Abstract
Techniken der Neutralisierung. Eine explorative Analyse von Werten beim Handeln unter Risiko.
Die Techniken der Neutralisierung sind ein Mittel der persönlichen Entschuldigung zur Verweigerung der Kenntnisnahme von Menschenfeindlichkeit in jeglicher Form. Sie sind zugleich individueller Ausdruck einer Orientierung an bestimmten Werten, die bei einer Ausrichtung in einem Makro-Rahmen zu einer Veränderung der gesellschaftlichen Werteorientierung führen, (Rechts-)Normen degenerieren und in der Folge das gesamtgesellschaftliche Handeln beeinflussen kann. Der Teufelskreis, dass bestimmte (Rechts-)Normen wiederum die gesellschaftlichen Werte rückwirkend beeinflussen und menschenfeindliches Handeln ausgedehnt wird, beginnt.
Die Techniken der Neutralisierung sind deshalb ein Indiz dafür, dass Kriminalität nicht nur als abweichendes, sondern (folgenreicher, vgl. Zeiten des Nationalsozialismus) auch als konformes Verhalten der Mehrheit betrachtet werden muss. Die ursprünglich auf die Theorie zur Erklärung abweichenden Verhaltens von Gresham M. SYKES und David MATZA zurückzuführenden Techniken der Neutralisierung wurden vom deutschen Kriminologen Herbert JÄGER erweitert und als Erklärungsansatz für Makrokriminalität adaptiert. Die empirische Überprüfung der Theorie, die auch im Zusammenhang mit Phänomenen wie sozialer Distanz, Autoritarismus und Anomie angesiedelt ist, stand bis jetzt jedoch noch aus.
In einem Feldversuch wurden deshalb im September 2005 in ausgewählten Berliner Stadtteilen fremdenfeindliche Situationen gespielt, die rassistische und sexistische Stereotype zur Sprache brachten. Eine junge Frau mit dunklerer Hautfarbe wurde durch einen als rechtsextrem zu identifizierenden Täter (beides Schauspieler) belästigt, um die Reaktionen der zufällig vorbeigehenden Passanten zu eruieren. Mit Hilfe von versteckten Beobachtern wurde zum Ersten die Reaktion der Zeugen bei der Passage der gespielten Szene festgehalten. Zum Zweiten wurden diese Probanden mit Hilfe von Sprechfunkgeräten durch die Beobachter an ca. 150m entfernt stehende Befragerinnen beschrieben, um sie dann in der Folge mit Hilfe eines Fragebogens u.a. nach ihren Wertorientierungen befragen zu können. Ebenso wurden nach der Aufklärung der Probanden als Zeuge eines wissenschaftlichen Experiments Fragen bezüglich der Entschuldigung für das eigene (Nicht-)Eingreifen gestellt, um bspw. Zusammenhänge zwischen der Verweigerung der Hilfeleistung und Schuldzuschreibungen an das Opfer erheben zu können. Verweigerte eine Person bereits von vornherein die Bereitschaft an der Teilnahme für die Befragung, die zunächst scheinbar nicht im Zusammenhang mit der vorher beobachteten Situation stand, wurde diese sofort aufgeklärt.
Die Analyse der Daten des Feldexperiments zeigte, dass sich die verschiedenen Neutralisierungstechniken, die direkt angewendet bzw. bei Dritten vermutet wurden, überzeugend auf den Kontext des politischen Handelns bezogen.
Somit konnte der explorative Nachweis der Techniken der Neutralisierung als politisches Mittel zur Hilfeverweigerung erbracht werden.


