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Die andere Literaturgeschichte ‒ Text- und Überlieferungsgeschichte ernst genommen

Die Gastprofessur für Germanische Philologie an der Universität Freiburg Schweiz ist mit dem Namen Wolfgang Stammlers verbunden, der von 1951–1957 den Freiburger Lehrstuhl seines Faches innehatte und von hier aus unter anderem seine ‚Deutsche Philologie im Aufriß‘ erscheinen ließ. Die Vorlesungen im Rahmen der Gastprofessur sind der von den Brüdern Grimm begründeten und von Wolfgang Stammler erneuerten weiten Auffassung des Fachs als Wissenschaft von den Zeugnissen der mittelalterlichen Kultur in deutscher Sprache und ihrem materiellen und geistigen Umfeld verpflichtet. Die Gastprofessur umfaßt eine wöchentliche Vorlesung während des Wintersemesters, in der ein Hauptarbeitsgebiet des Gastes in seiner Bedeutung für die Integration mediävistischer Themen und Disziplinen vorgestellt werden soll. Die Vorlesungen fügen sich ein in die Arbeit des Mediävistischen Institutes der Universität, das deshalb die Eröffnungsvorträge der Gastprofessoren in dieser Reihe herausgibt.

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In Zeiten der extremen Atomisierung der Wissenschaften und mehr noch der Wissensgegenstände scheint es eine zentrale Aufgabe zu sein, um überhaupt noch ein umfassendes VERSTEHEN zu ermöglichen, eine Schneise durch diese unendliche Erkenntnisfülle zu schlagen. Und für die Philologie heißt dies nicht zuletzt, in einem Überblick all die Fakten, Materialien, Erkenntnisse zu bewerten, zusammenzufassen und zu einem leidlich verständlichen Mosaik zusammenzubauen. Üblicherweise ist dies die klassische Aufgabe der Literaturgeschichte, doch vor den Handschriften hat sie kapituliert. Zu groß sind mittlerweile die Datenmassen: Im Handschriftencensus sind derzeit fast 7.000 mittelalterliche deutsche Autoren und Werke in weit über 25.000 Handschriften und Fragmenten erfasst.

Nikolaus Henkel und Jens Haustein beschreiben die Problematik und die daraus resultierenden Erfordernisse drastisch:

„Wir brauchen eine Beschreibung des zu einem bestimmten Zeitpunkt aktuellen literarischen Wissens […], das von der Präsenz älterer, aber aktueller Werke ebenso geprägt ist wie von der Bildung neuer Modelle. Den diachronischen Entwicklungsmodellen [müssen wir] einen synchronischen Entwurf zur Seite zu stellen. Ein solcher Entwurf hätte vorrangig von der handschriftlichen Materialität der Texte auszugehen und nach ihrer Verortung im jeweiligen sozialen und kulturellen Kontext zu fragen.“

Im Rahmen der Stammler-Gastprofessur soll exemplarisch der Versuch unternommen werden, die Handschriften samt all ihrer Textvarianzen in diesem Sinn ernst zu nehmen. Hintergrund sind dabei folgende Erkenntnisse der Überlieferungsforschung:

  • Offensichtlich erreichten die Werke im Regelfall erst Jahrhunderte nach ihrer Entstehung ihren Wirkungs- und Rezeptionszenit.
  • Oftmals geschieht dies in einer Zeit, in der vermeintlich schon ganz andere literarische Modelle wirkmächtig sind. Die vermeintlich ‚alten‘ Texte werden dann als ‚archaisch‘ oder ‚nachklassisch‘ stigmatisiert und aus der Forschungswahrnehmung ausgesondert, tatsächlich dominieren sie aber häufig auch und gerade die vermeintlich ‚neue‘ Zeit.
  • Die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen scheint ein Prinzip mittelalterlicher Literaturproduktion und -reproduktion zu sein.

Anhand exemplarisch ausgewählter Werke und Überlieferungskomplexe soll in den 4 Blockseminaren ein auf der Überlieferung und der Textgeschichte basierendes Modell erarbeitet und jeweils in Form kleiner Musterkapitel als Modell einer neuen ‚Manuskript-Literaturgeschichte‘ formuliert werden. Dabei werden sich liebgewonnene Strukturen und Epochengrenzen – Althochdeutsche Zeit, Frühhöfische Zeit, Höfische Blützezeit, Nachklassik – in dramatischer Weise auflösen und vielleicht etwas NEUES – ein NEUES Mittelalter? – sichtbar werden.