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Kienspan vom Dürrnberg bei Hallein (Österreich)

Carmen Stähler

Fundort: Dürrnberg, Hallein, Österreich
Objekt: Leuchtspan in Salzgestein
Datierung: Späthallstatt/Latènezeit
Provenienz: Schenkung T. Stöllner 1993
Inventarnummer: 15779

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Foto: Ulrike Söder

Der flache Leuchtspan aus Nadelholz wurde durch den Steinsalzbrocken konserviert und zeugt von den untertägigen Bergbauarbeiten am Dürrnberg.

Der Dürrnberg gehört zum Göllmassiv der Berchtesgadener Alpen und liegt ca. 772 m über NN in der Gemeinde Hallein in Österreich, in verkehrsgünstiger Lage angebunden an die Flusswege von Salzach, Inn und Donau sowie an die inneralpinen Routen. Darüber hinaus bietet die Umgebung landwirtschaftliche und waldwirtschaftliche Versorgungsräume, die schon in der frühen Eisenzeit genutzt wurden. In die Zeit zwischen ca. 500 und 250 v. Chr. fällt auch die Blütephase der hallstattzeitlichen und latènezeitlichen Bergbau- und Siedlungstätigkeiten am Dürrnberg, obwohl Lesefunde schon die Anwesenheit von Menschen seit dem 5. Jahrtausend v. Chr. in der Region und auch am Berg selbst bezeugen.

Prähistorische Taschenlampe

Das salzhaltige Gestein mit flachem Leuchtspan aus dem prähistorischen Salzbergwerk vom Dürrnberg erhielt die Lehrsammlung des Vor- und Frühgeschichtlichen Seminars 1993 als Geschenk des Marburger Doktoranden Thomas Stöllner. Heute hat Th. Stöllner den Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum inne und ist gleichzeitig der Leiter des Fachbereichs Montanarchäologie des Deutschen Bergbaumuseums Bochum. Neben dem Salzbrocken vom Dürrnberg beherbergt die Sammlung noch weiteres Steinsalz und viele weitere Leuchtspäne sowohl vom Dürrnberg als auch aus Hallstatt. Dieses Objekt zeigt die Einzigartigkeit des Dürrnberger Fundkomplexes in zweierlei Weise: Zum einen birgt der Dürrnberg neben Hallstatt den einzigen untertägigen Steinsalzbergbau der europäischen Vorgeschichte. Die gebräuchliche Form der prähistorischen Salzgewinnung war der Abbau von Sole aus salzhaltigen Quellen wie beispielsweise in Halle an der Saale oder in Bad Nauheim. Zum anderen beweist der Fund die Konservierungsfähigkeit von Salz, denn dieser Holzspan aus Tanne oder Fichte ist über 2500 Jahre alt und noch immer erhalten. Man nennt diese Leuchtspäne auch Kienspäne, doch bezieht sich diese Bezeichnung auf Kiefernspäne. In Hallstatt und am Dürrnberg wurde mehrheitlich das astfreie Holz des Erdstamms einer Tanne oder Fichte verwendet. Nadelholz ist aufgrund seines Harzgehalts ein ideales Leuchtwerk. Diese Leuchtspäne waren die einzige Lichtquelle der eisenzeitlichen Bergleute, denn Öl- oder Talgleuchten konnten bisher nicht nachgewiesen werden. Die Späne wurden an den Spitzen angezündet und brannten stark rußend ab. Die Dürrnberger Späne sind, im Gegensatz zu denen aus Hallstatt, mehrheitlich flach mit rhombischem Querschnitt und waren ursprünglich ca. 1 m lang. Da die Späne vom Dürrnberg wesentlich kleiner waren als die aus Hallstatt gibt es Überlegungen, dass die Späne zusätzlich in Bienenwachs getaucht wurden um die Leuchtkraft zu erhöhen und die Leuchtdauer zu verlängern.

Dürrnberg und Hallstatt

Die Forschungen am Dürrnberg und in Hallstatt liefern herausragende Ergebnisse, die an anderen Fundstellen niemals möglich wären. Durch die Erhaltung des organischen Materials im Salz lassen sich nicht nur Geräteabfälle und Leuchtspäne finden, Archäologen können Textilreste, Lederschuhe, ja sogar Exkremente (sogenannte Paläofäzes) bergen, die Aufschluss über Ernährung und Krankheiten der Bergleute geben. So weiß man, dass die Grundmahlzeit ein Getreidebrei aus Spelzgerste und Echter Hirse mit verschiedenen Zutaten aus Fleisch, Ackerbohne, Erbse oder Linse sowie Beeren oder Fallobst war. Auch ein senfartiges Gewürz aus Leindotter konnte nachgewiesen werden. Ein ähnlicher Eintopf ist noch heute als Ritschert bekannt. Die Funde sind jedoch mit der Zeit und dem Druck des Berges stark komprimiert und verdichtet, so dass die Archäologen nicht mit Kelle oder gar Pinsel, sondern mit spitzen Meißeln und Presslufthammer an die Arbeit gehen.

Lederfunde, beispielsweise Schuhe, verweisen aufgrund ihrer geringen Größe auf Kinder im Stollen, die neben Männern und Frauen das Salz abgebaut und transportiert haben. Diese Arbeitsteilung kann auch anhand der Gräber nachgewiesen werden, die sich um den Dürrnberg und auch in Hallstatt befinden. Die Untersuchungen an den Muskelmarken der Skelette von Hallstatt ergaben, dass es eine klare Arbeitstrennung gab, die mit spezialisierten Bewegungsabläufen einherging.

Während in Hallstatt schon in der Bronzezeit kleinstückiges Salz abgebaut wurde, ändert sich in der älteren Eisenzeit die Arbeit grundlegend: Es werden nun große, herzförmige Platten in bis zu 20 m hohen und 5 m breiten Abbauräumen gebrochen und abtransportiert. Der genaue Arbeitshergang ist unklar, da, im Gegensatz zu den bronzezeitlichen Stollen, weniger zerstörte Geräte liegen gelassen wurden. Das unbrauchbare Eisenwerkzeug wurde wahrscheinlich recycelt. Die Stollen in Hallstatt werden um 350 v. Chr. verschüttet, erst ab 1311 wird wieder im großen Stil Salz abgebaut. Bei Bergarbeiten im 18. Jahrhundert fanden Arbeiter eine konservierte Leiche, den „Mann im Salz“, der noch vollständig bekleidet war. Aus ihrem Glauben heraus begruben sie ihn auf dem Dorffriedhof. Ob es sich um einen prähistorischen Bergmann handelte, wird immer ein Geheimnis bleiben. Auch am Dürrnberg wurden schon in den Jahrhunderten zuvor zwei Leichname aus dem Salz geborgen. Vor allem diese menschlichen Funde weckten das Forschungsinteresse der Archäologen, die in den 1960er Jahren mit den Untersuchungen in Hallstatt begannen.

Das weiße Gold

Neben dem Bergbau florierten auch Siedlungen um den Dürrnberg, es wird Pökelfleischherstellung und in diesem Zusammenhang auch Hirtentätigkeiten gegeben haben. Darüber hinaus können Landwirtschaft, Waldwirtschaft (sowohl für die Herstellung von Brennholz, Bauholz als auch für Leuchtspäne), Töpferhandwerk, Textil- und Lederverarbeitung und Buntmetallhandwerk nachgewiesen werden. Der Dürrnberg wird als Umschlagplatz für Waren und Menschen gedient haben, so sind auch Gräber von „Fremden“ bekannt, die dort möglicherweise als Arbeiter gelebt haben. Diese zentrale Handels- und Verkehrsklage hat den Dürrnbergern Reichtum gebracht, so sind die Gräber überdurchschnittlich reich ausgestattet. Importe aus dem Mittelmeerraum, Spurenelemente von Gewürzwein oder auch aufwendige Bronzeartefakte spiegeln die Elite am Dürrnberg wider Auch Hallstatt mit seiner weniger günstigen Lage weist ein großes Gräberfeld auf mit Beigaben, die auf einen regen Fernhandel von Luxusgütern hinweisen, wie Bernstein oder auch Elfenbein.

Salz wird auch immer wieder das weiße Gold genannt. Es war in einer Welt ohne Kühlmöglichkeit wohl einer der wichtigsten Rohstoffe zum Überleben. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Monopolstellungen von Hallstatt und Dürrnberg über Jahrhunderte andauerten.

 Literatur: 

K. Löcker, Salzbergbau, Salzhandel und Handwerk als Quelle des Reichtums der eisenzeitlichen Bevölkerung am Dürrnberg bei Hallein, J. Leskovar/C. Schwanzar/G. Winkler (Hrsg.), Worauf wir stehen: Archäologie in Oberösterreich. Katalog zu einem Ausstellungsprojekt der Oberösterreichischen Landesmuseen Linz u.a. Kataloge der Oberösterreichischen Landesmuseen 195 (Weitra 2003) 283-288.

H. Rescheiter, Weißes Gold aus Hallstatt. Vor Jahrtausenden Quell unermesslichen Reichtums, J. Leskovar/C. Schwanzar/G. Winkler (Hrsg.), Worauf wir stehen: Archäologie in Oberösterreich. Katalog zu einem Ausstellungsprojekt der Oberösterreichischen Landesmuseen Linz u.a. Kataloge der Oberösterreichischen Landesmuseen 195 (Weitra 2003) 269-274.

O. Schauberger, Die vorgeschichtlichen Grubenbaue im Salzberg Dürrnberg/Hallein. Prähistorische Forschungen 6 (Wien 1968).

T. Stöllner, Der prähistorische Salzbergbau am Dürrnberg bei Hallein I. Forschungsgeschichte, Forschungsstand, Forschungsanliegen. Dürrnberg-Forschungen 1 Abteilung Bergbau (Rahden/Wesfalen 1999).

T. Stöllner/K. Oeggl, Bergauf bergab. 10000 Jahre Bergbau in den Ostalpen. Wissenschaftlicher Beiband zur Ausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum vom 31.10.2015 - 24.04.2016; im Vorarlberg Museum Bregenz vom 11.06.2016 - 26.10.2016 (Bochum 2015).

K. W. Zeller, Luxus und Fernhandelsgüter für den keltischen Adel auf dem Dürrnberg bei Hallein, J. Leskovar/C. Schwanzar/G. Winkler (Hrsg.), Worauf wir stehen: Archäologie in Oberösterreich. Katalog zu einem Ausstellungsprojekt der Oberösterreichischen Landesmuseen Linz u.a. Kataloge der Oberösterreichischen Landesmuseen 195 (Weitra 2003) 275-282.

http://www.keltenmuseum.at/de/