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31.10.2016

Marburger Allgemeinmedizin: Forschung und Praxis eng verzahnt

Verabschiedung von Prof. Dr. Erika Baum, die ihr Fachgebiet über 26 Jahre lang prägte

Wechsel an der Spitze der Abteilung Allgemeinmedizin
Prof. Dr. Erika Baum (Mitte) übergab nach 26 Jahren zum 1. Oktober 2016 die Leitung der Abteilung Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin an Prof. Dr. Annette Becker. Stellvertretender Leiter ist Prof. Dr. Norbert Donner-Banzhoff. Foto: Philipps-Universität Marburg/Rolf K. Wegst

Prof. Dr. Erika Baum, die erste Professorin für Allgemeinmedizin an der Philipps-Universität Marburg, wurde am 26. Oktober feierlich verabschiedet. Unter den rund 100 Gästen waren zahlreiche wissenschaftliche Weggefährten, Kollegen sowie Mediziner aus der Region Marburg, die als Lehrärzte mit der Abteilung Allgemeinmedizin verbunden und in die Medizinerausbildung eingebunden sind. Baum steht für eine enge Verzahnung von Forschung und Praxis sowie für ein hohes Engagement in der Lehre. Sie hat wesentlichen Anteil am Aufbau der Marburger Allgemeinmedizin und prägte sie über 26 Jahre lang. Die Abteilung wird bundesweit vor allem mit Kompetenz in den Bereichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückenschmerzen und Osteoporose verknüpft.

Zum 1. Oktober 2016 übergab Erika Baum die Leitung der Abteilung Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin an Prof. Dr. Annette Becker. Ihr Stellvertreter ist Prof. Dr. Norbert Donner-Banzhoff. Die neuen Leiter sind langjährige Teamkollegen von Erika Baum. Der Förderung und Weiterentwicklung der Allgemeinmedizin bleibt Erika Baum auch in Zukunft verbunden. Sie wurde für drei Jahre zur Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) gewählt.

Bundesweit hohes Ansehen

Medizin-Dekan Prof. Dr. Helmut Schäfer betonte, dass die Marburger Allgemeinmedizin unter der Leitung von Erika Baum bundesweit hohes Ansehen erlangt habe und zu den Drittmittel- und publikationsstärksten Bereichen in der Marburger Medizin gehöre. Baum habe wichtige Beiträge für die Entwicklung der Versorgungsforschung in Marburg und für die Weiterentwicklung des Curriculums geleistet. Besonders bemerkenswert sei der Aufbau eines breiten Netzwerks an Lehrpraxen, die für die Ausbildung künftiger Hausärzte eine wichtige Rolle spielen. Als Biometriker habe er im Bereich der klinischen Studien auch persönlich erheblich von der Zusammenarbeit mit der Abteilung profitiert. „Der Austausch mit Ihrer Abteilung hat mich wissenschaftlich sehr vorangebracht und gehört zu den wertvollsten kollegialen Erfahrungen am Fachbereich.“ Der Studiendekan des Fachbereichs Medizin, Prof. Dr. Roland Frankenberger, hob hervor, dass die Allgemeinmedizin-Ausbildung in Marburg in den Diskussionen über den Masterplan Medizinstudium 2020 im Rahmen des Medizinischen Fakultätentags als vorbildlich herausgestellt werde. Zu diesem guten Ruf habe auch Baums Begeisterung für die Lehre beigetragen. Bei den Studierenden sei Baum „geliebt und gefürchtet“, berichtet Frankenberger. Geliebt wegen des positiven Geistes, den sie versprühe, gefürchtet für ihre Prüfungen, in denen die Studierenden aktives Wissen und Verstehen beweisen müssten.

Frankenbergers Vorgänger als Studiendekan, Prof. Dr. Klaus-Jochen Klose, würdigte Erika Baums Verdienste in der Lehre. Sie habe dazu beigetragen, ein Kommunikationscurriculum (Richtiges Diagnostizieren durch genaues Zuhören) in der Ausbildung zu etablieren bevor es bundesweit verpflichtend wurde. Sie habe auch maßgeblich an der Ausgestaltung des Marburger Interdisziplinären Skills Lab (MARIS) mitgewirkt, ein Simulations-, Lehr- und Lernzentrum, in dem Medizinstudierende praxisnah auf ihren späteren Berufsalltag vorbereitet werden.

Erika Baums Praxispartnerin in Biebertal, Dr. Barbara Speiser, schätzt ihre Kollegin als „Hausärztin mit Herz und Verstand“, die großen Einsatz für die Patienten zeige. „Unglaubliche Energie“ bescheinigte auch Privatdozentin Dr. Tanja Krones aus Zürich ihrer ehemaligen Chefin. Besonders schätze sie Baums interdisziplinäres Denken und Handeln. Der Palliativmediziner Dr. Rudolf Kraft, der Lehrbeauftragter in der Abteilung Allgemeinmedizin war, reflektierte die Themen Abschied, Tod und Sterben in der Medizin und hob hervor, dass Erika Baum dazu ein Pflichtseminar für angehende Mediziner/innen initiiert habe.

Aktuelle Entwicklungen im Gesundheitswesen

Im Festvortrag sprach Prof. Dr. Ferdinand Gerlach über Entwicklungen in der Gesundheitsversorgung. Er ist Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt. Gerlach ging auf Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen ein und skizzierte Empfehlungen des Sachverständigenrats. Die Gesetzlichen Krankenkassen hätten 2015 210 Milliarden Euro ausgegeben, das sind 3,5 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren und mehr als in den meisten anderen Industrieländern. Dennoch gibt es Schwächen im Gesundheitssystem. Das Gesundheitswesen sei geprägt von einem Wettbewerb um Mengen und Preise statt um Qualität in der Behandlung. Dies setze falsche Anreize. Problematisch sei auch die mangelnde Koordination zwischen den Behandlungen von niedergelassenen Ärzten und Kliniken. „Wir haben es hier mit einer organisierten Verantwortungslosigkeit zu tun“, erklärte Gerlach. „Es gibt keinen Schutz vor zu viel und falscher Medizin.“ Das betreffe besonders die zunehmende Zahl an chronisch Erkrankten und Patienten mit Mehrfacherkrankungen. Die Allgemeinmediziner könnten eine Koordinationsfunktion übernehmen, doch sie seien derzeit nicht in der starken Position, um etwas zu ändern.

Die Kapazitäten in der Gesundheitsversorgung seien falsch verteilt, sagte Gerlach. Während in Ballungsgebieten tendenziell eine Überversorgung mit Fachärzten bestehe, seien die ländlichen Regionen von Unterversorgung bedroht. Um dem entgegenzuwirken, schlägt der Sachverständigenrat die Gründung lokaler Gesundheitszentren für die Primär- und Langzeitversorgung vor. Dies käme auch dem Trend entgegen, dass Ärzte zunehmend Wert legen auf familienfreundliche Arbeitsbedingungen, Flexibilität und feste Angestelltenverhältnisse. Die Primärversorgung der Zukunft laufe über Teampraxen, in denen Hausärzte, grundversorgende Fachärzte und Pfleger zusammenarbeiten, meinte Gerlach. Im stationären Bereich müssten die Überkapazitäten in den Ballungsgebieten abgebaut und das wirtschaftliche Überleben von Krankenhäusern in dünn besiedelten Gebieten gesichert werden. Für die Qualität sei jedoch wichtig, dass spezialisierte Behandlungen nicht überall angeboten würden.

Gerlach betonte, dass nicht mehr Geld die Lösung aller Probleme im Gesundheitswesen sei, sondern die Reform von Strukturen und Prozessen. „Wir brauchen einen Qualitätswettbewerb statt der unbestimmten Subvention von Überkapazitäten“, forderte er. „Und wir brauchen eine Sektor übergreifende, integrierte, bevölkerungsbezogene Vernetzung, auch in der Hochschulmedizin.“ Damit dies gelingt, sei die Stärkung der Hausarztmedizin dringend notwendig.  

 

 

 

 

 

Kontakt

Prof. Dr. Annette Becker, Prof. Dr. Norbert Donner-Banzhoff, Abteilung Allgemeinmedizin, Rehabilitative und Präventive Medizin am Fachbereich Medizin der Philipps-Universität Marburg
E-Mail

Zuletzt aktualisiert: 31.10.2016 · Andrea Ruppel

 
 
 
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