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08.03.2016

„Die wichtigen Antworten stehen noch aus“

Der Himalaya-Forscher Georg Miehe im Interview

Herr Professor Miehe, warum beschäftigen Sie sich mit dem Himalaya?
Wahrscheinlich sind Hochgebirge einfach unwiderstehlich schön. Im Übrigen ist es motivierend, dass man durch Überwindung der eigenen Trägheit, indem man einen Berg hinaufsteigt, mit jedem Schritt nach oben durch bessere Aussichten und Einsichten belohnt wird.

Wie sind Sie darauf gekommen, sich wissenschaftlich mit dem Hochgebirge zu befassen?
Als ich in Göttingen studierte, bekam ich ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte: der Geomorphologe und Geograph Matthias Kuhle – er kam im März 2015 in Nepal ums Leben – fragte mich, den Studenten im 7. Semester, ob ich ihn bei den Geländearbeiten für seine Habilitation in Nepal begleiten wolle; ich könne ja das Material für meine Dissertation sammeln – vor meinem Staatsexamen! Dieses Angebot war entscheidend für mich: ich hatte das Privileg, mit 24 Jahren zweifelsfrei entscheiden zu können, wofür ich brenne, was ich im Leben will.

Welche Veränderungen konnten Sie in den vergangenen 40 Jahren feststellen?
Die ländlichen Regionen des Himalaya unterliegen einem sehr starken Landnutzungswandel, weil aufgrund der Arbeitsmigration nach Indien und in die Golfstaaten arbeitsintensive Landnutzungssysteme zusammenbrechen. Die städtischen Agglomerationen vergiften sich selbst, vor allem, wenn die staatliche Verwaltung zum Selbstbedienungsladen einer parasitierenden Oberschicht geworden ist und komplett versagt.

Und was sind die wichtigsten Erkenntnisfortschritte zur Natur des Himalaya aus den vergangenen vier Jahrzehnten?
Neu sind Ansätze einer Marburger biogeographischen Dissertation von 2011, die anhand von millimeterkleinen, flügellosen und im Boden lebenden Käfern die Hebungsgeschichte Tibets und des Himalaya entschlüsselt hat. Neu sind Ansätze, anhand genetischer Untersuchungen Abstammungslinien von Pflanzen, Tieren und Menschen zu rekonstruieren und diese in den Zusammenhang von Gebirgsbildung und Klimageschichte zu bringen; neu ist auch, die heutigen Verbreitungsmuster durch Migration zu erklären, deren zeitlicher Rahmen langsam klar wird.
Am wichtigsten ist die ermutigende Einsicht, dass die wichtigen Antworten noch nicht gefunden sind: Es gibt viel fragmentiertes Wissen der isoliert forschenden Disziplinen und eine Scheu oder Trägheit, die Verknüpfung zu wagen. Das wäre ja interkulturelles Lernen…

Worin bestehen die größten Herausforderungen bei der Arbeit im Himalaya?
Man muss zur rechten Zeit mit dem richtigen Team am rechten Ort sein und sich auf alle Zusagen der Partner im Gastland verlassen können.
Die interessantesten Gebiete im Himalaya liegen im grenznahen Sperrgebiet, in dem die Behörden sehr nervös reagieren; Sondergenehmigungen zu bekommen ist schwer bis unmöglich. Für einige Regionen des Himalaya bin ich zu spät geboren – die grenznahen Täler im tibetischen Himalaya hat China seit 2004 für Ausländer gesperrt; ich hätte 15 Jahre früher dort forschen sollen.
Eine weitere Herausforderung ist akademischer Natur: Die besseren Probleme, jenseits der akademischen Mehrheitsmeinungen, lassen sich nur im Team mit Kollegen unterschiedlichster Forschungsrichtungen lösen. Da die aber auch sonst gut beschäftigt sind, ist es schwer, sie ins Boot zu holen. Dass die Mitglieder des Teams auch die nötige wissenschaftliche Demut mitbringen und an derselben Stelle lachen sollten, verkompliziert alles noch.
(Fragen: Johannes Scholten)

Miehe
Professor Dr. Georg Miehe (Foto: Henry Noltie, Royal Botanical Garden Edinburgh)

Professor Dr. Georg Miehe lehrt Biogeographie und Hochgebirgsökologie an der Philipps-Universität. Soeben erschien von ihm:
Nepal: An introduction to the natural history, ecology and human environment of the Himalayas. A companion to the Flora of Nepal (in englischer Sprache), herausgegeben von Georg Miehe, Colin Pendry & Ram Chaudary, Edinburgh (Royal Botanical Garden) 2015, ISBN 978-1-910877-02-9, 576 Seiten, 99 Euro

 

Weitere Informationen:

Ansprechpartner: Professor Dr. Georg Miehe,
Fachgebiet Biogegraphie,
Tel.: 06421 28-24263
E-Mail: miehe@geo.uni-marburg.de

Pressemitteilung zum Buch:
www.uni-marburg.de/aktuelles/news/2016a/0309a    

 

 

Zuletzt aktualisiert: 10.03.2016 · Johannes Scholten, Wissenschaftsredaktion

 
 
 
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