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Hundert Jahre "Das Heilige". Eine Zwischenbilanz

Prof. Dr. Claus-Dieter Osthövener (Marburg)

Der 100. Geburtstag des Klassikers "Das Heilige" des Marburger Theologen und Religionsforschers Rudolf Otto inspirierte Professor Dr. Claus-Dieter Osthövener dazu eine Zwischenbilanz zu ziehen. Was das für ihn bedeutet, brachte er den interessierten Zuhörern in seinem Vortrag näher.

Seinen Beginn fand der Abend von 'Religion am Mittwoch' in der von Otto selbst begründeten Religionskundlichen Sammlung, mit einer kleinen Führung von Konstanze Runge zu Objekten die für Otto selbst so bedeutsam waren, dass er sie in seinen Werken erwähnte. Ein Aquarell der hinduistischen Göttin Kali, nebst einer Statuette derselben, tanzend und mit der ikonographisch auffälligen herausgestreckten, blutbenetzten Zunge, machten den Anfang. Für Otto stellt Kali, zugleich fähig zur Zerstörung und zur Erhaltung der gesamten Welt, einen Ausdruck des Heiligen/Numinosen dar. Ein Numinoses, welches dem Betrachter eines aus Japan stammenden Rollbildes mit einer Abbildung des Begründers des Zen, Bodhidharma, geradezu durch dessen hervorquellende Augen entgegen zu springen scheint.

Dr. Osthövener  stellt schon zu Beginn seines Vortrages fest, Religion ist nichts Harmloses. Rudolf Otto hatte ein Gespür dafür, welches sich in seinen Werken ebenso wie in den von ihm gesammelten Objekten widerspiegelt. Religion ist etwas, das auf den Menschen einfällt, ihn überwältigt. Otto schreibt dies dem Numinosen zu, es greife in den Raum ein und mache den Menschen sprachlos, zugleich anziehend und gefährlich liegt sein Geheimnis in der der Ambivalenz.

Seinen Vortrag beginnt Osthövener mit Gedanken zu Rudolf Otto und seiner Zeit. Das Heilige entsteht mitten in der klassischen Moderne, der letzten großen Umbruchsepoche, in einem Spannungsfeld zwischen Theologie, und in der Entstehung begriffener Religionswissenschaft. Schon in jungen Jahren (Ende des 19. Jahrhunderts) reist Otto durch Europa und schon bald darüber hinaus. Seine Reise-Aufzeichnungen bedürfen noch einer Aufarbeitung für den interessierten Leser. Schon ein kleiner Einblick zeigt, wie prägend Ottos Erlebnisse für seine späteren Arbeiten waren. Die lebhaften Erinnerungen an das bunte Treiben auf den Straßen Kairos und den wilden Tanz der Derwische lassen Otto auch zwanzig Jahre später nicht los.

Ist "Das Heilige" also ein 'work in progress'? Das Werk entsteht 1917 in der Lebensmitte Ottos. In "Das Heilige" führt Otto seine Theorie zum Numinosen aus, stellt Momente und Ausdrucksmittel des Numinosen auf Grundlage seiner Reiseerfahrungen dar und eine Entwicklungsgeschichte des Heiligen auf. Für Otto war "Das Heilige" vor allem ein Werk zur Religionspsychologie. Zu seinen Lebzeiten wurden 25.000 Exemplare herausgegeben. Heute existieren neun Versionen des Textes sowie drei Begleitbände und Übersetzungen in mehr als 30 Sprachen. Dabei könne keine Endversion ausgemacht werden, so Prof. Osthövener, jede Version sei einer Beachtung wert.

Aufgrund einer regen Übersetzungstätigkeit ist das Werk heute fast weltweit verfügbar. Auch die Abkehr der Religionswissenschaft von der Phänomenologie, unter welche auch Ottos Werke fallen, hat dieser Entwicklung kein Ende gesetzt. Eine neue Offenheit, sowohl in der Theologie als auch in der Religionswissenschaft, so stellt Osthövener fest, könne sogar zu einer wissenschaftlichen Rehabilitierung von Otto und "Das Heilige" führen. Ein Herantreten an Otto als religiösen Schriftsteller könne einen anderen Zugang und wissenschaftlichen Umgang ermöglichen. Denn eins stehe fest: "Wir sind mit Otto noch nicht durch!" deshalb könne nach 100 Jahren nur eine Zwischenbilanz gezogen werden. Denn Otto bewegt mit "Das Heilige" den Leser von heute ebenso wie er es aufgrund seiner schillernden Persönlichkeit zu Lebzeiten wohl auch vermochte. 

Anna Roark

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