfasstheit des menschlichen Körpers offen und bringt zudem die historischen Bedingungen seiner Darstellbarkeit zur Anschauung. Das Thema – so könnte man vereinfachend sagen – hat hier sowohl eine anthropologische wie auch kulturgeschichtliche Seite: Anthropologisch ist es darin, dass von einer relativen Unwandelbarkeit des menschlichen Repräsentationsbedürfnisses ausgegangen werden muss und damit von einem immer ähnlichen Mit- und Ineinander der Begriffe Bild, Medium und Körper (so wie es Hans Belting in seiner Bildanthropologie dargelegt hat), kulturhistorisch ist es darin, dass sich das anthropologische Menschenbild immer schon in eine nicht mehr überschaubare Zahl von Bildern des Menschen differenziert hat, die sich nicht zuerst durch ihre Gemeinsamkeit auszeichnen, sondern die in ihrer jeweiligen Anders- und Besonderheit betrachtet und verstanden werden wollen. Diese Dialektik von anthropologischer Allgemeingültigkeit und kultureller Diversifikation hat darin selbst eine historische Dimension, dass das Verhältnis zwischen den beiden methodologischen Annahmen in der Kunst- und Bildwissenschaft immer wieder neu bestimmt werden musste und auch immer wieder neu bestimmt werden muss.
Wie man einen antiken „Idealismus“ betrachtet, oder wie man einen mittelalterlichen „Realismus“ bewertet, hängt auch und vor allem von den Präferenzen der je eigenen Zeit ab. Mit den politisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen ändern sich auch die in den kunsthistorischen und kunsttheoretischen Diskursen favorisierten Menschenbilder. Diese auf ihre ideologischen und kulturellen Voraussetzungen hin zu befragen, hat sich das Seminar vorgenommen. Es versucht damit das weite Thema „Menschenbild“ auf eine exemplarische Diskursgeschichte einzuschränken. Gegenstand der Untersuchung sollen einerseits die verschiedenen Methoden und theoretischen Ansätze einer sich zur Wissenschaft verstehenden Kunstgeschichtsschreibung sein – hier wären etwa die Paradigmen Stilgeschichte oder Ikonologie zu nennen –, andererseits soll aber auch die mediale Verbreitung des Wissens über Kunst in preiswerten Reproduktionen oder populären Texten kritisch in den Blick genommen werden. Vorausgesetzt wird, dass der „Mensch der Renaissance“ ebenso eine Erfindung ist, wie der Neoplatonismus Michelangelos, dass das Interesse am „nervösen“ Barockkünstler ebenso eine Verlebendigung der Geschichte darstellt, wie die Stilisierung Matthias Grünewalds als deutschesten aller deutschen Maler. Es soll – um es kurz zu sagen – um die Konstruktionen und Konjunkturen des Bildes vom Menschen gehen, um die vielen voraussetzungsvollen Denk- und Blickregime, die in der Geschichte der Kunstgeschichtsschreibung in sehr unterschiedlicher und wechselhafter Weise Produktion, Wahrnehmung und historische Bewertung von Menschenbildern bestimmt haben.
Teilnehmer
Zu untersuchende Texte:
Belting, Hans: Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. (= Bild und Text) München: Wilhelm Fink Verlag 2001.
Burckhardt, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien. Mit einem Geleitwort von Wilhelm von Bode. Vollständige Ausgabe. Berlin: Verlag von Th. Knaur Nachf. 1928.
Fischer, Eugen Kurt: Deutsche Kunst und Art. Von den Künsten als Ausdruck der Zeiten. Mit 44 Abbildungen. Dresden: Im Sibyllen-Verlag 1924.
Hagen, Oskar: Deutsches Sehen. Mit 64 Tafeln. München: R. Pieper & Co. 1920.
Hausenstein, Wilhelm: Der nackte Mensch in der Kunst aller Zeiten. Mit 150 Abbildungen. Erstes bis fünftes Tausend. München: R. Pieper & Co. Verlag 1911.
Hausenstein, Wilhelm: Vom Geist des Barock. Mit dreiundsiebzig Tafeln. München: R. Pieper & Co. Verlag 1920.
Lange, Julius: Die menschliche Gestalt in der Geschichte der Kunst. Von der zweiten Blütezeit der griechischen Kunst bis zum XIX. Jahrhundert. Herausgegeben von P. Köbke. Aus dem Dänischen übertragen von Mathilde Mann. Strassburg i. E.: Druck und Verlag von J. H. Ed. Heitz (Heitz & Mündel) 1903.
Tietze, Hans: Verlebendigung der Kunstgeschichte [1925], in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 33 (1980), 7–12.
Weigert, Hans: Die heutigen Aufgaben der Kunstwissenschaft. (= Kunstwissenschaftliche Studien Band XVII) Berlin: Deutscher Kunstverlag 1935.
[Wölfflin, Heinrich:] Renaissance und Barock. Eine Untersuchung über Wesen und Entstehung des Barockstils in Italien von Heinrich Wölfflin. Mit 22 Abbildungen. München: Theodor Ackermann königlicher Hof-Buchhändler 1888.
[Wölfflin, Heinrich:] Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. Das Problem der Stilentwicklung in der neueren Kunst von Heinrich Wölfflin. München: F. Bruckmann 1915.
[Wölfflin, Heinrich:] Italien und das deutsche Formgefühl von Heinrich Wölfflin. Mit 92 Abbildungen. (= Die Kunst der Renaissance) München: F. Bruckmann 1931.
Hinzu kommen alle nur erdenklichen Bildquellen: Mappenwerke, Reproduktions- und Postkartenserien, etc. (Jeder Teilnehmer ist dazu aufgerufen, eigene Beispiele populärer Kunstvermittlung und Kunstgeschichtsschreibung in die Diskussion einzubringen.)


