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Workshop „Annäherungen an das Mittelalter“

Am 21. und 22. September 2015 fand im Grenzland zwischen Hessen und Niedersachsen ein vielseitiger Workshop zur Didaktik der Mediävistik mit dem Titel „Annäherungen an das Mittelalter“ statt. Dahinter verbirgt sich eine in Kooperation mit Wissenschaftler/innen der Universitäten Bamberg und Marburg durchgeführte Lehrerfortbildung (Zielgruppe Grundschule und Sek. I), ausgerichtet im Mittelalterdorf Steinrode, ein festlicher Abendvortrag auf Schloss Berlepsch sowie ein Praxisprojekt in der Grundschule in Scheden.

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Die dem Workshop zugrunde liegende Idee war folgende: Obwohl das Mittelalter in der Populärkultur äußerst präsent und beliebt ist, spielen authentische Texte ebenso wie genauere Kenntnisse zur Buch- und Schreibkultur des Mittelalters im schulischen Unterricht meist nur vereinzelt eine Rolle. Im Workshop wollten wir zeigen, dass die Arbeit mit diesen historisch fremden Texten und Dingen nicht nur möglich ist, sondern Schüler/innen auch motivieren und begeistern kann. Die mittelalterliche Alltagskultur spielt bei der Vermittlung der Andersartigkeit dieser Epoche eine wichtige Rolle. Neben der Diskussion methodischer Fragen arbeiteten wir auch ganz konkret mit den vorgestellten Materialien, um so die Alterität des Mittelalters „begreifbar“ zu machen.
Den Auftakt bildete am 21. September eine als Lehrerfortbildung akkreditierte Veranstaltung in einer für unser Vorhaben perfekten Location: dem Mittelalterdorf in Steinrode bei Hannoversch Münden. Die pädagogische Einrichtung wurde im Jahr 2004 als außerschulischer Lernort gemeinsam mit Schülerinnen und aufgebaut. Sie dient dazu, Kindern geschichtliche Zusammenhänge, vergangene Lebensweisen und naturräumliche Nutzung näher zu bringen.
Nach der Begrüßung durch den Leiter des Mittelalterdorfes, Dr. Christian Platner, der zugleich Vorsitzender des Fördervereins für Umweltbildung und Waldpädagogik an Schulen, Libellula, ist, führte die Umweltpädagogin Nelly Lamm durch das Museumsdorf. Dort gibt es alles, was ein mittelalterliches Dorf braucht: eine Küche, einen Kräuter- und Gemüsegarten, ein befestigtes Eingangstor, eine Kirche mit integriertem Skriptorium, eine Schmiede, ein Lagerhaus, eine Dorflinde und natürlich beheizbare Wohngebäude.
Im Anschluss bekamen die Teilnehmenden selbstgebackenes Brot aus dem Lehmbackofen der Freiluftküche zur Stärkung für den bevorstehenden Theorieteil gereicht.
Im ersten Theorieblock gaben Alissa Theiß, M.A. und Prof. Dr. Jürgen Wolf vom Institut für Deutsche Philologie des Mittelalters der Philipps-Universität Marburg einen Überblick über mittelalterliche Buchherstellung, Schreibmaterialien und die Entwicklung unterschiedlicher Schriftarten. Den zweiten Teil des Theorieblocks leitete Dr. Ines Heiser vom Institut für neuere deutsche Literatur der Philipps-Universität Marburg ein. In ihrem Vortrag behandelte sie die literaturdidaktische Frage, was man beim Erstellen von Replikaten – also beim „Nachmachen“ von Schreibmaterialien, beim Gießen von Wachstafeln, beim Schöpfen von Papier, beim Einüben in mittelalterliche Schreibtechniken eigentlich lernt und warum diese auf den ersten Blick simplen Bastelarbeiten im Rahmen literarischen Lernens durchaus wichtig sind.
Den Abschluss der Theoriesektion bildete Dr. Detlef Goller vom Lehrstuhl für Deutsche Philologie des Mittelalters der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, der sein Projekt MimaSch: Mittelalter macht Schule vorstellte. MimaSch: Mittelalter macht Schule bietet dabei die Besonderheit, dass im Projekt Schule und Universität direkt zusammengebracht werden, indem z.B. Studierende an Schulen Projektwochen anbieten. Während die Schulen dabei von fachlichem Expertenwissen direkt aus der Uni profitieren können, bekommen die Studierenden so die Möglichkeit, eigene Unterrichtserfahrungen zu sammeln und neue Unterrichtskonzepte zu erproben.

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Bei diesem vielfältigen Programm verging die Zeit wie im Flug. Glücklicherweise blieb immer noch ausreichend Zeit, um im nachmittäglichen Praxisteil Wachstafeln mit den Teilnehmer/innen herzustellen, um so das am Vormittag Diskutierte auch direkt im Selbstversuch umzusetzen. Damit war die offizielle Lehrerfortbildung zu Ende, nicht jedoch der Workshop: Um 17 Uhr ging es weiter mit einer Führung durch Schloss Berlepsch bei Witzenhausen, dem schönsten Schloss Hessens (zumindest bekam es diesen Titel 2011 bei einem Wettbewerb des Hessischen Rundfunks verliehen). Die Anlage geht auf eine Gründung aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zurück. Besonders der Rittersaal ist jedoch deutlich vom 19. Jahrhundert geprägt. So konnten die Besucher des öffentlichen Abendvortrags, der den Tag abrundete, Mittelalter und Mittelalterrezeption simultan an einem Ort erleben, denn der Vortrag mit dem Titel „Der mittelalterliche Mensch zwischen Schöpfung und Jüngstem Gericht“ von Prof. Dr. Jürgen Wolf fand in festlicher Atmosphäre im Rittersaal statt.

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Die Überlegungen und Konzepte des ersten Tages wurden am 22. September dann ganz konkret angewendet. Dr. Detlef Goller und Valentina Ringelmann, B.A. ebenfalls vom Lehrstuhl für Deutsche Philologie des Mittelalters der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, gestalteten je eine Doppelstunde in zwei dritten Klassen der Johann-Joachim-Quantz Grundschule in Scheden. Mit viel Spaß und Enthusiasmus auf beiden Seiten bekamen die Schüler/innen erklärt, wie Mittelhochdeutsch ausgesprochen wird; anschließend durften sie eigene Übersetzungsübungen machen, bei denen spielerisch mittelalterliche Texte in modernes Deutsch umgewandelt werden sollten.

Ines Heiser & Alissa Theiß