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10.10.2008

50 Jahre „Corpus der Minoischen und Mykenischen Siegel“

Die weltweit einzige Institution zur Erforschung der bronzezeitlichen Glyptik wurde 1958 in Marburg gegründet. Inzwischen hat das „Corpus der Minoischen und Mykenischen Siegel“ (CMS) sämtliche Gemmen und Siegelringe des 3. und 2. Jahrtausends v. Chr. aus dem Raum der Ägäis publiziert und in seinem Archiv über 9.000 Abdrücke von Siegeln gesammelt.

Der Gründer des CMS: Prof. Dr. Friedrich Matz (1890-1974)
Den Anstoß für das Projekt "Corpus der Minoischen und Mykenischen Siegel" (CMS), das von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur  Mainz finanziert wird, gab 1958 der Marburger Professor für Klassische Archäologie, Friedrich Matz. Corpora haben die Aufgabe, eine spezielle Materialgruppe zu sammeln, wissenschaftlich zu erschließen und zu publizieren. Und Matz erkannte in den Gemmen und Siegelringen der minoischen und mykenischen Zeit eine bedeutende Materialgruppe: "Schließlich sind sie die wichtigste Quelle der Information über die ägäischen Kulturen, deren schriftliche Hinterlassenschaften man entweder nicht lesen konnte oder deren inzwischen lesbaren Dokumente sich in unzureichenden Informationen erschöpften", erklärt Dr. Walter Müller, Leiter des CMS. Zudem sind die Wandmalereien nur noch in Fragmenten erhalten. Deshalb liefern die szenischen Siegel-Darstellungen von Menschen und Tieren aus dem alltäglichen und kultischen Leben die besten Einblicke in die Kultur der Zeit. Sie seien daher von größter Bedeutung für die Erforschung der Geschichte und Kunst der ersten europäischen Hochkulturen, um Informationen zu Kunst, Religion und Kult sowie Handwerk und Technik oder sozialen Status zu gewinnen, sagt Prof. Dr. Ingo Pini, der Vorgänger von Müller.

Da die Siegel in vielen Museen und Sammlungen Europas und Nordamerikas verstreut sind, verfolgte Matz vor 50 Jahren die Idee, das gesamte damals bekannte Material in Form eines Corpus nach einheitlichen Kriterien zu publizieren und der internationalen Forschung ein nach Ländern und Museen geordnetes Katalogwerk zur Verfügung zu stellen. Dieses langfristig angelegte Projekt konnte realisiert werden durch die Unterstützung der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, von der das CMS 1958 als Projekt der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse aufgenommen und bis heute gefördert wird.

Pini und Müller
Prof. Dr. Dr. h.c. Ingo Pini und Dr. Walter Müller
"Seit Anbeginn ist das CMS in Marburg angesiedelt und durch wissenschaftlichen Austausch mit dem Archäologischen Seminar der Philipps-Universität verbunden", unterstreicht der Präsident der Philipps-Universität Marburg, Prof. Dr. Volker Nienhaus beim Festakt am 9. Oktober. Ingo Pini, selbst Schüler von Matz und viele Jahrzehnte Leiter des CMS, habe als Honorarprofessor Seminare für Klassische Archäologie durchgeführt, so wie es auch sein Nachfolger Walter Müller mit großem Erfolg tue.

„Nicht zuletzt die große internationale Anerkennung zeigt, wie außerordentlich erfolgreich diese Arbeit von Ingo Pini und später von Walter Müller vorangetrieben wurde“, lobte Prof. Dr. Henner von Hesberg, Vorsitzender der Kommission für Archäologie der Akademie Mainz. Der inzwischen pensionierte Pini arbeitet seit 45 Jahren am Corpus.

„Pini ist unter anderem eine wesentliche Anhebung des Standards bei der Publikation der Siegel zu verdanken“, sagt Prof. Dr. Wolf-Dietrich Niemeier vom Deutschen Archäologischen Institut in Athen. So habe Pini neue fotografische Aufnahmetechniken entwickelt und durch Schulung der Zeichner die Qualität der Umzeichnungen wesentlich gesteigert. Von großer Bedeutung für die Erforschung der minoischen und mykenischen Glyptik seien zudem seine wissenschaftlichen Einführungen.

Siegelfäche eines in granuliertes Gold gefassten Lentoids (Lapislazuli, Ø 1,8 cm), aus Knossos/Kreta, 1600–1390 v.Chr.
Ziel der Arbeit des CMS ist die Dokumentation sämtlicher Siegel und antiken Abdrücke der ägäischen Bronzezeit nach genormten Kriterien. Als Standard haben sich die Abbildungen eines jeden Siegels im Original, im Abdruck und in der Zeichnung bewährt. Die Wiedergabe bzw. Rekonstruktion des Siegelbildes stand zu Beginn des Projektes im Vordergrund, wurde aber im Laufe der Entwicklung zunehmend durch Informationen zu Form und Funktion des Siegels ergänzt. Auch die Bearbeitung der antiken Siegelabdrücke in Ton gewann an Bedeutung und Umfang, da die Untersuchung der antiken Versiegelungen zunehmend in das Interesse der Siegelforschung rückte. Diese verlangte nicht nur die Rekonstruktion der Siegelbilder aus fragmentarischen Plomben, sondern erwartete auch Aufschlüsse über die Funktion der antiken Versiegelungen im privaten, kommerziellen und administrativen Bereich.

Das Besondere am Siegelcorpus ist, dass es stets große Anstrengungen unternommen hat, auch die jeweiligen Grabungsneufunde zu erfassen und zu integrieren. "Das dies gelungen ist, ist ein nicht hoch genug zu schätzendes Verdienst und zugleich ein Spiegel des großen internationalen Ansehens, das das Siegelcorpus erworben hat", erklärt die Prodekanin des Fachbereichs Geschichte und Kulturwissenschaften, Prof. Dr. Heide Froning-Kehler.

Das Forschungsprojekt, das 2009 abgeschlossen sein soll, hat bisher ein 32-bändiges Werk publiziert, an dem über 100 Archäologen aus 14 Nationen mitgearbeitet haben. In spätestens zwei Jahren werden die insgesamt 45.000 Abbildungen und Textdaten über die Siegel für wissenschaftliche Abfragen im Internet zur Verfügung gestellt werden. Die Zusammenarbeit mit „Arachne Objektdatenbank des Forschungsarchivs für Antike Plastik Köln“ und dem Deutschen Archäologischen Institut wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.


Weitere Informationen:

Forschungsstelle Corpus der minoischen und mykenischen Siegel (Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz)
Dr. Walter Müller, Leiter der Forschungsstelle CMS,
Schwanallee 19, 35037 Marburg
Telefon: 06421/25817, E-Mail: wmueller@staff.uni-marburg.de