Medizinisches Seminar: „Medizinische Bildgebungsverfahren und Ethik. Welche Bedeutung haben Bilder von Embryonen für Entscheidungen im Rahmen pränataler Diagnostik?" (Prof. Dr. Stephan Schmidt u.a.)
Im Unterschied zu den geisteswissenschaftlichen Seminaren, die die prinzipielle anthropologische Dimension von Bildlichkeit thematisieren und dabei notwendigerweise von vorliegenden Bildern und bildlichen Vorstellungen immer wieder abstrahieren müssen, fokussiert dieses Seminar gerade auf solche konkreten bildlichen Darstellungen, wie sie durch die bildgebenden Verfahren der Medizin hervorgebracht werden. Durch die rasante technische Entwicklung der letzten Jahre haben sich auch die medialen Formen und Perspektiven vervielfacht, in denen sich uns der je eigene Körper erschließt; diese Entwicklung führte von den traditionellen Röntgenstrahlen über Ultraschall, CT, MRI, Nuklearmedizin (z.B. Positronen-Emissions-Tomographie, PET) und Angiographie bis hin zu neuen bildgebenden Verfahren wie IR-Imaging und Laser-Imaging.
Das Seminar wird sich in erster Linie an den bildgebenden Verfahren der pränatalen Diagnostik orientieren, um hier paradigmatisch aufzuzeigen, wie diese Verfahren sehr konkrete Einstellungen und Entscheidungen beeinflussen können. Denn für das Verständnis des eigenen Körpers, der eigenen Schwangerschaft und vor allem für die Beziehung der Mutter bzw. der Eltern zum Ungeborenen (Bonding) sind gerade die Bilder des Embryos/Fötus von kaum zu überschätzender Bedeutung. Die traditionellen Ultraschall-„Bilder“ erlaubten es dem Laien selten, das Ungeborene tatsächlich wahrzunehmen, denn für das Erkennen eines menschlichen Lebewesens ist besonders das Erkennen von dessen Gestalt ausschlaggebend. Die neueren bildgebenden Verfahren erlauben es hingegen, die einzelnen Gliedmaßen, ja sogar die Gesichtszüge des Fötus deutlich zu erkennen. Damit aber ändert sich die Beziehung zum Fötus grundlegend, da er nun nicht mehr als eine mehr oder minder unförmiges „etwas“ mit einem zuckenden Herzen, sondern als ein zwar sehr kleiner, grundsätzlich aber bereits vollständiger Mensch erscheint.
Das hat natürlich Folgen für die schwierigen und weitreichenden ethischen Entscheidungen, die mit der pränatalen Diagnostik verbunden sein können. So müssen die Eltern im Falle der Diagnose fetaler Fehlbildungen Entscheidungen bezüglich möglicher weiterer Diagnostiken und Therapien und u. U. auch hinsichtlich der Fortführung oder des Abbruchs der Schwangerschaft treffen. Gerade für diese Entscheidungen ist es aber wesentlich, ob man den Fötus bereits als Mensch wahrgenommen bzw. anerkannt hat und welche emotionale Beziehung bereits aufgebaut wurde.
Im diesem Seminar sollen daher folgende Fragen bearbeitet werden:
- Welche bildgebenden Verfahren gibt es insgesamt in der Medizin und wie funktionieren sie?
- Welche anthropologische Bedeutung haben medizinische Bilder für das Selbstverständnis des Menschen?
- Welche Bedeutung haben die bildgebenden Verfahren für die Etablierung einer Beziehung zwischen Mutter/Eltern und dem Fötus (Bonding)?
- Wie wichtig ist die visuelle Wahrnehmung der menschlichen Gestalt dafür, ob wir Embryo/ als Menschen wahrnehmen und anerkennen? Kommt der visuellen Wahrnehmung diese Bedeutung zu Recht zu?
- Ist die Weiterentwicklung bildgebender Verfahren in der Lage, neues Licht auf medizinethische Probleme zu werfen? Umgekehrt: Vor welche neuen Schwierigkeiten werden wir durch sie gestellt?


