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02.11.2007

Marburger Kamerapreis 2008 geht an Renato Berta

Verleihung im Rahmen der 10. Marburger Kameragespräche am 8./9. März 2008

Für den mit 5.000 Euro dotierten Marburger Kamerapreis 2008 ist heute Renato Berta nominiert worden. Der von Stadt und Universität Marburg ausgelobte Preis wird für herausragende Bildgestaltung im Film verliehen. „Renato Berta ist einer der wichtigsten und produktivsten Kameramänner des europäischen Kinos“, so der Beirat für die Preisvergabe. „Dass die Kamera ein Instrument des Sehens und des Zeigens ist, dass der Bildrahmen nicht nur einen Ausschnitt darstellt, sondern eine eigene Welt, eine neue, eine innere Geographie eröffnet, dies erfährt der Zuschauer in den von Renato Berta fotografierten Filmen immer wieder auf neue und eindringliche Weise“, erklärt Prof. Dr. Karl Prümm, Medienwissenschaftler der Philipps-Universität und Initiator des Kamerapreises.

Bertas Filmographie, die über 100 Titel umfasst, zeigt eine enorme Spannweite. Sie reicht vom strengen und konsequenten Avantgardismus des Regieehepaares Danièle Huillet/Jean-Marie Straub, mit dem Renato Berta seit 1970 kontinuierlich zusammen gearbeitet hat, über so erfolgreiche und publikumswirksame Filme wie „Auf Wiedersehen Kinder“ (Regie: Louis Malle; 1987). Seit den 1990er Jahren kooperatiert Berta mit dem israelischen Regisseur Amos Gitai, der mit explizit politischen Themen und mit einem beinahe dokumentarischen Gestus die höchst widersprüchlichen Alltagswelten des Nahen Ostens in den Blick nimmt.

Renato Berta, 1945 in Bellinzona geboren und im Tessin aufgewachsen, hätte die Vielsprachigkeit der Schweiz von Anfang an als Chancegebriffen, sich zwischen den Kulturen und Traditionen zu bewegen, so die Jury. Als eine Übersetzungsleistung, als ein beständiges Dolmetschen zwischen den verschiedenen Idiomen der Bildsprachen, habe er selbst seine Arbeit als Chefkameramann bezeichnet, die im Jahre 1967 beginnt und sich in einer einzigartigen Kontinuität bis heute fortsetzt. Renato Berta gehört zu jener Generation von Kameraleuten, die an das Reformkino der 1950er und 1960er Jahre anschlossen und aus diesen Impulsen heraus ihre ganz eigene Bildästhetik entwickelten.

Am „Centro Sperimentale di Cinematografia“ in Rom erfuhr er von 1965 bis 1967 eine gründliche technische Ausbildung zum Chefkameramann. In Rom begegnete er den großen Regisseuren des italienischen Kinos wie Rossellini, Visconti und Pasolini, er wurde tief geprägt durch die Aufbruchsstimmung dieser Jahre, durch die ästhetischen Debatten und Suchbewegungen. Im „Neuen Schweizer Kino“, das sich in den 1970er Jahren konstituierte und in ganz Europa starke Beachtung fand, spielt er eine zentrale Rolle. Für einen Kameramann höchst ungewöhnlich, wird er zu einer Stifter- und Gründerfigur dieser facettenreichen Filmbewegung. Mit seiner technischen Perfektion und seiner experimentellen Offenheit verhalf Renato Berta allen wichtigen Regisseuren des Neuen Schweizer Films (Alain Tanner, Claude Goretta, Michel Soutter, Thomas Koerfer, Daniel Schmid) zum Durchbruch.

Alle wichtigen Regisseure der Nouvelle Vague haben seit den 1980er die Kooperation mit Renato Berta gesucht. Mit Alexandre Astruc, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, Louis Malle, Alain Resnais, Eric Rohmer, Claude Chabrol hat er zusammengearbeitet, aber auch mit jüngeren herausragenden Regisseuren wie André Téchiné, Patrice Chéreau und Claude Berri. Sie alle schätzen an Renato Bertas Arbeit die Suche nach den neuen, nach den unverbrauchten Bildern, die sich den scheinbar allgegenwärtigen Klischees der Werbung und des Lifestyles entziehen. Seit 1996 vertraut der portugiesische „Altmeister“ Manoel de Oliveira Renato Berta seine Filme an.

Der Preis wird am 8. März 2007 im Rahmen der 10. Marburger Kameragespräche verliehen. Während der Kameragespräche werden alle Interessierten die Gelegenheit haben, mit dem Preisträger persönlich ins Gespräch zu kommen. Zu den früheren Preisträgern des seit 2001 jährlich ausgelobten Preises zählen Frank Griebe ("Lola rennt"), der den Preis 2002 entgegennehmen durfte und der Niederländer Robby Müller ("Dancer in the dark"), der 2003 ausgezeichnet wurde. Als erste Kamerafrau wurde die Österreicherin Judith Kaufmann ("Erbsen auf halb sechs") 2006 mit dem Marburger Kamerapreis geehrt.

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