Universitäts- und Stadtentwicklung im Spannungsfeld - ein historischer Diskurs
Die bauliche Gestalt der Philipps-Universität hatte schon immer eine große Zahl konkurrierender Ansprüche zufrieden zu stellen. Es galt und gilt mit der Entwicklung der Universität Schritt zu halten, somit in erster Linie Raum für die fachlichen Anforderungen von Lehre und Forschung zu bieten. Die Notwendigkeiten einer symbiotisch aufeinander bezogenen „Universitäts-Stadt“ müssen beachtet werden. Bei immer begrenzten Mitteln treffen also in der nur begrenzten Platz bietenden Marburger Topografie Aspekte von Wissenschaft, Urbanistik und Regionalplanung zusammen. Selbstverständlich gab es auch immer wieder den Wunsch, mit der gewählten baulichen Gestalt einer Vision von Universität Ausdruck zu verleihen.
Wenn sich Planer in Marburg seit Beginn des 20. Jahrhunderts der Modernität verschrieben, resultierten daraus höchst unterschiedliche Formen des Umgangs mit dem Stadtraum. Das in die Stadt eingebettete „Forum“ an der Biegenstraße (ab 1927) blieb nach langer Bauzeit Fragment, hat aber den Vorzug, zur Stadt grundsätzlich offen zu bleiben. Das Gegenüber von Hörsaalgebäude und Stadthalle ist hierfür der sichtbare Ausdruck. Die 1960er Jahre hingegen bevorzugten den Neuanfang in gehöriger Distanz. Einem Modell von Stadt, die in Parzellen unregelmäßig mit den Bedürfnissen der „Bewohner“ wächst, folgten die „Marburger Systembauten“ für die Naturwissenschaften auf den Lahnbergen.
Einem anderen Modell, dem der abgeschlossenen Stadt in der Stadt, mit den Hochhäusern an der Wilhelm-Röpke-Straße um eine Anmutung von moderner Großstadt bemüht, suchten die „Türme“ der Geistes- und Sozialwissenschaften und der „Würfel“ der Universitätsbibliothek zu entsprechen. Beide Modelle wurden nicht mit der nötigen Konsequenz umgesetzt. Bedeutende Bereiche der Naturwissenschaften verblieben in der Innenstadt. Zudem wurde noch während der ersten Planungen dieser „Stadt“ am Krummbogen mit dem Bau des Savigny-Hauses in der Universitätsstraße der Grundsatz bestätigt, weitere Standorte in der Innenstadt zu bewahren; auch die Zuweisung von historischen Gebäuden wie Alter Jägerkaserne, Altem Amtsgericht oder Neuer Kanzlei sollten diese Planungen der 60er Jahre konterkarieren.
Die nicht vollständig verwirklichte Ansiedlung der Natur- und Lebenswissenschaften auf den Lahnbergen sowie die Unterbringung der Geisteswissenschaften am Krummbogen und die unter anderem aus wachsendem Platzbedarf resultierende Verstreuung von geistes- und sozialwissenschaftlichen Instituten über das ganze Stadtgebiet suggerieren zwar eine Balance zwischen Abschließung und Integration gegenüber der Stadt. Dieser Zustand ist aber in hohem Maße vom Zufall bestimmt und aus fachlich-funktionaler Sicht oftmals äußerst unbefriedigend.
Die Natur- und Lebenswissenschaften insgesamt auf den Lahnbergen in Gebäuden zu betreiben, die den Bedürfnissen moderner Wissenschaften genügen, ist aus fachlichen und ökonomischen Gründen unerlässlich. Ebenso gilt es, die Geistes- und Sozialwissenschaften möglichst an einem Standort zu konzentrieren: Der nun anvisierte und zum städtischen Umfeld hin durchlässige, aus überschaubaren Institutsgebäuden gebildete „Campus Firmanei“ in den (ehemaligen) Kliniken zwischen Firmaneiplatz, Deutschhausstraße, Pilgrimstein und Altem Botanischen Garten folgt dabei einem Modell, das die Vorzüge eines Verbundes von Kollegiengebäuden nach angelsächsischem Muster mit Offenheit an zentralem Ort vereint.
Dazu soll auch der Neubau einer zentralen Bibliothek beitragen, die neben den Beständen der gegenwärtigen Universitätsbibliothek in einem großen Freihandbestand die über die Stadt verstreuten Institutsbibliotheken der Geistes- und Sozialwissenschaften aufnimmt. Mit großzügigen Öffnungszeiten und weiteren, über die Konsultation von Buch und neuen Medien hinausreichenden Angeboten an Studierende, Lehrende und städtisches Publikum bildet sie den Mittelpunkt des Campus.
>> Prof. Dr. Katharina
Krause
Vizepräsidentin

