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Die spätantike Basilika in Saranda

Archivbild: Die Basilikaruinen von Osten betrachtet
Fotoarchiv: Christliche Archäologie
Archivbild: Die Basilikaruinen (1984, G. Koch)

Ein Monument zwischen Stadtleben und schleichendem Verlust

Die spätantike Basilika im heutigen Saranda liegt nicht abgelegen oder isoliert, sondern mitten im modernen Stadtraum. Gerade darin liegt ihre besondere Aussagekraft: Sie zeigt, wie archäologisches Erbe nicht nur in spektakulären Krisenmomenten bedroht ist, sondern auch im Alltag einer wachsenden Stadt. Anders als Orte, die durch Krieg oder Katastrophen abrupt zerstört wurden, verweist Saranda auf eine andere Form von Gefährdung – einen langsamen Prozess aus Überformung, Sichtbarkeitsverlust und begrenzter Schutzpraxis. 

Saranda auf einen Blick

Ort: Südalbanien
Antiker Name: Onchesmos
Zeit: 5.–6. Jh. n. Chr.
Bautyp: Frühchristliche Basilika
Lage heute: Im Stadtzentrum
Heutiger Zustand: Teilweise erhalten, aber deutlich verändert

Ort und historischer Kontext

Saranda, das antike Onchesmos, war ein Küstenort mit regionaler Bedeutung und guten Verbindungen zu maritimen und landgebundenen Verkehrswegen. In der Spätantike war der Ort in wirtschaftliche und kommunikative Netzwerke eingebunden, die ihn zu einem geeigneten Standort für einen repräsentativen Kirchenbau machten.

Heute ist Saranda vor allem als touristischer Küstenort bekannt. Die Überreste der Basilika liegen jedoch weiterhin sichtbar im Stadtzentrum und sind von Straßen, Wohnhäusern und öffentlichem Leben umgeben. Diese Lage macht die Stätte besonders interessant, weil sie weder vergessen noch wirklich geschützt ist: Sie bleibt präsent, aber ihre historische Bedeutung ist nicht selbstverständlich erkennbar. Genau darin zeigt sich eine zentrale Herausforderung urbaner Denkmalpflege. 

Die Basilika

Die Basilikaruinen, Blick nach Süden
Fotoarchiv: Christliche Archäologie
Archivbild: Basilikaruinen, Blick nach Süden (1984, G. Koch)

Die Basilika entstand in drei Hauptbauphasen, die sich auf die Nutzungsphasen der spätantiken beziehungsweise frühchristlichen Basilika beziehen. Die erste Bauphase datiert in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts n. Chr. Die dreischiffige Basilika hat einen Naos, der eine Länge von 24,10 m aufweist. Die von Außenmauern umschlossene Apsis weist Richtung Osten.
Im Übergang vom 5. in das 6. Jahrhundert werden umfangreiche Bauarbeiten an der Basilika vorgenommen. Sie markieren die zweite Bauphase, denn nun wird sie zu einem architektonisch ausdifferenzierten Kirchenbau. Auf der westlichen Seite wird ein Narthex schließlich angebaut. Eine Empore wird die Basilika auch gehabt haben, denn Treppenaufgänge an der Vorhalle werden im archäologischen Befund nachgewiesen. Im Mittelschiff ist der Boden mit einem polychromen Mosaik gepflastert, was in Teilen gut erhalten geblieben ist.
In der dritten Phase, zum Ende des 6. Jahrhunderts, verändert sich die Nutzung des Gebäudes. Verschiedene Funde von Alltagsgegenständen weisen auf eine alternative Nutzung als Wohnhaus hin. Eine Kohle- und Asche-Schicht, welche sich durch den gesamten Komplex zieht, legt nahe, dass die Basilika abgebrannt ist und im Folgenden verlassen wurde.

Auch wenn die heutigen Überreste nur einen Teil dieses ursprünglichen Bauzustands sichtbar machen, erlaubt die Anlage dennoch wichtige Einblicke in frühchristliche Architektur und urbane Sakrallandschaften in der spätantiken Adriaregion. Gerade in ihrer fragmentarischen Form verweist sie darauf, wie viel von der einstigen Monumentalität heute nur noch erschlossen, aber nicht mehr unmittelbar gesehen werden kann. 

Die Basilika im Wandel

Ruinen der Apsis (Basilika, Saranda)
Fotoarchiv: Christliche Archäologie
Archivbild: Saranda - Apsisruinen (1984, G. Koch)
Die Apsis der Basilika in Saranda umgeben von der heutigen Stadt
Google Street View
Die Basilika in ihrem heutigen Aussehen umgeben von der Stadt

 


Der Vergleich historischer Fotografien mit heutigen Aufnahmen macht sichtbar, wie stark sich das Erscheinungsbild der Basilika in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Dabei geht es weniger um dramatische Zerstörung als um eine Reihe kleinerer, aber folgenreicher Veränderungen: Mauern wurden ergänzt, Oberflächen geglättet, architektonische Elemente verlagert oder entfernt, und das einst sichtbare Bodenmosaik ist heute nicht mehr Teil des offen erkennbaren Befundes.

Gerade diese Veränderungen sind für das Verständnis des Ortes entscheidend. Sie zeigen, dass Erhalt nicht automatisch mit Kontinuität gleichzusetzen ist. Ein Monument kann äußerlich „noch da“ sein und dennoch in seiner historischen Lesbarkeit schrittweise verändert werden.

Saranda steht damit für einen Zustand zwischen Erhaltung, Restaurierung, Nutzung und Verlust. Diese Zwischenform ist weniger spektakulär als Kriegsschäden, aber kulturhistorisch ebenso relevant, weil sie auf die langfristige Verwundbarkeit urban eingebetteter Fundorte verweist. 

Gefährdung und Herausforderungen

Basilikaruinen der Kirche in Saranda
Fotoarchiv: Christliche Archäologie
Archivbild: Saranda - Basilikaruinen (1984, G. Koch)
Die Basilika in ihrem heutigen Aussehen mit einem Wächterhäuschen umgeben von der Stadt
Google Street View
Die Basilika in ihrem heutigen Aussehen mit einem Wächterhäuschen umgeben von der Stadt

 

Die Hauptprobleme des Ortes liegen in seiner städtischen Einbettung und der daraus resultierenden Ambivalenz: Die Basilika ist öffentlich sichtbar und zugänglich, aber genau dadurch auch alltäglicher Nutzung, baulicher Umgebung und begrenzter Schutzpraxis ausgesetzt.

Hinzu kommt, dass archäologische Stätten wie diese oft gerade deshalb wenig Aufmerksamkeit erhalten, weil sie nicht „spektakulär zerstört“ erscheinen. Der Verlust vollzieht sich langsam – durch Vernachlässigung, mangelnde Vermittlung und die schrittweise Reduktion archäologischer Komplexität auf wenige sichtbare Mauerzüge.

Zukunft und Bewahrung

Für die Zukunft ist entscheidend, die Basilika nicht nur konservatorisch zu sichern, sondern auch stärker in die kulturelle Wahrnehmung der Stadt einzubinden. Schutz vor Ort, bessere Vermittlung, digitale Rekonstruktionen und eine bewusstere Integration in den urbanen Raum könnten dazu beitragen, ihre historische Bedeutung sichtbarer zu machen.

Gerade Orte wie Saranda zeigen, dass Cultural Heritage Management nicht nur dort gefragt ist, wo Kulturerbe akut bedroht ist, sondern auch dort, wo es langsam an Bedeutung und Lesbarkeit verliert. Bewahrung bedeutet in solchen Fällen vor allem: sichtbar machen, erklären und ernst nehmen

Kulturerbe verschwindet nicht nur im Krieg – es kann auch im Frieden langsam aus dem Blick geraten.

Beitrag von: Meredith Korth

  • weiterführende Literatur

    M. Gutzweiler, Albanien. Reiseführer für individuelles Entdecken (Bielefeld 2022) 350
    R. Hodges, Saranda ancient Onchesmos. A short history and guide (London 2008) 25–28
    G. Koch, Albanien. Kunst und Kultur im Land der Skipetaren (Köln 1989) 265–266
    K. Lako, Bazilika paleokristiane e Onhezmit. Iliria 21, 1991, 123–186 (frz. Résumé: La basilique paléochrétienne d’Anchiasmos, 159–160) 
    J. Vroom, Saranda in the waves of time: some early medieval pottery finds from a port in the Byzantine Empire, in: J. Mitchell – J. Moreland – B. Leal, Encounters, Excavations and Argosies. Essays for Richard Hodges (Oxford 2017) 341–349
    C. Zindel - A. Lippert - B. Lahi - M. Kiel, Albanien. Ein Archäologie- und Kunstführer von der Steinzeit bis ins 19. Jahrhundert (Wien – Köln – Weimar 2018) 174–178