09.09.2020 Abschied von Prof. Dr. Lothar Beck

Spezielle Zoologie, Philipps Universität Marburg

Foto: Reinhold Eckstein
Foto: Reinhold Eckstein

Am 3. September 2020 verstarb nach schwerer Krankheit Professor Dr. Lothar A. Beck im Alter von 66 Jahren. Die Zoologie verliert damit einen außerordentlich vielseitigen Wissenschaftler und einen geschätzten Kollegen, der nicht wenigen ein Freund war – zum Beispiel seinem eigenen Doktorvater.

Lothar Beck
Foto: Dr. Anne Rolbetzki

Der Name Beck ist in der Malakozoologie (Mollusken- oder Weichtierkunde) ein fester Begriff. Sein Forschungsschwerpunkt lag zunächst, als Thema der Staatsexamensarbeit (1983) und der Dissertation (1995), bei den Trochiden (marinen Kreiselschnecken). Der Schwerpunkt verlagerte sich dann infolge der Zusammenarbeit mit Professor Tufar (Fachbereich Geologie) zu den Tiefseeschnecken – in Auswertung des Tiermaterials von geowissenschaftlichen Tiefsee-Expeditionen (OLGA-Projekte des Forschungsschiffs „Sonne“). Lothar Beck wurde rasch zur international bekannten Bezugsperson für die Kenntnis der Gastropoden heißer Tiefseequellen („hot vents“, „black and white smokers“), die auch das Thema für die Habilitation (1997) lieferten.

Einschlägige Tiefsee-Expeditionen (darunter zwei französisch-japanische und eine amerikanische) pflegten ihre Mollusken-Funde nach Marburg zu senden, denn diese Schnecken waren für die Wissenschaft systematisch eine „harte Nuss“: Sie sind auf einem frühen Stadium ihrer Evolution in die Tiefsee hinabgestiegen, als Schnecken meist noch einheitlich napfförmig waren, obwohl sie bereits verschiedenen Familien mit einer wechselvollen Verbreitungsgeschichte angehörten. Aufschluss über ihre wahre Verwandtschaft oder Nicht-Verwandtschaft geben rasterelektronenmikroskopische Aufnahmen ihrer Radula („Reibezunge“), und in der Deutung dieser komplizierten Zahnstrukturen (einschließlich Definition neuer Arten) hat Lothar Beck es zu wahrer Meisterschaft gebracht und mehrere begabte Schüler „eingeweiht“.

In seinem wissenschaftlichen Werdegang fällt eine längere Pause zwischen Staatsexamen und Promotion auf. In dieser Zeit arbeitete er als Fachlehrer am Berufsbildungswerk Cölbe und in der Erwachsenenbildung (VHS Marburg). Diese Lehrerfahrungen erwiesen sich später als hilfreich für seine Aufgaben in der Didaktik der Biologie (s.u.). Wichtiger noch waren dafür allerdings vorausgegangene umfangreiche Lehrerfahrungen am Fachbereich selber: 1990-95 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Evolution und Spezielle Zoologie (Professor v. Hagen), schon bald mit eigenen Kandidaten und zahlreichen eigenständigen Lehrveranstaltungen: Seminaren, Exkursionen und Übungen, darunter Übungen zu den schulpraktischen Studien des Fachbereichs, dann 1996 bei der Vertretung einer Professur für Spezielle Zoologie und endlich seit 1997 im Rahmen einer apl. Professur für Zoologie, die später Fachdidaktik als Schwerpunkt zugewiesen bekam. Seit 2007 trat die Fachdidaktik in den Vordergrund und Lothar Beck wurde einer der Direktoren des Zentrums für Lehrerbildung. Hier kämpfte er entschlossen für eine bevorzugt fachwissenschaftliche Ausrichtung, um den zukünftigen Lehrern eine fundierte Grundlage für vierzig Jahre Biologieunterricht mit zu geben. Trotz dieser Sonderaufgaben blieb Lothar Beck lebenslang ein begeisterter Zoologe, und Studierende erlebten die begeisternde Kombination von Zoologie und Didaktik am besten während der regelmäßigen meeresbiologischen Exkursionen zur Isola del Giglio (Toskana).

Lothar Beck ließ sich weder auf Malakozoologie und Tiefsee, noch auf Fachdidaktik festlegen, nicht einmal auf seine geliebte Meeresbiologie, der auch die meisten der vielen Abschlussarbeiten galten. Während seiner Dienstjahre gehörte er zu den wenigen Hochschullehrern, die den Spezialinteressen der Studierenden bei wissenschaftlichen Abschlussarbeiten weit entgegenkamen. Wer sich zum Beispiel schon immer für Zootiere interessiert hatte, bekam ein entsprechendes Thema zur Bearbeitung und musste nicht in das spezielle Forschungsgebiet des Betreuers einsteigen.

Von der beeindruckenden Weite seiner Interessen zeugte unter anderem Zweierlei: zunächst seine Lehrschwerpunkte, welche mit Evolution, Meeresbiologie und Funktionsmorphologie sowie Systematik die klassische Zoologie breit abdeckten. Aus seiner mitreißenden Vorlesung zur Evolution der Tiere drang brausendes Gelächter, wenn er Bilder und Fakten zu Sonderlingen des Tierreichs präsentierte oder beim Thema Evolution des Menschen die Auswüchse kultureller Evolution in Bezug setzte zu Jagdszenen aus grauer Vorzeit. Zum zweiten ist die immer stärker werdende Hinwendung zu zoologischen Sammlungen bemerkenswert. Bleibendes Zeugnis ist das 2018 herausgegebene Buch aus dem Springer-Verlag: L.A. Beck (ed.), „Zoological Collections of Germany“, und die Festschrift zum Abschied-Symposium am 22./23. September 2018 (L.A. Beck und J. Röder [Hrsg]., „200 Jahre zoologische Sammlung Marburg“, 2020).

Abschließend soll auch das zoologische „Wahrzeichen“ Erwähnung finden, welches das Nordfoyer des Fachbereichs Biologie in Marburg schmückt. Die Knochen des indischen Schausteller-Elefantenbullen „Jack“ lagerten seit 1865 über Jahrzehnte einzeln und ungenutzt in den Sammlungsräumen der Anatomie und des Zoologischen Instituts. Die Initiative von Professor Beck ließ das Elefantenskelett 2002 als Ganzes eindrucksvoll „auferstehen“ – dank der intensiven Mitarbeit seiner Arbeitsgruppe und der Fachbereichswerkstätten. Das Skelett ist so geschickt angebracht, dass es den Händen aller derer nicht zugänglich ist, die sich eventuell mit ihrem Namen darauf verewigen wollen. Es wäre auch nicht gut, einen anderen Namen darauf zu schreiben als „L. Beck“.

Der Fachbereich Biologie und die Philipps-Universität Marburg verlieren mit Lothar Beck einen engagierten Kollegen und außergewöhnlichen Menschen. Wir werden ihn als langjährigen Kollegen und Freund in bester Erinnerung behalten.